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Wie KI den Journalismus verändert
Ein Gespräch mit KI-Expertin Marie Kilg

20. Mai 2026 | Von Pauline Tillmann | 15 Minuten Lesezeit
Marie Kilg spricht im Interview mit DEINE KORRESPONDENTIN über die Chancen und Risiken von KI im Journalismus. Foto: David-Pierce Brill

Marie Kilg ist eine der drei Hosts des „KI-Podcast“ und hat als „Chief AI Officer“ die KI-Strategie der Deutschen Welle (DW) mitgestaltet. Seit April 2026 hat sie der DW den Rücken gekehrt und arbeitet nun an eigenen Projekten. Im Gespräch erzählt sie, wie sich im Zuge der KI-Revolution die Medienbranche verändert. 

 

Zusammenfassung:

Expertin Marie Kilg zeigt, wie KI den Journalismus bereits verändert: als Schreibassistenz, Recherchehilfe und Werkzeug, um redaktionelle Datenschätze besser zu nutzen. Zugleich warnt die frühere KI-Strategin der Deutschen Welle vor blindem Technikglauben: Entscheidend bleiben Ethik, Vertrauen und guter Journalismus. Ihr Blick macht deutlich, wie wichtig es ist, dass Menschen – Frauen genauso wie Männer – die KI-Zukunft der Medien mitgestalten. 

 

Von Pauline Tillmann, Konstanz 

Du beschäftigst dich schon sehr lange mit dem Thema künstliche Intelligenz – nicht erst, seit ChatGPT im November 2022 für den Massenmarkt ausgerollt wurde. Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass KI deinen journalistischen Alltag wirklich verändert?

Das ist eine interessante Frage, weil „Alltag” tatsächlich etwas ist, das KI lange nicht berührt hat. Ich habe mich immer für Innovation im Journalismus interessiert und deshalb früh neue Sachen ausprobiert – auch im Wissen, dass das noch nichts mit dem Alltag zu tun hat, sondern weil ich einfach sehen wollte, wo das hingehen könnte. Wirklich verändert hat es meinen Alltag erst mit GPT 3.5 – also kurz vor ChatGPT. Als ich gesehen habe, wie diese Maschine schreibt, wurde mir langsam klar: Das nimmt Dimensionen an, die ich selbst nicht für möglich gehalten hätte. Da kommen Maschinen, die schreiben können – und so schreiben werden wie Menschen. Und das bedeutet etwas für den Journalismus.

Du bist eine der drei Hosts des „KI-Podcasts“ des Bayerischen Rundfunks. Welche Themen haben dich in den letzten zwölf Monaten besonders überrascht?

Was uns immer wieder überrascht, ist die Geschwindigkeit. Ich habe von der Persönlichkeit her etwas Skeptisches in mir – ich mag großen Hype nicht so gerne. Man hat in der Technologiegeschichte oft gesehen, dass Leute sich krasse Dinge ausmalen, wie etwa fliegende Autos im Jahr 2000, und dann kommt es eben doch nicht so. Bei KI merke ich aber immer wieder, dass ich unterschätze, wie viel diese Technologie kann. Weil ich mich früh mit neuronalen Netzwerken beschäftigt habe und technisch gut verstehe, wie sie funktionieren, traue ich ihnen wenig zu – ich bin der Ansicht, dass sie nicht wirklich denken können, keine logischen Schlüsse ziehen, sondern im Grunde nur Statistikmaschinen sind.

Was ich aber immer wieder unterschätze, ist, wie viel man mit so einer Statistik-Sprachmaschine erreichen kann – zum Beispiel wirklich reflektiert klingende Texte erzeugen oder funktionierenden Computercode schreiben. Im „KI-Podcast“ sind wir gefühlt jedes halbe Jahr wieder an dem Punkt, wo wir Themen neu aufmachen müssen – über den Arbeitsmarkt reden, über neue Tools – und uns gegenseitig kritisch fragen: Was von dem, was du vor einem halben Jahr gesagt hast, stimmt eigentlich noch?

Der KI-Podcast (BR)ist einer der erfolgreichen Podcasts zum Thema Künstliche Intelligenz. Hier sind die drei Hosts zu sehen (v.l.n.r.):
Fritz Espenlaub, Marie Kilg, Gregor Schmalzried.

Du warst bis April 2026 „Chief AI Officer“ bei der Deutschen Welle. Was war konkret deine Aufgabe?

Ich habe das KI-Team aufgebaut und die KI-Strategie für das Unternehmen entwickelt. Das war gewissermaßen ein Traumjob für mich, weil ich komplexe Situationen mag und gerne in Bereiche gehe, wo viel Unklarheit ist und ich viel Gestaltungsspielraum habe. Meine Aufgaben waren vielfältig: Was müssen wir den Redaktionen sagen? Was dürfen sie benutzen und was nicht? Welche Tools stellen wir der Organisation zur Verfügung? Was muss die Intendantin wissen, was die Geschäftsleitung? Wie positionieren wir uns gegenüber Big Tech? Mein Team und ich haben das ganze Spektrum abgedeckt.

Kannst du Beispiele nennen, wo KI deinen Alltag effizienter gemacht hat?

Ich habe mir über die Jahre ein System zusammengebaut, in dem meine ganzen Notizen leben – alles in Markdown-Files. Da kann ich von smarter Suche bis hin zu Chatbots alles nutzen, um Meetings vorzubereiten. Den größten Impact merke ich aber beim Schreiben. Ich halte viele Vorträge, gebe Workshops und schreibe über KI – und immer wenn ich etwas schreibe, läuft quasi eine kleine KI mit, die sich anschaut, was ich bisher geschrieben habe, welche Artikel ich gespeichert habe, und mein Denken ständig damit abgleicht. Sie macht Vorschläge für weitere Quellen oder Querverweise zu meinen eigenen Notizen. Das ist, wovon ich geträumt habe, als ich angefangen habe zu schreiben – aber es fühlt sich immer noch wie Science-Fiction an.

Also quasi ein persönlicher Assistent, der immer mitläuft.

Genau – aber einer, der ständig Zugang zu Bibliotheken hat, auch zu von mir kuratierten Infos, und superschnell die relevanten Passagen herauszieht. Dazu kommt noch normalerer Kram wie Übersetzung. Ich denke oft in zwei Sprachen, weil ich zweisprachig – Deutsch und Englisch – aufgewachsen bin, und kann beim Schreiben einfach ein Wort in einer beliebigen Sprache tippen und es mit einer Tastenkombination übersetzen lassen. Das unterbricht den Denkflow nicht. Die KI hält mir im Hintergrund alles bereit, was ich brauche – ohne dass ich den Satz unterbrechen muss.

In Redaktionen gibt es ein riesiges Spektrum beim Thema KI – von denen, die es komplett unterbinden, bis zu Menschen wie dir, die eigene Avatare entwickeln. Was siehst du als ungenutztes Potenzial?

Das ist ganz klar: den Datenschatz zu nutzen, der schon da ist. KI ist nur so schlau wie die Daten, die sie hat. Und ich finde – das haben wir bei der Deutschen Welle gesehen, aber ich sehe es auch in vielen anderen Medienhäusern: Es liegt da wirklich wertvolles Material, das täglich erzeugt wird. 

Was Journalismus leistet, ist, neue Informationen zusammenzustellen. Sei es, weil jemand als Augenzeuge dabei war, weil ein Interview geführt wurde und ein Gedanke aus einer Politikerin herausgeholt wurde, den die Welt davor nicht kannte – oder weil Informationen mit Expertise analysiert werden. Das ist per Definition das, was große Sprachmodelle nicht können. Die können Informationen gut sortieren, strukturieren und komprimieren, aber sie brauchen neue Informationen – und die liefert der Journalismus. Ob man das intern nutzen oder Lizenzverträge daraus machen will – das Material ist unglaublich wertvoll. Nur muss man es erst strukturiert verfügbar machen. 

Was ich meine: ein einheitliches Datenbanksystem, in dem eine Journalistin ihr Interview ablegen kann und das noch einen Monat später auffindbar ist – vielleicht mit einem Goldzitat, das im Originalartikel gar nicht das Thema war, aber nebenbei gesagt wurde. Das ist das eigentliche Potenzial: KI, die uns hilft, die Zusammenhänge zwischen all den Interviewschnipseln, Audios und Videos sichtbar zu machen, die Journalismus täglich erzeugt. Wenn man das nutzen könnte, ließe sich wirklich qualitativ hochwertigerer und effizienterer Journalismus machen – zugeschnitten auf viel spitzere Zielgruppen.

Und habt ihr das bei der Deutschen Welle schon geschafft?

Wir haben angefangen – und ich hoffe, dass mein Team das jetzt weiterführt.

Marie Kilg ist eine gefragte Speakerin wie hier beim Media Lab Bayern.

Das ist wahrscheinlich eine Herkulesaufgabe für so ein großes Haus.

Auf jeden Fall. Das ist auch das, was viele Leute missverstehen: Man kauft nicht einfach eine KI, stöpselt sie an und dann funktioniert sie. Sie ist nur so wertvoll wie die Schnittstellen, auf die sie Zugriff hat. Man braucht ein gut strukturiertes Unternehmen, um es gut nutzen zu können. Dieser Umbau findet statt – ich sehe das in vielen Medienunternehmen. Aber ich glaube, es dauert noch Monate bis Jahre, bis meine Vision eines wirklich effizienten Netzwerks erfüllbar ist. Technisch ist es jedenfalls möglich. Man muss es organisieren und Zeit und Geld in diesen Umbau investieren.

Podcast-Folge

Das ganze Interview mit Marie Kilg

Im ausführlichen Gespräch erzählt Marie Kilg mehr über ihre Arbeit, ihre Perspektiven und die Hintergründe – jetzt in der aktuellen Podcast-Folge zum Nachhören.

Ihr hattet beim DW Lab ein spannendes Projekt rund um KI-Avatare. Was ist daraus geworden?

Bei diesem Projekt ging es um die Nutzer:innenseite: Wie setze ich KI nicht intern in meinen Prozessen ein, sondern direkt im Endprodukt? Die Deutsche Welle sendet in 32 Sprachen und hat immer schon viel Adaption im Haus. Es gibt kleine Teams, die zum Beispiel Instagram-Reels größerer Redaktionen adaptieren – aber nicht immer eine Person haben, die vor die Kamera tritt. Was uns interessiert hat: Kann KI uns ermöglichen, dort eine Person auf dem Bildschirm zu zeigen, ohne dass ein Mensch gebraucht wird?

Das Experiment sollte mehrere Fragen beantworten: Wollen die Nutzenden das überhaupt? Macht es einen Unterschied, ob jemand ein Reel schaut, in dem kein Mensch zu sehen ist, ein echter Mensch oder eben eine kleine Roboterfigur? Gucken sie länger? Kommentieren sie mehr? Bestraft der Algorithmus das vielleicht? Und: Passt das in unsere Workflows und spart es der Redaktion wirklich Zeit?

Die Ergebnisse waren nicht ganz eindeutig. Teilweise kam der kleine Roboter gut an. Wir glauben, dass es eine gute Entscheidung war, kein menschenähnliches Wesen hinzustellen – aus Vertrauens- und Markengründen. Der Algorithmus hat es nicht sonderlich bestraft. Aber wir haben weder stark positive noch stark negative Effekte gesehen, zumindest nicht in einem statistisch signifikanten Ausmaß. Das Ergebnis war also: Wir müssen weitermachen, weiter beobachten. Und wir haben das Roboterwesen mittlerweile mehreren Redaktionen zur Verfügung gestellt – weiterhin im Testsetting. Und wenn es sich nicht lohnt, lässt man es eben wieder.

Jannis Brühl (Süddeutsche Zeitung), Elisabeth Gamperl (dpa), Marie Kilg (ehemals Deutsche Welle) und Karen Hao (Journalistin) bei den Medientagen München 2025 (v.l.n.r.).

Glaubst du, dass es in Deutschland künftig mehr Avatar-Moderation geben wird?

In der Zukunft – ja, das kann gut sein. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass sich die Dinge manchmal schneller verändern, als man denkt. Mir selbst ging es bei synthetischen Stimmen so: Früher dachte ich, ich könnte nie ein Video schauen, das von einer Roboterstimme gesprochen wird. Aber die Stimmen haben sich verändert und man gewöhnt sich daran. Inzwischen finde ich es nicht mehr so schlimm – ich liebe es noch nicht, aber ich schließe nicht aus, dass es in der Zukunft einfach anders sein wird.

Ich will bei vielen dieser Themen gar nicht sagen, was ich als Journalistin richtig finde, weil die wirklich relevanten Entscheidungen ethische sind: Mit welcher Firma will ich zusammenarbeiten? Welche Technologie will ich unterstützen? Bei Avataren und Stimmen muss man einfach offen sein und verstehen, dass sich das Publikum verändert. Man sollte überlegen, wie man wahrgenommen werden will, welche Markeneffekte das hat. Aber am Ende zählt: Erreiche ich mein Publikum? Wenn Nutzende in einer Region das gut finden, kann ich es machen. Wenn nicht, muss ich das respektieren. Der Journalismus macht oft den Fehler, zu denken, er hätte inhaltlich die  moralische Entscheidung zu treffen – nach dem Motto: Ich bin der kluge Seite-drei-Autor und weiß, was die Leute wissen müssen. Das ist meiner Meinung nach abgehängt. So müssen wir nicht mehr denken.

Marie Kilg präsentiert auf der grünen Bühne der Medientage München 2025 die verschiedenen Phasen der Medienproduktion.

Wie können Nutzerinnen und Nutzer erkennen, ob Inhalte KI-generiert sind?

Es gibt verschiedene Initiativen, die das transparenter machen wollen. In der ARD gibt es klare Regeln, nach denen jeder signifikante KI-Einsatz gelabelt wird. Und es gibt von großen Tech-Firmen Initiativen wie „Content Credentials”, bei denen Informationen zur Herkunft von Inhalten im Netz hinterlegt werden. Was man schwer erkennen kann, ist, ob jemand an irgendeinem früheren Punkt der Recherche KI genutzt hat. Da muss man sich auf journalistische Sorgfalt verlassen – und das ist eigentlich nichts anderes als früher. Man hat bestimmte Marken, denen man vertraut, weil man gelernt hat: Die arbeiten ordentlich. Und man trainiert das wie einen Muskel: kritisch nachfragen, ein komisches Gefühl ernst nehmen, Fakten mit einer weiteren Quelle abgleichen. Einen Zauberspruch oder ein einziges Tool, das mir sagt, ob etwas KI-generiert ist oder nicht, gibt es leider nicht.

Nutzt du eigentlich Social Media? Auf TikTok und Instagram soll ja schon ein Großteil des Contents KI-generiert sein.

TikTok habe ich nicht – weil ich auf Instagram und YouTube Shorts schon viel zu oft viel zu lange hängenbleibe und deshalb Angst vor der TikTok-App habe. Social Media nutze ich, aber nicht mit großer Leidenschaft, eher aus Pflicht.

Und wo geht’s für dich hin nach der Deutschen Welle?

Ich mache erst mal eine Pause, nehme mir Zeit zum Denken, für kreative Projekte, zum Schreiben – und dann gibt es vielleicht bald mehr dazu.

 

Mehr über Marie Kilg:

Marie Kilg ist Journalistin, Produktmanagerin und Medienberaterin. Sie hat Bots für Medienunternehmen und Universitäten entwickelt, an der Erstellung der deutschen Persönlichkeit für Amazons Alexa mitgewirkt und die „Turing Agency“ mitgegründet, eine  „künstlerische Agentur für Mensch-Maschine-Unschärfen“, die KI-Diskussionen in der Gesellschaft fördert.

Als „Chief AI Officer“ baute Marie das zentrale KI-Team der Deutschen Welle auf und koordinierte die KI-Strategie. Sie trainierte 2017 ihr erstes neuronales Netzwerk und brachte 2022 die erste nicht-menschlichen Zeitungskolumnist*in in eine Printzeitung (bei der taz).

 

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Von Pauline Tillmann, Konstanz

Pauline Tillmann ist Gründerin und Chefredakteurin von DEINE KORRESPONDENTIN. 2011 bis 2015 war sie freie Auslandskorrespondentin in St. Petersburg und hat für den ARD Hörfunk über Russland / Ukraine berichtet. Zuvor hat sie beim Bayerischen Rundfunk volontiert. Pauline ist regelmäßig als Coachin, Moderatorin, Beraterin und Speakerin im Einsatz. 2022 erschien ihr Buch „Lust auf Lokal – das Handbuch für Community-Journalismus“. Mehr unter: http://www.pauline-tillmann.de.

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Milena ÖsterreicherWien / Lissabon
Mit 13 Jahren kam Atena Adineh aus dem Iran nach Österreich. Als junge Frau kämpfte sie aufgrund einer Erkrankung selbst um ihr Leben. Heute unterstützt sie mit ihrem Verein Hami Krebspatient:innen im Iran und schafft in Wien Räume für Begegnungen zwischen Kulturen.

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