Ein Pfeifen. Ein Ruf. Ein vermeintliches Kompliment. Belästigung auf der Straße, sogenanntes Catcalling, ist für viele Frauen unangenehmer Alltag. In den Niederlanden sind derartige Übergriffe im öffentlichen Raum seit 2024 strafbar. Doch verschwunden ist das Problem damit nicht. Besondere Theaterprojekte wollen Verständnis und Bewusstsein schaffen, durch eigenes Erleben – vor allem bei Männern.
Zusammenfassung:
In den Niederlanden ist sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum seit 2024 strafbar – doch Catcalling gehört für viele Frauen weiter zum Alltag. Die Theatermacherin Lous van Noordwijk macht mit „Psst, hé schatje“ erlebbar, wie bedrohlich solche Situationen sein können. Vor allem Männer und Jugendliche sollen so Verständnis entwickeln, Grenzen respektieren und lernen, als Zeug:innen sicher einzugreifen.
Von Sarah Tekath, Amsterdam
Der Atem der Frau geht flach und hektisch, ihre Absätze knallen im schnellen Tempo auf den Asphalt. Ich kann sie nicht sehen und weiß nicht, wer sie ist, und trotzdem kann ich ihr Gefühl sehr gut nachempfinden: Sie hat Angst.
Der Weg ist schmal und dunkel. Ich kann kaum etwas sehen und trotzdem sagt mir mein Instinkt: Da ist jemand, der mich beobachtet. Ich werde verfolgt. Und plötzlich steht da dieser Mann und versperrt mir den Weg. Er raunt mir ins Ohr: „Hey, Schätzchen, wo gehst du hin mit deinen schönen Beinen?“
Ich stehe im Theaterprojekt „Psst, hé schatje“, zu Deutsch „Hey, Schätzchen“, in Rotterdam, das auf Catcalling – also Belästigung auf der Straße – aufmerksam machen will. Die Idee stammt von der 28-jährigen niederländischen Theatermacherin Lous van Noordwijk.
„Ich habe selbst schon früh in meinem Leben viele Erfahrungen mit Belästigung auf der Straße machen müssen, leider“, sagt sie. „Aber irgendwann hat sich etwas verschoben und aus meiner Angst ist Wut geworden. Wie kann es sein, dass so etwas 2026 immer noch passiert?“

77 Prozent in Großstädten
Laut dem niederländischen Amt für Statistik CBS gaben für die Jahre 2020 und 2021 zwei von drei jungen Frauen zwischen 12 und 25 Jahren an, auf der Straße belästigt zu werden. Die Hälfte davon nannte Nachpfeifen, ein Viertel Nachlaufen und Verfolgen.
Bei einem Drittel der Frauen führte das Pfeifen, Ansprechen oder Zischen nach eigenen Angaben zu Unsicherheit oder Angst. Von den Frauen, die verfolgt oder denen hinterhergelaufen wurden, verspürten dies 85 Prozent.
In nichtstädtischen Gemeinden sind Frauen davon weniger betroffen (55 Prozent), in „sehr städtischen Gemeinden“ am häufigsten (75 Prozent). In den vier Großstädten Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht geben durchschnittlich 77 Prozent der jungen Frauen an, auf der Straße belästigt zu werden.
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Newsletter abonnierenIm Prinzip strafbar
Seit 2024 gibt es in den Niederlanden ein Gesetz, das sexuelle Belästigung an öffentlichen Orten unter Strafe stellt. Der niederländische Begriff „straatintimidatie“ beinhaltet passenderweise das Wort für Einschüchterung. Darunter fallen Bemerkungen, Gesten, Geräusche oder unerwünschte Berührungen. Dies gilt auch für Nachpfeifen, Nachrufen oder heimliches Fotografieren. Den Täter:innen drohen Geldstrafen bis zu 10.300 Euro oder Haft von bis zu drei Monaten.
Mit der Einführung des Gesetzes patrouillieren zusätzlich Polizist:innen in Zivil oder spezielle Ordnungsbeamte auf den Straßen, um Fälle auszunehmen. Trotzdem scheint der tatsächliche Effekt nur mäßig, denn Mitte 2025, also ein Jahr nach der Einführung, gab es zwar 300 Meldungen oder Anzeigen bei der Polizei, aber nur knapp 25 Verurteilungen. Neuere Erhebungen liegen nicht vor.
Untersuchungen der niederländischen Tageszeitung „AD Algemeen dagblad“ zeigen, dass bis Juni 2026 von kommunalen Ordnungsbeamten nur in sehr wenigen Fällen Bußgeldstrafen verhängt wurden. Auch kommt es nur selten zu tatsächlichen Strafverfolgungen durch die Staatsanwaltschaft, oft wegen fehlender Personaldaten der Beschuldigten. Das Problem scheint in der Komplexität des Gesetzes selbst zu liegen, so die Einschätzung der von „AD“ interviewten Politiker.
Um als Straßenbelästigung zu gelten, muss das Verhalten „aufdringlich, beängstigend und einschüchternd“ sein und einen erkennbaren sexuellen Hintergrund haben. Ferner darf erst nach dreimaligem Vergehen geahndet werden.
Auch der Gang zur Polizei oder eine Meldung online scheint eine Hürde darzustellen, durch Faktoren wie Scham, wenig Vertrauen in die Polizei im Umgang mit geschlechtsspezifischen Fällen oder Zweifel, ob das Vorkommnis schlimm genug war, um juristisch geahndet zu werden.
Tiefere Gespräche erreichen durch Verständnis
Lous van Noordwijk, die zum Thema auch ein Lied veröffentlicht hat, hält das neue Gesetz für einen guten Anfang. Als junge Frau ist sie froh, dass jetzt ein Signal gesendet wird, dass es als strafrechtlich relevant eingestuft wird, jemandes Grenzen derart zu missachten.
Mit dem interaktiven 5D-Konzept ihres Erfahrungstheaters will sie zeigen, wie sich Straßenbelästigung anfühlt. Die Tour wird auch auf Englisch angeboten. Vor allem dachte sie dabei an Männer, die solche Lebensrealitäten oft persönlich gar nicht kennen. „Ich bin der Meinung, dass wir inhaltlich viel tiefere Gespräche führen können, wenn jemand auch wirklich körperlich erlebt hat, worüber da gesprochen wird.“
Das Konzept funktioniert folgendermaßen: „Psst, hé schatje“ findet in einem Baucontainer statt, der seit 2025 in mehreren Städten in den Niederlanden Station macht. Besucher:innen erhalten vor dem Betreten Kopfhörer und hören damit zuerst, noch auf dem Vorplatz, eine Einführung zum Projekt. Es wird erklärt, dass die Besucher:innen in einem vorgegebenen Tempo – dafür die Schritte und das Absatzklackern der Frau als Vorgabe – im Container einen engen Gang entlanglaufen werden und dass immer wieder Schauspieler auftauchen werden, die typische Szenen von Straßenbelästigung simulieren.
Wichtig dabei: Körperkontakt ist beiderseits verboten. Außerdem gibt es die Möglichkeit, laut Stopp zu rufen und die Erfahrung so sofort abzubrechen, sollte jemandem die Situation zu viel werden.

Überraschung und Unglauben bei Männern
Einer der Schauspieler ist der 27-jährige Ferry. „Ich habe mehrere Schwestern und ich möchte, dass sie auf der Straße sicher sind, egal ob am Tag oder in der Nacht. Darum will ich mithelfen, Bewusstsein für das Problem zu schaffen.“ Er selbst hat in seiner Heimat Suriname als Teenager ebenfalls Belästigung auf der Straße durch eine Gruppe von Frauen erfahren und weiß noch sehr genau, wie schnell er versucht hat, aus der Situation zu flüchten und wie lange die Erfahrung noch in ihm nachgewirkt hat.
Allerdings, so merkt er an, kommen nicht so viele Männer zu dem Projekt, wie er sich das wünschen würde. „Vielleicht denken die Männer, dass sie das nicht betrifft oder dass es nicht ihr Problem ist. Es könnte aber insgeheim auch Angst sein. Denn wenn Männer Frauen auf der Straße belästigen, dann oft als Gruppe. Aber hier müssen sie allein durch und das macht sie sehr verletzlich und das sehe ich. Es steht ihnen wirklich ins Gesicht geschrieben.“
Trotzdem zeigt der Instagram-Kanal von „Psst, hé schatje“ Reaktionen von Männern, die an der Route teilgenommen haben. So sagt zum Beispiel der 20-jährige Ruud: „Sehr interessant, so etwas als Mann zu erleben. Es hat mir sicher einen neuen Blickwinkel auf das Problem gegeben.“ Diese Dynamik erkennt auch Birgit Eggink von der feministischen Nichtregierungsorganisation „Fairspace“, die ebenfalls vor Ort ist und Teilnehmende am Ende im sogenannten Wohnzimmer, dem letzten Raum im Baucontainer, empfängt.
Sie sagt: „Frauen sagen mir nach der Erfahrung oft, dass ihnen diese Situationen sehr bekannt vorkommen. Viele erinnern sich auch plötzlich an vergleichbare Momente aus der Vergangenheit, wo ihnen so etwas passiert ist.“ Bei Männern sei die Reaktion allerdings eine andere. „Wir können richtig sehen, wie Verständnis und Bewusstsein einsetzen. Sie sagen dann: Ach, ist es das, wovon Frauen reden? Ist das so, wie Frauen das erleben?“ Viele Männer, so schätzt sie, kennen derartige körperliche Bedrängnis gar nicht und erleben es nun bei „Psst, hé schatje“ selbst zum ersten Mal am eigenen Leib.

Tipps an die Hand geben
Die Zusammenarbeit mit der Organisation gegen sexuelle Belästigung hat Lous van Noordwijk im laufenden Prozess des Projekts ergänzt. Die Freiwilligen der Organisation empfangen die Teilnehmenden nach dem Ablaufen der Route und bieten Betreuung an, um über das Erlebte zu sprechen. Aber sie geben auch Tipps zum sicheren Eingreifen im Fall von Straßenbelästigung.
Dieser Aspekt war van Noordwijk wichtig, um vor allem Unbeteiligten und Augenzeug:innen, die das Problem bereits erkannt haben, Empfehlungen an die Hand zu geben, um in Zukunft helfend eingreifen zu können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. „Ich glaube, dass die meisten Menschen gerne helfen möchten, aber auch Angst haben, durch zu direktes Eingreifen selbst zum Opfer zu werden.“

Zusammenarbeit mit Schulklassen
Das Projekt arbeitet auch mit Schulklassen zusammen, mit Teenagern ab 14 Jahren. „Wir denken, Catcalling sollte so früh wie möglich zum Thema gemacht werden, damit die Teenager lernen, wie man miteinander umgeht. Gerade Jungs wissen nicht, wie sie flirten sollen oder agieren unter dem Druck einer Gruppe anders als sie es normalerweise tun würden,“ so van Noordwijk.
Ihr fällt auf, dass vor allem Jungen nach dem Ende der Theaterroute im Wohnzimmer oft den Ernst der Lage gar nicht richtig fassen können. „Sie versuchen sich dann oft in Witze zu flüchten, weil sie die Tiefe des Problems gar nicht begreifen können. Oder sie sagen, dass so etwas doch nicht wirklich passiert.“
Wenn dann aber ein Mädchen aus derselben Klasse teilt, was sie täglich auf der Straße erlebt, dann verändere sich die Stimmung in der Gruppe merklich. Dann werde es plötzlich lebensecht. Und damit etwas, über das man sprechen kann. Und genau das ist die Absicht des Projekts: Ob auf der Straße oder im Klassenzimmer, Veränderung beginnt dort, wo Menschen die Erfahrungen anderer nicht nur hören, sondern verstehen.
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