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Stimmen aus einem vergessenen Land
Ein Interview über Mauretaniens Frauen

15. Juli 2026 | Von Helen Hecker | 12 Minuten Lesezeit
Traditionelle Teezeremonie in Mauretanien. Ein Alltagsmoment, der selten zu sehen ist, denn viele Frauen bleiben meist unsichtbar. Foto: Renato Brazioli / Unsplash

Mauretanien kommt in europäischen Medien kaum vor, obwohl dort insbesondere Frauen bis heute kaum Rechte haben und Sklaverei de facto fortbesteht. Menschenrechtsaktivist Yahya Ekhou hat einige ihrer Lebensgeschichten gesammelt. Entstanden ist ein Buch über Diskriminierung, Repression, Protest und Liebe.

 

Zusammenfassung:

Mauretanien bleibt in europäischen Medien oft unsichtbar – ebenso wie die Frauen, die dort unter Scharia, Stammesstrukturen und fortbestehender Sklaverei leiden. Menschenrechtsaktivist Yahya Ekhou sammelt ihre Geschichten und zeigt: Trotz Repression kämpfen sie mutig für Freiheit, Würde und das Recht, gehört zu werden.

 

Von Helen Hecker, Palermo/Köln

Du kommst aus Mauretanien – wie würdest du uns deine Heimat beschreiben? 

Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Mauretanien ist eine islamische Republik. Die Scharia gilt als Staatsrecht. Das bedeutet konkret: Wer nicht dem sunnitischen Islam angehört, hat weniger Rechte – vor Gericht, bei Erbschaft, bei Ehe und Scheidung. Wer den Islam öffentlich infrage stellt, riskiert zudem Strafverfolgung. Mir wurde die Staatsbürgerschaft entzogen, weil ich mich öffentlich als Atheist bekannt und gegen das System geschrieben habe.

Außerdem gibt es ein Stammessystem, das wie eine Pyramide aufgebaut ist: Nur eine kleine Gruppe kontrolliert das Land, seine Politik, seine Religion und das Militär. Andere ethnische Gruppen, wie zum Beispiel die Pulaar oder die Soninke, werden behandelt wie Fremde. Man kann daher nicht sagen, dass Mauretanien ein arabisches Land ist. Es ist viel komplizierter.

Endlose Weite: Fast drei Viertel Mauretaniens bestehen aus Wüste. | Foto: Daniel Born / Unsplash

Wie wirkt sich dieses System auf den Alltag der Frauen aus?

Frauen können ohne die Erlaubnis eines Mannes aus der Familie keinen Personalausweis beantragen und nicht allein reisen. Männer nutzen die Religion, um das zu legitimieren – als wäre es normal. Aber das ist es nicht. Als Staatenloser weiß ich, wie es sich anfühlt, keine Rechte zu haben. Wenn Kamele besser behandelt werden als manche Frauen, dann versteht man, wie tief dieses System sitzt. Und innerhalb des Systems gibt es noch einmal Hierarchien: Frauen aus arabischstämmigen Familien haben mehr Rechte als Frauen aus anderen Volksgruppen oder erst als Sklavinnen. Sie haben gar keine.

 

Mehr über Mauretanien:

Mauretanien gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und liegt im nordwestlichen Afrika zwischen Algerien, Mali, dem Senegal sowie dem von Marokko besetzten Territorium der Westsahara. Obwohl das Land fast dreimal so groß ist wie Deutschland, hat es nur knapp fünf Millionen Einwohner. Das liegt unter anderem daran, dass ein Großteil Mauretaniens zur Sahara gehört.

Es wurde 1960 nach der französischen Kolonialherrschaft für unabhängig erklärt und hat seitdem mehrere Militärputsche erlebt. Heute ist es eine islamische Republik, in der die Scharia als Staatsrecht gilt. Schätzungen internationaler Organisationen zufolge sind bis zu einer halben Million Menschen von Sklaverei betroffen.

 

Warum bist du ins Exil gegangen?

Ich hatte eine privilegierte Kindheit – meine Familie hat mir eine gute Bildung ermöglicht, auch im Ausland. Während meines Studiums in Kairo wurden mir dann die Augen geöffnet: Zum ersten Mal erlebte ich eine Gesellschaft, die zumindest in Teilen säkular funktioniert, ich war das erste Mal im Kino, hatte Zugang zu Büchern und Ideen, die in Mauretanien verboten sind. Mir wurde klar, dass ich das, was in meinem Heimatland passiert, nicht mehr tolerieren konnte. Deswegen habe ich mit anderen mauretanischen Studierenden „Libres Mauritania“ gegründet – eine Organisation, die sich für Gleichheit, Minderheitenrechte, Frauenrechte und LGBTQ+-Rechte einsetzt. Als ich später für einen kurzen Urlaub nach Mauretanien zurückkehrte, wurde ich aufgrund meiner systemkritischen Aussagen tagelang verhört und inhaftiert. Heute lebe ich in Deutschland und bin froh, hier meine Identität zeigen zu dürfen.

Was hat dich persönlich dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben? Und warum hast du dich als Mann so intensiv mit den Lebensrealitäten von Frauen auseinandergesetzt?

Über „Libres Mauritania“ habe ich viele Mails von Frauen bekommen – Frauen, die Hilfe suchten oder einfach jemanden, der ihre Sehnsucht nach Freiheit versteht. Das war für mich ein Signal. Ich wollte ein umfassendes Bild meines Heimatlandes zeichnen, das auch Leser:innen in Europa nachvollziehen können. Die Rolle der Frauen in einer Gesellschaft ist essenziell. Über sie zu schreiben war für mich die ehrlichste Form, über die Probleme in Mauretanien zu sprechen. Denn alle Frauen kämpfen für dasselbe: das Recht, als Mensch zu gelten.

Hannah Arendt hat einmal gesagt: „Das Recht, Rechte zu haben, ist eine große Sache.“ Und Schreiben hat Macht – gerade in einem diktatorischen Land wie Mauretanien. Ich hatte die Möglichkeit zu schreiben und ich wollte sie nutzen, um die Geschichten der Frauen sichtbar zu machen, die sonst keine Stimme haben.

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Wer sind die Frauen in deinem Buch – und wie hast du ihr Vertrauen gewonnen? Das ist ja bei so einem sensiblen Thema keine Selbstverständlichkeit.

Das Buch enthält die Lebensgeschichten von insgesamt 15 Frauen – jede zeigt eine andere Facette der mauretanischen Gesellschaft. Zwei der porträtierten Frauen leben noch heute in Mauretanien, die anderen im Exil. 

Ihr Vertrauen zu gewinnen war ein langer Prozess. Mit den meisten habe ich am Anfang erst einmal geschrieben und dann fast jede Woche stundenlang telefoniert, um uns kennenzulernen. Vertrauen braucht Zeit. Nur eine Frau habe ich persönlich in Spanien getroffen. Insgesamt hat das Projekt zwei Jahre gedauert. Die Namen im Buch sind anonymisiert, weil viele befürchteten, von ihrer Familie bedroht zu werden. Oft hatte ich meine Schwester bei den Interviews dabei – sie ist Mauretaniens erste weibliche Filmemacherin und lebt als lesbische Frau im Exil in Kairo. Dass ich diese Realität kenne und akzeptiere, hat vielen Frauen geholfen, mir zu vertrauen.

Gab es eine Geschichte, die dir besonders nahe ging?

Alle Geschichten sind einzigartig. Keine ist wichtiger als die anderen. Besonders emotional war für mich die erste: Magedah ist lesbisch – wie meine Schwester – und hatte in Mauretanien keine Möglichkeit, das zu zeigen. Darauf würde ihr Gefängnis oder Schlimmeres drohen. Mehr als 20 E-Mails haben wir ausgetauscht, bevor wir wirklich miteinander gesprochen haben. Das hat mich tief berührt. Dann gibt es die Geschichte einer Sklavin, die Gitarre spielt. Diese war besonders schwer für mich, weil meine eigene Familie Sklaven hielt. Was meine Familie und das Stammessystem tun, ist unmenschlich. Lange konnte ich darüber nicht sprechen. Es war eine Art innerer Konflikt, der sich kaum in Worte fassen lässt.

Du hast die Sklaverei angesprochen – offiziell ist sie seit 2007 verboten. Wie muss man sich das in Mauretanien vorstellen?

Offiziell gibt es sie nicht. In der Realität sieht das anders aus. Jeder Stamm hat kleine Dörfer, in denen nur Sklaven leben. Diese Orte heißen Adabei – benannt nach dem Stamm, dem sie angehören. Jeder Sklave trägt seinen Stammesnamen als Nachnamen. Die meisten bekommen keinen Personalausweis, keine Geburtsurkunde. Sie arbeiten für den Stamm: auf den Feldern, als Hausmädchen und als Köche. Die Töchter arbeiten im Haus. Dagegen zu kämpfen ist schwer, weil Stamm und Staat in Mauretanien keine getrennten Bereiche sind. Ich habe viele Probleme bekommen, weil ich aus einem großen Stamm komme und Dinge erzählt habe, die ich nicht hätte erzählen sollen.

Gab es während der Recherche Dinge, die dich überrascht haben? Dinge, die du vorher nicht wusstest?

Ja, vieles. Die meisten Männer in meiner Gesellschaft glauben, Frauen hätten keine eigene Meinung und könnten keine richtigen Entscheidungen treffen. Aber alle Frauen, mit denen ich gesprochen habe, haben mich eines Besseren belehrt. Sie haben mutige Entscheidungen getroffen. Sie haben klare, auch politische Meinungen und haben damit ihrer Familie und einer ganzen Gesellschaft widersprochen, die ihnen vorgeschrieben hat, wer sie sein sollen. Das hat mich tief beeindruckt.

Dazu kam, dass ich als Mann kaum Zugang zum Alltag von Frauen hatte. In Mauretanien leben diese Welten strikt getrennt. Diesen Einblick zu bekommen war für mich ein Geschenk. Und eine große Verantwortung.

Gab es auch Geschichten, die dir Hoffnung gemacht haben?

Ja. Magedahs Geschichte zum Beispiel. Sie reiste allein aus Mauretanien in den Senegal. Das ist kein Selbstverständnis. Wenn eine Frau allein reist, schickt die Familie meistens Männer los, um sie zurückzubringen und eine Warnung für andere zu geben. Deshalb haben viele Frauen Angst, zu reisen, und deshalb hat Magedahs Erzählung so viele berührt. Und was mich am meisten überrascht hat: Magedahs Mutter hat positiv auf ihr Coming-out reagiert. Das ist in diesem Kontext außergewöhnlich. Dieser Moment im Buch zeigt, dass es immer Menschen gibt, die einen so sehen, wie man wirklich ist.

Nomadentum prägt Mauretanien bis heute. Doch nicht alle Menschen leben in der gleichen Freiheit: Für viele Frauen bedeutet ein Leben außerhalb der Stammesstrukturen oft die Flucht durch die Sahara.

Was möchtest du den jungen Frauen in Mauretanien sagen?

Dass sie nicht allein sind und es Menschen gibt – auch in Mauretanien – die daran arbeiten, die Dinge zu verändern. Das ist nicht immer sichtbar, aber sie sind da. Es gibt auch Männer, die Frauen respektieren und unterstützen. Manchmal sind es kleine Gruppen, kleine Netzwerke – aber es gibt sie.

Jeder Mensch hat seine eigene Art, seine eigene Stimme zu zeigen: mit Schreiben, mit Musik, mit Kunst. Mein Buch heißt nicht zufällig „Stimmen aus der Stille” – diese Stimmen existieren. Sie verdienen es, gehört zu werden.

Und was wünschst du dir von der internationalen Gemeinschaft?

Dass sie hinschaut. Länder ohne Öl und ohne geopolitisches Gewicht verschwinden von der Agenda – und mit ihnen die Menschen, die dort noch immer für grundlegende Rechte kämpfen. Das darf nicht so bleiben.

Mein Wunsch an alle, die das Interview lesen: Sagt es weiter. Es braucht nicht immer Geld, sondern Aufmerksamkeit. Was die meisten internationalen Medien nicht tun, können wir als Einzelne tun: hinschauen, erzählen, sichtbar machen. Freie Menschen kann man nicht zähmen. In vielen Ländern wird es trotzdem versucht. Dieses Buch erzählt davon.

 

Mehr über den Autor:

Yahya Ekhou wurde 1990 in Mauretanien geboren und studierte Jura und NGO-Management in Kairo. Als lautstarker Kritiker der islamischen Scharia wurde er inhaftiert und mit einer Fatwa belegt – einem religiösen Rechtsgutachten eines islamischen Gelehrten, das im Extremfall zur Tötung aufruft.

Demonstrationen forderten seine Hinrichtung und ihm wurde die Staatsbürgerschaft entzogen. 2018 floh er nach Deutschland. Da ihm seine eigene Familie nachgestellt hat, lebt er heute unter Polizeischutz und staatenlos in Köln. Ekhou ist Gründer des Netzwerks „Libres Mauritania“ und schreibt für internationale Medien. Schreiben ist für ihn eine Form des Widerstands.

 

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Von Helen Hecker, Palermo

Helen Hecker berichtet als freie Redakteurin und Fotografin für Online, Print und TV. Sie ist unsere Community Managerin und kümmert sich darüber hinaus um unseren Instagram-Kanal. Nach ihrem Studium zur Sprach- und Politikwissenschaftlerin in Bamberg zog es sie 2008 nach Sizilien. Dort war sie lange Zeit für die nationale Dokumentarfilm-Akademie tätig und spezialisiert sich in ihrer Auslandkorrespondenz auf Italien. Mehr: www.helenhecker.de.

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