Nesibe Yücel ist Logopädin aus Karlsruhe mit dem Schwerpunkt Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern. Sie ist spezialisiert auf Mehrsprachigkeit und bietet logopädische Elternberatung an. Auch auf Instagram klärt sie Menschen zu dem Thema auf. Ihr Motto: Bloß keinen Druck ausüben.
Zusammenfassung:
Logopädin Nesibe Yücel ermutigt Familien, Mehrsprachigkeit ohne Druck zu leben. Entscheidend seien nicht starre Methoden oder die Zahl der Sprachen, sondern Freude, Alltagspraxis und emotionale Bindung. Kinder könnten von Geburt an mehrere Sprachen lernen – auch bei Sprachentwicklungsstörungen. Mehrsprachigkeit bereichere Wortschatz, Identität und Weltblick und sollte stärker gesellschaftlich anerkannt werden.
Von Elisa Kautzky, Paris/Karlsruhe
Woher kommt Ihre Begeisterung für mehrsprachige Beziehungen und Familien?
Sprachentwicklung ist schon von Anfang an mein Spezialgebiet. Gleichzeitig habe ich mich immer für Mehrsprachigkeit interessiert. Ich habe neben einsprachigen Kindern auch viele mehrsprachige Kinder begleitet und dabei sowohl Gemeinsamkeiten als auch Herausforderungen im Vergleich zu einsprachigen Kindern gesehen – etwa Missverständnisse oder die Tatsache, dass mehrsprachige Kinder schnell in bestimmte Schubladen gesteckt werden. 2019 wurde ich selbst Mutter und habe mich noch intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt. Mittlerweile teile ich mein Wissen auch auf Social Media, sodass mich die Leute deutschlandweit und darüber hinaus erreichen.
In welchen Sprachen sprechen Sie mit Ihrem Kind?
Auf Deutsch und Türkisch.
Welche Modelle gibt es in der mehrsprachigen Spracherziehung?
Die bekannteste Methode ist das One-Person-One-Language-Prinzip, also: eine Person, eine Sprache. Das sehe ich jedoch etwas kritisch, weil Familienmodelle sehr unterschiedlich sind. Deshalb sollte man sich zuerst fragen: Warum möchte ich mein Kind mehrsprachig erziehen? Geht es darum, dass das Kind die Sprachen beider Elternteile wertschätzt? Dann reichen ja auch grundlegende Kenntnisse, um die Sprachen nur verstehen zu können. Das kann ja zum Beispiel das Ziel sein. Oder ist das Ziel, dass mein Kind alle Sprachen gleichwertig sprechen kann? Wenn diese Ziele klar sind, schaut man sich das Familienmodell an: Gibt es eine dominante Sprache? Was ist die Umgebungssprache?
Was bedeutet das?
Wenn man in Deutschland lebt und zu Hause Deutsch und Türkisch spricht, ist Deutsch die Umgebungssprache. Es gibt aber auch mehrsprachige Familien in Deutschland, die zum Beispiel Arabisch und Italienisch sprechen – dort existiert die Umgebungssprache im familiären Alltag nicht automatisch. Dann stellt sich die Frage: Wie fördere ich diese Sprache außerhalb des Zuhauses? Die passenden Methoden richten sich genau danach aus. Kurz gesagt, muss man einfach gucken: Was sind unsere Erwartungen, welche Sprachen sprechen wir, welche Sprache wird in dem Land gesprochen, in dem wir leben. Und dann schauen wir gemeinsam, wo es vielleicht etwas mehr Bedarf an Input gibt, weil die Sprache sonst weniger präsent ist.

Gibt es etwas, das Eltern grundsätzlich falsch machen können?
Problematisch wird es, wenn Druck entsteht – zum Beispiel, wenn Eltern darauf bestehen, dass zu Hause unbedingt eine bestimmte Anzahl an Sprachen gesprochen werden muss. Wenn sich der Alltag nur noch auf Sprache fokussiert, geht der natürliche Zugang verloren. Mehrsprachigkeit sollte gelebt werden – das ist immer das Wichtigste, was ich den Familien mitgeben möchte. Wenn man Kinder mehrsprachig erzieht, um damit prahlen zu können, ist das nicht nachhaltig. Die ganze Familie sollte Freude an den Sprachen haben.
Kinder brauchen eine Beziehung zu einer Sprache und positive Erfahrungen damit. Wenn sie stattdessen ständig korrigiert werden oder hören: „Mach das jetzt so, wie ich das will“, entsteht Druck. Das ist im Grunde das Einzige, das wirklich schaden kann. Eigentlich kann man bei der mehrsprachigen Erziehung gar nicht so viel falsch machen. Also sollten Eltern auch keine Angst davor haben. Oft lebt man als mehrsprachiges Paar ja auch in einem mehrsprachigen Umfeld. Wenn mit Familie und Freunden schon mehrere Sprachen gesprochen werden, muss man sich oft nicht extra anpassen und sagen: „Wir beginnen jetzt mit der Mehrsprachigkeit“, sondern man lebt das einfach und die Kinder hören es dann.
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Newsletter abonnierenWelche Vorteile hat eine mehrsprachige Erziehung?
Aus gesellschaftlicher Sicht ist es immer positiv, mehrere Sprachen sprechen zu können. Wenn du im Ausland bist und in der Sprache etwas bestellen oder dich bedanken kannst – das zaubert immer ein Lächeln ins Gesicht der Anderen. Und dann gibt es bestimmte Begriffe, die nur in einer Sprache existieren. Das bereichert den Wortschatz ungemein. Außerdem verändert sich der Weltblick. Mit mehreren Sprachen kann man Nachrichten aus anderen Ländern verstehen oder etwas in einer anderen Sprache lernen. Man hat einfach mehr Quellen zur Auswahl, kann mehr hinterfragen. Schließlich formen Sprachen auch die Persönlichkeit, und in jeder Sprache hat man dann eine andere. Das ist immer ein Reichtum.
Und es bewegt sich auch etwas im fachlichen und pädagogischen Umgang mit Mehrsprachigkeit. In Logopädie, Frühförderung, Kitas und Schulen wächst das Bewusstsein dafür, dass mehrsprachiges Aufwachsen für viele Kinder keine Ausnahme, sondern Alltag ist. Mehrsprachigkeit wird somit auch häufiger differenziert betrachtet und nicht mehr automatisch als Ursache sprachlicher Schwierigkeiten. Viele Familien begegnen dem Thema offener und bestehen nicht mehr darauf, ihr Kind nur einsprachig zu erziehen. Gleichzeitig wäre es zu einfach zu sagen, dass diese Anerkennung bereits überall, also gesellschaftlich oder politisch, vollständig angekommen sei. Da gibt es nach wie vor Unterschiede, Unsicherheiten und Entwicklungsbedarf.

Wie viele Sprachen verträgt ein Kind?
Kinder sind grundsätzlich ab der Geburt so ausgestattet, dass sie mehrsprachig aufwachsen können – auch mit mehreren Sprachen gleichzeitig. Da gibt es keine feste Obergrenze und auch keine Sprachkombis, die sich vermeintlich besser eignen. Viel relevanter als die Anzahl sind die Bedeutung der Sprache im Familienleben, die alltägliche Nutzung und die Bindung zur Sprache.
Es gibt eine tolle Studie, die herausgefunden hat, dass zweisprachige Kinder – im Gegensatz zu einsprachigen – schon mit sieben Monaten zwischen zwei Sprachen unterscheiden können. Das liegt an dem unterschiedlichen Intonationsmuster. Babys aus anderen Ländern weinen auch unterschiedlich, sozusagen mit Akzent. Französische Kinder weinen in einem abfallenden Ton, also von tief nach hoch, während Babys deutschsprachiger Mütter mit fallender Melodie weinen, also von hoch nach tief.
Wie sieht es aus mit Sprachentwicklungsstörungen, also wenn mein Kind stottert oder andere Schwierigkeiten hat – ist Mehrsprachigkeit dann auch möglich?
Ja, eine Sprachentwicklungsstörung kann nicht durch Mehrsprachigkeit verschlechtert oder verbessert werden. Mehrsprachigkeit hat viele Vorteile, beeinträchtigt die Sprachentwicklung aber nicht in dem Sinne. Wenn ein Kind zum Beispiel neurodivergent ist (also sein Gehirn anders funktioniert als das, was gesellschaftlich als „typisch“ gilt, Anmerkung der Redaktion), kann man trotzdem mehrsprachig erziehen.
Wichtig ist nur, dass man dranbleibt und das Sprachenlernen nicht unter Druck macht. Es kann auch Phasen geben, in denen das Kind nur eine Sprache bevorzugt. Oder dass es mal ein bisschen langsamer vorangeht. Einfach dranbleiben. Es sollte sich nicht wie eine Pflicht anfühlen, weil Sprache eng mit Gefühlen verbunden ist und sich nicht erzwingen lässt.
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