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Patienten aus Papier
Über die kunstvolle Restaurierung von alten Büchern

29. Juli 2026 | Von Heike Papenfuss | 11 Minuten Lesezeit
Brüchige Seiten, große Geschichte: Bücher wie dieses vertraut Paloma Sánchez ihre Hände an. Alle Fotos: Heike Papenfuss

Am Anfang stand die Liebe zum Lesen und zu den Büchern. Heute ist Paloma Sánchez eine der herausragendsten Restauratorinnen von Büchern und Dokumenten in Spanien. Ihr Geheimrezept: Geduld, Ruhe und Ausdauer.

 

Zusammenfassung:

Mit Präzision und großer Leidenschaft restauriert Paloma Sánchez in Valencia wertvolle Bücher, Dokumente und Grafiken. Die ehemalige Keramikerin arbeitete unter anderem für den Prado und an Werken aus der Anna-Amalia-Bibliothek. Seit 1996 bewahrt sie beschädigtes Kulturgut vor dem Verfall – in einer Branche, in der Frauen trotz ihrer Expertise oft weniger sichtbar sind.

 

Heike Papenfuss, Valencia

Konzentriert sitzt Paloma Sánchez über einem Buch und reinigt Seite für Seite mit einem trockenem Schwamm. Sie entfernt damit den Schmutz und Staub, der sich über die Jahre in diesem Buch angesammelt hat, das in einem Regal in einer Bibliothek in Wasserburg stand. Liebevoll und vorsichtig blättert sie die dünnen, brüchigen Seiten um. Auf dem Tisch neben ihr liegen weitere Bücher, die noch zu bearbeiten sind.

„Das sind unsere Patienten“, sagt sie und lacht, „das ist der Wartesaal. Wenn sie dran sind, werden sie behandelt und später gesund entlassen.“ Paloma Sánchez arbeitet seit 1996 in ihrer Werkstatt mitten in Valencia. Schon als Jugendliche las sie viel und schon damals gehörten Bücher zu ihrem Leben. Bevor sie aber Buchrestauratorin wurde, machte sie eine Ausbildung zur Keramikerin. Paloma Sánchez kommt aus Talavera de la Reina.

Paloma Sanchez in ihrer Werkstatt.

Die Stadt, etwa 80 km von Toledo entfernt, ist bekannt für die Herstellung von Keramik, die noch heute den traditionellen Verfahren aus dem 16 Jahrhundert ähnelt und deshalb als Weltkulturerbe von der UNESCO ausgezeichnet wurde. Sánchez durchlief ihre Ausbildung an der Fachhochschule für Konservierung und Restaurierung von Kulturgütern in Madrid, wo sie auf die Spezialisierung für Restauration von Büchern und Dokumenten stieß. Eine Arbeit, die sie faszinierte und so wechselte sie das Metier.

Nach einigen Jahren in Madrid, wo sie vor allem Kurse in Buchbinden gab, zog sie zusammen mit ihrem Mann nach Valencia. Bald bekam sie hier erste Aufträge, etwa für das Museum der schönen Künste. Später restaurierte sie Bücher, Dokumente und Grafiken für eine Ausstellung zur Kirchengeschichte der Autonomen Gemeinschaft Valencia. Auch für das Museo del Prado in Madrid arbeitete sie.

Ohne Geduld und Ausdauer geht es nicht

Dann kam die Wirtschaftskrise in Spanien und die Restauratorin hatte in der Folge wenig Arbeit. „Da haben wir überlegt, ob wir nicht auf dem deutschen Markt aktiv werden könnten“, erzählt sie. Ein naheliegender Gedanke, denn ihr Mann und Geschäftspartner Christian Priebe ist gebürtiger Deutscher. Tatsächlich hatten sie Erfolg: Das historische Stadtmuseum in Wasserburg beauftragte sie mit der Restaurierung von theologischen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Büchern aus dem 15. und 16. Jahrhundert sowie Werken aus dem 20. Jahrhundert.

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Mit dem Auto nach Wasserburg

Ein riesiger Aufwand, wie sich Paloma Sánchez noch heute erinnert. Sie fuhren mit dem Auto nach Wasserburg und machten vor Ort eine Bestandsaufnahme, wählten die Bücher aus, die am schwersten beschädigt waren. Mit 150 Exemplaren fuhren sie zurück nach Valencia. Nach der Restaurierung brachten sie die Bücher wieder zurück nach Wasserburg – jedes Buch einzeln verpackt.

„Heute haben wir fertige Aufbewahrungsboxen für die Bücher. Damals mussten wir jedes einzelne Buch ausmessen und extra eine Box dafür herstellen. Das war eine Heidenarbeit“, berichtet sie. Die Reinigung des Buches hat sie inzwischen abgeschlossen. Sie nimmt das nächste Buch in die Hand und prüft, was zu tun ist. Die Ecken der Seiten sind ausgefranst und müssen wieder vervollständigt werden.

Sie legt einen Schutz unter die erste Seite, dann ergänzt sie die Ecke mit einem Stück Papier, das sie vorsichtig verleimt. Wenn es getrocknet ist, wird es passgenau zugeschnitten. Fingerspitzengefühl ist für diese Arbeit nötig und – Zitat – „Geduld, Ruhe und Ausdauer“. Paloma Sánchez ist in Spanien nicht die einzige Frau in diesem Metier. Aber wie so oft, stehen auch in dieser Branche vor allem die männlichen Kollegen im Fokus der meist auch männlichen Auftraggeber, berichtet sie achselzuckend.

Bücher aus der Anna-Amalia-Bibliothek

In ihrer Werkstatt restauriert sie nicht nur Bücher. Auch Plakate und Drucke werden bearbeitet, Feuchtigkeitsflecken, Risse, Knicke repariert und Farben aufgefrischt. Die Auftraggeber*Innen sind Privatpersonen, Archive und Museen – immer wieder auch aus Deutschland. So war sie als eine von 20 Restaurator*innen in ganz Europa an der Wiederherstellung von Büchern und Dokumenten aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar beteiligt. Ein Feuer hatte große Teile der weltbekannten Bibliothek 2004 zerstört.

Paloma Sánchez und ihr Mann holten 104 ledergebundene Bücher mit Hitze- und Wasserschäden nach Valencia. Für die Restaurierung nutzte sie das sogenannte Weimar-Papier, ein handgefertigtes Büttenpapier, das extra für diese Arbeiten hergestellt wurde, damit die europaweit tätigen Restaurator:innen das gleiche Material nutzen. Grundsätzlich ist für die Restaurierung von Büchern und Dokumenten die Qualität des Papiers ausschlaggebend.

So arbeitet sie mit dem sogenannten Japanpapier, das handgeschöpft ist, farblich zu den alten Seiten der Bücher passt, besonders lange Fasern hat und alterungsbeständig ist. Seiten säubern, Seiten vervollständigen, die Bindung neu nähen, den Umschlag reparieren: die Arbeiten an den alten Büchern sind vielfältig. Wenn ein Arbeitsschritt ausgeführt ist, muss das Buch trocknen oder einfach ruhen und Paloma Sánchez arbeitet an einem anderen Objekt weiter. Je nach Aufwand dauert es mindestens eine Woche und auch deutlich länger, bis ein Buch fertig ist.

Seit sie ihre Werkstatt in Valencia eröffnet hat, gingen viele schöne und kostbare Werke durch ihre Hände. An einen ihrer ersten Aufträge erinnert sich Paloma Sánchez besonders gerne: „Ein Album mit Autogrammen von Künstlern, Musikern und Schriftstellern aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Eine Dame hatte sie gesammelt und liebevoll eingeklebt. Schon das Buch an sich war ein Schmuckstück, in Leder gebunden und vorne auf dem Titel ein Bronzerelief.“ Begeistert erzählt sie von diesem früheren „Patienten“, den sie nach der Behandlung geheilt entließ. 

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Von Heike Papenfuss, Valencia / München

Heike Papenfuss ist freie Journalistin und Autorin. Sie arbeitete für Print, Radio und TV. Für das Bayerische Fernsehen realisierte sie Reportagen und Dokumentarfilme. Sie ist (Mit-)Autorin unterschiedlicher Bücher, zuletzt „Neues Leben für alte Häuser“ (Hirmer 2023). Mit ihrem Medienbüro Heike Papenfuss hat sie sich auf Porträts interessanter Frauen spezialisiert. Neben dem Schreiben gehört ihre Leidenschaft Spanien und der spanischen Sprache.

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