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Lerne inspirierende Frauen weltweit kennen.

Den Kopf frei skaten
Mamas auf dem Skateboard

9. September 2026 | Von Marlene Jacobsen | 13 Minuten Lesezeit
Jess McCarthy ist Teil der „London Skate Mums“: Je älter sie wurde, desto weniger kümmerte sie sich darum, was andere denken. Alle Fotos: Marlene Jacobsen

Die Skateboardszene ist jung und männlich? Nicht in London. Hier erobert eine Gruppe von Müttern die Skateparks: die „London Skate Mums“. Sie zeigen, dass Skateboarden für alle ist – und sogar im Familienalltag entlasten kann.

 

Zusammenfassung:

Die „London Skate Mums“ zeigen, dass Skateboarden weder jung noch männlich sein muss. Mehr als 100 Mütter unterstützen sich beim Lernen, trotzen Rollenbildern und schaffen sich Freiräume im vollen Familienalltag. Auf dem Board finden sie Mut, Gemeinschaft und mentale Ruhe – und werden zugleich zu Vorbildern für ihre Kinder und andere Frauen.

 

Von Marlene Jacobsen, London

Jess McCarthy steigt auf ihr Skateboard und rollt konzentriert auf die Schräge zu. Sie geht in die Knie, lehnt sich nach vorne, fährt herunter – und fällt hin. Sofort steht sie wieder auf. Die Gruppe von Frauen, die oben wartet, bis sie an der Reihe sind, klopft ermutigend mit ihren Skateboards auf den Boden. Das Klackern des Holzes auf Beton ist eine Art Beifall in der Skate-Community. Jess McCarthy reiht sich wieder in die Schlange ein und analysiert ihren Sturz. „Ich habe mich zu weit nach vorne gelehnt“, sagt sie. „Aber macht nichts. Das Hinfallen gehört dazu.“

Auf ihrem Helm klebt ein Aufkleber mit der Aufschrift „London Skate Mums“. Der Name der Gruppe ist Programm: Sie alle sind Mütter, die Skateboard fahren. Die Jüngeren sind Anfang 30, die Ältesten über 60. Einige von ihnen sind schon vor der Geburt ihrer Kinder geskatet. Andere haben ihre Leidenschaft für den Sport erst im späten Erwachsenenalter, teilweise durch ihre Kinder, entdeckt.

Es ist Freitagvormittag. Bis auf die Mütter ist ihr Treffpunkt, ein bei Skater:innen beliebter Ort direkt an der Themse, noch leer. Heute ist ein Skate-Trainer dabei, der auf ihre Technik achtet und sie beim Lernen neuer Tricks unterstützt. Diese Kurse bieten die „London Skate Mums“ einmal im Monat an. Außerdem üben sie oft in einer kleinen Skatehalle mit Holzrampen, was ihnen gerade im verregneten Londoner Winter hilft, dranzubleiben.

Und jeden zweiten Mittwoch veranstalten sie einen Skate- und Kaffeevormittag, zu dem sie ihre Kleinkinder mitbringen können. Diese malen und basteln, während die Mütter in der Miniramp – einer niedrigen Halfpipe – hin- und herfahren, und bekommen im Anschluss ihren eigenen Skatekurs. Auch außerhalb der organisierten Treffen skaten die Mütter regelmäßig zusammen – meist ohne Kinder, um sich voll auf das Skaten zu konzentrieren.

Familienkram und To-Do-Listen sind bei den Skate-Treffen kein Thema unter den Müttern. Stattdessen reden sie darüber, welche Tricks sie gerade lernen.

Ein lang gehegter Wunsch

„Alle Mütter, die hierherkommen, opfern ihre Zeit und ihre Terminkalender dafür auf“, sagt Jess McCarthy. „Wir müssen vieles organisieren, um hier sein zu können, aber allein das zeigt, wie sehr wir das Skaten lieben.“ Ihre Kinder sind sechs und zehn Jahre alt und beide neurodivergent, weichen also in ihrem Denken und Verhalten von der Norm ab. Das nehme sie sehr in Anspruch, erzählt McCarthy. Sie selbst probierte das Skaten schon als Teenagerin aus, aber hörte wieder damit auf.

„Damals gab es kaum Mädchen, die skateten. Ich war unsicher und wollte mich nicht vor allen blamieren“, sagt die 36-Jährige. Carrie Skinner ging es ähnlich: Sie hätte gerne schon als Kind mit dem Skaten angefangen, aber traute sich nicht. Als ihr Vater verstarb, fasste sie einen Entschluss: „Ich dachte mir, das Leben ist zu kurz, um nicht das zu tun, was man wirklich machen will.“ Sie meldete die ganze Familie zu einem Skatekurs an – und hatte von allen am meisten Spaß.

Heute ist es den beiden egal, was andere denken. Sie trauen sich: für sich selbst und indirekt auch für ihre Kinder. Als 45-Jährige Skateboard zu fahren, heißt für Carrie Skinner auch, ein gutes Vorbild zu sein: „Ich will meinen Kindern zeigen, dass ich es kann. Und dass ich genau das tue, was ich liebe.“ Jess McCarthy fing wieder mit dem Skaten an, weil sie es ihren Kindern beibringen wollte. „Ich hoffe, das Skaten gibt ihr das Selbstvertrauen, das ich nicht hatte“, sagt sie.

Neben der Schräge, auf der die Mütter herunterfahren, hat sich eine kleine Menschentraube gebildet. Einige der Schaulustigen haben auf ihrem Spaziergang an der Themse angehalten, um Fotos und Videos von den Skaterinnen zu machen. Diese scheint das kein bisschen zu verunsichern. Sie fahren der Reihe nach und schauen dabei nur nach vorne.

Während sie darauf warten, dass sie dran sind, fachsimpeln die Frauen über die Eigenarten der Schräge. Sie wollen einen Riss umfahren, um nicht womöglich mit ihren Rollen darin hängen zu bleiben. Der Übergang zum Boden ist abrupt und uneben. Gerade diese Unregelmäßigkeiten geben dem in der britischen Skateszene legendären Ort seinen einzigartigen Charakter.

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Ein neues Kapitel der Londoner Skate-Geschichte

Wer heute am Südufer der Themse im Zentrum Londons durch das Kulturviertel Southbank spaziert, der hält die Stelle, wo an vollen Tagen dutzende Skater:innen umherwuseln, womöglich für einen offiziellen Skatepark. Ihr Treffpunkt – eine zu allen Seiten hin offene Unterführung unter einem Gebäudekomplex – mag zwar ursprünglich für Fußgänger:innen gebaut worden sein.

Doch die Southbank hat eine Geschichte unter Londoner Skateboarder:innen: Die ersten skaten dort schon in den 1970er Jahren, als es kaum andere Orte gab. Die Schrägen, Treppen und Kanten aus Beton bieten ihnen unzählige Möglichkeiten. Auch bei Regen ist die Unterführung ein verlässlicher Treffpunkt.

Über die Jahre entwickelt sich der Skatestil genauso wie die Form der Boards weiter. Und die Sicherheitskräfte des angrenzenden Kulturzentrums suchen immer neue Wege, die Skater:innen zu verscheuchen. Mehrmals steht die Unterführung kurz davor, endgültig gesperrt und umgebaut zu werden. 2013 startet die Skate-Community eine Petition und wird nach monatelanger Kampagne vom damaligen Londoner Bürgermeister Boris Johnson unterstützt. Southbank ist gerettet.

Während das Klackern von Skateboards durch die Unterführung hallt, läuft im Gebäude darüber eine Ausstellung über die 50-jährige Geschichte des Skatens an der Southbank. Die Sitzgelegenheiten im Ausstellungsraum sind geformt wie Rampen und Bänke in Skateparks. Verschiedene Dokumentationen stellen den Wandel der Skate-Community, ihrer Boards und Tricks über die Jahrzehnte dar.

Mädchen und Frauen kommen darin kaum vor – bis der Projektor die „London Skate Mums“ an die Wand wirft. Der Film zeigt die Mütter, wie sie mit und ohne ihre Kinder skaten, sich gegenseitig unterstützen und jubeln, wenn eine ihren Trick schafft. Und er zeigt: Nicht nur die Art zu skaten hat sich verändert, sondern auch wer es tut.

Jim Slater skatete 1978 an der Southbank London im Slalom. | Foto: Tim Leighton Boyce /The Read and Destroy Archive

Skaten jenseits von Stereotypen

Die Mütter haben sich in der Londoner Skate-Community einen Namen gemacht. „Wir skaten viel, selbst im Winter. Das ist Hardcore und so werden wir auch wahrgenommen“, sagt Esther Sayers. Sie ist von Anfang an bei den „London Skate Mums“ dabei. Die Gruppe formte sich während der Corona-Pandemie und hat seitdem ordentlich Zuwachs bekommen. Mittlerweile sind über 100 Mütter in ihrer WhatsApp-Gruppe, Tendenz steigend.

„Jedes Mal, wenn wir uns treffen, sehe ich neue Gesichter“, sagt die 56-Jährige. In den Londoner Skateparks habe sie sich immer willkommen gefühlt, erzählt Sayers. Ein bisschen anders sei es, wenn sie in anderen Teilen des Landes Skaten gehe. „Kleine Kinder schauen mich manchmal verblüfft an, so als würden sie denken: ‚Warum stehst du auf dem Board? Du siehst aus wie meine Mutter oder meine Lehrerin!‘ Für sie passt das nicht zusammen, weil es ihnen fremd ist.“

Es könne aber auch ein Vorteil sein, älter zu sein, findet Esther Sayers. Sie und weitere Mitglieder der „London Skate Mums“ engagieren sich bei verschiedenen Skate-Projekten. Sayers forscht an der Goldsmith Universität unter anderem zu den Lernerfahrungen von Frauen beim Skaten und setzt sich für den Ausbau eines Skateparks in ihrem Viertel ein.

Bei den Sitzungen mit Nachbar:innen und dem Bezirksrat könne sie ganz bestimmte Kompetenzen einbringen, erklärt Sayers. „Es ist sehr nützlich, dass ich älter bin, eine Mutter und Akademikerin. Ich entspreche nicht dem Stereotyp eines Skateboarders. Das kann bei Kampagnen total helfen.“

Carrie Skinner erfüllte sich vor drei Jahren den Traum, mit dem Skaten anzufangen.

Wenn das Gedankenkarussell stoppt

Zurück an der Southbank üben die Mütter, zwischen einer Säule und einer mit Graffiti besprühten Wand hindurchzufahren. Viel Platz haben sie dabei nicht, zumal sie eine kleine Pfütze umfahren müssen. Im richtigen Moment müssen sie sich zur Seite lehnen, um direkt hinter der Säule eine scharfe Kurve zu nehmen. Und Knie beugen nicht vergessen! Beim Skaten müssen die Mütter auf vieles gleichzeitig achten – für andere Gedanken bleibt kein Platz.

„Das liebe ich am Skaten!“, sagt Carrie Skinner strahlend. „Als Mutter ist dein Kopf ständig beschäftigt, weil du an so vieles denken musst: Müssen die Kinder zum Zahnarzt? Passen ihre Klamotten noch? Was koche ich zum Abendessen? Wenn ich skate, ist es ruhig in meinem Kopf. Das Einzige, woran ich denken kann, ist nicht hinzufallen.“

Die nächste Schwierigkeitsstufe: Die Mütter fahren in einer Schlange auf die Lücke zwischen Wand und Säule zu, mit wenig Abstand zueinander. Eine von ihnen verheddert sich und blockiert die Stelle; diejenigen hinter ihr springen schnell ab. Etwa die Hälfte der Gruppe trägt Helm und Schoner. Verletzungen könne man sich als Eltern nicht leisten, erklären die Mütter.

„Wenn ich die Einzige bin, die die Kinder abholen kann, denke ich mir: Was, wenn ich hinfalle? Dann kann ich nicht im Skatepark am Boden liegen“, sagt Jess McCarthy. So sehr diese Gedanken immer präsent sind, so sehr ist das Muttersein für McCarthy eine Erinnerung daran, was sie erreichen kann: „Wenn ich zwei Kinder zur Welt bringen kann, dann schaffe ich alles!“

Geburten, Terminkalender, knappe Me-Time: Die Mütter teilen viele Erfahrungen. „Das ist das Tolle an der Gruppe: Es sind alles Frauen in dergleichen Position wie man selbst. Wir verstehen und unterstützen uns“, so Carrie Skinner.

Allmählich füllt sich die Southbank mit anderen Skateboardern, ausschließlich jungen Männern. Nach einer Stunde ist das geleitete Skate-Training vorbei. Einige Mütter bleiben da und üben weiter. Andere müssen los, um ihre Kinder von der Schule abzuholen. Bevor sie aufbrechen, machen sie aus, wann und wo sie sich das nächste Mal zum Skaten treffen.

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Von Marlene Jacobsen, London

Marlene Jacobsen ist freie Journalistin in London. Seit sie 2018 zum Studium nach Großbritannien zog, ist sie in das Land verliebt. Sie studierte Politik und Nachhaltige Entwicklung und interessiert sich in ihrer journalistischen Arbeit für Inklusion, Umwelt und gesellschaftspolitische Themen. Nach einem Zwischenstopp in München an der Deutschen Journalistenschule wohnt sie nun wieder in London und arbeitet dort vor allem für das ZDF.

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