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Der Traum vom All
Frauen in MINT-Fächern

28. Oktober 2026 | Von Milena Österreicher | 11 Minuten Lesezeit
Einmal in Schwerelosigkeit schweben? Hannah Zipfinger macht sich diesen Traum bei ihrem Studium wahr Foto: Valentin Wong

Noch nie studierten in Österreich so viele Frauen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Trotzdem verlassen viele das Feld wieder. Die angehende Astronautin Hannah Zipfinger zeigt, welche Hindernisse Frauen in MINT auch heute noch überwinden müssen.

 

Zusammenfassung:

Frauen sind in Österreichs MINT-Fächern so präsent wie nie – doch viele verlassen das Feld später wieder. Die angehende Astronautin Hannah Zipfinger zeigt, wie Rollenbilder, fehlende Vorbilder und männlich geprägte Strukturen Karrieren bremsen. Heute macht sie Mädchen Mut, groß zu träumen. Studien und engagierte Betriebe zeigen: Damit mehr Frauen in Technik und Wissenschaft bleiben, müssen sich nicht die Frauen, sondern die Rahmenbedingungen verändern.

 

Von Milena Österreicher, Wien

Zuerst Mars-Schwerkraft, dann Mond-Schwerkraft, schließlich echte Schwerelosigkeit. Als Hannah Zipfinger zum ersten Mal schwerelos durch ein Flugzeug schwebt, ist sie fasziniert. „Das Gefühl kann man eigentlich nicht beschreiben“, sagt sie. 16 Parabeln fliegt die Maschine an diesem Oktobertag 2025 über der Atlantikküste.

Während der Manöver erleben die Passagiere nacheinander verschiedene Schwerkraftbedingungen: Auf dem Mars würde ein Mensch nur rund 38 Prozent seines Gewichts auf der Erde spüren, auf dem Mond sogar nur etwa ein Sechstel. Im letzten Abschnitt der Flugbahn fallen Flugzeug und Insassen gemeinsam – für einige Sekunden entsteht so echte Schwerelosigkeit. Bei einem Parabelflug folgt das Flugzeug einer speziellen Flugbahn, die diese Bedingungen nacheinander simuliert.

Die damals 17-jährige Schülerin gehört zu den 14 Jugendlichen aus Österreich, die am europäischen Programm „Astronaut for a Day“ teilnehmen dürfen. Aus rund 800 Bewerbungen werden sie ausgewählt, absolvieren Logiktests, Fitnessprüfungen, Interviews und medizinische Checks. Ein Verfahren, das sich bewusst am Auswahlprozess der Europäischen Weltraumorganisation ESA orientiert.

Dass Hannah Zipfinger einmal Schwerelosigkeit erleben würde, ist keineswegs selbstverständlich. Als Kind träumte sie davon, Astronautin zu werden. Sie las Bücher über das Universum, verschlang Geschichten über Raumfahrt und stellte sich vor, eines Tages selbst zwischen den Sternen unterwegs zu sein.

Dann kam die Schule. Zipfinger war gut in Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, dazu etwas Spanisch, Italienisch und Kroatisch. Immer wieder hörte sie von Lehrer:innen denselben Satz: Du wirst sicher einmal etwas mit Sprachen machen. Dabei mochte sie Physik und Mathematik genauso gern. Auch dort hatte sie gute Noten. „Darauf wurde ich aber nie angesprochen“, erzählt sie. „Ich glaube, das wäre schon anders gewesen, wäre ich ein Junge.“ Irgendwann begann sie selbst zu glauben, dass ihr Kindheitstraum vielleicht genau das bleiben würde: ein Traum.

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Vorbilder mit Schubkraft

Erst als die österreichische Medizinerin Carmen Possnig 2022 zur ESA-Reserveastronautin ausgewählt wurde, änderte sich etwas. Zum ersten Mal gab es eine Frau aus Österreich, die genau dort angekommen war, wo Zipfinger immer hinwollte. „Da habe ich gesehen, dass es zwar schwer ist, aber nicht unmöglich“, erzählt sie. „Und vor allem nicht unmöglich für Mädchen in Österreich.“

Was Hannah Zipfinger erlebt hat, beschreiben Gleichstellungsforscher:innen seit Jahren: Vorbilder können Karrieren verändern. Menschen brauchen Personen, mit denen sie sich identifizieren können. Gerade für Mädchen ist das in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – kurz MINT – von besonderer Bedeutung. Denn obwohl sich dort in den vergangenen Jahren einiges bewegt hat, sind Frauen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert.

Österreich verzeichnet heute so viele Studentinnen in MINT-Fächern wie noch nie. Ihr Anteil liegt mittlerweile bei 39 Prozent. Doch je weiter man auf der Karriereleiter nach oben blickt, desto kleiner wird ihr Anteil. Nur etwa ein Viertel der Forschenden in Österreich sind Frauen, an technischen Universitäten liegt der Professorinnenanteil teilweise bei lediglich 13 bis 18 Prozent.

Noch deutlicher wird das Problem in einer aktuellen Studie des staatlich finanzierten Frauenfonds LEA („Let’s empower Austria“). Demnach arbeitet nur ein Drittel der Frauen mit einer MINT-Ausbildung später tatsächlich in einem MINT-Beruf. Die Mehrheit verlässt das Feld wieder. Für Frauen ist das Risiko auszusteigen mehr als doppelt so hoch wie für Männer. In der Forschung gibt es dafür einen Begriff: die „Leaky Pipeline“, die undichte Leitung. Auf jeder Karrierestufe gehen Frauen dem System verloren.

Hannah Zipfinger berichtet Kinder von ihrem Studium zur Astronautin. | Foto: Valentin Wong

Eltern trauen Mädchen MINT weniger zu

Das beobachtet auch Martina Fürpass seit Jahrzehnten. Sie leitet den Verein „Sprungbrett“, der seit 1987 Mädchen, junge Frauen sowie trans*, inter* und nicht-binäre Jugendliche bei Berufsorientierung, Ausbildung und Praktika unterstützt. „Aktuell habe ich eher das Gefühl, dass es rückwärts statt vorwärts geht“, so Fürpass. Zwar gebe es heute deutlich mehr Initiativen und Förderprogramme als noch vor einigen Jahrzehnten.

Die grundlegenden Hindernisse seien jedoch erstaunlich konstant geblieben: Lehrkräfte, die Mädchen technische Fähigkeiten weniger zutrauen. Eltern, die ihrer Tochter von einer Ausbildung an technischen Schulen  abraten. Sexistische Kommentare und Übergriffe in Ausbildung und Beruf. Das seien oft dieselben Themen wie vor 20 Jahren.

Dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt, zeigen aktuelle Daten. Eine 2025 veröffentlichte Studie mit mehr als 1.300 österreichischen Eltern ergab, dass 76 Prozent von ihnen Jungen grundsätzlich für geeigneter für MINT-Berufe halten als Mädchen. Eltern mit stärkeren MINT-Stereotypen investieren zudem nachweislich weniger Geld in technische Aktivitäten ihrer Töchter.

Dabei gehe es oft gar nicht um Ablehnung. Viele Eltern sorgen sich um Arbeitsbedingungen, Vereinbarkeit oder Sicherheit, meint Fürpass. Doch die Vorstellungen stimmen häufig nicht mit der Realität überein. Technische Berufe gehören vielfach zu den besser bezahlten Branchen. Gleichzeitig berichten Frauen in klassischen Frauenberufen von ähnlichen Problemen bei Vereinbarkeit, Aufstiegschancen oder sexueller Belästigung.

Besuch bei einem der Gewinnerbetriebe des amaZone-Award 2026 mit Stadträtin Elke Hanel-Torsch. | Foto: Martin Votava

Fehlende Rahmenbedingungen

Wie tief stereotype Bilder noch in manchen Köpfen stecken, hat auch Hannah Zipfinger erlebt. Bei einer Veranstaltung als Weltraumbotschafterin stand sie gemeinsam mit zwei Kolleginnen an einem Informationsstand. Ein älterer Besucher trat auf die jungen Frauen zu und erklärte ihnen, wie „sexy“ sie in ihren Raumfahrtanzügen aussehen würden. „Ich war schockiert“, erinnert sie sich. Sie wusste in dem Moment nicht, was sie antworten sollte. Später ärgerte sie sich darüber.

Die LEA-Studie weist darauf hin, dass informelle Netzwerke, Arbeitskulturen, Karrieremodelle und die unausgesprochene Erwartung, sich an männlich geprägte Normen anzupassen, viele technische und wissenschaftliche Bereiche bis heute prägen. 29 Prozent der befragten Frauen berichteten demnach von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. 36 Prozent davon berichteten, dass ihre fachlichen Kompetenzen infrage gestellt wurden. Fast die Hälfte hatte häufig das Gefühl, nicht dazuzugehören.

Passend dazu bestehen in Österreich weiterhin sowohl informelle als auch formelle Männerbünde, in denen Frauen keinen oder nur eingeschränkten Zugang finden. Dazu zählt etwa der „Techniker Cercle“, ein Verein mit rund 400 Mitgliedern, der seit Jahrzehnten Persönlichkeiten aus Technik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammenführt. Medienberichten zufolge zählen dazu prominente Namen, unter anderem der Mathematiker Rudolf Taschner, der Wiener Weihbischof und studierte Chemiker Stephan Turnovszky sowie der Quantenphysiker und Nobelpreisträger Anton Zeilinger.

Um die noch immer männlich geprägten Rahmenbedingungen aufzubrechen, haben die LEA-Studienautor:innen konkrete Empfehlungen: Schulen und Ausbildungsstätten müssten gendersensibler werden, Lehrkräfte und Ausbildungsverantwortliche stärker für Rollenbilder sensibilisiert werden und weibliche Vorbilder sichtbarer sein. Unternehmen wiederum müssten ihre Arbeitskultur verändern, flexible Arbeitszeitmodelle schaffen, Diskriminierung konsequent bekämpfen und transparente Karrierewege anbieten.

Der Verein Spunrgbrett. | Foto: Astrid Knie

Unternehmen fördern Frauenanteil

Dass Veränderung tatsächlich möglich ist, zeigen einzelne Betriebe bereits heute. Seit 30 Jahren vergibt der Verein „Sprungbrett“ den sogenannten „amaZone-Award“ an Unternehmen, die junge Frauen in technischen und handwerklichen Lehrberufen fördern. Während sich in den 1990er Jahren nur wenige Betriebe für die Auszeichnung bewarben, gab es dieses Jahr bereits 76 Einreichungen, berichtet Geschäftsführerin Martina Fürpass.

Zu den Preisträgern gehörte in diesem Jahr etwa der Tischlereibetrieb Effenberg. Dort sind unter den aktuell fünf Beschäftigten vier Frauen beziehungsweise TIN*-Personen (trans*, inter* und nichtbinäre Personen). Österreichweit liegt der Frauenanteil im Beruf der Tischler:innen bei lediglich rund 18 Prozent.

Auch der kommunale Energieversorger „Wien Energie“ zählt zu den diesjährigen Gewinnern. Das Unternehmen erreicht einen Frauenanteil von rund 40 Prozent in den technischen Lehrberufen. Wie groß der Aufholbedarf insgesamt aber ist, zeigt ein Blick auf die Kälteanlagentechnik: „Wien Energie“ bildet fünf der insgesamt nur acht weiblichen Lehrlinge in ganz Wien aus.

Im Tischlereibetrieb Effenberg sind auch Mädchen an der Werkbank. | Foto: Astrid Knie

Selbst zum Vorbild

Hannah Zipfinger versucht heute für andere Mädchen jenes Vorbild zu sein, das ihr selbst lange gefehlt hat. Sie geht in Schulen und erzählt von ihrem Flug in die Schwerelosigkeit, von Astrophysik und Raumfahrt. Sie erzählt von der Vielzahl an möglichen Berufen in der Raumfahrt: von Astrophysiker:in über Ingenieur:in bis hin zu Weltraum-Anwält:in.

Dabei beobachtet sie aber auch, dass sich in der Grundschule noch ungefähr gleich viele Mädchen wie Jungen melden, wenn gefragt wird, wer Astronaut:in werden möchte. In höheren Schulen seien es dagegen fast nur noch Jungen. Zipfinger studiert inzwischen neben der Schule Astronomie an der Universität Wien. Danach möchte sie Astrophysik studieren.

Und vielleicht, irgendwann, tatsächlich Astronautin werden. Und sollte es mit der Karriere als Astronautin klappen, könnte sie dort auch ihre Sprachenkenntnisse einsetzen, sagt sie. Jene Fähigkeiten, von denen ihr früher alle sagten, sie werde einmal „etwas damit machen“ – vielleicht nur anders, als sie es sich vorgestellt hatten.

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Von Milena Österreicher, Wien / Lissabon

Milena Österreicher ist freie Journalistin und Schreibtrainerin. Sie leitet als Chefredakteurin das vierteljährlich erscheinende MO-Magazin für Menschenrechte in Österreich. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind gesellschaftliches Zusammenleben, Demokratie, Gleichstellung und Menschenrechte. Heute lebt sie in Wien, doch ihre Herzensheimat bleibt Portugal, wo sie so oft wie möglich Zeit verbringt. Mehr unter: https://www.torial.com/milena.osterreicher

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Noch nie studierten in Österreich so viele Frauen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Trotzdem verlassen viele das Feld wieder. Die angehende Astronautin Hannah Zipfinger zeigt, welche Hindernisse Frauen in MINT auch heute noch überwinden müssen.

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