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Warme Outfits für nackte Statuen
Auf den Spuren eines Trends aus Dänemark

13. Mai 2026 | Von Marlene Jacobsen | 7 Minuten Lesezeit
Mit ihrem gestrickten Kleid für eine Statue in Kopenhagen stieß Louise Mørup eine Debatte über die Namenlosigkeit und Nacktheit der weiblichen Statuen an. Foto: Louise Mørup

In Dänemark sind die meisten Statuen von Frauen namenlos oder nackt. Um darauf aufmerksam zu machen, strickte Louise Mørup einer solchen Statue in Kopenhagen ein buntes Kleid. Wie aus einer symbolträchtigen Aktion ein Trend im ganzen Land wurde.

 

Zusammenfassung:

Mit Nadel, Wolle und Witz macht Louise Mørup in Dänemark sichtbar, wie Frauen im öffentlichen Raum übersehen werden: als nackte, namenlose Figuren statt als historische Persönlichkeiten. Ihr gestricktes Kleid für eine Statue in Kopenhagen löste landesweit kreative Proteste aus – und brachte die politische Debatte über mehr weibliche Repräsentation ins Rollen.

 

Von Marlene Jacobsen, Kopenhagen/London

Wenn Louise Mørup mit ihren beiden Söhnen durch ihre Heimatstadt Kopenhagen spaziert, sprechen sie oft über die Statuen, die ihnen begegnen. Die beiden fragen sie, wen die jeweilige Statue darstellt und wofür die Person bekannt ist. Ihre Mutter sucht dann Infos dazu im Internet. „Mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass es viel mehr Statuen historischer Männer als von Frauen gibt“, so Mørup. 

Aber nicht nur das: Viele der Frauenstatuen sind nackt. So auch die Statue im Enghaveparken, an der Louise Mørup und ihr zehnjähriger Sohn auf dessen Schulweg täglich vorbeikommen. Die Nacktheit sei ihnen irgendwann gar nicht mehr aufgefallen, erzählt sie. „Aber als es kälter wurde, haben wir uns gesagt: ‚Es ist schade, dass sie da komplett nackt stehen muss.‘“ Mørup verbringt Abende auf der Couch gerne damit, Pullis, Mützen und Kleider zu stricken – und so kam ihr eine Idee.  

Im Dezember 2025 verlieh sie der nackten Statue im Enghaveparken ein selbstgestricktes gestreiftes Kleid. Das Baby, das die Frau in den Händen hält, bekam eine knallgrüne Mütze. Die Farben sollten im grauen Wetter herausstechen, sagt Mørup. „Ich dachte, wenn die Leute bemerken, dass die Statue auf einmal etwas anhat, fällt ihnen auf, dass sie vorher nackt war.“ Die Nacktheit an sich findet sie nicht problematisch. Dass sie in Kopenhagen aber mehr Frauenstatuen ohne als mit Klamotten sah, dagegen schon.  

Stricken für mehr Gleichberechtigung 

Ein paar Wochen, nachdem Louise Mørup der Statue das bunte Kleid anzog, veröffentlichte das dänische Museum für Kunst im öffentlichen Raum, kurz MAPS, eine Analyse aller Statuen des Landes. Die Ergebnisse der Studie untermauern den Eindruck, den Louise Mørup ohnehin schon hatte: Von den 1.538 Statuen bilden nur 519 Frauen ab. Die meisten davon sind namen- oder kleiderlos.

Lediglich 43 Statuen in ganz Dänemark zeigen namentlich bekannte Frauen historischer Bedeutung. „Wir sollten uns bewusst sein, welche Werte wir damit im öffentlichen Raum vermitteln.“ Die 41-Jährige wollte, dass mehr Menschen von der Bedeutung hinter der neuerdings bekleideten Statue im Enghaveparken erfuhren. Auf Instagram sah sie, dass die norwegisch-dänische Autorin Maren Uthaug die Ergebnisse der MAPS-Studie teilte. Daraufhin schickte Louise Mørup ihr ein Foto von ihrem Werk – und Uthaug startete einen Strick-Aufruf

Wie viele Mitstricker:innen sie gefunden hat, weiß Mørup nicht. Es seien zu viele, um den Überblick zu behalten. In Kopenhagen, Aarhus, Odense, Aalborg und weiteren Orten in Dänemark trugen zuvor nackte Frauenstatuen plötzlich Strickmode in allen Farben und Formen: gestreifte Mützen und Schals, bunt gemusterte Umhänge, dicke Pullis, knie- oder sockellange Röcke. Einigen Statuen wurden auch Winterjacken, Rollkragenpullis und Wollsocken übergestreift.

Viele der Statuen in Dänemark zeigen Frauen als Mütter, Ehefrauen oder Arbeiterinnen. So auch die „Venus with the Apple“ von Kai Nielsen. 
| Foto: Marlene Jacobsen

Aktivismus mit Humor und Strickzeug  

„Von dieser Kreativität war ich überrascht“, erzählt sie. „Mir gefällt, dass die gestrickten Klamotten alle unterschiedlich sind und man in jedem Stück eine Persönlichkeit erkennen kann.“ Während sich Menschen in ganz Dänemark für die ungewöhnliche Protestaktion begeistern konnten, empörten sich andere darüber in den sozialen Medien. Manche Menschen hätten es Vandalismus genannt, oder prüde. Andere sahen darin einen Angriff auf die Kunstgeschichte.

Dabei sei es ihr schlicht darum gegangen, historischen Frauen die Anerkennung zu geben, die ihnen zustehe. Louise Mørup freut sich dafür umso mehr über das viele positive Feedback: „Meine Botschaft wurde von den richtigen Menschen erhört, und das ist alles, worauf ich gehofft hatte.“ Als Aktivistin würde Mørup sich nicht beschreiben. „Aber falls man das, was ich tue, Aktivismus nennen will, dann ist es eine sanfte Art des Aktivismus, mit Humor und Strickzeug“, sagt die Kopenhagenerin

Und dieser humorvolle Aktivismus brachte die Repräsentation von Frauen im öffentlichen Raum anscheinend zurück auf die politische Agenda. Der dänische Kulturminister Jakob Engel-Schmidt will nun umgerechnet mehr als 1,3 Millionen Euro für den Bau von neuen Frauenstatuen bereitstellen. Die Idee dafür ist zwar schon zwei Jahre alt, aber erst Ende Februar 2026 veröffentlichte ein Expert:innengremium eine Liste bedeutender dänischer Frauen, die eine Statue verdient hätten. Darunter sind etwa die Frauenrechtlerin Matilde Bajer und die ehemalige Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt. 

Die Statue im Enghaveparken trägt mittlerweile kein Kleid mehr. Louise Mørup nahm es ab, nachdem eine Restauratorin des Museums von Kopenhagen sie kontaktiert hatte. Ihre Sorge war, dass die bunte Wolle bei Regen auf die bronzene Statue abfärben könnte. Nun möchte das Museum das Kleid in seine Sammlung aufnehmen. Ihr selbstgestricktes Kleid, erst Auslöser eines feministischen Trends und bald im Museum.

Louise Mørup kann es immer noch kaum glauben: „Ich dachte, das Kleid bleibt dort vielleicht ein paar Tage hängen und verschwindet dann. Es war surreal, es zwei Monate später dem Museum zu geben.“ Mit dem Stricken macht Mørup derweil munter weiter, wenn auch für sich selbst und für ihre Familie statt für Statuen. Am liebsten stricke sie ohne detaillierte Anleitung, denn: Vorgaben zu befolgen sei einfach nicht ihr Ding.

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Von Marlene Jacobsen, London

Marlene Jacobsen ist freie Journalistin in London. Seit sie 2018 zum Studium nach Großbritannien zog, ist sie in das Land verliebt. Sie studierte Politik und Nachhaltige Entwicklung und interessiert sich in ihrer journalistischen Arbeit für Inklusion, Umwelt und gesellschaftspolitische Themen. Nach einem Zwischenstopp in München an der Deutschen Journalistenschule wohnt sie nun wieder in London und arbeitet dort vor allem für das ZDF.

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Milena ÖsterreicherWien / Lissabon
Mit 13 Jahren kam Atena Adineh aus dem Iran nach Österreich. Als junge Frau kämpfte sie aufgrund einer Erkrankung selbst um ihr Leben. Heute unterstützt sie mit ihrem Verein Hami Krebspatient:innen im Iran und schafft in Wien Räume für Begegnungen zwischen Kulturen.

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