In Kanada kämpft ein indigenes Kollektiv für die Umsetzung des „Red Dress Alert“ – ein Alarmsystem, das beim Verschwinden indigener Frauen die Bevölkerung informiert. Wie soll so ein System aussehen – und warum ist es überhaupt notwendig? Ein Blick auf die Krise der Gewalt an indigenen Frauen.
Zusammenfassung:
In Kanada kämpft Sandra DeLaronde mit einem indigenen Kollektiv für den „Red Dress Alert“: ein Warnsystem für vermisste indigene Frauen, Mädchen und queere Menschen. Es soll Leben retten, Betroffene stärken und staatliches Versagen sichtbar machen – als Schritt gegen eine Gewaltkrise, die tief im Kolonialismus verwurzelt ist.
Von Annika Bremicker, Québec
Ein lauter Alarm schrillt aus dem Handy, auf dem Bildschirm erscheint ein Appell zur Wachsamkeit – in Kanada ein Zeichen dafür, dass ein Kind entführt wurde. Der sogenannte „Amber Alert“ fordert die Bevölkerung per Handymitteilung auf, mit Ausschau zu halten. Das Warnsystem wurde 1996 nach der Entführung der neunjährigen Amber Hagermann ins Leben gerufen und ist seit mehr als 20 Jahren auch in Kanada etabliert.
In der kanadischen Provinz Manitoba könnte bald ein zusätzlicher Alarm dieser Art eingeführt werden: der „Red Dress Alert“, ausgelöst beim Verschwinden indigener Frauen, Mädchen und geschlechtsdiverser Personen. Das Projekt ist nach den roten Kleidern benannt, die in Kanada Symbol für vermisste und ermordete indigene Frauen sind. Sandra DeLaronde ist Vorsitzende des Kollektivs „Giganawenimaanaanig“, das den Entwurf für einen solchen Alarm entwickelt hat.
Sie kennt die Dringlichkeit der Lage: Wie die anderen im Team gehört sie selbst einer indigenen Gemeinschaft an; seit Jahrzehnten engagiert sie sich für die Sicherheit indigener Frauen. Der „Red Dress Alert“ habe ein klares Ziel, so Sandra DeLaronde: Leben retten, und zwar möglichst viele. „Aber schon eine Senkung der Zahl von Tötungsdelikten an indigenen Frauen auf das gleiche Niveau wie im Rest Kanadas – das wäre ein guter Start.“ Denn in Kanada trifft Gewalt indigene Frauen in einem unverhältnismäßigen Ausmaß.

Eine nationale Krise der Gewalt
Indigene Menschen machen nur knapp fünf Prozent der kanadischen Bevölkerung aus. Doch jüngeren Berichten zufolge sind rund die Hälfte der erfassten Opfer von Menschenhandel im Land indigene Frauen und Mädchen. Auch in anderen Gewaltstatistiken sind diese überrepräsentiert: Die Tötungsrate indigener Frauen und Mädchen ist etwa sechsmal höher als die von nicht-indigenen.
Manitoba, jene Provinz im Landesinneren, für die „Giganawenimaanaanig“ den Alarm-Entwurf entwickelt hat, gilt als besonders betroffen. „Es ist eine Provinz mit wenig Bevölkerung, da wird jeder Verlust in den Gemeinschaften spürbar“, berichtet DeLaronde. Aber die Morde und Vermisstenfälle ziehen sich durch ganz Kanada.
Hin und wieder erlangt das Thema mediale Aufmerksamkeit. Etwa als 2022 mehrere indigene Frauen in Winnipeg von einem Serienmörder getötet und ihre Leichen Jahre später auf einer Mülldeponie gefunden werden. Oder der „Highway of Tears“, eine berüchtigte Straße im Westen Kanadas, mit vielen ungelösten Fällen vermisster und ermordeter indigener Frauen.
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Newsletter abonnierenDie meisten Fälle hingegen finden wenig mediale Beachtung, zahlreiche wurden nie aufgeklärt. Seit vielen Jahren verurteilen internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen die kanadische Regierung für ihr unzureichendes Handeln gegen diese Krise.
Als der ehemalige Premierminister Justin Trudeau 2015 sein Amt antrat, lag kurzweilig Hoffnung in der Luft. Trudeau versprach Aufklärung: Es brauche „eine grundlegende Erneuerung der Beziehungen zwischen Kanada und den First Nations“. Und er ordnete die Umsetzung einer lange geforderten, nationalen Untersuchung zu vermissten und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen an.
2019 kam diese unabhängige Untersuchung zu dem offiziellen Schluss: die Gewalt gegen indigene Frauen ist eine Krise nationalen Ausmaßes. Mehr noch, das Untersuchungskomitee diagnostizierte einen Genozid an der indigenen Bevölkerung, der Frauen, Mädchen und geschlechtsdiverse Menschen besonders schwer treffe.

Im Kolonialismus verankerte Verwundbarkeit
Der mehr als 1.000 Seiten umfassende Untersuchungsbericht macht deutlich: Eine einzelne Ursache für die Gewalt gibt es nicht. Vielmehr habe der Kolonialismus die Voraussetzungen für diese Krise geschaffen. Ein Beispiel der kanadischen Kolonialpolitik sind die sogenannten „Residential Schools“: Über ein Jahrhundert lang wurden indigene Kinder ihren Familien entrissen, um ihnen ihre Kultur zu entfremden und ihnen etwa das Sprechen ihrer Sprache zu verbieten.
Überlebende berichteten von Gewalt und sexueller Misshandlung. Tausende Kinder starben an den Folgen der Vernachlässigung und schlechten Lebensbedingungen, häufig an Krankheiten wie Tuberkulose. 2021 erregte die Entdeckung zahlreicher Massengräber dieser Internate auch in deutschen Medien Aufmerksamkeit. Das hier entstandene kollektive Trauma wirkt bis heute in vielen indigenen Familien nach.
Die Internate sind nur ein Bestandteil des umfassenden Systems der Kolonialisierung, dessen rechtliche und institutionelle Strukturen bis heute zur Marginalisierung indigener Frauen beitragen, gibt der Bericht an. Daraus entstandene Armut, eingeschränkter Zugang zu Bildung und prekäre Wohnverhältnisse machen indigene Frauen zum Beispiel verwundbarer.
Hinzu kommt mangelnder Schutz durch Polizei und Justiz, beschreibt der Bericht und kritisiert zudem die fehlende Einbindung von Lösungen aus den indigenen Gemeinden. „Trotz ihrer unterschiedlichen Umstände und Hintergründe sind alle Vermissten und Ermordeten durch wirtschaftliche, soziale und politische Marginalisierung, Rassismus und Misogynie verbunden, die in das Gefüge der kanadischen Gesellschaft eingewoben sind“, fasste die Vorsitzende der Untersuchungskommission, Marion Buller, die Situation bei der Abschlusszeremonie der Kommission zusammen.
Die Untersuchung gilt als bedeutender Schritt der Aufarbeitung. Es folgten ein nationaler Aktionsplan, einige Reformansätze. Aber Hinweise auf eine Verbesserung der Lage gibt es heute – sieben Jahre nach der Veröffentlichung – keine. „Es verschlägt mir die Sprache, dass wir die Belege haben, das Problem täglich sehen – und trotzdem nicht gehandelt wird“, sagt DeLaronde. Weil die Systeme keine Antwort hätten, sei sie zu ihren Gemeinschaften gegangen, um Lösungen zu finden.
Ein Projekt von und für die indigene Bevölkerung
Als die Regierungen Kanadas und Manitobas 2024 unter anhaltendem Druck Mittel für die Entwicklung des „Red Dress Alert“ Pilotprojekts bereitstellen, beginnt ein intensiver Dialog. Knapp ein Jahr lang führt das Komitee „Giganawenimaanaanig“ Gespräche mit Organisationen, Expert:innen, der Polizei sowie betroffenen Familien und Überlebenden von Gewalt, bevor es Ende 2025 einen Entwurf für das System vorschlägt.
„Das Besondere an dem so entwickelten Ansatz ist: Er basiert auf indigenen, kulturellen Werten“, so Sandra DeLaronde. Auch in der Praxis soll das Projekt indigen geleitet sein und so kulturelle Kompetenz und traumasensible Betreuung ermöglichen, etwa bei der Aufnahme von Vermisstenmeldungen. Denn der Polizei, bei Vermisstenanzeigen gewöhnlich die erste Anlaufstelle, begegnen viele indigene Menschen mit Misstrauen, berichten von Diskriminierung und Abweisung bei der Meldung verschwundener Angehöriger.
Damit der Alarm auch in abgelegenen Gebieten funktioniert, sind verschiedene Kommunikationskanäle wichtig: Neben Warnmeldungen auf dem Handy setzt der „Red Dress Alert“ auch auf Mundpropaganda oder soziale Netzwerke, sowie die Nutzung indigener Sprachen. Über das Aufnehmen von Vermisstenfällen und Informieren der Bevölkerung hinaus soll die Initiative Betroffene langfristig unterstützen, sei es bei der Suche nach einer Unterkunft oder Therapie. Es solle den Menschen helfen, sich von der Opferrolle zu einer Position der Stärke zu entwickeln.
Für Sandra DeLaronde könnte dieses Pilotprojekt ein Modell für ganz Kanada sein. Manitoba sei geographisch so vielfältig, dass die hier entwickelten Lösungen auch auf andere Regionen übertragbar sein sollten. Denn ein solches System muss dem weitläufigen Kanada gewachsen sein, auf weiten Ebenen, an Küsten sowie an Orten ohne Empfang funktionieren.
Ein nationales Alarmsystem könnte die Suche nach Opfern erleichtern, die in andere Provinzen verschleppt wurden. Doch bevor sich den Herausforderungen eines landesweiten Alarms gewidmet wird, gilt es den Entwurf in Manitoba in die Praxis umzusetzen – denn die Zukunft des Projektes steht hier noch auf unsicheren Beinen.
Eine Umsetzung des Alarms – „whatever it takes“
In seinem Abschlussbericht betont das Kollektiv „Giganawenimaanaanig“: Die Realisierung des vorgeschlagenen Konzeptes hängt von der fortlaufenden Unterstützung der Regierung ab. Im Frühjahr 2026 ist diese zunächst ungewiss. Der Initiative fehlt eine Zusage langfristiger Finanzierung, die über die reine Entwurfsphase hinausgeht.
Angesichts des nationalen Notstandes wäre es eine Schande, wenn der „Red Dress Alert“ allein durch Spenden finanziert werden müsste, betont DeLaronde. Aber letztendlich würden sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Sicherheit der indigenen Menschen zu verbessern: „Wenn das bedeuten sollte, dass wir einen Kuchenverkauf veranstalten müssen, um das Geld selbst aufzubringen,“ lacht sie bitter, „dann werden wir das eben tun, gemäß dem Motto ‚whatever it takes‘.“
Doch am 5. Mai 2026 können die Verfechter des „Red Dress Alerts“ zumindest fürs erste Aufatmen: Zum nationalen Gedenktag verschwundener und ermordeter indigener Frauen verkündet Kanadas Regierung eine Förderung von 300.000 kanadischen Dollar, um die Einführung des Systems voranzutreiben – die Umsetzung rückt einen Schritt näher.
Trotz des oft langwierigen Kampfes gegen die Gewalt bleibt DeLaronde entschlossen. Für den „Red Dress Alert“, sowie für das große Ganze, das dahintersteht: der 2019 benannte Genozid, der noch immer in den Systemen verankert sei, sowie die Menschenrechte indigener Frauen die in der Gesetzgebung nicht ausreichend berücksichtigt seien. „Das ist nichts, was erst in den letzten 20 Jahren passiert ist. Das ist so alt wie das Land. Und das werden wir nicht über Nacht beheben können – aber wir müssen unser Bestes tun, um anzufangen.“
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