In Zeiten des Klimawandels und der Energiekrise steigen indigene Frauen in Mexiko vermehrt auf das Kochen mit Solarenergie um. Dies schont nicht nur die Umwelt und spart Kosten, sondern ermöglicht den Frauen auch mehr Unabhängigkeit.
Zusammenfassung:
In Oaxaca verändert Solarenergie den Alltag indigener Frauen. Solarkocher sparen Gas und Brennholz, schützen Gesundheit und Klima – und schenken vor allem Zeit. Frauen wie Maria Francisca können sich dadurch stärker ihrer Arbeit, ihrer Bildung oder ihrer Familie widmen. Manche stellen zudem mit Sonnenenergie Seifen, Cremes oder Lebensmittel her.
Von Sarah Michelberger, San Cristóbal de las Casas
Bereits früh am Morgen herrscht sengende Hitze in Maria Franciscas Innenhof in San Marcos Tlapazola. Der kleine Ort mit gerade einmal 900 Einwohnern liegt im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca, umgeben von Bergen und Agavenfeldern. Kaum eine Wolke ist am Himmel zu sehen. Maria Francisca pflückt eine grüne Mango von einem der vielen Sträucher.
„Wir essen die Früchte hier auch, wenn sie noch grün sind. Mit etwas Salz darüber“, erklärt sie. Die Säure und das Salz seien bei solchen Temperaturen sehr erfrischend. „Jetzt in der Mango-Saison macht meine Tochter gerne Mangos in Essig ein. Die lässt sie dann in der Sonne kochen.“ Dabei deutet Maria Francisca in Richtung ihres Solarherdes, der auf einer Schubkarre im Hof steht.
Die Frau mit dem langen schwarzen Zopf und der karierten Küchenschürze kocht seit zwei Jahren mit Sonnenenergie. Bekommen hat sie ihr Gerät von den „Cocineros Solares“. Das Projekt, das auf Deutsch so viel bedeutet wie „Solarköche“, verteilt diese Solarkocher in ländlichen Regionen Oaxacas und schult die Frauen im Umgang damit. „Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, dass das funktioniert. Aber jetzt hat es unser Leben komplett verändert.“

Solarenergie als Alternative
Lorena Harp ist die Leiterin des Projekts. Ihr Vorgarten in der Hauptstadt Oaxaca de Juárez gleicht einer kleinen Oase. Auch bei ihr stehen zwei Solarherde in der Sonne. „Ich bin damals aus reinem Zufall bei der Arbeit mit Sonnenenergie gelandet“, so Harp. Die gelernte Sonderpädagogin belegte einen Kurs in Ökotourismus und widmet sich seither dem Naturschutz. Nach einer Informationsveranstaltung über das Kochen mit Solarenergie wuchs ihr Interesse und sie übernahm schließlich die Koordinierung des Projekts im Bundesstaat Oaxaca. 23 Jahre ist das nun her.
Solarenergie ist Energie, die aus der Strahlung der Sonne gewonnen und nutzbar gemacht wird. Da sie keinerlei Treibhausgase erzeugt, ist sie eine der klimafreundlichsten Energiequellen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft die Solarenergie als sauber und gesundheitlich unbedenklich ein. Daher gilt sie als geeignete Alternative zum Kochen mit fossilen Brennstoffen. Laut offiziellen Angaben der WHO kochen weltweit rund 2,1 Milliarden Menschen über offenem Feuer oder mit Gas.
Diese Kochmethoden setzen große Mengen umweltschädlichen Kohlenstoffdioxid frei. Das Einatmen von Rauch kann zudem Krankheiten wie Krebs oder schwere Atemwegsinfektionen verursachen. Vor allem Frauen und Kinder sind den Risiken ausgesetzt. Zusätzlich verbringen sie mehrere Stunden am Tag mit dem Sammeln von Brennholz. Dies birgt nicht nur weitere körperliche Risiken, sondern hält Kinder auch von der Schule und Frauen von Lohnarbeit fern.
Kennst du schon unseren Newsletter?
Einmal pro Woche bekommst du feministischen Journalismus, der hinschaut, wo andere wegsehen: Reportagen unserer Korrespondentinnen aus aller Welt, Einordnungen zu den Debatten, die uns umtreiben, und Lesetipps, die hängen bleiben. Kostenlos und unabhängig, mitten in deinem Postfach. Trag dich ein, wenn du dabei sein willst.
Newsletter abonnierenUm dem entgegenzuwirken, wurde „Cocineros Solares“ 2004 vom mexikanischen Fonds für Umweltschutz gemeinsam mit der Organisation „Solar Household Energy“ aus Washington D.C. entwickelt und umgesetzt. Das Projekt wurde gezielt in klimatisch geeigneten Regionen Mexikos gefördert. Oaxaca gilt mit seinem beinahe ganzjährig trockenen Klima als idealer Ort für das Kochen mit Sonnenenergie.
Ziel des Projekts ist es, den Verbrauch von fossilen Brennstoffen zu verringern. Gleichzeitig sollen die Haushaltskosten der Familien deutlich gesenkt, die Gesundheit von Frauen und Kindern geschützt und den Frauen mehr Möglichkeiten im Alltag geboten werden.
Durch das langsame Kochen besteht keine Brandgefahr, sodass die Gerichte im Vergleich zu herkömmlichen Kochmethoden keine stetige Aufsicht benötigen. Die meisten Gerichte haben eine Kochzeit von zwei bis drei Stunden. Frauen in Mexiko übernehmen nach wie vor den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit. Die gewonnene Zeit durch das Kochen mit Sonnenenergie bietet ihnen somit die Möglichkeit für eigenes Einkommen, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe.
Neue Chancen trotz steigender Preise
Lorena Harp öffnet den Deckel ihres Topfes und der Vorgarten wird in den Geruch von gebratener Paprika und gebackenem Käse getaucht. „Ich habe heute eine Quiche gemacht“, erklärt sie stolz. Die Quiche hat sie morgens vorbereitet und dann zwei Stunden in der Sonne gegart. Lorena spürt besonders jetzt, in Zeiten globaler Krisen, dass die Frauen sich ihrer Situation bewusster werden.
Die Solarherde würden aufgrund der steigenden Kosten für Holz und Gas vermehrt Interesse wecken. Die Kosten für einen Gastank von 20 Kilogramm liegen bei lokalen Anbietern bei 1500 mexikanischen Pesos – umgerechnet 75 Euro. Oaxaca gilt als einer der ärmsten Bundesstaaten Mexikos. Besonders für indigene Familien in Gemeinden wie San Marcos Tlapazola stellt das Kochen mit Gas eine finanzielle Belastung dar.
Das Solarpanel mit dem dazugehörigen Topf und einer Abdeckung kostet zwischen 50 und 100 Euro – und haben eine lange Nutzungsdauer. Die Kocher werden in Mexiko oder in den USA hergestellt. Organisationen und Privatpersonen finanzieren einen Großteil der Geräte, sodass die „Cocineros Solares“ in der Lage sind, diese an interessierte Familien zu verschenken.
Anfangs klopfte Lorena noch an Haustüren, um das Projekt und die Technologie bekannt zu machen. Heute sprechen sich die Erfahrungen meist von selbst innerhalb der Gemeinden herum. Das Kochen mit ihnen funktioniert nur bei starkem Sonnenschein in den Morgenstunden und um die Mittagszeit, jedoch nicht bei Wolken oder Regen. „Es ist eine alte Technologie, aber gleichzeitig neu. Und viele der Frauen haben Zweifel. Deswegen muss man es ihnen zeigen.“
Das tut Harp in ihren Workshops. Diese Veranstaltungen sind in den letzten Jahren vor allem Orte der Gemeinschaft und des Austauschs geworden. „Ich habe selbst so viel von den Frauen gelernt. Es ist ein stetiger Austausch von Rezepten.“ Besonders begeistert ist sie davon, wie kreativ die Frauen mit den Solarkochern werden.
Viele erhitzen auf ihnen Bienenwachs, aus dem sie Cremes herstellen. Andere nutzen sie auch für die Produktion von Seifen oder das Herstellen von Knoblauchpulver. Die Produkte verkaufen die Frauen meist und schaffen sich so ein kleines Nebeneinkommen. „Ich bin einfach sehr glücklich, wenn ich sehe, wie die Frauen Initiative ergreifen.“

Ein großer Schritt in Richtung Unabhängigkeit
Auch Maria Francisca hat an einem von Lorena Harps Workshops teilgenommen. Auf ihrem Herd hat sie einen Topf mit schwarzen Bohnen stehen, die sie am liebsten kocht. Dazu trocknet sie Tortillas. Doch besonders stolz ist sie auf ihren Kuchen. Den Teig bereitet sie in einem Topf zu.
Anschließend benötigt er drei Stunden Backzeit in der Sonne. Ein bisschen Butter, Mehl, Eier, Nüsse und Amaranth, mehr braucht sie dazu nicht. „Ich stelle morgens den Topf nach draußen und kann einfach das Haus verlassen. So kann ich mich ganz meiner Arbeit widmen.“
Ihre Arbeit ist die Keramik. Dafür ist San Marcos Tlapazola bekannt. Maria Franciscas Familie ist eine von vielen im Ort, die diesem Handwerk nachgehen. Ihre Produkte verkaufen sie in einem kleinen Laden in Oaxaca de Juárez. Durch das viele Brennholz, das sie für das Brennen der Keramik benötigen, hatte die Familie lange doppelte Ausgaben.
Früher hat Maria Francisca ausschließlich mit Gas gekocht. Ein kleiner Gastank hat ihr aber nur einen Monat gereicht. Mit dem Solarkocher spart sie seit zwei Jahren viel Geld ein. „Ich habe mich damals sehr gefreut, diesen kleinen Topf in den Händen zu halten und kochen zu können, ohne Geld auszugeben oder meine Zeit zu verschwenden.“
Das Kochen mit der Sonne gebe ihr ein großes Stück Autonomie. Außerdem finde sie so auch die Zeit, ihrer Tochter das Töpfern beizubringen. Die jahrhundertealte Tradition bleibe so auch in der nächsten Generation erhalten. Sie appelliert deshalb an die Frauen der Gemeinde, auf das Kochen mit Sonnenenergie umzusteigen. Dies sei für alle Frauen vor Ort ein großer Schritt in Richtung Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.
Neben den Mangos wachsen in ihrem Garten noch Papayas und Avocados. Ihren Selbstversorgergarten und ihren Solarkocher betrachtet Maria Francisca als ihren persönlichen Beitrag zum Klimaschutz: „Es macht mich glücklich, mit meinem Topf zu kochen.“
Mehr feministischen Journalismus wie diesen bekommst du jede Woche in unserem Newsletter.
Jetzt abonnieren











