Mit 13 Jahren kam Atena Adineh aus dem Iran nach Österreich. Als junge Frau kämpfte sie aufgrund einer Erkrankung selbst um ihr Leben. Heute unterstützt sie mit ihrem Verein Hami Krebspatient:innen im Iran und schafft in Wien Räume für Begegnungen zwischen Kulturen.
Zusammenfassung:
Atena Adineh überlebte selbst nur knapp – und verwandelte diese Erfahrung in Solidarität. Mit ihrem Verein „Hami“ unterstützt die Iranerin Krebspatient:innen im Iran, finanziert Früherkennung und Behandlungen und baut in Wien Brücken zwischen Kulturen. Mit Sprachkursen, Begegnungsräumen und viel Beharrlichkeit zeigt sie, wie aus Fluchterfahrung, Schmerz und Verantwortung konkrete Hilfe für andere Frauen und Familien wird.
Von Milena Österreicher, Wien
Als Atena Adineh 2019 auf der Intensivstation lag, wusste sie nicht, ob sie überleben würde. 50 Tage verbrachte sie im Krankenhaus. Immer wieder ging die Tür auf, Ärztinnen und Ärzte kamen herein, fragten nach ihrem Zustand, kontrollierten Werte, erklärten Behandlungen. Adineh stellte sich in diesen Tagen immer wieder die Frage: Wie geht es Menschen, die nie eine Behandlung bekommen?
In dieser Zeit traf sie eine Entscheidung: Wenn sie die Krankheit überleben würde, wollte sie etwas tun. Denn während sie in Österreich medizinisch versorgt wurde, wusste sie, dass viele Menschen dort nicht die grundlegenden Kosten einer Behandlung tragen können. „Viele geben alles auf, weil sie finanziell nicht in der Lage sind, Behandlungen zu bezahlen. Manche sagen: Sie sterben lieber, weil sie ohnehin nicht weiterkommen.“
Heute sitzt Atena Adineh in einem persischen Restaurant in Wien – „ein Stück Heimat für mich“ – und erzählt von dieser Zeit. Sie erlitt damals einen Darmverschluss, es kam zu einigen Komplikationen. Auch das medizinische Personal war erstaunt, dass sie überlebte. Bis heute müsse sie fast täglich Schmerzmittel nehmen. Doch die Erfahrung hat ihren Blick auf das Leben verändert.

| Fotos: HAMI – Verein für Gesundheit & Kulturinitiative
Ein langes Ankommen
Atena Adineh wurde im Iran geboren und kam 1999 als 13-Jährige mit ihrer Familie nach Österreich. Die ersten Jahre im neuen Land waren geprägt von Unsicherheit und häufigen Ortswechseln. Fast zwei Jahre lang lebte die Familie in verschiedenen Einrichtungen für Geflüchtete, quer über Österreich verteilt, bevor sie schließlich im oberösterreichischen Braunau am Inn ein neues Zuhause fand.
„Der Start war sehr schwierig“, sagt Adineh heute. Vor allem die Sprache war für sie eine enorme Herausforderung. Während ihr Fächer wie Mathematik und Englisch leicht fielen, verstand sie im Deutschunterricht kein Wort. Sprachförderprogramme oder zusätzliche Unterstützung gab es damals kaum: „In Deutsch war ich komplett verloren“. Sie wiederholte die achte Klasse mehrere Male. Es war eine frustrierende Zeit, aber auch eine, in der sie lernte, durchzuhalten.
Auch der Asylprozess der Familie zog sich über viele Jahre. Erst nach zehn Jahren erhielt sie einen positiven Bescheid, dass sie dauerhaft im Land bleiben dürfen. Adineh hatte in der Zwischenzeit die Sprache gelernt und sich ein Leben aufgebaut – und blieb dennoch eng mit dem Iran verbunden. Viele Verwandte und Bekannte leben noch dort, und sie verfolgt aufmerksam, wie sich das Land verändert. Bei ihrem letzten Besuch vor acht Jahren hinterließ die wachsende Armut in der Bevölkerung einen bleibenden Eindruck.
Keine leistbare Behandlung
Bei jenem letzten Besuch sah sie auch, wie schwierig es für viele Menschen ist, an Medikamente zu kommen. Ihre Tante lag im Krankenhaus und selbst in einer Privatklinik teilte sie das Zimmer mit acht anderen Patientinnen. Die staatliche Krankenversicherung übernimmt viele Therapien und Medikamente nur teilweise oder gar nicht. Für Menschen mit schweren Krankheiten kann das existenzbedrohend sein. Vor allem Krebsbehandlungen sind häufig sehr teuer.
„Viele müssen ihre gesamte Behandlung selbst bezahlen, doch das ist für viele Familien unmöglich“, erklärt Adineh. Die persönlichen Einblicke ließen sie nach ihrem letzten Besuch nicht mehr los. Als sie nach ihrer eigenen Krankheit begann, über konkrete Hilfe nachzudenken, wurde ihr schnell klar: Sie wollte nicht nur einmalig spenden, sondern eine langfristige Struktur aufbauen. 2022 gründete sie den Verein „Hami“. Der Name kommt aus dem Persischen und bedeutet „Unterstützer:in“. Für Adineh beschreibt er genau das, was sie mit ihrer Arbeit erreichen möchte.
Ein Schwerpunkt der Organisation ist die Unterstützung von bedürftigen Krebspatient:innen. Dafür arbeitet Hami mit einer lokalen Partnerorganisation zusammen: der „Society for Helping Cancer Patients“, die sich seit 30 Jahren für Menschen mit Krebs engagiert. Sie betreibt in mehreren Städten des Irans Büros und in der nordiranischen Stadt Babol ein Diagnosezentrum. „Wir wollten unbedingt mit einer Organisation arbeiten, die vor Ort gut vernetzt ist, der wir vertrauen können und die nicht mit der Regierung verbunden ist, was im Iran schwierig zu finden ist“, erzählt Adineh.

Vorsorge gegen Brustkrebs
Neben der Finanzierung von Behandlungen setzt die Organisation auch auf Früherkennung. So wurden zuletzt in zahlreichen Dörfern rund um Babol 250 Frauen kostenlos untersucht. Bei acht von ihnen wurde Brustkrebs festgestellt. Darum kümmern sich die Organisationen mit Informationsveranstaltungen zur Krebsprävention. Frauen lernen dort zum Beispiel, wie sie ihre Brust selbst abtasten können.
Brustkrebs ist nach wie vor weltweit die häufigste Krebsart bei Frauen. Er macht auch im Iran bis zu 25 Prozent aller Krebserkrankungen aus. „Krebs verändert den Körper, aber auch die Seele“, ist Adineh überzeugt. Besonders brustkrebsbetroffene Frauen würden nicht nur mit Angst und Unsicherheit kämpfen, sondern auch gegen den Verlust eines Teils ihrer Identität. Sie möchte eine Gemeinschaft schaffen, die Frauen begleitet und ihnen Mut macht.
Das Geld für die Betreuung krebskranker Menschen stammt aus privaten Spenden sowie aus zwei Food-Basaren, die der Verein jedes Jahr in Wien organisiert. Einmal im Herbst und einmal rund um das persische Neujahrsfest im Frühling wird in einem Wiener Einkaufszentrum von Vereinsmitgliedern persische Hausmannskost aufgetischt. Insgesamt sind über die letzten vier Jahre knapp 80.000 Euro zusammengekommen. 650 Patient:innen wurden inzwischen behandelt, rund 5.000 Menschen kostenlos untersucht.
Traditionen zwischen Wien und Teheran
Doch „Hami“ ist nicht nur im Iran aktiv. Ein zweiter Schwerpunkt liegt in Österreich. Seit zweieinhalb Jahren organisiert der Verein zweimal pro Woche kostenlose Deutschkurse. Das Angebot richtet sich vorwiegend, aber nicht ausschließlich, an Menschen aus dem Iran. Einige Kurse werden inzwischen auch über Instagram live übertragen. Online schalten sich viele Menschen aus Deutschland hinzu, vor dem Beginn des Krieges und den Internetsperren auch zahlreiche direkt aus dem Iran.
Seit 2025 gibt es außerdem einen kostenlosen Persisch-Kurs. Aktuell sind 30 Personen im Verein aktiv. Fast alle haben einen familiären Iran-Bezug oder sind selbst vor ein paar Jahren erst nach Österreich gekommen. Die meisten engagierten sich, weil sie selbst erlebten oder mitbekommen hätten, wie herausfordernd das Ankommen in einem neuen Land sei.
Besonders beliebt: der Kulturstammtisch
Der Verein organisiert auch Kinoabende, Wanderungen sowie Informationsveranstaltungen zu Themen wie dem österreichischen Gesundheitssystem oder der Staatsbürgerschaft. Besonders beliebt ist ein Kulturstammtisch, der viermal im Jahr stattfindet. Dort wird über Traditionen und Kulturen gesprochen.
Manche Feste liegen zeitlich nah beieinander, etwa Weihnachten und Yalda oder Nouruz. „Da passt es wunderbar, über beide zu sprechen und Gemeinsamkeiten zu entdecken“, meint Adineh. Yalda wird im Iran im Dezember gefeiert, in der längsten Nacht des Jahres zur Wintersonnenwende. Familien kommen zusammen, lesen Gedichte, essen Granatäpfel, Wassermelonen und persische Gerichte. Das Fest symbolisiert den Sieg des Lichts über die Dunkelheit.
Nouruz folgt im Frühling. Das Neujahrs- und Frühlingsfest fällt auf die Tag-und-Nacht-Gleiche im März und markiert den Beginn des neuen Jahres im iranischen Kalender. Seit mehr als 3.000 Jahren steht Nouruz für Neubeginn und Hoffnung.

Krieg im Iran führt zu täglichem Bangen
Über dem diesjährigen Neujahrsfest liegt für Adineh sowie für viele aus der iranischen Community ein schwerer Schatten. Der Schock über die brutale Niederschlagung der Proteste gegen das islamische Regime mit zehntausenden Toten Anfang des Jahres sitzt noch tief. Hinzu gekommen ist ein erneutes Bangen um Freund:innen und Familie aufgrund des aktuellen Krieges und den gleichzeitig erneuten Repressionen des Regimes.
Doch der Alltag bleibt nicht stehen, auch nicht die Arbeit für „Hami“, die Adineh neben ihrem Vollzeitjob als Qualitätsmanagerin bei der Lebensmittelkette SPAR macht. Langfristig möchte sie in Österreich noch mehr Räume schaffen, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft einander begegnen können und die Unterstützung erhalten, die sie brauchen.














