In Paris wird seit einigen Jahren darüber diskutiert, wie der öffentliche Raum gerechter gestaltet werden kann. Wer nutzt ihn und auf welche Art? Wer ist sichtbar – und wer nicht? Der Blick auf die französische Hauptstadt zeigt, wie komplex der Weg zu einer gerechteren Stadt ist.
Zusammenfassung:
Paris versucht, Gleichstellung im Stadtbild zu verankern: mit mehr nach Frauen benannten Orten, neuen Denkmälern und Projekten für sicherere, gerechter nutzbare Räume. Doch Sichtbarkeit allein reicht nicht. Erst wenn Beleuchtung, Mobilität, Aufenthaltsorte und Beteiligung Frauen im Alltag mehr Sicherheit und Präsenz geben, wird die Stadt wirklich gerechter.
Von Anna Schütz, Montpellier
Wer Paris zum ersten Mal besucht, spaziert oft an der Seine entlang, vorbei an einigen der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Der Weg führt am Eiffelturm vorbei, benannt nach seinem Erbauer, dem Ingenieur Gustave Eiffel, und von dort über den Quai Jacques Chirac, der an den ehemaligen Staatspräsidenten erinnert. In Richtung Stadtzentrum gelangt man zunächst zur Pont Alexandre III, die ihren Namen zu Ehren des russischen Zaren trägt.
Wenige Schritte weiter schließt sich der Quai Anatole France an, benannt nach dem französischen Schriftsteller, bevor dieser in den Quai Valéry-Giscard-D‘Estaing übergeht, ebenfalls einem früheren Präsidenten der Republik gewidmet. Wer aufmerksam hinsieht, erkennt schnell ein Muster: Viele Orte tragen männliche Namen. Die geringe Präsenz weiblicher Persönlichkeiten im öffentlichen Raum spiegelt historische Macht- und Erinnerungsstrukturen wider, die lange von Männern geprägt wurden.
Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo setzt sich dafür ein, diese Ungleichgewichte zu korrigieren: nicht nur durch die Benennung öffentlicher Orte, sondern auch durch Maßnahmen, die die Stadt insgesamt gerechter und zugänglicher machen. Erste Schritte sind sichtbar, doch der Weg zu einer gerechteren Stadt bleibt lang.

Straßennamen zeigen historische Machtverhältnisse
Die Art und Weise, wie Städte ihren öffentlichen Raum benennen, ist kein kleines Detail. Vielmehr erzählt sie eine Geschichte darüber, wer in der Gesellschaft sichtbar gemacht wird und wer nicht. Sie fungiert als kollektiver Erinnerungsträger und prägt das historische Bewusstsein der Einwohner*innen.
Auch wenn Paris als fortschrittlich und inklusiv gilt, trägt sein Stadtbild noch immer Spuren einer männlich dominierten Erinnerungskultur, die durch das Projekt Mapping Diversity deutlich werden. Für Paris zeigen die Daten der Initiative ein deutliches Ungleichgewicht: Von den über 4.000 Straßen und Plätzen, die nach einer Person benannt sind, wurden etwa 91 Prozent Männern gewidmet und nur knapp neun Prozent Frauen.
Politischer Wandel
Seitdem Anne Hidalgo 2014 zur Bürgermeisterin von Paris gewählt wurde, rücken Fragen der Gleichstellung stärker in den Mittelpunkt der Stadtpolitik – auch in Bezug auf den öffentlichen Raum. So wurde unter ihrer Amtsführung etwa der Anteil neu benannter Straßen, Plätze und Einrichtungen, die Frauen gewidmet sind, deutlich erhöht.
Laurence Patrice, die seit 2020 stellvertretende Bürgermeisterin und zuständig für die Erinnerungskultur der Stadt ist, betont: „Es geht darum, ein Ungleichgewicht zu korrigieren, das lange als normal galt. Das Engagement und die Entschlossenheit von Frauen in unterschiedlichen Bereichen wurden im öffentlichen Raum lange kaum gewürdigt.“
Frauen sichtbarer zu machen, diene zudem dazu, Vorbilder zu schaffen. „Jungen wie Mädchen, besonders aber Mädchen, sollen erkennen, welche Möglichkeiten Frauen offenstehen und dass ihre Leistungen gesellschaftliche Anerkennung verdienen.“ Zudem setzt die Stadt zunehmend auf symbolische Initiativen, wie etwa die zehn monumentalen Frauenfiguren, die ursprünglich zur Eröffnung der Olympischen Spiele 2024 entlang der Seine präsentiert wurden und inzwischen dauerhaft im Viertel „Porte de la Chapelle“ im Pariser Norden stehen.

Monumente im Stadtbild
Die rund vier Meter hohen Skulpturen würdigen Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen der französischen Geschichte – darunter Simone de Beauvoir, Alice Milliat, Christine de Pizan und Simone Veil. „Diese Statuen wurden bewusst hier aufgestellt, in einem Viertel, das viele Jahre lang stark vernachlässigt wurde“, erklärt Laurence Patrice. „Porte de la Chapelle“ gilt seit Jahrzehnten als sozial und städtebaulich benachteiligtes Gebiet, das lange kaum von Investitionen in Kultur und Stadtplanung profitieren konnte.
Gerade dort erreiche man ein Publikum, das solche kulturellen Zeichen sonst eher selten erlebe. Die Figuren bilden nun eine Art symbolischen Eingang in die Stadt – und bleiben dabei nicht unbemerkt. Samya, die in „Porte de la Chapelle“ aufgewachsen ist, begrüßt die Initiative. „Es tut gut, im Alltag daran erinnert zu werden, was auch für Frauen alles möglich ist“, sagt sie. Auch Émilie sieht darin ein positives Signal: „Die Statuen bringen Leben und Geschichte in unser Viertel und erinnern uns daran, dass Frauen genauso selbstverständlich ihren Platz in der Gesellschaft haben wie Männer.“
Doch es gibt auch skeptische Stimmen. „Das ist eine nette symbolische Geste, die aber nichts daran ändert, dass wir in unserem Alltag immer noch mit sozialen Problemen zu kämpfen haben“, kritisiert die 21-jährige Studentin Imane. Mouna äußert sich deutlich: „Ich denke nicht, dass diese Statuen irgendetwas verändern oder sogar verbessern werden. Das Geld wäre in Bildung oder Infrastruktur sinnvoller investiert gewesen.“

Der Eiffelturm als Symbol für Gleichberechtigung
Ein weiteres sichtbares Projekt betrifft den Eiffelturm. Seit seiner Errichtung 1889 schmücken die Namen von 72 Wissenschaftlern das Monument, Frauen sind bisher nicht vertreten. Dies soll sich allerdings ändern und so sollen künftig auch 72 Wissenschaftlerinnen auf dem Eiffelturm namentlich verewigt werden. „Die Idee war, den Eiffelturm neu zu denken“, erläutert Laurence Patrice.
„Das ist kein einfacher Schritt, weil er unter Denkmalschutz steht und daher viele Genehmigungen notwendig sind. Dennoch wurde beschlossen, ebenso viele Wissenschaftlerinnen namentlich zu würdigen. Das ist ein starkes, auch international wahrgenommenes Zeichen für die Anerkennung der Leistungen von Frauen.“ Beide Beispiele zeigen, dass öffentlich sichtbare Darstellungen ein Bewusstsein dafür schaffen können, dass Frauen genauso Teil der Geschichte der Stadt und des Landes sind wie Männer. Dennoch reicht Sichtbarkeit allein nicht aus, um strukturelle Ungleichheiten im Alltag zu überwinden.

Konkrete Maßnahmen im öffentlichen Raum
Wie Kelly Ung vom Stadtforschungs- und Planungsatelier „Approche.s!“ betont, ist „der öffentliche Raum vielerorts schlichtweg überbesetzt von Männern, für Frauen bedeutet das permanente Anpassung“. Die Gestaltung öffentlicher Räume muss daher gezielt auf die Bedürfnisse von Nutzenden ausgerichtet sein: „Man kann dafür an vielen Hebeln ansetzen: Mobilität, Beleuchtung, Erdgeschosszonen, Sportflächen, Spielplätze. Entscheidend ist, wer sie nutzt und wer nicht.“
Über Sichtbarkeit hinaus ergreift die Stadt daher konkrete Maßnahmen. So werden sogenannte „marches exploratoires“ durchgeführt, um gemeinsam mit Bewohner*innen Angsträume zu identifizieren und gezielt Anpassungen vorzunehmen. Vor Schulen werden Straßen zeitweise oder dauerhaft verkehrsberuhigt, sodass sichere Aufenthaltsbereiche mit Sitzgelegenheiten, Begrünung und besserer Übersicht entstehen.
Spielplätze und öffentliche Plätze werden so gestaltet, dass nicht nur Kinder, sondern auch Begleitpersonen dort Platz finden: Zusätzliche Bänke, Schattenbereiche, Trinkwasserstellen und öffentliche Toiletten ermöglichen längere Aufenthalte und eine entspanntere Nutzung. Wege zu Kitas, Schulen oder Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs werden gezielt belebt und beleuchtet, sodass sich Passant*innen sicherer fühlen.
Widerstände und Kritik
Jedoch stoßen nicht alle Maßnahmen auf Zustimmung. Ein häufiger Einwand lautet, es handle sich um reine Symbolpolitik. Straßennamen, Statuen und Inschriften auf dem Eiffelturm seien zwar sichtbar, veränderten aber nicht automatisch den Alltag von Frauen. Kritiker*innen fragen daher, ob solche Projekte Priorität haben sollten oder ob die finanziellen Mittel nicht stärker in andere Bereiche investiert werden müssten, etwa in Betreuungseinrichtungen, Bildung oder soziale Angebote.
Auch politisch gibt es Widerstand. Konservative Stimmen werfen der Stadt vor, die Geschichte nachträglich umschreiben oder den öffentlichen Raum für politische Botschaften zu nutzen. Darüber hinaus gibt es Fragen zur Auswahl der geehrten Persönlichkeiten. Welche Frauen werden geehrt und welche nicht?
Hinzu kommt ein wichtiger organisatorischer Punkt, denn Stadtpolitik ist immer auf viele Bereiche verteilt. „Es reicht nicht, wenn nur Stadtplaner handeln. Es braucht auch Sportämter, Kultur, Bildung, Wirtschaftsförderung“, unterstreicht Kelly Ung. Ohne klare Abstimmung bleiben Projekte daher oft vereinzelt und können nicht effektiv und flächendeckend wirken.

Wem gehört die Stadt?
Durch neue Benennungen von Straßen, Mediatheken und Sportanlagen, durch Statuen und geplante Ergänzungen am Eiffelturm werden Frauen im Stadtbild immer sichtbarer. Eine egalitäre Stadt zeigt sich jedoch vor allem im Alltag: gut beleuchtete Wege, sichere Haltestellen, vielfältig nutzbare Sportflächen, Aufenthaltsorte, die die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Bewohnenden berücksichtigen.
Trotz erreichter Fortschritte mahnt Kelly Ung zur Nüchternheit: „Von einer Feminisierung des öffentlichen Raums sind wir weit entfernt. Unsere Zählungen zeigen: 60 bis 70 Prozent der Nutzenden sind Männer, nachts kann der Anteil sogar auf 80 Prozent steigen.“ Die Zahlen lenken den Blick auf strukturelle Fragen nach Sicherheit, Nutzungsgerechtigkeit, Beteiligung und Zugang. Symbolische Anerkennung kann ein Anfang sein. Entscheidend ist jedoch, ob sie von konkreten Veränderungen begleitet wird.
Eine wirklich egalitäre Stadt wäre eine, in der das Geschlecht nicht darüber entscheidet, wie frei man sich bewegt, wie selbstverständlich man Raum einnimmt oder wie sicher man sich fühlt. Paris hat begonnen, diese Fragen zu stellen. Am Ende geht es um nichts Geringeres als die Frage: Wem gehört die Stadt?

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