Die humanitäre Krise im Sudan und im Südsudan spitzt sich weiter zu: Millionen Menschen sind auf der Flucht, viele leiden unter Hunger, und Hilfsorganisationen können nur einen Bruchteil der Betroffenen erreichen. Am Beispiel einzelner Schicksale wird deutlich, wie sehr fehlende Mittel darüber entscheiden, wer überlebt.
Zusammenfassung:
Millionen Menschen fliehen vor Krieg und Hunger im Sudan – darunter Mütter wie Hanan Tia, die ihre sechs Kinder unter Lebensgefahr in den Südsudan brachte. CARE-Mitarbeiterin Sarah Easter berichtet von ihrem Überlebenskampf und warnt vor den Folgen schrumpfender Hilfsgelder. Obwohl die Not wächst, fehlt es an internationaler Aufmerksamkeit. Dabei kann schon wenig Hilfe Leben retten. Easter fordert, die Menschen hinter den Statistiken sichtbar zu machen und ihre Geschichten zu erzählen.
Von Mareike Graepel, Berlin
„Rashida, eine Mutter mit fünf Kindern, beschrieb mir, wie die Bomben im Sudan fielen – morgens vier Explosionen, abends wieder vier.“ Sarah Easter, Mitarbeiterin der Hilfsorganisation CARE, war Anfang April im Südsudan. Die 35-jährige Berlinerin erzählt von ihren Begegnungen mit Familien in Yida, einem Aufnahmezentrum für Geflüchtete nahe der Grenze zum Sudan.
„Selbst Rashidas kleiner Sohn Adam konnte die Geräusche der Explosionen nachmachen. Ein Dreijähriger sollte nicht wissen müssen, wie Bomben oder Raketen klingen. Er sollte wissen, wie ein Spielzeugauto klingt.“ Sein Bruder Yahoub habe ihm eines gebastelt, aus einer Flasche, ein paar Schraubverschlüssen und anderen gefundenen Plastikteilen. In der von Krieg und Hunger schwer getroffenen Region in Nordost-Afrika hat Spielzeug keine Priorität mehr.
Im Sudan herrscht die „größte humanitäre Krise der Gegenwart“ weltweit, so Bundeskanzler Friedrich Merz beim Auftakt der Berliner Sudan-Konferenz Mitte April 2026. Seit April 2023 kämpfen die sudanesischen Streitkräfte (SAF) und die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) um die Macht. Der Krieg ist geprägt von massiver Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, Vertreibungen und der Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur.

Rashidas Söhne Yahoub (links) und Adam (3); Yahoub hat dieses Spielzeugauto für Adam gebastelt.
Mehr als elf Millionen Menschen vertrieben
Fast zwei Drittel der Bevölkerung sind auf Hilfe angewiesen. Nach aktuellen UNHCR-Angaben sind rund 11,3 Millionen Menschen infolge des Krieges vertrieben; mehr als 4,5 Millionen sind über die Landesgrenzen hinweg geflohen oder in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt – auch in den Südsudan, selbst eines der ärmsten Länder der Welt. Weitere 19 Millionen Menschen leiden unter akutem Hunger.
Einer dieser Menschen ist eine Mutter, die mit ihren sechs Kindern vor Bomben, Waffen, Vergewaltigungen, Hunger und Gewalt geflohen ist. Sie heißt Hanan Tia. „Fünf Tage lang hatten sie nichts zu essen. Der vierjährige Sammy war so stark unterernährt, dass er weder laufen noch sprechen konnte. Sie hat ihn fünf Tage vor der Brust getragen und ein weiteres Kind auf dem Rücken.“ Seine Mutter trug ihn, nicht wissend, ob er noch lebt.
„Ich weiß nicht, wie wir diese letzten Tage überlebt haben. Wir hätten tot sein müssen.“ Beim Gesundheitszentrum von CARE – der einzigen verbleibenden Organisation an der Grenze – bekam er Erdnusspaste für akute Unterernährung. Er überlebte. „Als ich ihn traf,“ sagt Sarah Easter, „konnte er wieder spielen.“ Noch im April warnte Easter: „Wenn die Finanzierung im Sommer nicht verlängert wird, ist dort niemand mehr.“
Inzwischen hat CARE ein neues Projekt genehmigt bekommen, mit dem die Finanzierung des Gesundheitszentrums bis Dezember 2027 fortgeführt werden kann. „Von dort aus sind es ein bis zwei Tage Fußmarsch weiter ein Aufnahmezentrum, dann weitere Wege in offizielle Camps. Aber viele schaffen das kaum noch.“ Die Dringlichkeit der Not kennt keine Grenzen. Wohl aber die Möglichkeit, Eindrücke von vor Ort zu bekommen.
Aufmerksam schaffen und humanitäre Hilfe mobilisieren
Journalist:innen durften lange nicht und nun auch nur vereinzelt in die Region reisen. Die Berliner Sudan-Konferenz wollte das leisten, woran es diesem Krieg seit drei Jahren fehlt: internationale Aufmerksamkeit schaffen, der sudanesischen Zivilgesellschaft Gehör verschaffen und mehr humanitäre Hilfe mobilisieren. Auch eine Feuerpause und neuer politischer Druck auf die Konfliktparteien waren Ziele.
Doch weder die sudanesische Regierung noch die Rapid Support Forces (RSF) saßen mit am Tisch. Die Regierung in Khartum wies die Konferenz als Einmischung zurück: Sie sei weder in die Vorbereitungen einbezogen noch eingeladen worden. Ministerpräsident Kamil Idris bezeichnete den Ausschluss als „schweren Fehler“ und erklärte die Ergebnisse für irrelevant. Auch nach den Vorgängerkonferenzen in Paris 2024 und London 2025 war der Krieg weitergegangen.
Zwar sagten Geberländer im Anschluss an die Konferenz Hilfen in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro zu – Deutschland allein etwa 212 Millionen. Doch Zweifel bleiben: Schon bei früheren Konferenzen wurden zugesagte Gelder nicht vollständig ausgezahlt. Beobachtende sprechen von einer moralischen Schande, weil die internationale Gemeinschaft die Menschen vor Ort über Jahre hinweg im Stich gelassen habe. Die Welt ist in der Pflicht – und schaut weg.

Nur jedem fünften Menschen kann geholfen werden
Resignation will die CARE-Mitarbeiterin nicht zulassen. „Je weniger Aufmerksamkeit eine Krise bekommt, desto weniger Hilfe bekommt sie“, sagt Easter. CARE analysiert deshalb seit Jahren die weltweite Berichterstattung über humanitäre Krisen. „Unser Krisenreport zeigt, dass beispielsweise 2023 die Eras-Tour von Taylor Swift viermal mehr und das iPhone 15 siebenmal mehr Medienaufmerksamkeit bekommen haben als die sieben am wenigsten beachteten afrikanischen Krisen zusammen.“
Und die geringe Aufmerksamkeit trifft inzwischen auf ein zweites Problem: Internationale Gebende kürzen ihre humanitären Hilfsbudgets. Gemeint sind vor allem staatliche Mittel, mit denen UN-Organisationen und Hilfswerke Nahrung, Medikamente, Gesundheitsversorgung, sauberes Wasser und Ernährungsprogramme finanzieren.
Mitte Juli war der UN-Hilfsplan für den Südsudan erst zu 33,8 Prozent finanziert. Hilfsorganisationen berichten bereits von Medikamentenmangel, zurückgefahrenen Ernährungsprogrammen und geschlossenen Gesundheitseinrichtungen. Auch UNICEF, ONE, die Johanniter und das Deutsche Rote Kreuz schlagen Alarm. Ärzte ohne Grenzen warnt, dass bis zur Hälfte der Todesfälle im Südsudan durch eine angemessene medizinische Versorgung vermeidbar sein könnte.

Ein Land unter dem Radar
Das Problem: Aufmerksamkeit ist selektiv. Nähe, politische Interessen und mediale Erzählbarkeit entscheiden darüber, welche Katastrophen sichtbar werden und welche nicht. Der Sudan gehört zu denen, die verschwinden, wenn es in anderen Regionen um Menschen geht, die uns geographisch und kulturell näher scheinen – oder um die Benzinpreise an der Tankstelle um die Ecke und die Kosten der Lebensmittel im gut gefüllten Supermarkt.
Doch die geringe Aufmerksamkeit trifft auf einen historischen Einbruch der internationalen Hilfe. 2025 sank die öffentliche Entwicklungshilfe der großen Geberländer nach OECD-Angaben inflationsbereinigt um 23 Prozent – so stark wie noch nie in einem Jahr. Die humanitäre Hilfe ging sogar um mehr als ein Drittel zurück. Auch Deutschland kürzt: Der Etat des Entwicklungsministeriums sank von 11,22 Milliarden Euro 2024 auf rund 10,06 Milliarden Euro 2026.
Easter bringt es auf den Punkt: Selbst wenn nur ein Mensch erreicht werde, mache das einen Unterschied. „Für die einzelne Frau, für das einzelne Kind zählt nicht die Statistik – sondern, ob Hilfe ankommt.“ Dass kleine Beträge nichts bewirkten, sei ein Trugschluss. „Für den Menschen, den sie erreichen, verändern sie alles.“ Von einem gespendeten Euro kommen, zum Beispiel bei CARE, 89 Cent bei den Hungernden direkt an.

Warum Wegsehen keine Option ist
Menschen reagieren nicht so stark auf Statistiken wie auf Nähe. Deswegen bleiben Zahlen oft unpersönlich und unvorstellbar. Und dennoch: „Ich möchte nicht nur über die Köpfe der Menschen hinweg berichten – ich möchte, dass sie selbst zu Wort kommen können“, sagt Easter. Wichtig sei es, Perspektiven sichtbar zu machen. Genau da liegt eine der größten Schwächen der aktuellen Berichterstattung, egal ob in den Fernsehnachrichten, im Internet oder im Radio: Sie bleibt abstrakt.
Da wird über „Fluchtbewegungen“ gesprochen, über „Krisenherde“ oder „Migration“. Aber selten über die Menschen, die dahinterstehen. Dabei entscheidet genau das darüber, ob wir hinschauen – oder wegsehen. Konstruktiver Journalismus bedeutet nicht, Lösungen schönzureden, sondern Realität so zu erzählen, dass sie verstanden und gefühlt werden kann. Und zu zeigen, wie und wo jede und jeder helfen kann.
„Ich möchte nicht als Moralapostel durch die Welt laufen. Wichtig ist aber, dass wir uns dieser Privilegien, die wir haben, bewusst sind“, so Easter. „Ich kann ja nach Hause gehen. Ich habe ein Dach über dem Kopf, Essen, Sicherheit. Die Menschen dort haben das nicht.“ Aber Easter hat im Südsudan, in überfüllten Flüchtlingsunterkünften, auch eine besondere Form von Solidarität gesehen: Menschen, die selbst kaum etwas besitzen, teilen das Wenige, das ihnen geblieben ist – Essen, Wasser und Kleidung.
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