Lerne inspirierende Frauen aus der ganzen Welt kennen.

Lerne inspirierende Frauen weltweit kennen.

Periodenunterwäsche im Libanon
Ein Tabu und seine Folgen

29. April 2026 | Von Elisa Kautzky | 12 Minuten Lesezeit
Periodenunterwäsche ist im Libanon etwas gänzlich Neues. Foto: Unbount

Die Menstruation ist auch im Libanon noch immer ein Tabu, viele Frauen haben keinen verlässlichen Zugang zu geeigneten Produkten. Die 29-jährige Rim Haydamous will das ändern: Sie gründete ein Unternehmen für Periodenunterwäsche.

 

Zusammenfassung:

Mit Periodenunterwäsche bricht Rim Haydamous im Libanon ein doppeltes Schweigen: über Menstruation und Menstruationsarmut. Inmitten von Krise, Tabus und Preisexplosionen gründete sie 2023 das erste libanesische Unternehmen dieser Art. Über Social Media klärt sie zu weiblicher Gesundheit auf und macht Frauen und Mädchen Mut, selbstbestimmt, informiert und würdevoll mit ihrer Periode umzugehen.

 

Von Elisa Kautzky, Beirut

„Sie fühlt sich eben nicht wie eine Windel an“, sagt Rim Haydamous über die schwarze Unterhose in ihrer Hand. Es ist der 31. August 2025. Etwas widerwillig treten die Investoren auf die Bühne. Dort demonstriert die junge Libanesin, wie viel Flüssigkeit die Unterhose aufnehmen kann. „Hält bis zu zwölf Stunden“, erklärt sie.

Vor laufender Kamera bewirbt Haydamous ihr Startup für Periodenunterwäsche in der Sendung „Shark Tank“. In diesem Format präsentieren Gründer*innen ihre Geschäftsideen einer Jury aus Investorinnen und Investoren. Im Gegenzug für Unternehmensanteile verhandeln sie über Kapital. Die 29-Jährige hat Erfolg: Sie bekommt eine Finanzspritze von 100.000 Dollar – doppelt so viel, wie erhofft.

Gründerin Rim Haydamous tritt im TV in der Sendung „Shark Tank“ auf. I Foto: Screenshot

Losgelöst menstruieren

Seit 2023 verkauft Rim Haydamous als erstes libanesisches Unternehmen Periodenunterwäsche im Land. Damit ist sie eine Vorreiterin. Wir treffen uns in einem Café in Beirut, die Sonne scheint durch die traditionell gebogenen Fenster. Haydamous hält eine Packung mit Periodenhose in der Hand – ein Exemplar hat sie immer dabei. Die Marke nennt sich „Unbount“ – mit t, inspiriert vom englischen Wort „unbound“, also losgelöst oder grenzenlos.

Losgelöst menstruieren – das ist Haydamous‘ großer Traum für die Libanes*innen: „Im Libanon ist Menstruation noch immer ein großes Tabuthema”, erzählt sie. Die Menstruation gelte traditionell als unrein, insbesondere in den muslimischen Communities. Auch haben nicht alle Frauen Zugang zu Menstruationsprodukten. 

Der Libanon durchlebt seit 2019 eine der tiefsten Wirtschaftskrisen der modernen Zeit, mit starkem Währungsverlust, verlorenen Ersparnissen und hohen Preisen. Fast drei Viertel der Menschen lebten in der Hochphase der Krise unterhalb der Armutsgrenze, heute betrifft dies noch etwa jede*n Dritte*n. 

Frauen* trifft zusätzlich die Menstruationsarmut. Vom Herbst 2019 bis 2021 verdreifachten sich die Preise für Menstruationsprodukte. Auslöser war eine Kette von Krisen: der wirtschaftliche Kollaps des Landes, Massenproteste gegen die Regierung, die Corona-Pandemie und schließlich die Beirut-Hafenexplosion im August 2020.

Sie präsentiert ihre Periodenunterwäsche nicht nur der Jury sondern auch einem Millionenpublikum. | Foto: Screenshot

Preisexplosion für Hygieneprodukte

Da viele Hygieneprodukte importiert wurden und die Landeswährung massiv an Wert verlor, wurden qualitativ hochwertige Hygieneprodukte plötzlich unbezahlbar. Eine Packung Binden, die früher etwa 1,70 Euro kostete, lag in dieser Zeit bei etwa 20 Euro.

Die libanesische Nichtregierungsorganisation „Fe-male“ hatte zum Höhepunkt der Krise 2021 eine Studie veröffentlicht, in der schätzungsweise drei von vier Frauen im Land – darunter auch syrische und palästinensische Geflüchtete – Schwierigkeiten hatten, sich jeden Monat Menstruationsprodukte zu beschaffen. 

„Manche Frauen mussten sich zwischen Binden und Milch für ihr Baby entscheiden“, sagte Evelina Llewellyn dem französischen Medium „Madmoizelle“. Die britische Regisseurin gründete daraufhin gemeinsam mit der libanesischen Filmemacherin Assil Khalife ein mobiles Festival, das durch das Land reiste, wiederverwendbare Periodenprodukte verteilte und einen Film über Menstruationsarmut zeigte. Der Name des Festivals: „Jeyetna“, zu Deutsch „Wir haben unsere Periode“.

Neugründung inmitten der Krise

Inmitten dieser Krisen beginnt auch die unternehmerische Geschichte von Rim Haydamous. Eigentlich wollte die Libanesin Architektin werden. Doch nach vier Jahren Studium brach sie ab und begann stattdessen einen Master in Betriebswirtschaft. „Es war wie eine Offenbarung. Ich wusste, dass ich ein eigenes Unternehmen haben und verschiedene Einnahmequellen aufbauen will – und auf Geld schauen, ohne Angst davor zu haben“, sagt sie.

Parallel dazu beschäftigte sie eine ganz praktische Frage: Welches Periodenprodukt ist gesünder und nachhaltiger als herkömmliche Binden? Im Ausland entdeckte sie Periodenunterwäsche – doch im Libanon war diese damals nicht erhältlich. „Während der Krise funktionierte meine Karte nicht mehr, deshalb konnte ich die Produkte nicht aus dem Ausland bestellen“, sagt sie. Haydamous überlegte: „Warum sollte ich die Periodenunterwäsche nur für mich selbst besorgen, wenn ich sie auch für andere Frauen im Libanon anbieten kann, die davon profitieren?“

Sie testete verschiedene Marken, suchte nach geeigneten Produzent*innen und blieb schließlich bei einem Lieferanten, der sie überzeugte. Neben einer bequemen Passform war ihr vor allem die Saugfähigkeit wichtig – ebenso ein Stoff, der geruchsneutral ist, die Haut nicht reizt und mehrere Jahre hält. Ein Slip, den man den ganzen Tag tragen kann, ohne ständig an ihn denken zu müssen. „Dann habe ich meine Freundinnen gebeten, sie auszuprobieren, um sicherzugehen, dass es wirklich funktioniert“, erzählt sie.

Anfangs hieß ihre Marke „Yu.underwear“. Im Sommer 2025 überarbeitete sie jedoch ihr Branding. „Der Name sollte die Mission widerspiegeln. Aber ich wollte nicht, dass die Marke nur auf Unterwäsche beschränkt bleibt.“ Sie verwarf den alten Namen und entschied sich für „Unbount“. „Unsere Mission ist es, die Grenzen für Frauen während ihrer Periode zu überschreiten – und Grenzen in Chancen zu verwandeln“, sagt sie.

Test der Unterwäsche live vor der Kamera | Foto: Screenshot

Wo siehst du deine Marke in Zukunft?

Eines Tages saß sie mit ihrem Bruder zusammen und arbeitete am Rebranding. „Er fragte mich: Wo siehst du deine Marke in Zukunft? Siehst du dich bei Shark Tank?“, erzählt sie. Eine klare langfristige Vorstellung hatte sie damals noch nicht. 

Am nächsten Tag erhielt sie eine Nachricht auf Instagram mit der Anfrage, ob sie an der Sendung teilnehmen wolle. „Zuerst dachte ich, das sei Spam. Also habe ich recherchiert – und gemerkt, dass es keiner war.“ Der Auftritt verschaffte ihr einen deutlichen Reichweitenschub.

Inzwischen hat sie mehr als 2.000 Produkte verkauft und 1.000 Kundinnen gewonnen, darunter Frauen in ihren 20er- und 30er-Jahren, Mütter, die für ihre Töchter zur ersten Periode einkaufen, sowie Frauen mit Blaseninkontinenz oder nach einer Geburt.

Die Herausforderung: Das Produkt hält in der Regel bis zu drei Jahre. „Wenn ich treue Kundinnen habe, ist der sogenannte „Lifetime Value“ hoch, weil sie alle paar Jahre nachkaufen. Aber kurzfristig brauche ich trotzdem ständig neue Kundinnen“, sagt sie. „Lifetime Value“ bezeichnet den Umsatz pro Kund*in über die gesamte Dauer der Geschäftsbeziehung.

Auf den libanesischen Markt allein könne sie sich nicht verlassen – er sei klein und die Kaufkraft begrenzt. „Es ist kein Luxusprodukt, preislich im Mittelfeld. Aber es erfordert ein langfristiges Denken – anders als bei herkömmlichen Binden.“ Mittlerweile hat sich die Inflation etwas beruhigt, bewegt sich aber weiterhin über dem normalen Niveau. Eine große Lücke klafft zwischen Löhnen und Preisen, viele Einkommen stehen in keinem Verhältnis zu den gestiegenen Lebenshaltungskosten. 

Rim Haydamous hat mit ihrer Firma noch viel vor. | Foto: Elisa Kautzky

Aufklärung auf Instagram

Auf Social Media klärt Haydamous über Themen rund um Menstruation und weibliche Gesundheit auf – über das polyzystische Ovarialsyndrom, vaginalen Ausfluss oder Zyklusbeschwerden. In Straßenumfragen stellt sie Fragen wie: „Wenn du während deiner Periode ausläufst, was machst du?“ Viele Frauen antworten: „Nach Hause gehen.“

Auf Instagram zeigt sie Menstruationsblut rot – nicht blau, wie es in der Werbung lange üblich war. „Wenn du deine Gym-Klamotten waschen kannst, kannst du auch deine Periodenwäsche waschen“, sagt sie. Damit ist sie Teil einer größeren Bewegung im arabischsprachigen Raum von Nichtregierungsorganisationen und Aktivist*innen, die Tabus rund um weibliche Körper und Sexualität in den sozialen Medien – und auch analog – sichtbar macht und aufbricht.

Dazu gehören auch die Bildungsplattform „Mauj“, das „Marsa Sexual Health Center“ im Libanon oder die Co-Gründerin der „Fe-male“, Hayat Mirshad. Tampons werden im Libanon vergleichsweise selten genutzt. „Wir haben noch immer diesen Gedanken im Kopf, dass man dadurch seine Jungfräulichkeit verliert“, erklärt Rim Haydamous.

Doch ihre Offenheit ruft auch Gegenwind hervor. Nach traditioneller Auffassung gilt Blut, insbesondere im religiösen Kontext, als unrein. „Deshalb arbeite ich viel daran, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Periodenblut genau wie jedes andere Blut ist.“ Von Hasskommentaren auf der Straße und in den sozialen Medien lasse sie sich nicht aufhalten.

Wenn Mädchen ihre erste Periode bekommen, ohne zu wissen, was mit ihnen passiert, sei das beängstigend. Die Libanesin selbst hatte Glück: Ihre Mutter sprach mit ihr über die Menstruation, und auch in der Schule wurde sie aufgeklärt. Das sei nicht überall so. Allerdings erfolge die Aufklärung stets ohne Jungen. „Es ist wichtig, dass auch Jungs darüber lernen“, sagt sie. 

Von Perioden-Bademode und Sportkleidung

Zwar hat sich die wirtschaftliche Lage im Land etwas stabilisiert, doch Periodenarmut bleibt ein drängendes Thema. In einer Instagram-Umfrage fragte die Gründerin im Februar 2026 Frauen auf der Straße, wie viel sie pro Periode für Hygieneprodukte ausgeben. Die Antworten: zwischen fünf und 20 Dollar. Hochgerechnet auf drei Jahre summiert sich das auf rund 360 Dollar – etwa so viel wie das monatliche Durchschnittsgehalt.

In vielen Fällen fehlt es auch am Zugang zu sauberen und sicheren Toiletten, sowie verlässlichen Informationen über den eigenen Körper. Haydamous vertreibt ihre Produkte über ihre Website sowie über Concept Stores, Pilates-Studios und Apotheken. „Viele Menschen wollen den Stoff sehen und fühlen, um dem Produkt zu vertrauen“, sagt sie.

Heute ist sie nicht mehr die Einzige auf dem Markt. „Es gibt eine marokkanische Marke und inzwischen auch eine weitere libanesische, die allerdings erst nach uns gegründet wurde“, sagt sie. Konkurrenz also – und zugleich ein Zeichen dafür, dass das Thema Sichtbarkeit gewinnt. Doch Haydamous’ Pläne reichen weiter: Aufklärungsarbeit an Schulen, spezielle Unterwäsche für die Zeit nach der Geburt und Kooperationen mit anderen Organisationen im Kampf gegen Menstruationsarmut.

Eine Perioden-Bademode hat sie bereits eingeführt, eine Produktlinie für die Zeit nach der Geburt ist in Planung, ebenso Sportkleidung. Kürzlich brachte sie ein Starterpaket für Teenagerinnen auf den Markt, die ihre erste Periode bekommen. Und langfristig? „Eine heimische Produktion wäre ein Traum“, sagt sie. Dafür müssten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stabilisieren – durch den aktuellen Krieg sei das derzeit allerdings nicht absehbar.

image/svg+xml

Von Elisa Kautzky, Paris

Elisa Kautzky berichtet als freie Korrespondentin aus Frankreich für Online, Print und Radio. Sie hat in Mainz, Montpellier und Paris die Fächer Germanistik, Romanistik und Journalismus studiert. Schon im Studium hat sie angefangen, als Freie zu arbeiten. Nach ihrem Abschluss ist sie Freie geblieben. Am Liebsten produziert sie lange Formate über Gesellschaftsthemen, Kultur und Umwelt.

Alle Artikel von Elisa Kautzky anzeigen

image/svg+xml

Newsletter Anmeldung

Trage dich jetzt für unseren kostenfreien Newsletter ein, der dich jede Woche mit aktuellen Infos zu neuen Artikel und mit Neuigkeiten rund um DEINE KORRESPONDENTIN versorgt!

Abonniere unseren kostenfreien Newsletter