50 Jahre nach Beginn der argentinischen Militärdiktatur sind die Forderungen der argentinischen Menschenrechtsaktivistin Nora Cortiñas weiterhin aktuell. Unsere Korrespondentin konnte sie kurz vor ihrem Tod im Mai 2024 in Buenos Aires besuchen. Ein Porträt der „Mutter aller Schlachten“.
Zusammenfassung:
Nora Cortiñas wurde nach der Verschleppung ihres Sohnes zur Ikone der argentinischen Menschenrechtsbewegung. Als Mitgründerin der „Madres de Plaza de Mayo“ kämpfte sie 2.457 Donnerstage lang für Wahrheit, Gerechtigkeit und Demokratie. Feministisch, unbeugsam und voller Zuversicht inspirierte sie Generationen – bis kurz vor ihrem Tod 2024. Am 30. Mai ist ihr zweiter Todestag.
Von Laura May, Buenos Aires
Als die argentinische Militärjunta den Aktivisten Gustavo Cortiñas am 15. April 1977 verschleppte, weckte sie den Kampfgeist seiner Mutter. Nora Cortiñas alias Norita wurde so zu Argentiniens populärster Menschenrechtsaktivistin. In der öffentlichen Wahrnehmung changiert sie heute zwischen Pop-Ikone und Heiliger. Doch das Wort, das sie am besten beschreibt, ist: Humanistin.
Als Gründerin der „Madres de Plaza de Mayo“, zu Deutsch „Mütter des Maiplatzes“, ging sie jahrzehntelang zusammen mit anderen Müttern auf die Straße, um Gerechtigkeit für ihre von der argentinischen Militärdiktatur (1976 bis 1983) verschleppten Kinder zu fordern. Bald gingen Noritas Forderungen weit über ihre persönliche Geschichte und Argentiniens Parteipolitik hinaus. Noritas Engagement weitete sich von Argentinien schnell auf globale Probleme aus und sie wurde zu einer weltweit wichtigen Stimme für Menschenrechte.

In Argentinien kennt man sie als „La madre de todas las batallas“, zu Deutsch „die Mutter aller Schlachten“. Ihre Biografie schmücken Fotos von ihr mit Fidel Castro, Papst Franziskus, Barack Obama, Evo Morales oder Hugo Chávez. Sie reiste in zahlreiche Länder – darunter Kurdistan, Palästina und Haiti – um lokale Menschenrechtsbewegungen zu unterstützen und feministische Kämpfe weltweit zu vernetzen. Sie nahm mehrfach am Weltsozialforum teil, um die Verbindung zwischen Auslandsverschuldung und Menschenrechten zu thematisieren.
Ihr bewegtes Leben und ihre Rolle als Vermittlerin globaler Bewegungen dokumentieren Filme und Bücher, etwa der von Jane Fonda mitproduzierte Film „Norita“. Heldin sein war allerdings nie Noritas Plan gewesen. Sie war zufrieden mit ihrer Hausfrauenrolle und ihrer Kernfamilie. Bis ihr kleines Paradies von einem auf den anderen Tag zerbrach und sie auf der Suche nach ihrem Sohn seinen Kampf für soziale Gerechtigkeit immer mehr verstand.
Von der Hausfrauenrolle zur Heldinnenfigur
„Ich bin Feministin“, sagte sie stolz, als ich 2024, kurz nach dem Amtsantritt des libertären argentinischen Präsidenten Javier Milei, mit ihr sprechen konnte. Das sei nicht immer so gewesen – als junge Frau habe sie Politik nur wenig interessiert. Doch über die Jahre habe sie immer mehr systematische Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft verstanden und begonnen, die Machokultur insgesamt zu hinterfragen.
„Ich hatte nur Pflichten und keine Rechte“, sagte sie. Das habe sie dann geändert. „Mein Mann und mein Vater mussten sich daran gewöhnen“, so Norita. Sie begann Ende der 70er Jahre, sich jeden Donnerstag mit den anderen Müttern zum Protest zu versammeln, um ihre Rechte ein- und ihre verschleppten Kinder zurückzufordern. Die Militärpolizei antwortete mit Verhaftungen und Repression und schikanierte die Mütter am Plaza de Mayo mit Verhaftungen und Tränengas. „Aber uns konnte niemand vom Platz schmeißen.“
Der gemeinsame Kampf mit anderen Frauen, die eine ähnliche Geschichte teilten, erfüllte Norita auch in dunklen Zeiten mit Zuversicht. Einer der großen Erfolge der Bewegung ist die Identifizierung von 138 Kindern, die ihren Eltern während der Diktatur gewaltsam entzogen wurden. Ihr Symbol, das weiße Kopftuch, kennt in Argentinien jede:r. Es steht für die juristische Aufarbeitung der Verbrechen und die Verteidigung universeller Menschenrechte – und für den Respekt gegenüber Müttern, Großmüttern und Weiblichkeit im Allgemeinen.
Norita unterschied sich von anderen Aktivistinnen der Mütter des Plaza de Mayo durch ihren Optimismus und ihre Zuversicht, dass Widerstand nicht bitter sein muss, sondern vor allem Durchhaltevermögen braucht. Ihr rebellisches Lächeln war ihre Waffe gegen Grausamkeit und prägte die Geschichte der Gruppe wesentlich.
Seit 50 Jahren kämpfen die Mütter des Plaza de Mayo bereits für die Öffnung der Archive. Seit 50 Jahren suchen sie nach Kindern und Enkelkindern. Seit 50 Jahren versammeln sie sich jeden Donnerstag vor dem rosa Präsident:innenpalast in Buenos Aires, um mit Fotos und dem Vorlesen von Namen an die Verschwundenen zu erinnern. Norita war bis zu ihrem Tod fast immer dabei. Zwischen Gustavos Verschwinden und ihrem Tod waren es 2.457 Donnerstage.
Repression kehrt zurück
Die neuesten politischen Entwicklungen in Argentinien verfolgte sie mit Unverständnis. „Wie konnte das Volk dieses Monster wählen?“, fragte sie bei unserem Gespräch kurz nach Amtsantritt des rechtslibertären Javier Milei, in dessen Regierung mehrere Sympathisanten der Militärjunta sitzen. Bereits im Wahlkampf 2023 hatte der selbsternannte Anarchokapitalist die Verbrechen der Diktatur gerechtfertigt, die zwischen 1976 und 1983 etwa 30.000 politische Gegner*innen entführte, folterte, tötete und aus Helikoptern ins Meer warf, sodass die meisten Körper nie wieder auftauchten.
Dass Milei diese Gräuel relativiert, war für Norita ein klarer Beweis für seine Nähe zur Autokratie. „Alles, was er macht, geht gegen das Volk“, sagte sie und warnte vor gesellschaftlicher Spaltung, Verrohung der Kommunikation und exekutiver Gewalt. Bei unserem Treffen war Javier Milei erst zwei Monate im Amt, doch die 93-jährige befürchtete damals schon: „Jetzt fängt die Repression wieder an.“ Und fügte mit geballter linker Faust hinzu: „Dagegen muss gekämpft werden.“

50 Jahre Militärputsch und Widerstand
Seit Mileis Amtsantritt 2024 kommt es in Argentinien tatsächlich zunehmend zu Repressionen und Gewalt gegen demonstrierende Bürger:innen. Spezialisierte Polizeieinheiten gehen, angespornt durch reformierte Sicherheitsgesetze, mit Gummigeschossen, Tränengas und Schlagstöcken gegen den sozialen Protest vor. Regelmäßig werden Rentner:innen verletzt, die gegen Kürzungen protestieren, den Fotografen Pablo Grillo traf ein Gummigeschoss lebensbedrohlich am Kopf. Die Menschenrechtsorganisation „Amnesty International“ warnt vor einem „akuten und rasanten Rückgang der Menschenrechte in Argentinien“.
Milei lasse die Gewalt eskalieren, um die Leute einzuschüchtern, erklärt Norita. Sie hatte das während und nach der Diktatur alles schon einmal erlebt. „Meine größte Angst ist, dass sich die Vergangenheit wiederholt.“ Ihre Sorge wirkte nicht hoffnungslos, sondern wie ein Bewusstsein darüber, was Widerstand kosten kann. Sie erzählte stolz von den Errungenschaften des sozialen Protests, die Demokratie in Argentinien sei nicht durch Militär, Kirche oder Politiker*innen zurückgewonnen worden – ihr Fazit: „Das waren wir.“
Norita hielt im Alter einen gewissen Abstand zur Tagespolitik und hatte einen fast spirituellen Kampfgeist entwickelt. Mühelos lenkte sie das Gespräch auf die Pflanzen in ihrem Garten, schwärmte von saftigen Blättern und den roten Blüten des Nationalbaums Seibo, dessen Kraft auch den Plaza de Mayo zu einem magischen Ort mache.
Demokratie und Menschenrechte kommen wieder
Aus ihrem Garten verfolgte Norita die Rückkehr brutaler Polizeigewalt unter Mileis Sicherheitsministerium, das anhaltende Verschwinden von Personen in Polizeigewahrsam und den immer tiefer werdenden Riss in der Gesellschaft. Die innere Aufruhr merkte man ihr von außen kaum an, wenn sie über den Staatsterror sprach. Als sie emotional wurde, klammerte sie sich kurz an ihren japanischen Gehstock mit elfenbeinfarbener Blumenverzierung, schaute in die Ferne und sprach unverändert weiter.
Auch wenn ihr die politische Lage in Argentinien kurz vor ihrem Tod große Sorgen bereitete, betrachtete sie tagespolitische Entwicklungen im Kontext historischer sozialer Kämpfe. Sie lebe in der Gewissheit, dass auch Javier Mileis Amtszeit vorbei gehe. Sie glaubte an den Volkswiderstand und die Wehrhaftigkeit von Argentiniens Demokratie. Und sie glaubte daran, dass auch die nächste Generation für Demokratie und Menschenrechte einstehen werde.
„Wir haben jetzt die Verantwortung dafür, dass junge Menschen ihren Wert verstehen und sie verteidigen.“ Trotz ihres hohen Alters nahm Norita bis zuletzt an Protestmärschen und Gedenkveranstaltungen teil. „Wir machen weiter, solange es die Gesundheit erlaubt, ich bin noch nicht bereit für den Tod“, so Norita bei unserem Treffen im Februar 2024. Ihr letzter großer Auftritt war kurz danach, zum Jahrestag des Militärputsches am 24. März. Am 30. Mai 2024 starb sie im Alter von 94 Jahren.
Rebellisches Lächeln
Die Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Militärputsches 2026, an dem Hunderttausende die Straßen in Buenos Aires füllten und in Sprechchören „Las madres de la plaza, el pueblo las abraza“, zu Deutsch „Das Volk umarmt die Mütter des Platzes“, skandierten, erlebte Norita nicht mehr. Doch schon vor ihrem Tod wusste sie, dass zahlreiche Töchter, Schwestern und Tanten ihren Kampf weiterführen werden.
Bei unserem Treffen saß sie in ihrem Garten im Vorstadtviertel Castelar del Norte und trank Kaffee. Sie war frisiert, trug roséfarbenen Lippenstift und Perlenohrringe, ihre Nägel waren beige lackiert. Als eine junge Nachbarin vorsichtig durchs Gartentor schaute und sagte: „Ich liebe dich von ganzem Herzen“, richtete sich Norita auf und lächelte sie rebellisch an. Sie war derartige Bewunderung gewohnt. Und gleichzeitig gab ihr die Unterstützung junger Menschen Kraft – bis zum Schluss.
















