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Ein Interview über Finanzbildung

3. Juni 2026 | Von Milena Österreicher | 12 Minuten Lesezeit
Saskia Hödl hat aus den Geldfragen ihrer Kinder ein Buch gemacht: „Wieso drucken wir nicht einfach mehr Geld“. Foto: Minitta Kandlbauer

Kinder stellen oft die unbequemsten Fragen – auch über Geld und Gerechtigkeit. Autorin Saskia Hödl hat daraus ein Kinderbuch gemacht. Im Interview spricht sie darüber, warum Finanzbildung früh beginnen sollte und warum Altersarmut bei Frauen kein Problem ist, das sich mit dem richtigen ETF lösen lässt.

 

Zusammenfassung:

Saskia Hödl erklärt Kindern Geld, Arbeit und Ungleichheit. Im Interview zeigt sie, warum Finanzbildung früh beginnen sollte, weshalb Altersarmut bei Frauen kein individuelles Anlageproblem ist und warum Kinder oft klarer sehen, wie ungerecht unser Wirtschaftssystem funktioniert.

 

Von Milena Österreicher, Wien

Wie ist die Idee zu deinem Buch „Wieso drucken wir nicht einfach mehr Geld“ entstanden?

Angefangen hat es damit, dass mein ältester Sohn – ich habe drei Kinder – mit vier Jahren gefragt hat, warum ich so viel arbeiten muss. Damals war ich noch Ressortleiterin bei der taz, und er hat überhaupt nicht verstanden, warum ich fünf Tage die Woche weg bin und das Wochenende nur zwei Tage hat. Für ihn war das völlig unlogisch. Er hat sich gefragt, warum man das nicht einfach umdrehen kann. Und er wollte wissen, wer sich das eigentlich ausgedacht hat, also bei wem er anrufen und sich darüber beschweren kann.

Er hatte auch ganz viele Fragen rund ums Geld: Wo liegt Geld eigentlich? Wie kommt es von einem Ort zum anderen? Und wie entsteht es überhaupt? Irgendwann kam die Frage: Warum produziert man nicht einfach mehr Geld, wenn man mehr braucht? Seine Lösung war pragmatisch: „Mama, wir haben doch einen Kopierer.“

Wieso drucken wir nicht einfach mehr Geld? | Quelle: Leykam Verlag

Ich fand diese Fragen damals schon toll. Also habe ich lange nach einem Buch gesucht, das ihm solche Dinge erklären könnte. Ich war aber ziemlich enttäuscht von dem, was ich fand.

Die meisten Bücher waren so eine Art „Finance-Bro“-Lektüre für Kinder, also nach dem Motto: Wie werde ich reich, bevor ich acht bin. Was ich gesucht habe, war etwas anderes: ein Buch, das einerseits einen Sachbuch-Anspruch hat und erklärt, was Aktien oder Kredite sind, und das gleichzeitig einen kritischen, feministischen Blick auf Kapitalismus wirft und Alternativen aufzeigt. Irgendwann habe ich mir gedacht: Wenn es das nicht gibt, muss ich es selbst schreiben, und habe angefangen, die Fragen meiner Kinder zu sammeln.

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Ab welchem Alter sollte man mit Kindern über Themen wie Geld und Arbeit sprechen?

So früh wie möglich. Ich kann mich erinnern, dass wir als Kinder in der Schule rund um den Weltspartag mit Banken über Geld gesprochen haben. Finanzbildung sollte aber nicht nur von Banken durchgeführt werden, die ihre Produkte verkaufen wollen.

Deshalb war mir wichtig, dass dieses Buch viel erklärt, aber trotzdem locker bleibt und sowohl Kinder als auch Eltern beim Lesen Spaß haben. Es ist auch kein Buch, das man in einem Zug liest. Man kann es immer wieder aus dem Regal nehmen – je nach Alter und Situation. Manche Fragen sind für Vierjährige interessant, andere eher für Zehnjährige. Auch Erwachsene haben mir schon erzählt, dass sie es für sich gekauft haben.

Banken und Versicherungen werben in den letzten Jahren verstärkt für die finanzielle Vorsorge von Frauen. Sollte man besonders Mädchen früh über Geld und Finanzen aufklären?

Einerseits ja, weil es eben Gender Pay Gap oder Altersarmut gibt. Ich finde es grundsätzlich richtig, Kinder darauf vorzubereiten und ihnen keine Wunschvorstellungen als Realität zu verkaufen. Andererseits sehe ich auch eine politische Verantwortung. Die Lösung kann nicht sein, dass Frauen einfach die „richtigen Bankprodukte“ kaufen, um finanziell abgesichert zu sein. Das ist etwas für Leute, die bereits Geld haben, und wäre eine Individualisierung eines strukturellen Problems. Wenn man selbst aus einer Familie kommt, die zum Teil durchaus in Armut gelebt hat, weiß man auch, dass Altersarmut nichts ist, was du mit einem richtigen Konto oder mit dem richtigen ETF-Fonds beseitigen kannst.

Du schneidest im Buch viele Themen an: Care-Arbeit, Vermögen, Steuern, Armut. Gab es bei der Recherche etwas, das dich selbst überrascht hat?

Vieles kannte ich schon aus meiner journalistischen Arbeit. Was mich tatsächlich sehr überrascht hat, ist, wie wenig wir über Reichtum wissen und wie wenig wir wirklich über die Ungleichheit sagen können, die aktuell herrscht. Die meisten Daten über Reichtum beruhen auf freiwilligen Befragungen oder Schätzungen.

Über Armut wissen wir hingegen sehr viel. Denn jeder Mensch, der Sozialhilfe oder andere Unterstützungen beantragt, muss komplett offenlegen, wie seine finanzielle Situation aussieht, mit Kontoauszügen und allem. Bei reichen Menschen wissen wir das nicht. Und das ist ein Problem, denn über Dinge, zu denen es keine Daten gibt, kann man politisch und demokratisch kaum sinnvoll diskutieren.

Im Buch vergleichst du Überreichtum mit einem Hund, der Unmengen an Knochen hortet. Bei ihm würden wir wahrscheinlich schnell sagen: Das ist nicht sozial. Warum fällt uns das bei Menschen schwer?

Ich glaube, weil wir es nicht begreifen können. Wir können uns einfach nicht vorstellen, wie viel Geld das eigentlich ist. Deshalb finde ich es wichtig, schon im Kindesalter darüber zu sprechen. Was bedeutet es eigentlich, wenn jemand unglaublich reich ist? Was bedeutet das für andere? Dabei geht es nicht um das Haus der Großmutter oder um kleinere Vermögen. Es geht um Beträge, die man sich kaum vorstellen kann. Reichtum in dem Ausmaß, wie wir ihn heute sehen, ist nicht nötig, und meiner Meinung nach auch moralisch schwer zu rechtfertigen.

Wenn jemand über Nacht 90 Prozent seines Vermögens verlieren könnte und sich sein Alltag infolgedessen trotzdem kaum verändern würde, dann zeigt das, wie absurd diese Dimensionen sind. Kinder sind oft die ersten, die das verstehen. Mit Erwachsenen über Kapitalismus zu sprechen ist manchmal so, als würde man Fischen versuchen zu erklären, was Wasser ist. Kinder stellen dagegen selbstverständlich Fragen: Warum gehen sie fünf Tage die Woche in die Schule? Warum arbeiten ihre Eltern so viel? Warum leben wir so?

Warum geht das später verloren?

Ein Grund ist sicher, wie unsere Gesellschaft organisiert ist. Besonders Frauen und Mütter haben aufgrund der Mehrfachbelastung durch Care-Arbeit oft schlicht keine Zeit für politisches Engagement. Hinzu kommt, dass Kinder noch ein starkes Gefühl von Selbstwirksamkeit haben. Bei vielen Erwachsenen geht dieses Gefühl verloren. Man hört dann oft Sätze wie: „Was soll man schon machen?“ Oder: „Das war immer schon so.“ Dieses Gefühl, dass man ohnehin nichts ändern kann, fehlt Kindern zum Glück noch. Ich glaube, dass es uns im Laufe der Schulzeit und des Erwachsenwerdens ein Stück weit abtrainiert wird. Doch unsere Aufgabe ist es, dieses Gefühl möglichst lange zu erhalten.

Du zeigst im Buch auch, dass manche Berufe schlechter bezahlt werden als andere, zum Beispiel Berufe im Sozialbereich, in dem viele Frauen arbeiten. Wie kann man das Kindern erklären?

Mir war wichtig, im Buch Raum für Diskussion zu lassen. Kinder können diese Dinge oft selbst weiterdenken. Sie brauchen nur die Informationen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Kinder wissen sehr genau, welche Jobs anstrengend sind. Sie können sich das gut vorstellen. Während der Covid-Pandemie haben wir alle darüber gesprochen, welche Berufe „systemrelevant“ sind. Das wissen wir sehr genau. Das Problem ist nur: Es hatte kaum Konsequenzen.

Du hast sowohl in Deutschland als auch in Österreich gelebt. Wie wird da jeweils über Geld, Arbeit und Gerechtigkeit gesprochen?

In beiden Ländern werden Themen rund um Gerechtigkeit und Arbeit nicht angemessen verhandelt. Das liegt auch daran, dass in sehr vielen Redaktionen Leute sitzen, die genug Geld haben, und die etwa von großen Mietsteigerungen nicht wirklich betroffen sind. Was auch beiden gemein ist, ist die endlose Debatte über Teilzeit. Die bringt mich regelmäßig auf die Barrikaden. Oft wird so getan, als wäre Teilzeit das Problem, statt sich die strukturellen Ursachen anzuschauen.

Was mir allerdings in Berlin stärker aufgefallen ist, ist die Protestkultur. Wenn Mieten so stark steigen wie in Wien in den letzten Jahren, würde es in Berlin wahrscheinlich viel größere Demonstrationen geben. In Wien wird vieles eher mit Schulterzucken hingenommen.

Kannst du dir vorstellen, weitere Kinderbücher zu schreiben?

Eigentlich ja, aber das ist wirtschaftlich extrem prekär. Alles, was nicht über die erste Auflage hinausgeht, ist für Autor:innen eigentlich ein Verlustgeschäft. Kindersachbücher sind im Grunde wie Bücher für Erwachsene, nur mit halb so viel Geld. Es steckt sehr viel Arbeit darin, weil man neben der Text- immer auch die Bildebene mitdenken muss.

Mein erstes Kindersachbuch „Steck mal in meiner Haut“ geht inzwischen in die neunte Auflage und ist ein Bestseller. Leben kann ich davon nicht. Aber ja, ich würde sehr gern noch ein Kinderbuch schreiben, am liebsten ein Sachbuch über Demokratie, Wahlen und Faschismus. Oder auch mal eines, das ganz ohne Fakten auskommt.

Zum Schluss noch eine Frage, die du im Buch den Leser*innen stellst: Welche Dinge, die man nicht für Geld kaufen kann, machen dich reich?

Meine Kinder natürlich, mein Mann, meine Familie. Dafür bin ich jeden Tag dankbar, und ich würde das um kein Geld der Welt eintauschen. Ich bin auch sehr froh, wieder in Wien zu sein. Ich mag die Stadt sehr, auch wenn hier nicht immer so viel protestiert wird. Wien ist eine Stadt, die historisch unglaublich viel für soziale Gerechtigkeit geleistet hat. Wenn man durch die Stadt geht, sieht man diese Spuren überall. Ich bin sehr glücklich, hier zu leben.

 

Mehr über Saskia Hödl:

Saskia Hödl ist freie Journalistin, Kolumnistin und Kinderbuchautorin und lebt in Wien. Sie arbeitet unter anderem für „DIE ZEIT“, „der Freitag“ und die „taz“. Ihr erstes Kindersachbuch „Steck mal in meiner Haut“ (EMF 2022) wurde zum Bestseller. Sie unterrichtet Journalismus und gibt Workshops zum Thema Diversität in Medien.

 

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Von Milena Österreicher, Wien / Lissabon

Milena Österreicher ist freie Journalistin und Schreibtrainerin. Sie leitet als Chefredakteurin das vierteljährlich erscheinende MO-Magazin für Menschenrechte in Österreich. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind gesellschaftliches Zusammenleben, Demokratie, Gleichstellung und Menschenrechte. Heute lebt sie in Wien, doch ihre Herzensheimat bleibt Portugal, wo sie so oft wie möglich Zeit verbringt. Mehr unter: https://www.torial.com/milena.osterreicher

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Kinder stellen oft die unbequemsten Fragen – auch über Geld und Gerechtigkeit. Autorin Saskia Hödl hat daraus ein Kinderbuch gemacht. Im Interview spricht sie darüber, warum Finanzbildung früh beginnen sollte und warum Altersarmut bei Frauen kein Problem ist, das sich mit dem richtigen ETF lösen lässt.

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