Volkstanz und Volksmusik sind verstaubt und konservativ? Ein Festival in London interpretiert die Traditionen neu, mit Kunstschaffenden und Folk-Fans aus der LGBTQ-Community. Lieder umtexten ist ausdrücklich erlaubt.
Zusammenfassung:
Beim „Queer Folk Festival“ in London erobern LGBTQ-Kunstschaffende britische Volkstraditionen für sich. Gruppen wie die „Molly No-Mates“ brechen beim Morris-Tanz mit Geschlechterrollen, treten als Drag Kings auf und schreiben historische Lieder um. Das Festival macht sichtbar: Queere Menschen waren schon immer Teil der Folk-Kultur – und gestalten sie heute selbstbewusst weiter. So wird Tradition zum Raum für Gemeinschaft, Vielfalt und neue Perspektiven.
Von Marlene Jacobsen, London
Quer über den Tisch verstreut liegen Paletten verschiedenfarbiger Lidschatten, Augenbrauenstifte und Abschminktücher. Izzy Levy, Jordan Weber und die anderen Mitglieder der Tanzgruppe „Molly No-Mates“ reichen sich Schminkutensilien und Handspiegel über den Tisch. Sie tragen das Make-up großzügig auf, verpassen sich je nach Belieben dünne oder dicke Schnurrbärte und buschige Augenbrauen.
Einen genauen Fahrplan für ihr Styling haben die Tänzer:innen nicht: Hauptsache, es ist auf irrwitzige Weise maskulin. Denn an diesem Abend werden sie, wie bei allen ihren Aufführungen, als Drag Kings auf die Bühne treten, also als Kunstfiguren, die mit Männlichkeitsbildern spielen. Ihre Outfits: Schiebermützen, schwarze Westen und um die Hüften gebundene Karohemden. Ihr Aussehen ist nur ein Aspekt, der die „Molly No-Mates“ von anderen Morris-Gruppen unterscheidet.
Morris ist ein englischer Volkstanz, der im 15. Jahrhundert entstand. Je nach Region variieren Tanzstil und Trachten: Bei ihren rhythmischen Choreografien halten einige Morris-Tänzer:innen Taschentücher, Stöcke oder Schwerter in der Hand, andere befestigen Glöckchen oder Schleifen an ihren Kostümen. Lange Zeit war der Morris-Tanz hauptsächlich für Männer bestimmt. In den 1970-er Jahren bildeten sich erste Frauengruppen. Auch heute entwickelt sich die Tradition weiter: durch queere Morris-Gruppen wie die „Molly No-Mates“ aus Bristol, deren Mitglieder sich überwiegend als nicht-binär identifizieren.

Queer interpretiert
„Früher dachte ich, dass Tanzen nichts für mich ist, weil ich schon als Kind in keine Geschlechterrollen gepasst habe. Ich wollte nicht zu einem Schulball gehen und die Rolle der Mädchen tanzen müssen“, sagt Izzy Levy, 30, aus New York. Levy identifiziert sich als nicht-binär. Deshalb verwenden wir die Pronomen they / them. They hat in den USA schließlich doch mit amerikanischen Volkstänzen angefangen und ist nach deren Umzug nach Großbritannien zum Morris-Tanzen gekommen.
Dabei machte Levy von Anfang an in queeren Gruppen mit. In denen gebe es mehr Freiheiten und weniger Vorgaben als in Teilen der restlichen Morris-Szene. Dennoch herrsche unter Brit:innen noch die Vorstellung, dass Morris-Tanzen nur etwas für alte, weiße Männer sei: „Wenn ich Leuten davon erzähle, sind sie manchmal irritiert, warum ich das mache. Vielleicht wegen meines Alters, oder weil ich queer und amerikanisch bin“, so Izzy Levy.
Die „Molly No-Mates“ tanzen innerhalb der Morris-Tradition den sogenannten Molly-Stil, ohne Stöcker oder andere Utensilien in den Händen. Die Gruppe gründete sich 2023 und hat heute rund zehn Mitglieder. Die meisten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Der 28-jährige Jordan Weber kommt aus Göttingen und zog vor neun Jahren zum Studium nach Großbritannien. They wusste nichts über das Morris-Tanzen, als vor fünf Jahren aus deren Freundeskreis die Einladung kam, es auszuprobieren. „Am Folk liebe ich, dass er von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Er ist dazu gedacht, geteilt und abgewandelt zu werden.“
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Newsletter abonnierenEigenes Festival für queere Folk-Fans
Traditionen neuinterpretieren und dabei die eigene Identität und Lesart einbringen – dazu lädt das „Queer Folk Festival“ ein. Es findet im Norden Londons im Cecil Sharp House statt, einem nach einem britischen Musiker benannten Veranstaltungszentrum und Archiv für Volkstanz und Volksmusik. Bei dem eintägigen Festival treten ausschließlich Kunstschaffende auf, die Teil der LGBTQ-Community sind.
Auch die Besucher:innen dürfen und sollen mitmachen: Während die „Molly No-Mates“ sich für ihren Auftritt am Abend fertig machen, sitzen dutzende bunt gekleidete Folk-Fans in einem Stuhlkreis. Sie haben Instrumente mitgebracht – Geige, Akkordeon, Gitarre und Triangel – und spielen ihre Lieblingsvolkslieder oder selbstgeschriebene Songs. Das Prinzip der sogenannten Session: Alle können etwas präsentieren, die anderen lernen nach Gehör und stimmen mit ein.
Als ein Lied endet und einen Moment lang Stille herrscht, fängt eine Person, die eine Musiknote auf den Oberarm tätowiert hat, an zu singen – ohne Ankündigung oder instrumentale Begleitung. Nach und nach summen die anderen die melancholische Melodie mit. Die Stimmung schwankt von Schwermut zu Leichtigkeit, als einige Teilnehmende beim nächsten Lied zum Zupfen einer Gitarre aufstehen und tanzen.
Genau diese offene Atmosphäre, in der alle willkommen und ermutigt sind, mitzumachen, wollte die Organisatorin Sophie Crawford mit dem „Queer Folk Festival“ kreieren. Als Jugendliche freute sie sich jedes Jahr darauf, ein Volksfestival mit ihrer Familie zu besuchen. „Aber ich habe mich etwas fehl am Platz gefühlt“, erzählt die Autorin und Musikerin. Zum einen, weil die meisten Besucher:innen mehrere Jahrzehnte älter waren und es bei den Sessions viele Regeln zu beachten gab. Zum anderen, weil sie sich als queere Person nicht repräsentiert fühlte.
Schon immer da gewesen
„Queere Geschichte wurde in meiner Erfahrung mit Folk nie anerkannt“, sagt Sophie Crawford. Durch ihre Recherchen stellte sie jedoch fest, dass queere Menschen schon immer Teil von Volkstraditionen waren und diese für den eigenen Ausdruck nutzten. „Da Volkstänze in einer ausgelassenen, karnevalähnlichen Atmosphäre stattfanden, waren sie eine Art Ventil – gerade für Menschen, die sich sonst immer anpassen mussten.“
Deshalb gebe es in Volkstänzen und Volksliedern Elemente, die man heute als queere Kultur bezeichnen würde. Manche Liedtexte verwiesen explizit auf homosexuelle Handlungen, so Crawford. Im Molly-Tanzen ist das Aufbrechen von Geschlechterrollen selbstverständlich: Einer der Tänzer – historisch waren es Männer – ist stets als Frau verkleidet, die sogenannte Molly. Diese Tradition greifen die „Molly No-Mates“ auf und drehen sie um, indem sie als Drag Kings auftreten.
Auch in Folklore finden queere Menschen schon lange Halt und Zuversicht, erklärt der Autor Sacha Coward bei einem Vortrag auf dem Festival. Mythische Kreaturen wie Einhörner, Meerjungfrauen und Feen seien zu queeren Symbolen geworden. Sophie Crawford erkennt in der Faszination der LGBTQ-Community für Volkstraditionen einen breiteren Trend.
„Wir sind Teil einer Folk-Renaissance. Die Leute interessieren sich total für traditionelle Praktiken.“ Ein Grund dafür: Volksmusik sei eng mit den Jahreszeiten und der Natur verbunden und schon immer für Aktivismus genutzt worden, so Sophie Crawford. Ein Engagement in der Klimabewegung könne demnach Türen zur Volksmusik öffnen.
Geoffa Fells sitzt im Schatten im Garten des Cecil Sharp House. Die 36-Jährige interessiert sich dafür, wie sich Umweltthemen, Volksmusik und Queerness überschneiden. „Ich mag vor allem Lieder, die eine ökologische Botschaft haben und Hoffnung vermitteln.“ Aus dem Gebäude sind Geigenmusik und fröhliches Stimmengewirr zu hören. Das Attraktive an Volksmusik: Sie ist live und zum Mitmachen gedacht.
Im Cecil Sharp House finden regelmäßig Veranstaltungen statt, die marginalisierten Gruppen in der Volksmusik eine Bühne bieten, etwa Schwarzen Künstler:innen. Die Veranstaltungen sollen insbesondere junge Menschen ansprechen: Unter 30-Jährige müssen meistens deutlich weniger für ein Ticket zahlen. Konkret statt umgerechnet 41 Euro nur 24 Euro. Beim „Queer Folk Festival“ hatten fast die Hälfte der Besucher:innen ein Ticket für unter 30-Jährige.
Fröhlich feministisch
In der gesamten britischen Morris-Szene sind junge Menschen dagegen klar in der Unterzahl. Einer Befragung von Morris-Tänzer:innen aus dem Jahr 2023 zufolge sind 70 Prozent von ihnen 50 Jahre oder älter. 2023 waren erstmals mehr Frauen Mitglieder in Morris-Gruppen als Männer. Knapp ein Prozent der Tänzer:innen identifizierten sich als nicht-binär.
Die „Molly No-Mates“ treten regelmäßig bei Volksfestivals im ganzen Land auf, wobei sie andere Morris-Gruppen kennenlernen – eine schöne Gelegenheit, um Menschen außerhalb der eigenen Altersgruppe zu treffen, findet Jordan Weber. Die Reaktionen auf sie als queere Gruppe seien durchweg positiv. „Eine Morris-Männergruppe kam extra früher zu einem Festival, um unseren Auftritt zu sehen. Die waren sehr nett und haben uns einen Tanz beigebracht.“
In der großen Halle im Cecil Sharp House steht Sophie Crawford auf der Bühne und ruft Anweisungen ins Mikrofon: „Hacke, Spitze und Galoppieren!“ Solche Kommandos gehören zu einem Ceilidh dazu. Der Begriff stammt aus dem Irischen und Gälischen und beschreibt einen geselligen Abend mit Gruppentänzen und Live-Musik. Beim queeren Ceilidh sind die Tanzschritte nicht nach Geschlecht aufgeteilt. Die Teilnehmenden hüpfen jeweils in Paaren Arm in Arm durch die Halle, wechseln die Richtung, legen ihre Hände aufeinander und drehen sich im Kreis. Die Musik wird schneller, die Bewegungen chaotischer und die Luft in der Halle stickiger – Zeit für eine Pause.

Die Tradition neu definieren
Die „Molly No-Mates“ bringen sich in Formation. Vier von ihnen stehen vorne in einer Reihe, die anderen vier dahinter an den Mikrofonen. An ihre schwarzen Westen haben sie bunte Anstecker mit Pride-Flaggen und Aufschriften wie „Morris für alle“ geheftet. Im Takt zum Gesang stampfen die vorderen Tänzer:innen auf den Boden, springen mit energischen Schritten und nach vorne gerichteten Ellbogen voneinander weg und wieder zusammen.
Einige der Lieder, die sie singen, hat die Gruppe umgetextet. In Ewan MacColls „Fitter’s Song“ geht es um einen wandernden Mechaniker. Die queere Gruppe fügte ein paar Strophen hinzu, um die Geschichte der Frauen abzubilden, die während des Zweiten Weltkriegs handwerkliche Berufe ausübten.
Tradition neu definieren – das findet Sophie Crawford gerade zu Zeiten des zunehmenden Nationalismus wichtig. „Dadurch zeigen wir: Volksmusik und nationale Identität können auch anders aussehen.“ Für ihren Auftritt bekommen die „Molly No-Mates“ tosenden Beifall. Mit dem queeren Ceilidh geht es gleich weiter: Die Sonne ist gerade erst untergegangen und die Nacht noch jung.
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