Das Laufen half Louise Butcher, sich nach der Entfernung ihrer Brüste mit ihrem Körper anzufreunden. Um anderen Mut zu machen, läuft sie Marathons wie den in London mit freiem Oberkörper. Mittlerweile inspiriert sie Frauen auf der ganzen Welt, es ihr gleichzutun.
Zusammenfassung:
Nach einer beidseitigen Mastektomie* findet Louise Butcher durchs Laufen zurück zu ihrem Körper. Heute läuft die Britin Marathons oben ohne, zeigt selbstbewusst ihre Narben und macht anderen Brustkrebsüberlebenden Mut. Für sie ist das mehr als Sport: Es ist ein Akt der Selbstbestimmung gegen Scham, Stigma und die Erwartung, dass weibliche Körper rekonstruiert oder verborgen werden müssten.
Von Marlene Jacobsen, London
Vor der Absperrung drängen sich Hunderte von Menschen. Sie alle wollen die beste Sicht haben, den besten Platz zum Anfeuern. Eine Gruppe von Frauen kreischt begeistert, als sie ihre Freundin unter den vorbeiströmenden Läufer:innen entdecken – gerade noch rechtzeitig, fast hätten sie sie übersehen.
Beim Londoner Marathon mit seinen 60.000 Teilnehmenden, die größtenteils homogen gekleidet sind, kann das leicht passieren. Sie tragen neonfarbene Laufschuhe, aerodynamisch geschnittene Sonnenbrillen und bunt bedruckte T-Shirts.
Mittendrin fällt der nackte Oberkörper einer Läuferin auf. Zwei große Narben erstrecken sich über ihre flache Brust, unterhalb der Stellen, wo früher ihre Brüste waren. Ihre Startnummer hat Louise Butcher an ihre pinkfarbene Shorts geheftet. Sie läuft konzentriert. Über die Hälfte der Strecke hat sie schon geschafft.

Es ist der sechste Marathon, den Louise Butcher mit freiem Oberkörper läuft. 2022 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert, kurz nachdem sie mit dem Laufen angefangen hatte. Zwischen ihrer größten Leidenschaft und ihrem schlimmsten Schicksalsschlag zieht sie Parallelen.
„Krebs zu haben, war eine Qual. Aber es hat mir gezeigt, dass ich so etwas durchstehen kann. Beim Marathonlaufen ist es ähnlich. Das ist sehr hart. Man muss wirklich kämpfen und dann schafft man es doch“, sagt die 52-Jährige nach dem Rennen. „Das Laufen zeigt mir, dass mein Geist und mein Körper mehr leisten können, als ich denke.“
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Newsletter abonnierenEine Angst, die sich bestätigt
Über viele Jahre hatte Louise Butcher mit Angstzuständen und Panikattacken zu kämpfen. Ihre Ängste kreisten um ihre Gesundheit: ob sie krank werden oder sterben könnte. Es war das Laufen, das sie beruhigte und ihr half, mit den Ängsten umzugehen. Mit 47 Jahren macht Louise Butcher einen Termin zur Vorsorgeuntersuchung – nur um sicherzugehen, dass bei ihr alles in Ordnung ist. In Großbritannien übernimmt der Nationale Gesundheitsdienst Mammografien zur Früherkennung von Brustkrebs in der Regel erst mit 50 Jahren. Also zahlt sie das Screening selbst. Das Ergebnis: unauffällig.
Ein paar Wochen später tastet Louise Butcher sich gründlich ab. Dabei findet sie eine kleine Verhärtung in der linken Brust, die sie sicherheitshalber untersuchen lässt. Dieses Mal werden fünf auffällige Bereiche gefunden. Es ist lobulärer Brustkrebs. „Das war ein riesiger Schock“, erinnert sich die zweifache Mutter. „Es fühlte sich so an, als wäre mein Leben plötzlich in eine surreale Welt gekippt.“
Lobulärer Brustkrebs ist durch Mammografien schwerer zu erkennen, denn die Tumorzellen sind weniger dicht als bei anderen Krebsarten und wachsen spinnennetzartig. Louise Butcher braucht eine Mastektomie* auf der linken Seite, um den Tumor zu entfernen. Er ist fünf Zentimeter groß und gefährlich nah an der Brustwand.
Auch auf der rechten Seite will Louise Butcher sich die Brust operativ entfernen lassen. Einerseits, weil sie Angst hat, dass sich dort ebenfalls Krebs verstecken könnte. Andererseits, weil die gestörte Symmetrie ihres Körpers sie belastet. „Ich bin nicht damit zurechtgekommen, meine Brust nur auf einer Seite zu haben. Alles, was ich gesehen habe, war, was auf der anderen Seite fehlte“, so Butcher.
Eine Rekonstruktion durch ein Implantat oder Fett von einer anderen Körperstelle kam für sie nicht infrage. Es kostet sie einiges an Überzeugungsarbeit, bis die Chirurgin einwilligt, ihr auch die rechte Brust abzunehmen. Mit dieser Erfahrung ist sie nicht allein: Laut einer Studie aus dem Jahr 2021 fühlten sich 22 Prozent der befragten Betroffenen, die sich gegen eine Brustrekonstruktion entschieden, in diesem Wunsch nicht von ihren Chirurg:innen unterstützt.
Durchs Laufen Kraft finden
Die Zeit nach den Operationen ist hart für Louise Butcher. Obwohl die zweite Mastektomie ihre Entscheidung war, dauert es, bis sie sich an die körperliche Veränderung gewöhnt. „Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um die Person, die ich mit Brüsten war, zu betrauern“, erzählt Butcher. „Das Laufen hat mir geholfen, das alles zu bewältigen.“
Sie läuft ihren ersten Marathon, damals noch mit T-Shirt, nur sechs Wochen nach ihrer letzten Operation. Rückblickend sei das etwas verrückt gewesen, denn sie habe beim Laufen Schmerzen gehabt. „Aber ich war getrieben. Ich war so wütend. Ich dachte nur: „Warum passiert das ausgerechnet mir?“ Sie habe sich und anderen beweisen wollen, dass ihr Körper der Herausforderung gewachsen war. Stark wollte sie sein – nicht bemitleidenswert.
Online hatte Louise Butcher die Geschichten anderer Brustkrebsüberlebenden gelesen, die sich für ihre Mastektomie-Narben schämten und teilweise von ihren Ehemännern verlassen wurden. Das Stigma und Mitleid, die gerade Brustkrebsüberlebende erfahren, die sich gegen eine Rekonstruktion entscheiden, wollte sie nicht hinnehmen.
„Ich dachte mir: Wenn ich den nächsten Marathon oben ohne laufe, dann setze ich dem die Entschlossenheit, Kraft und Resilienz einer Marathonläuferin entgegen.“ Ein Jahr nach ihrer Diagnose hat sie ihren ersten Lauf ohne T-Shirt, noch vor einem kleinen Publikum. Denn sie macht beim virtuellen London Marathon mit, einem Überbleibsel aus der Corona-Zeit: Dabei läuft man die 42,195 Kilometer am Tag des Marathons, wo man will. Louise Butcher gibt allen ihren Freund:innen Bescheid, die sie jubelnd im Ziel begrüßen.
Seitdem macht sie alle ihre Trainingsläufe zu Hause, in ihrem Dorf im Südwesten von England, oben ohne. Dabei joggt sie bewusst auf einer vielbefahrenen Straße an den an der Ampel wartenden Autos vorbei. Die Idee: Wenn die Menschen sie sahen und Kinder ihren Eltern Fragen stellten, würde sie das zum Reflektieren bringen: „Ich wusste, manche Leute würden das für falsch halten und denken: Warum hatte sie keine Brustrekonstruktion? Warum zeigt sie ihre Narben?“
Um eben diese Diskussionen anzuregen, startete sie ihren Instagram-Account, auf dem sie sich beim Joggen oben ohne zeigt. Vor allem aber wollte sie anderen Frauen mit Brustkrebs zeigen, dass ein glückliches Leben nach der Mastektomie möglich ist. Obwohl Zehntausende sie online und bei Rennen wie dem Londoner Marathon oberkörperfrei sehen, habe sie sich nie verletzlich gefühlt. Stattdessen: „Es fühlt sich befreiend an, empowernd.“

Ein neues Körpergefühl
Zurück im Rennen: Von Greenwich bis Westminster ist London in Marathonstimmung. Unter dem Jubel der Zuschauenden läuft Butcher auf das Stadtzentrum zu. Knapp sieben Kilometer hat sie noch vor sich, und Wahrzeichen wie der Tower von London, das London Eye und Big Ben erwarten sie. Die für England ungewöhnlich warme Aprilsonne knallt vom Himmel. Louise Butcher wirkt erschöpft, läuft in kleinen Schritten. Kurz danach muss sie sich über einer Hecke übergeben, erzählt sie später. Die Hitze habe ihr zugesetzt.
Auf ihrem nackten Oberkörper glitzern hunderte kleine Wassertropfen. „Ich habe mich komplett mit Wasser übergossen und es ist auf meiner Haut geblieben, weil ich mich vorher mit wasserfester Sonnencreme eingeschmiert hatte.“ Dieser kühlende Effekt sei einer der vielen Vorteile daran, oberkörperfrei, ohne Brüste zu laufen. Sie zählt weiter auf: man muss keinen BH tragen, kann sich frei fühlen wie damals mit zehn Jahren.
Mit ihrer flachen Brust fühlt Louise Butcher sich heute wohl. „Das bin einfach ich. Anders kann ich es mir gar nicht mehr vorstellen. Aber das liegt daran, dass ich es zeige. Hätte ich mich versteckt und mich dafür geschämt, hätte ich es wahrscheinlich nicht akzeptiert.“ Sie traut sich, ihre Narben zu zeigen – für sich selbst, für andere und für den guten Zweck. Den London Marathon läuft sie für die gemeinnützige Organisation „Breast Cancer Now“, die Betroffene unterstützt und Brustkrebsforschung finanziert.
In Großbritannien ist es verbreitet, bei Sportveranstaltungen Spenden für gemeinnützige Vereine zu sammeln. Einige spornen ihr Umfeld zum Spenden an, indem sie das Laufen für sich selbst schwerer und für andere unterhaltsamer machen und zum Beispiel die gesamte Strecke im Dino-Kostüm zurücklegen. Beim London Marathon sind dadurch umgerechnet über 100 Millionen Euro zusammengekommen.

Oberkörperfreie Inspiration
Louise Butcher hat es geschafft: über 42 Kilometer in fünf Stunden, 35 Minuten und 36 Sekunden. Nachdem sie ins Ziel kommt, braucht sie erstmal medizinische Unterstützung, um wieder zu Kräften zu kommen. Dann schafft sie es doch noch zu dem Empfang, den „Breast Cancer Now“ für seine Läufer:innen organisiert. Alle klatschen, als sie den Raum betritt. Louise Butcher strahlt. Dieses Mal war sie nicht die einzige Frau, die den London Marathon oben ohne gelaufen ist.
Eine andere Brustkrebsüberlebende hat es ihr nachgetan. Auch Frauen in Australien, den USA und den Niederlanden haben sich mittlerweile von ihr inspirieren lassen. Das hätte sie sich vor ein paar Jahren nur erträumen können. Aber Butcher ahnt, warum ihre Idee bei anderen Betroffenen so gut ankommt: „Wenn man Krebs hat, ist das ein totaler Kontrollverlust. Oben ohne zu laufen, gibt einem die Kontrolle über den eigenen Körper zurück.“
Die Reaktionen auf der Straße und in den sozialen Medien seien größtenteils sehr positiv. Die negativen Kommentare unter ihren Posts, die zwar in der Unterzahl sind, aber durchaus vorkommen, lässt sie stehen. Ihre treuen Follower:innen bohren bei den Verfasser:innen nach, was genau das Problem sei, um sie zum Nachdenken zu bringen.
Die Menschen in ihrem Dorf schauen nicht mehr zweimal hin, wenn sie Louise Butcher mit nacktem Oberkörper joggen sehen. Auch sie selbst vergisst beim Laufen, dass sie kein T-Shirt trägt – so normal ist es für sie geworden. Damit ihre Botschaft ankommt, muss sie dranbleiben. „Ich mache damit immer weiter, damit es normal wird und die Leute anfangen, den Menschen zu sehen – und nicht nur die Narben.“
Was ist eine Mastektomie?
Eine Mastektomie ist die operative Entfernung einer Brust – entweder vollständig oder teilweise. Meist wird sie zur Behandlung oder Vorbeugung von Brustkrebs durchgeführt. Werden beide Brüste entfernt, spricht man von einer beidseitigen Mastektomie. Je nach Operationsart können Haut oder Brustwarze erhalten bleiben; anschließend ist auch ein Brustaufbau möglich.












