Schwarzer Peter
Rassismusdebatte in den Niederlanden

„Sinterklaas“ (rechts) mit einem traditionellen „Zwarte Piet“ (links), einem schwarz geschminkten Helfer, bei einem Umzug. Quelle: Pixabay

Alljährlich sorgt „Zwarte Piet“, der schwarz geschminkte Helfer vom Nikolaus, in den Niederlanden für Diskussionen und Auseinandersetzungen bei Demonstrationen. Die Wahrnehmung ist dabei ganz unterschiedlich: Aktivist*innen kämpfen schon seit Jahren gegen die „rassistische Karikatur“, andere wollen sich ihre „Tradition“ nicht nehmen lassen.

Von Sarah Tekath, Amsterdam

In den Niederlanden wird nicht der 24. Dezember groß gefeiert, sondern der Besuch vom sogenannten „Sinterklaas“. Das ist der niederländische Name für den Heiligen Nikolaus. Er kommt in Vorbereitung auf den Nikolausabend am 5. Dezember, immer an einem Wochenende im November, mit einem Schiff voller Geschenke in wechselnden Städten des Landes an. Mit der Ankunft geht jedes Mal ein großes Fest einher.

In diesem Jahr ist der Ankunftsort des Schiffes geheim, um wegen der Corona-Pandemie Menschenansammlungen zu vermeiden. Üblicherweise wird das Spektakel von tausenden Kindern verfolgt. Dieses Mal wird es live über das Fernsehen übertragen, so dass es alle zuhaue verfolgen können. Die sonst üblichen Paraden werden durch einen „Sinterklass“ ersetzt, der in einem Cabrio-Bus umherfährt. Geschenke gibt es für die Kinder aber trotzdem – bei privaten Feiern zu Hause.

An Bord seines Schiffes hat „Sinterklaas“ auch eine Schar Helfer*innen, genannt „Zwarte Piet“, zu Deutsch Schwarzer Peter. Diese sind normalerweise auch bei den Umzügen zu sehen. Die Figur wird von weißen Schauspieler*innen dargestellt, die sich die Gesichter schwarz und die Lippen dick rot anmalen und zum bunten Kostüm Lockenperücken und goldene, runde Ohrringe tragen.

Dieses Aussehen geht zurück auf ein niederländisches Bilderbuch für Kinder mit dem Titel „Der Heilige Nikolaus und sein Knecht“ aus dem Jahr 1850. In vielen der später veröffentlichten Geschichten stellt „Zwarte Piet“ die Schreckensfigur dar, die unartige Kinder in einen Sack steckt und nach Spanien entführt. In den folgenden Jahrzehnten bekam „Zwarte Piet“ das positivere Image des Helfers, der Süßigkeiten verteilt. Was blieb, war sein schwarzes Gesicht.

Proteste gegen Zwarte Piet eskalieren

Mit der Unabhängigkeit Surinams 1975, das lange zum Königreich der Niederlande gehörte, und der anschließenden Migration vieler Surinamer*innen in die Niederlande nahm die Kritik an dieser Darstellung und die Zahl der Anti-Zwarte-Piet-Gruppen zu, doch die Situation eskalierte erst nach 2010. Im Rahmen des Projekts „Zwarte Piet ist Rassismus“ trugen mehrere Aktivist*innen im November 2011 T-Shirts mit dieser Aufschrift beim nationalen Einzug von „Sinterklaas“. Vier von ihnen wurden verhaftet.

2017 blockierten Zwarte-Piet-Befürworter*innen den Verkehr auf einer Autobahn und bremsten mehrere Busse mit Anti-Zwarte-Piet-Aktivist*innen aus, um sie an der Teilnahme am nationalen Einzug des Nikolauses zu hindern. Auffällig ist, dass die Gegenwehr in ländlichen Gebieten des Landes besonders stark ist. In den Städten und im Westen der Niederlande zeigt sich hingegen eine größere Bereitschaft, „Zwarte Piet“ anzupassen. Die Tageszeitung „NRC Handelsblad“ schrieb 2018 wörtlich: „Je weiter östlich, desto schwärzer die Pieten.“

Im Juni 2020 erhielt der Gründer der Organisation „Die Niederlande werden besser“, zu der die Kampagne gehört, die sich für die Abschaffung von Zwarte Piet einsetzt, schriftliche Drohungen gegen sich und seine Familie. Die Ermittlungen der Polizei laufen noch.

Anti-Zwarte-Piet-Demonstrant*innen bei einer Parade (Foto: Raymond van Mil).

Eine, die die Debatte um „Zwarte Piet“ nicht nachvollziehen kann, ist Lotte de Vries. Die Lehrerin aus Amsterdam, die eigentlich anders heißt, möchte für diesen Text anonym bleiben. „Heute darf man ja nichts mehr laut sagen, sonst kriegt man gleich Probleme“, erklärt sie. „Zwarte Piet“ verbindet sie vor allem mit schönen Kindheitserinnerungen.

„Vor Sinterklaas hatten wir Angst, denn der hatte das Buch, in dem vermerkt wurde, wenn Kinder etwas falsch gemacht haben. Die Zwarten Pieten waren nett und lustig. Sie haben Akrobatik gemacht und den Kindern Süßigkeiten zugeworfen. Durch den Spaß, den sie gemacht haben, hatten wir weniger Angst vor Sinterklaas. Er war ja derjenige, der angeordnet hätte, dass unartige Kinder in den Sack gesteckt und nach Spanien gebracht werden würden.“

Dass Menschen sich durch „Zwarte Piet“ verletzt fühlen, kann Lotte de Vries nicht verstehen. „Um Rasse oder Nationalität geht es nicht. Die Pieten sind schwarz, weil sie durch den Schornstein gehen. Nicht, weil sie Sklaven von Sinterklaas sind“, sagt sie. De Vries ist keine Aktivistin, trotzdem sagt sie. „Ich habe keine Kinder, daher feiern wir das Fest nicht. Aber wenn ich Kinder hätte, dann wäre ich sehr sauer, dass sie meinen Kindern das Fest wegnehmen.“  

Wenn ein Kind heute in der Schule als „Zwarte Piet“ bezeichnet werde, dann liege das an der Gesellschaft. Früher sei das nicht so gewesen. Die Verbindung von „Zwarte Piet“ und schwarzen Menschen sei erst durch die Erwachsenen hergestellt worden. „ Früher war ein Kind mit dunkler Haut auch einfach ein Kind“, sagt de Vries.

Ausgeschlossen fühlen

Wie es sich anfühlt, als „Zwarte Piet“ bezeichnet zu werden, weiß Stacey Lamptey, Anti-Zwarte-Piet-Aktivistin aus Groningen. „Ich bin in Belgien aufgewachsen und habe dort fünf Jahre lang gelebt, bevor meine Familie nach Ghana zurückkehrte. Ich habe viele Umzüge von Sinterklaas und Zwarte Piet gesehen. Sie kamen in die Schulen und haben Süßigkeiten verteilt. Als Kind habe ich den rassistischen Hintergrund nicht verstanden“, sagt sie.

Trotzdem erinnere sie sich an Kommentare bezüglich ihrer Hautfarbe. „Schau, das bist du!“ oder „Du musst dich nicht schminken. Du siehst schon aus wie Zwarte Piet!“. Dadurch habe sie sich als Kind ausgeschlossen gefühlt. Eine Lösung seien Lampteys Meinung nach ruß-graue oder Regenbogen-Pieten, die in immer mehr niederländischen Städten bei den Paraden auftreten.

Stacey Lamptey wurde als Kind als „Zwarte Piet“ bezeichnet, heute kämpft sie gegen die Tradition (Foto: privat).

„In Groningen habe ich Piet in Rot, Grün und Blau gesehen – ohne Afro-Perücke“, erinnert sie sich. „Wir können die Figur ja behalten. Nur die rassistischen Stereotype sollten entfernt werden. Die Tradition sollte so angepasst werden, dass jeder Freude daran haben kann. Den Kindern ist es doch egal, wie eine Figur aussieht, solange es Süßigkeiten gibt.“ Zu Demonstrationen gehe sie aber kaum. „Ich war nur einmal dabei. Dort war die Stimmung extrem heftig und ich habe mich überhaupt nicht sicher gefühlt“, sagt sie.

Dafür, dass die Debatte mit derart heftigen Aggressionen geführt wird, hat sie folgende Erklärung: „Die Menschen sehen es nur aus ihrer eigenen Perspektive. ‚Das ist meine Kultur. Das war meine Kindheit.‘ Viele verbinden schöne Kindheitserinnerungen mit Zwarte Piet. Dann werden sie nostalgisch und denken an Familienfeste und Spielzeuge. Aber andere verbinden Zwarte Piet mit traumatischen Erinnerungen, wie etwa ausgelacht und verspottet zu werden. Sie verstehen nicht, dass wir nicht dieselben Erinnerungen haben.“

Wie aggressiv die Zwarte-Piet-Debatte mittlerweile geführt wird, weiß auch Margo Rozen. Die Aktivistin, die nicht wirklich so heißt, gehört zur Gruppe „Kick Out Zwarte Piet“, die institutionellen Rassismus in den Niederlanden bekämpfen und die Figur in der aktuellen Form von den Feierlichkeiten ausschließen will. Es gibt mehrere Untergruppen wie beispielsweise „Zwarte Piet is Racisme“ oder „Stop Blackface“, also das Stoppen der Darstellung von dunkelhäutigen Personen durch weiße Menschen. Wie viele Mitglieder die Organisation umfasst, ist nicht bekannt, da sie sich neben den Kernmitgliedern vor allem auf Freiwillige stützt.

„Wir demonstrieren an Orten, wo Zwarte Piet noch bei den Sinterklaas-Umzügen mitläuft. Dort wollen Menschen nicht auf die Tradition verzichten. Gerade Männer werden sehr aggressiv und greifen uns an“, berichtet sie. Sie sei auch Opfer der Autobahn-Blockade vor drei Jahren geworden. „Wir waren mit 120 Stundenkilometern auf der Autobahn. Einige unserer Mitglieder wurden verletzt, weil sie im Bus nach vorne geflogen sind. Andere haben ein psychisches Trauma erlitten“, sagt sie.

„In Rotterdam hat eine Gruppe Rechtsradikaler Feuerwerk in unsere demonstrierende Gruppe geworfen.“ Im Jahr 2019 habe es einen versuchten Anschlag auf eine Versammlung von „Kick Out Zwarte Piet“ gegeben. Die Gruppe habe versucht, den Treffpunkt in einer Schule geheim zu halten, aber trotzdem hätten 60 mit Knüppeln und Feuerwerk bewaffnete Personen versucht, das Gebäude zu stürmen, erklärt sie.

Keine klare Position der Politik

Generell falle es ihrer Meinung nach niederländischen Politikern schwer, eine klare Position einzunehmen: aus Angst, Wählerstimmen zu verlieren. Auch habe der Unwille, sich mit dem Thema „Zwarte Piet“ auseinanderzusetzen, mit der niederländischen Weigerung zu tun, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen. „Denn wer über Zwarte Piet nachdenkt, muss auch nachdenken über die niederländische Geschichte, Kolonialismus, Rassismus und Sklaverei. Aber so kritisch wollen viele ihr Land nicht betrachten“, vermutet sie.

Zwarte-Piet-Befürworter mit schwarzer Schminke im Gesicht (Foto: Raymond van Mil).

Immerhin hat Ministerpräsident Mark Rutte mittlerweile eingelenkt. Im Jahr 2014 erklärte er noch: „Meine Freunde auf den niederländischen Antillen sind sehr glücklich beim Sinterklaas-Fest, weil sie sich die Gesichter nicht schminken müssen, aber wenn ich Zwarte Piet spiele, dann bin ich tagelang beschäftigt, um das Zeug wieder von meinem Gesicht zu kriegen.“

Nach der Autobahn-Blockade 2017 sagte er: „Sinterklaas ist eine schöne Tradition, ein Kinderfest. Können wir uns also bitte einfach alle normal verhalten? Ich habe als Kind auch ganz gespannt auf die Ankunft von Sinterklaas gewartet. Was man dann nicht will, ist, dass Kinder mit bösen Demonstranten konfrontiert werden.“ Im Juni 2020 zeigte er allerdings Bereitschaft, „Zwarte Piet“ anzupassen, sollten sich Menschen dadurch beleidigt oder verletzt fühlen, obwohl er die Tradition selbst nicht als rassistisch empfinde.

Erste Erfolge

Auch Margo Rozen sieht weitere positive Entwicklungen: „Der Diskussion von institutionellem Rassismus wird mehr Raum gegeben, auf Entscheider-Ebene in privaten und öffentlichen Institutionen. Wir bekommen mehr Aufmerksamkeit, werden eingeladen und Menschen hören uns zu.“ Trotzdem fordere sie mehr Einsatz von der Regierung. „Das Parlament muss Stellung beziehen, in Aktion treten und Rassismus kriminalisieren“, findet Rozen. Aktuell gebe es kaum Verurteilungen und die Karikatur des „Zwarte Piet „werde beinahe als Meinungsäußerung gesehen.

Vielerorts tut sich aber doch etwas. Vor wenigen Monaten schafften die niederländischen Karibik-Inseln Aruba, Bonaire und Curacao die Feierlichkeiten um den Einzug von Sinterklaas und den „Zwarte Piet“ komplett ab. Die niederländische Kino-Kette Pathé gab bekannt, keine Filme mehr mit „Zwarte Piet“ zu zeigen.

Facebook löscht seit August 2020 mithilfe von 15.000 Moderatoren Beiträge mit „Zwarte Piet“ sowie „Blackfacing“ und Amazon verbietet den Verkauf von Zwarte-Piet-Produkten. Einige Städte lassen 2020 ruß-graue oder Regenbogen-Pieten an den Paraden teilnehmen. Doch bis das im ganzen Land der Fall ist, kämpfen Stacey Lamptey und Margo Rozen weiter, damit sich irgendwann alle Kinder über das Fest freuen können.

 

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Von Sarah Tekath , Amsterdam

Sarah Tekath kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, hat zwei Jahre in Prag gelebt und schrieb dort als Freie für die Prager Zeitung und das Landesecho. Im Jahr 2014 zog sie nach Amsterdam, wo sie unter anderem für das journalistische Start-up Blendle arbeitete. Seit 2016 ist sie selbständige Journalistin und kümmert sich, gemeinsam mit Helen Hecker, um unseren Instagram-Kanal.

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