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Was kostet die Zukunft meiner Tochter?
Eine Mutter kämpft gegen den Klimawandel

28. Dezember 2022 | Von Tabea Kirchner
In Guadalajara protestieren junge Aktivist*innen für bessere Klimapolitik. Fotos: Tabea Kirchner

Die Klimakrise treibt junge Aktivist*innen weltweit auf die Straßen. Sie fordern die Senkung der Treibhausgas-Emissionen und ein sofortiges Handeln der Regierungen. Jeraldine García Martínez ist eine von ihnen. Als Koordinatorin der „Fridays for Future Guadalajara“ kämpft sie für Klimagerechtigkeit und die Zukunft ihrer Tochter – und setzt dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Von Tabea Kirchner, Guadalajara

„Queremos acciones, no simulaciones“ – zu Deutsch „Wir wollen Handlungen, keine Simulationen“ – hallt es durch das Zentrum der Stadt Guadalajara im Westen Mexikos. Kräftig und laut gibt Jeraldine García Martinez den Ton an. Ein Chor junger, entschlossener Stimmen wiederholt rufend ihre Worte. Die Gruppe der „Fridays for Future Guadalajara“ steht wie jeden letzten Freitag im Monat vor dem Parlament des Bundesstaats Jaliscos. Sie fordern von der Regierung Taten gegen den fortschreitenden Klimawandel und lokale Umweltprobleme.

García Martínez ist eine der zwei anwesenden Koordinatorinnen. In violetter Krankenhausbekleidung steht sie zwischen dem Parlament und etwa 13 jungen Aktivist*innen, in der Hand ein Plakat, auf dem übersetzt steht: „Tu nicht so als wäre es nicht dein Problem. Der Klimanotstand ist jetzt.“ Die Folgen des Klimawandels sind im mexikanischen Bundesstaat Jalisco bereits deutlich zu spüren.


 

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So kam es allein im Jahr 2019 zu einer Vielzahl an Wetterextremen über den gesamten Bundesstaat verteilt: von Schlammlawinen über Bodenerosionen, Hagelstürme und Hitzewellen bis hin zu mehr als 70.000 Hektar verbrannter Waldfläche. Mehr als die Hälfte der Fläche Jaliscos ist laut dem Institut für regionale Information mittel bis sehr stark vom Austrocknen bedroht.

Für die Menschen bedeutet dies, dass sich ihre Lebensgrundlage zunehmend verschlechtert. Wasser wird knapper, Krankheiten wie das Dengue-Fieber breiten sich aus, hohe Temperaturen erhöhen die Sterblichkeit. Viele Industrien in Jalisco haben bislang keine konkreten Vorgaben oder Regulierungen über den Ausstoß von Treibhausgasen oder die Beseitigung von Abfällen, kritisiert die Gruppe der „Fridays for Future Guadalajara“.

„Wir verlangen die Einführung einer CO2-Steuer für Unternehmen“, sagt Koordinatorin Kimberly Barajas. „Industrien sollen für die Verunreinigung, die sie verursachen, zahlen.“ Das Geld solle dann in den sogenannten „grünen Fond“ fließen, den die Regierung 2017 zur Finanzierung nachhaltiger Projekte eingeführt habe, so die 24-Jährige. Barajas ist seit 2019 dabei. Ihr Bereich ist die Organisation und Anmeldung der Streiks. García Martínez ist für die Vernetzung und Kommunikation unter den Streikenden zuständig.

Jeraldine García Martínez gibt auf dem Streik den Ton an.

Berufstätig, Aktivistin, Mutter

Nach der Demo geht es für García Martínez zurück zu ihrer Arbeit. Als Altenpflegerin kümmert sie sich um Menschen, die noch in ihren eigenen vier Wänden leben, aber nicht mehr ohne Unterstützung zurechtkommen. Der Beruf gefällt ihr. Wenn die Zeit es zulässt, hilft sie darüber hinaus ehrenamtlich im Krankenhaus. Den Rest ihrer Freizeit widmet sie gemeinsam mit ihrer elfjährigen Tochter Kamila dem Klima- und Umweltaktivismus. Neben „Fridays for Future“ ist sie noch in unzähligen weiteren Kollektiven aktiv, hilft etwa bei Aufforstungen und hält regelmäßig Vorträge über Nachhaltigkeit und Umwelt in Schulen.

Bildung und Aufklärung sind für die alleinerziehende Mutter das A und O. In Mexiko fehle es leider an beidem, bedauert sie. Dabei könnten Kinder ihrer Meinung nach Vorbilder für Erwachsene sein. „Wenn du es schaffst, Kinder von einem Thema zu begeistern, dann verfolgen sie es zu hundert Prozent. Im besten Fall lassen sich die Eltern inspirieren und wollen unterstützen“, erzählt sie.

Aus dieser Überzeugung entstand auch die Idee mit den Vorträgen. Den ersten hielt die Umweltaktivistin an der Schule ihrer Tochter; mittlerweile fragt sie auch an anderen Schulen regelmäßig an. „In der Regel bitte ich die Direktoren um 15 Minuten mit einer Klasse“, erzählt sie. Danach warte sie im Eingang der Schule, um nach dem Unterricht das Gespräch mit Interessierten weiterzuführen.

Verantwortung für kommende Generationen

Ihren Glauben an die Macht und den Willen von Kindern schöpft García Martínez aus ihrer eigenen Vergangenheit. „Im Alter von fünf Jahren sah ich einen Bericht über die Auswirkungen von Zigarettenstummeln auf die Umwelt“, erinnert sich die heute 30-Jähige. „Dieser Bericht schockierte mich und war gleichzeitig mein Weckruf.“ Zwei Jahre später startete sie ihr erstes Projekt.

Gemeinsam mit ihrer Mutter verteilte sie in der Gemeinde, in der sie damals lebte, leere Milchpulverdosen an die Bürger*innen, damit diese ihre Kippen dort hineinwarfen statt auf den Boden. „Die Leute waren sehr aufgeschlossen und halfen mir, die Dosen zu befestigen. Einmal die Woche sammelte ich sie alle ein und leerte sie aus.“ Sehr früh gelang es García Martínez somit, das Bewusstsein der Menschen in ihrer Umgebung für die Umwelt zu sensibilisieren. Ihr Interesse am Aktivismus war geboren.

Ihre Tatkraft und ihr umweltbewusstes Denken hat sie an ihre Tochter Kamila weitergegeben. 2019 stieß die damals Neunjährige über Facebook auf „Fridays for Future“. „Sie war es, die mich auf die wöchentlichen Klimastreiks aufmerksam gemacht hat“, erzählt die stolze Mutter. Sie gingen schließlich zusammen hin und wenig später war García Martínez bereits Teil der Initiative. Ihre Tochter sei für sie die größte Motivation. „Der Klimawandel betrifft uns alle“, sagt sie, „aber wir sind jetzt verantwortlich für die Zukunft der nächsten Generationen.“

„Die-In“ (gewaltloser Protest) vor dem Parlament Jaliscos beim globalen Klimastreik 2022.

Mexiko – das tödlichste Land für Aktivist*innen

Aktivistin, alleinerziehend und eine Frau zu sein birgt in Mexiko viele Gefahren. Allein im Jahr 2021 wurden hier nach Angaben von global witness 54 Umweltaktivist*innen getötet. Damit löste Mexiko Kolumbien als das gefährlichste Land für Aktivist*innen weltweit ab. Darüber hinaus ist Mexiko laut Weltbank eines der tödlichsten Länder für Frauen. Im Bundesstaat Jalisco registrierte das Institut für Forensik im Zeitraum Januar bis September 2022 allein 81 Femizide, deren Opfer bislang noch nicht identifiziert sind. Die Gesamtzahl beläuft sich je nach Quelle auf bis zu 137 getötete Frauen bis August.

Die Täter sind in den meisten Fällen Männer, die Motive oft banale Beziehungskonflikte wie Eifersucht oder Streit. Das Problem ist, dass Femizide in Mexiko nur in den wenigsten Fällen strafrechtlich verfolgt werden. Laut dem Ministerium für öffentliche Sicherheit wurden in Jalisco dieses Jahr lediglich 22 Untersuchungen zur Aufklärung von Tötungsdelikten an Frauen eingeleitet. Ein Fall davon ist der brutale Mord an der 35-jährigen Luz Raquel Padilla, welcher in ganz Mexiko zu Protesten gegen Femizide geführt hat.

Am 16. Juli 2022 wurde die junge Frau Opfer eines Brandanschlags mitten in einem öffentlichen Park der Stadt Zapopan, Teil der Metropolregion Guadalajara. Die Mutter eines elfjährigen Jungen mit Autismus kämpfte für die Rechte von Personen mit Behinderung. Dabei geriet sie immer wieder in Konflikt mit ihren Nachbar*innen, erhielt regelmäßig Drohbriefe und Morddrohungen. „Ich werde dich lebend verbrennen“ stand zuletzt in ihrem Treppenhaus geschrieben. Trotzdem ging die Staatsanwaltschaft zunächst von Suizid aus, eine häufige „Erklärung“ in Mexiko für den Tod einer Frau.

Die Koordinator*innen der „Fridays for Future Guadalajara“.Jeraldine García Martínez (links); Kimberly Barajas (3. v. r.).

Öffentlichkeit schaffen ohne öffentlich zu sein

García Martínez kannte Luz Raquel Padilla, ihre Geschichte hat sie sehr mitgenommen – gerade auch, weil sie ein Paradebeispiel für die Vorgehensweise der Exekutive im Falle von Gewaltdelikten an Frauen ist. Auch García Martínez wurde bereits mehrfach belästigt und verbal angegriffen. „Das ist der Grund, weshalb Aktivist*innen selten individuell auftreten“, erzählt sie.

So gibt es in Mexiko kein offizielles Gesicht der „Fridays for Future“-Initiative wie etwa Greta Thunberg in Schweden oder Luisa Neubauer in Deutschland. Stattdessen wechseln sich die Organisator*innen der Bewegung ständig ab, wenn es etwa um Veranstaltungen geht. „Damit man uns nicht mit einer einzelnen Person identifiziert“, erklärt García Martínez. Ihrer eigenen Sicherheit sowie der ihrer Tochter zuliebe hält sie sich bislang aus der Öffentlichkeit raus und ist auch auf Social Media so gut wie gar nicht aktiv.

Am 23. September 2022 war globaler Klimastreik. In Berlin protestierten nach Angaben von „Fridays for Future“ rund 36.000 Menschen gegen die globale Klimapolitik, knapp 20.000 waren es in Hamburg. In Guadalajara kamen nur etwa 50 Protestant*innen zusammen. Was uns überraschen mag: Die Aktivist*innen verbuchen das als Erfolg.

Denn in Mexiko gibt es gleichzeitig zahlreiche schwerwiegende soziale Probleme: Femizide, die immer brutaler werdenden Drogenkartelle oder die steigende Anzahl an Menschen, die spurlos verschwinden, sind nur einige davon. Im Vergleich dazu wird die globale Erderwärmung von vielen Menschen als durchaus weniger bedeutsam wahrgenommen.

Dass überhaupt eine Klimabewegung zustande gekommen ist, ist der Ausdauer, dem Mut und der Durchhaltekraft von Aktivist*innen wie Jeraldine García Martínez zu verdanken. Aufgrund ihrer Hartnäckigkeit hat das Umweltministerium Jaliscos inzwischen einen Arbeitskreis zum Klimawandel eingerichtet, in dem junge Aktivist*innen ihre Forderungen direkt mit den Abgeordneten besprechen und gemeinsam an Lösungen arbeiten können. Darüber hinaus wurde der ‚grüne Fond‘ transparenter gestaltet – es ist nun einfacher nachzuvollziehen, wofür Geld ausgeben wird. Kleine Erfolge wie diese zeigen der Aktivistin immer wieder, wofür sich die Mühe und das Risiko am Ende lohnen.

 

Weitere Infos:

„Fridays for Future“ sind eine globale Bewegung junger Menschen, die sich für eine schnelle und konsequente Klimapolitik einsetzen. Zentrale Forderungen sind etwa die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens von 2015 oder Klimagerechtigkeit und damit die Sicherung bedrohter, meist ärmerer Staaten, die überwiegend am wenigsten zur Klimaerwärmung beigetragen haben.

Im August 2018 initiierte die damals 15-jährige Greta Thunberg ihren ersten „Schulstreik für das Klima“ vor dem schwedischen Parlament. Heute organisieren Ortsgruppen in mehr als 100 Ländern auf der Welt regelmäßig Streiks oder rufen zu Demonstrationen auf. Viele der Forderungen wurden bislang noch nicht umgesetzt. Was sie jedoch geschafft haben, ist eine globale Aufmerksamkeit für das Thema Klimawandel.

 

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Von Tabea Kirchner, Guadalajara

Tabea Kirchner studiert Journalistik und Kommunikationswissenschaft (Master) an der Universität Hamburg. Nebenbei arbeitet sie in einem Excellenzcluster und schreibt ihre Masterarbeit über Klimakommunikation. Ihr aktueller Standort ist Mexiko, wo sie ein Auslandssemester absolviert. Themen, die Tabea besonders beschäftigen sind der Klimawandel, Nachhaltigkeit und soziale Ungerechtigkeiten.

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