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Raus aus dem Abseits
Über feministischen Fußball in Argentinien

8. Juli 2026 | Von Laura May | 11 Minuten Lesezeit
Fußball in Argentinien ist für viele der jungen Menschen Lebenselixir. Foto: Gerónimo Molina / Sub.Coop

InFußball ist in Argentinien weit mehr als Maradona, Messi und der WM-Titel der Männer. Er ist Leidenschaft, Identität und sozialer Kitt — auch für jene, die lange im Abseits standen, wie ein Besuch bei einem feministischen Fußballclub im größten Armutsviertel von Buenos Aires zeigt.

 

Zusammenfassung:

In Kanada kämpft Sandra DeLaronde mit einem indigenen Kollektiv für In einem der größten Armenviertel von Buenos Aires gibt es seit 2007 einen feministischen Fußballclub. Als Sportprojekt gegen Gewalt und Diskriminierung finanziert sich der Verein heute trotz staatlicher Sparpolitik durch globale Netzwerke. Eine Reportage über Mitbegründerin Monica Santino, den sozialen Wert von Fußball und die weltpolitische Manipulation des Sports.

 

Von Laura May, Buenos Aires

Der Fußballplatz liegt zwischen schuhschachtelartig gestapelten bunten Wohnungen. Die Wandgemälde vor dem Eingang zeigen die argentinischen Fußballweltmeister Mario Kempes, Diego Maradona und Lionel Messi, die gemeinsam einen goldenen Pokal halten. Auf der Wand daneben sind die linkspopulistischen Sozialikonen Evita Perón und Nestor Kirchner abgebildet. 

In der Villa 31, einem der größten informellen Viertel von Buenos Aires mit mehr als 40.000 Menschen, erfüllt das grüne Viereck weit mehr als eine sportliche Funktion. Es ist ein Freiraum, sozialer Treffpunkt, Luft zum Atmen und Flucht aus dem Alltag.

Gerade trainieren Mädchen des feministischen Fußballclubs „La Nuestra“, zu Deutsch „Die Unsere“. Der Club mit 11 Trainer:innen und rund 150 Spieler:innen hat heute einen festen Platz im argentinischen Frauenfußball. Unter dem Motto „Ich stehe auf dem Spielfeld wie im Leben“ setzt sich der Club seit 2007 für die Rechte der LGBTQI-Community im ältesten Arbeiter:innenviertel der Stadt ein. 

Training von „La Nuestra“. I Foto: Gerónimo Molina / Sub.Coop

Fußball als mächtige Waffe     

„Trainieren war unser Weg zur Freiheit“, sagt Monica Santino, Mitbegründerin von „La Nuestra“. Als sie den Club 2007 aufbaute, mussten sich die Frauen des Viertels den Platz auch mit Schlägereien erkämpfen. Santino nennt das – Zitat – „Straßenkodex“. Die begehrten Fußballplätze im Viertel waren den Männern vorbehalten. Das hat Santino gemeinsam mit den Frauen der Villa 31 geändert. Sie haben gemeinsam die Macht über ihre Körper gewonnen, erzählt sie.

Fußball sei eine mächtige Waffe gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Die 61-jährige lesbische Aktivistin engagiert sich seit Jahrzehnten gegen Klassen- und Geschlechterdiskriminierung. Aufgewachsen in einem Migrant:innenviertel im Norden der Stadt, hat sie in den 1970er Jahren auf geteerten Straßen mit den Jungs aus der Nachbarschaft Fußball spielen gelernt. Frauenfußball existierte damals nicht. 

Santino ist heute eine zentrale Figur im argentinischen Frauenfußball. Wenn sie über dessen Geschichte spricht, rattert sie Jahreszahlen runter, als würde sie jemanden auf eine Geschichtsklausur vorbereiten. Sie macht klar: In den vergangenen Jahrzehnten hat sich einiges getan in Sachen Fußball und Emanzipation.

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Bei der ersten Frauenfußball-WM 1971 in Mexiko, die der Weltfußballverband, die FIFA, nie offiziell anerkannte, habe die argentinische Nationalmannschaft auf der Straße singen müssen, um die Reise zu bezahlen – derart unterfinanziert war argentinischer Frauenfußball. Sie selbst spielte erstmals 1986 in einem reinen Frauenteam des Clubs River Plate in Buenos Aires.

1989 pausierte sie ihre Fußballkarriere vorübergehend, um sich ganz dem Kampf für die Rechte Homosexueller zu widmen. „Der Aktivismus hat mich damals eingesaugt“, erinnert sie sich. Als sie 1996 zum Profifußball zurückkehrte, hatte der argentinische Fußballverband AFA bereits seit fünf Jahren eine Frauenfußballliga, in der Santino als zentrale Mittelfeldspielerin bis 1999 antrat – paradoxerweise für einen Club mit dem Namen „All Boys“.

Es sei eine große Ehre gewesen, für den Verband zu spielen. Doch im nächsten Atemzug beginnt ihre Kritik an der globalen Fußballmaschinerie und der FIFA. Russland, Katar, USA: Man sehe, wo der Sport in den letzten Jahren hindrifte. Doch die WM boykottieren? Nicht so einfach.

Maradona hatte politischen Standpunkt

Trotz Kritik an Profitinteressen, FIFA-Korruption und Geldmaschine sitze sie am Ende doch bei jedem WM-Spiel mit der Familie vor dem Fernseher. „Ich befinde mich die ganze Zeit in diesem Zwiespalt“, gibt sie zu. Früher sei auch der Männerfußball politischer gewesen, sagt sie, insbesondere in Argentinien.

Vor allem Maradona vermisse sie als Fußballikone, der sich im Gegensatz zu seinem Kollegen Lionel Messi auch zu sozialen Themen äußerte. Maradona kam aus armen Verhältnissen und wird immer wieder als Referenz herangezogen – etwa bei den wöchentlichen Rentenprotesten seit Amtsantritt des libertären Präsidenten Javier Milei. Maradona hatte 1992 gesagt: „Man muss schon ein richtiger Feigling sein, um die Rentner nicht zu verteidigen.“  

Wenn es nach Santino geht, sei Frauenfußball „rebellischer“. Und der Geschlechterkampf sei immer auch eine Klassenfrage, denn Frauen und Diversitäten sind besonders von Armut betroffen. Unter Mileis radikaler Sparpolitik bekommt „La Nuestra“ vom argentinischen Staat aktuell keinen Cent. Das zuvor zuständige Frauenministerium wurde genauso gestrichen wie das Kultur-, Arbeits- oder Bildungsministerium. Das Gute daran: Der feministische Fußballclub ist nicht abhängig von argentinischer Politik.

Über die Jahre konnte sich „La Nuestra“ die Finanzierung über globale Strukturen sichern, etwa über die Nichtregierungsorganisation „Discover Football“ aus Berlin, die EU-Initiative „Woman Win“ mit Sitz in den Niederlanden und privaten Spenden. 2015 ermöglichten diese feministischen Netze Santino und Spieler:innen aus der Villa 31 eine Reise nach Berlin zu einem internationalen Treffen.

Wenn sie davon erzählt, wird sie emotional: Es sei im wahrsten Sinne „Fußball ohne Grenzen“ gewesen: Frauen aus Afrika, Asien und Südamerika spielten gemeinsam. Die gemeinsame Sprache sei der Ball gewesen. Dass sich diese sozialen Netze über die Jahre festigen, macht Santino glücklich.

Wandgemälde der argentinischen Fußballweltmeister Mario Kempes, Diego Maradona und Lionel Messi und den linkspopulistischen Sozialikonen Evita Perón und Nestor Kirchner (v.l.n.r). I Foto: Laura May

Nationalspielerin aus Armenviertel      

Sie selbst ist heute im sogenannten Establishment angekommen und sitzt seit 2018 als Beraterin der Linkspopulisten im Stadtparlament. „Von unten hinauf wird die Gesellschaft langsam gleicher“, ist Santino sicher. Eine ihrer Errungenschaften ist die 50:50-Regelung zu einer Frauenquote in Sportvereinen. Als erste Frau im Fußball wurde sie von der Stadt Buenos Aires als „Herausragende Persönlichkeit des Sports“ geehrt.

Sie ist zufrieden mit der Entwicklung des Frauenfußballs in ihrem Land und ihrem Baby „La Nuestra“, wie sie es nennt. Die Mädchen, die 2007 die ersten Schüler:innen waren, sind heute Trainer:innen. Der Verein steht auf einer soliden Basis. Santino hat den Club Ende vergangenen Jahres verlassen. Jetzt sei die Zeit der Jüngeren. Vier der elf Trainer:innen leben selbst in der Villa 31 und kennen den Alltag ihrer Schüler:innen. Sie hätten sich den Platz hart erkämpft und würden diesen auch verteidigen. 

Der zentrale Trainingsplatz von „La Nuestra“ in der Villa 31. I Foto: Laura May

Klarer sozialer Wert des Clubs

Ohnehin würde die Stellung von „La Nuestra“ heute nur noch von wenigen infrage gestellt. Zu eindeutig ist der soziale Wert des Clubs. Alle Angebote sind gratis und an die Bedürfnisse der Frauen im Viertel angepasst. So trainieren etwa immer drei Teams zur selben Zeit, sodass Mütter gleichzeitig mit ihren Töchtern spielen können und die Betreuungsfrage geklärt ist. Für viele der Mädchen aus der Villa 31 sind die Trainer:innen auch Anlaufstelle für Alltagsprobleme.

Sie hören zu, umarmen und trösten und vermitteln bei Bedarf an staatliche Hilfsangebote. Das Training zweimal die Woche ist für viele ein Moment zum Durchatmen von einem Alltag an einem Wohnort, den die meisten nur aus der Skandalpresse kennen und vor dessen Eingängen schwer bewaffnete Polizist:innen patrouillieren. Früher waren laut Santino die meisten Männer dagegen, dass Frauen Fußball spielen, doch auch sie erkennen inzwischen den Wert von „La Nuestra“ – und Frauenfußball im Allgemeinen.

Laut einem Bericht von „El Feminino“, dem größten Medium für Frauenfußball in Argentinien, spielte 2025 jede vierte argentinische Frau Fußball. Das sportliche Niveau stieg in den vergangenen 20 Jahren rasant an. Auch die Teams von „La Nuestra“ spielen inzwischen auf hohem Niveau – mit Lorena Benítez ging sogar eine Nationalspielerin aus der Villa 31 hervor.

„Heute bringen Väter ihre Töchter schon im Trikot zum Training“, sagt Santino. Auch an diesem Tag schaut ein junger Vater durch das Gitter, das den Platz umzäunt. Er ist dürr, trägt kaputte Kleidung und fragt schüchtern bis ehrfürchtig nach einem Trainingsplatz für seine fünfjährige Tochter.

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Von Laura May, Buenos Aires

Laura May berichtet als freie Autorin über Argentiniens Anarchokapitalisten Javier Milei, geopolitische Machtspielchen auf der ganzen Welt und soziale Bewegungen, die diesen entgegentreten. In ihrer Arbeit für Print und Online rückt sie gerne Stimmen in den Vordergrund, die sonst wenig Gehör finden. Sie ist überzeugt, dass übersehene Details und genuschelte Nebensätze oft die großen Geschichten erzählen.

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