Lieferdienste und Hochdruck-Desinfektion
Coronavirus im Libanon

Die Außenansicht eines Hauses in der Innenstadt der libanesischen Hauptstadt Beirut. Foto: Unsplash

Aus aktuellem Anlass publizieren wir in den nächsten Tagen und Wochen verstärkt Erlebnisberichte von unseren Korrespondentinnen. Sie schildern wie sich das Coronavirus in ihren jeweiligen Ländern auswirkt, wie die Menschen und die Politik damit umgehen. Das heutige Stimmungsbild kommt aus dem Libanon.

Von Julia Neumann, Beirut

Über meiner Wohnung im Süden der libanesischen Hauptstadt Beirut fliegt ein grüner Helikopter, durch dessen Lautsprecher verzerrt die Stimme eines Militärs klingt. „Salamatikum“ (Ihre Gesundheit) kann ich heraushören. Wir sollen das Haus nur im Notfall verlassen.

Am 15. März hat die libanesische Regierung den Notstand ausgerufen. Die Grenzen sind geschlossen; Schulen, Universitäten, Restaurants und Bars dicht, Kulturveranstaltungen abgesagt. Nicht alle Menschen hielten sich anfangs an die Ausganssperre. Christ*innen im Land gingen weiter in die Kirchen und Jogger*innen liefen an der Strandpromenade entlang. Nun laufen Soldat*innen Patrouille durch die Straßen und verteilen Strafzettel. Zwar gibt es kein Bußgeld und niemand weiß etwas mit den Zetteln anzufangen, doch es soll die Menschen abschrecken, aus Lust und Laune vor die Tür zu gehen. Rausgehen darf nur noch, wer Lebensmittel, Medizin oder Benzin benötigt.

Dabei hatten viele gerade ein neues Bewusstsein für den öffentlichen Raum entwickelt. Denn der Libanon ist in der Hand von Großinvestor*innen und jegliche Landfläche ist privatisiert. Parks, Spielplätze, öffentliche Strände – all das fehlt. Um im Sommer eine Wiese zum Picknicken oder einen unversperrten Zugang zum Meer zu finden, braucht es Ausdauer und Insiderwissen. Umso erstaunlicher war da im Oktober vergangenen Jahres der kleine Sieg, den Protestierende errungen: Sie holten sich Straßen und öffentliche Plätze, die sonst unbelebt waren, zurück.

 

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Seit dem 17. Oktober protestierten die Libanes*innen gegen ihre korrupten Politiker*innen und deren Missmanagement. Tausende gingen auf die Straßen und schafften es, die Regierung zum Rücktritt zu zwingen. In der schicken Beiruter Innenstadt rund um Läden von Versace und Armani rauchten Menschen plötzlich Wasserpfeife auf Plastikstühlen, Aktivist*innen schlugen ihre Zelte auf.

Das Protestlager wurde von den Sicherheitskräften im Zuge der Corona-Maßnahmen nun geräumt. Das neu gefundene öffentliche Leben ist zum Stillstand gekommen. Der Haushaltswarenladen oder die Näherei um die Ecke haben seit einer Woche bereits geschlossen. Die sonst mit Autos verstopften Straßen sind leer, die verpestete Luft wird sauberer. Supermarktverkäufer*innen arbeiten mit Handschuhen, die Kund*innen in der Bäckerei oder beim Gemüseladen tragen Mundschutz. Einige politische Parteien nutzen die Ängste, um nach den Protesten wieder für sich zu werben: Sie stellen kostenlos Desinfektionsmittel mit Parteistickern vor die Haustüren.

Auch in meiner Straße wurde kräftig desinfiziert. Ein kleiner LKW mit großem Tank fuhr durch die Straße, zwei Männer sprühten mit Hochdruckgeräten ein Mittel auf die Gehwege und wenigen Grünpflanzen am Nachbarhaus. Meine Vermieterin klingelte an der Tür, wich einen Meter zurück und mahnte an, ich solle doch Dettol kaufen – ein Desinfektionsmittel auf Chlorbasis. Großzügig ließ sie ihre Putzkraft den Hausflur mit dem chlorreichen Mittel einreiben.

Den Drang nach Hamsterkäufen verspüren jedoch die wenigsten. Die Regale sind noch gut gefüllt – obwohl der Libanon massiv auf Importe aus dem Ausland angewiesen ist und bis auf Frischkäse und Gemüse kaum etwas selbst produziert. Die Libanes*innen haben den Krieg mit Israel 2006 durchgestanden, viele erinnern sich noch gut an den 15-jährigen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Selbst damals habe es noch Vorräte an Klopapier gegeben, scherzte ein libanesischer Freund. Das könnte daran liegen, dass vor allem muslimische Haushalte ein sogenanntes Schatafeh, eine Wasserbürste, nach dem Stuhlgang benutzen.

Für diejenigen, die es sich leisten können, gibt es Lieferservices. Von der Falafel bis zur Wasserpfeife ist im Libanon alles lieferbar. „Nur weil du in Quarantäne bist, ist das noch lange nicht die Apokalypse“, wirbt ein Supermarkt fürs Online-Shopping. Im Angebot sind Yogamatten, Monopoly, Spielekonsolen und Fieberthermometer.

Die Nachfrage wird jedoch gering sein. Der Libanon steckt in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Ende des Bürgerkrieges. Viele Menschen haben bereits vor dem Corona-Ausbruch ihre Arbeit verloren. Der „Lockdown“ des Landes trifft diejenigen, die es sich nicht leisten können, daheim zu bleiben und von ihrem Ersparten zu leben: Lieferant*innen, Taxifahrer*innen, Haushaltshilfen. Sie sind es, die weiter auf den Straßen sind.

Nach offiziellen Angaben gibt es zurzeit knapp 300 erkrankte Menschen im Libanon. Die Krankenhäuser sind nicht ausreichend ausgestattet. Die Regierung schuldet den privaten Krankenhäusern seit 2011 noch 1,2 Milliarden Euro. Das Rafik-Hariri-Krankenhaus, in dem die ersten Coronafälle behandelt wurden, hat 2020 noch keine Zahlungen erhalten, auch für 2019 stehen noch offene Rechnungen aus.

Das Gesundheitssystem ist unterfinanziert und wird weiteren Fällen kaum standhalten. Hinzu kommt, dass das Land mit knapp sechs Millionen Einwohner*innen etwa 1,5 Millionen Geflüchtete aufgenommen hat. Sie leben auf engstem Raum in informellen Zeltcamps und haben kaum Zugang zu Wasser oder sanitären Anlagen. Das Virus würde sich dort besonders schnell verbreiten – Hilfe von Seiten der Regierung können sie nicht erwarten.

Julia Neumann
Von Julia Neumann , Beirut

Julia Neumann (27) berichtet als freie Korrespondentin aus dem Libanon. Sie beschäftigt sich mit den Kulturen und Gesellschaften Westasiens und Nordafrikas und recherchiert vor allem zu Genderthemen, Migration und Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Sie hat Journalistik in Dortmund, Internationale Politik in Ifrane (Marokko), Soziologie und Geschichte des Vorderen Orients in Erfurt und Beirut studiert. Mehr unter: www.neumannjulia.de.

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