Die kleine evangelisch-lutherische Gemeinde auf Sizilien zählt nur rund 100 Mitglieder. Pfarrerin Barbara Vollmer erzählt, warum eine Frau im Talar in Italien noch immer für neugierige Blicke sorgt und warum Glaube und Gleichberechtigung hier manchmal anders gelebt werden.
Zusammenfassung:
Auf Sizilien hält ein Netzwerk engagierter Frauen eine kleine evangelisch-lutherische Gemeinde lebendig. Pfarrerin Barbara Vollmer erlebt dort nicht nur neugierige Blicke auf eine Frau im Talar, sondern auch überholte Rollenbilder. Frauen wie Gisela Salomon und Renate Zwick schaffen Räume für Glauben, Austausch und Gleichberechtigung – und setzen sich sichtbar für Ökumene, Vielfalt und Akzeptanz ein.
Von Helen Hecker, Palermo
Es ist kurz nach elf. Die Mittagssonne strömt in den dunklen Gemeinderaum. Wie so oft beginnt der Gottesdienst leicht verspätet. Gerade als Pastorin Barbara Vollmer die Stimme erhebt, öffnet sich die Tür erneut. Ein herzliches „Buongiorno!“ hallt durch den Raum. Kurz darauf klingelt irgendwo ein Handy. Gelassen plaudert die Besitzerin los.
Genau das sei Sizilien: laut, herzlich, geräuschvoll, sagt Vollmer und lacht. „Ich habe hier vor allem eine Selbsterkenntnis gewonnen: Ich bin wahnsinnig deutsch. Das wusste ich vorher nicht – jedenfalls nicht so sehr.“ Verkehr, Post, Pünktlichkeit – all das habe hier eine andere Bedeutung.
Zehn Monate lang leitete die Ruhestandspfarrerin aus Württemberg die kleine evangelisch‑lutherische Gemeinde. Keine leichte Aufgabe, denn die gut 100 Mitglieder leben über die Insel verteilt. Mehr als 18.000 Kilometer hat sie in dieser Zeit vom Pfarrsitz am Ätna aus zurückgelegt, um die Gruppen in Palermo, Catania, Messina, Syrakus und Comiso zu besuchen. Eine kräftezehrende Herausforderung – das gibt sie zu.
Viele kennen sich nicht einmal untereinander, und es gibt keine eigene Kirche: Gottesdienste finden in Privaträumen statt, in der anglikanischen Kirche in Palermo oder bei den Waldensern in Messina. „Wir leben hier in der Diaspora“, sagt Vollmer. „Das erfordert viel Flexibilität – macht aber auch erfinderisch.“

Zwischen Neugier und Respekt
Scheu vor Abenteuern hatte Vollmer nie. Nach 35 Jahren im Pfarramt wollte sie den Ruhestand nicht sofort zu Hause antreten. „Ich habe immer gesagt: Wenn ich mich zur Ruhe setze, dann möchte ich noch einmal weg.” Auslandserfahrung hatte sie reichlich: als junge Mutter in Norditalien, später ein halbes Jahr Studium in Schottland und mehrere Monate in Rom. Als ihr die Evangelische Kirche in Deutschland schließlich die Stelle auf Sizilien anbot, zögerte sie nicht – angesichts der kulturellen Kontraste und der Chance, protestantisches Gemeindeleben im katholischen Umfeld zu gestalten.
Vor allem wenn sie bei ökumenischen Feiern den schwarzen Talar trug, spürte sie die neugierigen Blicke. Während der Gebetswoche zögerte sie zunächst – alle anderen trugen Alltagskleidung. Doch die Präsidentin der Gemeinde überzeugt sie: „Zieh den Talar an.“ Vollmer tat es – und merkte, wie anders sie als Frau in Amtskleidung wahrgenommen wird.
Besonders katholische Teilnehmende hätten sich bei ihr für ihre Verständlichkeit und Nähe bedankt. Manche baten sogar um ein Selfie. „Eine Frau im Talar, die predigt – und dann auch noch auf den Punkt – ist hier ungewöhnlich“, sagt sie. Das größte Kompliment kam jedoch von einem Bürgermeister, der meinte: „Sie hat uns keine Antworten gegeben, sie hat mit uns die Fragen gestellt.“
Verstaubte Rollenbilder
Nicht nur solche Momente machten die zehn Monate auf Sizilien zu einer „spannenden Erfahrung“. Die Insel sei in vielem „eine andere Welt“ für sie gewesen – nicht nur im Glauben, sondern auch bei den noch immer verstaubten Rollenbildern. „Wenn ich höre, dass eine Frau ihren Mann noch immer um den Beitrag für den Gemeindeausflug bitten oder pünktlich um 13 Uhr zum Mittagessen zu Hause sein muss, denke ich nur: Oh, Hilfe!“
Wie groß die Unterschiede in Sachen Gleichberechtigung in Süditalien noch sein können, wurde ihr vor allem in persönlichen Gesprächen deutlich. So erzählte ihr eine Frau, die seit 30 Jahren auf der Insel lebt, sie würde nie wieder hierherziehen: In Deutschland sei ihr Mann „ein ganz anderer“ gewesen. Für Vollmer ist das keine Einzelstimme. „Viele haben sich entweder der sizilianischen Manier angepasst – oder sind schließlich ihren eigenen Weg gegangen.“
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Sinnstiftend in ihrer Arbeit seien daher nicht nur die Gottesdienste gewesen, sondern vor allem die Gespräche beim gemeinsamen Essen im Anschluss, die Hausbesuche, der Leseclub und das Frauennetzwerk. „Hier auf Sizilien ist die Gemeinde eigentlich eine Mischung aus Kirche und Kulturverein. Man kommt zusammen, weil man Deutsch spricht, deutsche Riten pflegt und sich nicht erklären muss“, meint Vollmer.
Fast alle Gemeindemitglieder sind deutsche Frauen, die in den 1970er- und 80er-Jahren nach Sizilien kamen – oft weil sie mit einem Sizilianer verheiratet waren, aber nicht nur. Manche kehrten später nach Deutschland zurück, andere sind verstorben; Kinder und Enkel leben häufig im Ausland. Neue Mitglieder sind rar.
Und doch eint die Frauen die Überzeugung, dass diese lutherische Stimme auf Sizilien wichtig bleibt. „Für mich ist die Gemeinde wie ein Anker – ein Ort, an dem ich mich kulturell zu Hause fühle und unseren Glauben so leben kann, wie ich ihn kenne“, sagt Präsidentin Gisela Salomon.
Als Pfarrer Gauß 1991 die ersten Interessierten um sich sammelte, war Salomon dabei und prägte als Teil der „Pioniergeneration“ den Aufbau der Gemeinde entscheidend mit. Ihren Mann Gianni lernte sie mit 17 am Strand von Scoglitti kennen; sechs Jahre später heirateten sie in Heidelberg und zogen schließlich in sein Heimatdorf zurück. Heute ist die studierte Theologin bestrebt, die Gemeinschaft lebendig zu halten – unabhängig von ihrer Größe: „Jede von uns besitzt eine besondere Begabung oder schlummernde Ressourcen – die sind es wert, entfaltet zu werden.“

Brücken in der Ökumene
Auch Renate Zwick wünscht sich mehr Sichtbarkeit für die Lutheraner:innen. Sie ist Mitglied im Kirchenvorstand und Mitinitiatorin der ökumenischen Frauengruppe in Palermo, die sich seit über 15 Jahren zum Weltgebetstag der Frauen trifft. „Da sitzen Katholikinnen, Waldenserinnen, Anglikanerinnen und wir Lutheranerinnen an einem Tisch. Das ist gelebte Ökumene.“
Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen kam Zwick Ende der 1970er‑Jahre nicht der Liebe wegen nach Sizilien, sondern um im Bildungszentrum des Sozialreformers Danilo Dolci zu arbeiten. Aufgrund ihrer strengen lutherischen Erziehung hatte sie damals eher ein gespaltenes Verhältnis zur Kirche. Bis eine Freundin sie zum Gottesdienst nach Palermo mitnahm. „Damals las Pastorin Almut Kram aus der ‚Bibel in gerechter Sprache‘ vor und hielt eine Predigt, die einfach umwerfend war.“
Heute gehört Zwick zu den prägenden Stimmen der Gemeinde und setzt ihre Hoffnung auf die neue Pfarrerin Heidi Lengler. Die Brasilianerin mit deutschen Wurzeln ist die erste Pastorin, die von der Evangelischen Kirche in Italien ausgebildet und in diesem Jahr ordiniert wurde. Im Oktober übernimmt sie die Gemeinde auf Sizilien als Vollzeitstelle und wird künftig Gottesdienste zweisprachig halten – eine Veränderung, die vor allem in Palermo seit Langem gewünscht ist, um auch Italienischsprachige anzusprechen.
Präsenz und Aufklärung seien entscheidend, so Zwick: „Wir werden hier leider immer noch mit Freikirchen oder Sekten verwechselt. Viele fragen, ob wir überhaupt Christen sind.“ Um diesen Missverständnissen auch 500 Jahre nach Luthers Reformation zu begegnen, sei das Überleben der kleinen sizilianischen Gemeinschaft entscheidend.

Mut zum Tabubruch
Dass diese bis heute reformatorische Meilensteine setzt, macht vor allem die Geschichte der ehemaligen Pfarrerin Christa Wolf deutlich. Diese bekannte sich während ihrer Amtszeit in Catania zu ihrer Homosexualität und bat darum, dass ihre Partnerin mit ins Pfarrhaus einziehen dürfe. „Einige sagten sofort: Ja, klar!“, erinnert sich Zwick. Andere fürchteten dagegen ihr Gesicht zu verlieren.
Für sie und ihre Mitstreiterinnen im Kirchenvorstand war dagegen klar: Gerade in einem katholischen Umfeld müsse sie transparent sein und ein Vorbild für die Gesellschaft. Schließlich ist Homosexualität keine Verfehlung.
Am Ende verabschiedete die Evangelische Kirche in Italien ein offizielles Statement, das Paaren das Zusammenleben erlaubt – unabhängig davon, ob sie homosexuell oder unverheiratet sind. „Wir waren damals die Ersten – sogar vor den Waldensern“, erzählt Zwick stolz. Auch heute beteiligt sich die Gemeinde jedes Jahr an der ökumenischen Mahnwache gegen Homophobie in Palermo.
Begegnungen, die bleiben
Auch wenn Barbara Vollmer sich darauf freut, wieder mehr Zeit mit Familie und Enkeln zu verbringen, blickt sie mit großer Dankbarkeit auf ihre Monate in Sizilien zurück. „Manches war mir fremd, manches wunderschön – und manches hat mich einfach zum Schmunzeln gebracht.“ Neben der eindrucksvollen Landschaft und dem guten Essen wird sie besonders den lebendigen Markt vor dem Gemeindezentrum in Catania vermissen.
Am tiefsten beeindruckt hat sie jedoch, wie sehr das Leben dort von einem eng geknüpften Netz aus Frauen, Freundschaften und gegenseitiger Unterstützung getragen wird. „Ich gehe mit vielen Begegnungen im Herzen – und mit dem festen Glauben, dass wir hier auf dieser großen Insel gebraucht werden.“
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