Lerne inspirierende Frauen aus der ganzen Welt kennen.

Lerne inspirierende Frauen weltweit kennen.

In 15 Jahren ein Land verändern
Antirassistischer Aktivismus in den Niederlanden

22. Juli 2026 | Von Sarah Tekath | 11 Minuten Lesezeit
Friedliche Protest der „Kick Out Zwarte Piet“ Kampagne fordern einen anderen Umgang im Umgang mit der rassistischen Figur des Schwarzen Piet. Foto: Nederland Wordt Beter

Lange feierten die Niederlande ihr Nikolausfest mit der Figur Zwarte Piet. Heute ist die Blackface-Karikatur Schwarzer Menschen aus weiten Teilen des öffentlichen Raums verschwunden. Dahinter steht auch die Arbeit eines Kollektivs, das sich vor 15 Jahren gründete: „Nederland wordt beter“. Nun hat die Gruppe ihre Mission für beendet erklärt.

 

Zusammenfassung:

Ein kleines Aktivist*innenkollektiv um Jerry Afriyie hat in 15 Jahren die Niederlande verändert: „Nederland wordt beter“ kämpfte gegen rassistische Traditionen wie Zwarte Piet, trotz Anfeindungen und Gewalt. Mit Kampagnen, Bildungsarbeit und Empathie-Initiativen verschob die Bewegung gesellschaftliche Perspektiven. Heute ist Blackfacing weitgehend verschwunden – ein Erfolg, der zeigt, wie beharrlicher Einsatz strukturellen Wandel anstoßen kann.

 

Von Sarah Tekath, Amsterdam

Der Name ist Programm – und doppeldeutig. „Nederland wordt beter“ bedeutet: „Die Niederlande werden besser“. Ohne Komma gelesen ist es eine optimistische Prognose. Mitgedacht klingt es wie eine Aufforderung: Nederland, wordt beter! Niederlande, bessert euch!

2010 wählte ein kleines Kollektiv von Aktivist*innen diesen Namen für sein Projekt: eine Intervention in das gesellschaftliche Gewissen eines Landes, das sich lange für tolerant hielt – und doch seine kolonialen Schatten nicht sehen wollte. Was als kleine Gruppe rund um den Aktivisten Jerry Afriyie begann, wurde über die Jahre zu einer Bewegung mit rund 150 Freiwilligen pro Jahr. Als Mitbegründer und Frontmann von „Nederland wordt beter“ ist Afriyie einerseits Leitfigur, andererseits Feindbild derjenigen, die der Veränderung entgegenstehen. 

Die eingeschlagene Autoscheibe von Aktivist Jerry Afriyie. | Foto: Sarah Tekath

Der Kampf gegen Blackfacing

Heute steht der Name „Nederland wordt beter“ groß am Eingang einer kleinen Industriehalle im Amsterdamer Norden. Hier lässt eine Ausstellung 15 Jahre Aktivismus Revue passieren. Ganz am Anfang hängen historische Aufnahmen von Paraden zum Nikolausfest. Weiße Menschen mit schwarz geschminkten Gesichtern und einer Afro-Perücke. 

Im Folgenden zeigt die Ausstellung die Arbeit des Kollektivs, den Aktivismus und auch die Aggressionen gegen sie als Personen und ihre Arbeit. Die eingeworfene Frontscheibe von Jerry Afriyies Auto spricht Bände. Es gibt Aufnahmen von Verhaftungen und Protestierenden, die aneinandergeraten. Denn der Wille, das Land zu verändern, ging für die Aktivist*innen auch mit Hassrede, Gewalt, Gerichtsprozessen und Morddrohungen einher.

Am Ende der Ausstellung stehen eine weiße Frau und ein weißer Mann, beide im Rentenalter. Ich spreche sie an und frage, warum sie heute hier sind. „Nicht nur Interesse“, antwortet der Mann, „sondern auch, weil es wichtig ist“. Die Frau wird persönlicher in ihrer Antwort. „Bis 2018 war ich davon überzeugt, dass der traditionelle Zwarte Piet nicht rassistisch ist. Es war ja nur ein unschuldiges Kinderfest, absolut nicht politisch.“ 

Aber es seien die Aktionen von „Nederland wordt beter“ gewesen, die ihr die Augen geöffnet hätten. „Ich habe dadurch die Möglichkeit gehabt, die Perspektive zu wechseln. Nur weil ich etwas harmlos finde, heißt das ja nicht, dass es nicht trotzdem andere Menschen verletzen kann. Das weiß ich jetzt.“ Seither gäbe es für sie nur noch die neuen Pieten – entweder mit bunt geschminkten Gesichtern oder mit Rußspuren im Gesicht, aber sicher kein Blackfacing mehr.  

Kennst du schon unseren Newsletter?

Einmal pro Woche bekommst du feministischen Journalismus, der hinschaut, wo andere wegsehen: Reportagen unserer Korrespondentinnen aus aller Welt, Einordnungen zu den Debatten, die uns umtreiben, und Lesetipps, die hängen bleiben. Kostenlos und unabhängig, mitten in deinem Postfach. Trag dich ein, wenn du dabei sein willst.

Newsletter abonnieren

Zahlreiche Projekte und Kampagnen

Der Kampf gegen Zwarte Piet – bekannt unter dem Namen „Kick Out Zwarte Piet“ – war nur eine von vielen Kampagnen. Das Kollektiv forderte beispielsweise auch, den Tag der Abschaffung der Sklaverei in den niederländischen Kolonien am 1. Juli zum offiziellen Feiertag zu machen. Es setzte sich für strukturelle Bildungsarbeit zu Kolonialismus und Sklaverei ein. Und es initiierte den Tag der Empathie, im Zusammenhang mit der niederländischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg.

Seit 2012 findet dieser jedes Jahr am 3. Mai statt – am Vorabend des nationalen Totengedenkens und kurz vor dem Befreiungstag. Die Idee: Menschen zusammenbringen, Perspektiven wechseln, über Vergangenheit und Gegenwart sprechen. Anlass war die Erfahrung eines tiefen gegenseitigen Unverständnisses: Während viele weiße Niederländer*innen die koloniale Geschichte bagatellisierten, konnten viele nicht-weiße Niederländer*innen dem nationalen Gedenken wenig abgewinnen – auch, weil sie sich darin nicht wiederfanden.

„Nederland wordt beter“ entwickelte Unterrichtsmaterialien zu Empathie, Kolonialgeschichte, Rassismus und zur Geschichte von Nikolaus und Piet – für Schulen und Universitäten im ganzen Land. Mittlerweile gibt es ein Schwarzes Manifest sowie ein Handbuch für Aktivist*innen. Das Manifest will institutionellem Rassismus in den Niederlanden entgegenwirken und die Emanzipation Schwarzer Menschen fördern. Dabei werden verschiedene gesellschaftliche Bereiche beleuchtet, wie beispielsweise Bildung, Wohnen, der Arbeitsmarkt, Sport, Kultur oder das Gesundheitswesen. 

Ein Zeichen setzen, wenn der Nikolaus kommt: KOZP-Proteste beim jährlichen Eintreffen des „Sinterklaas” machen auf das Rassissmus-Problem aufmerksam. | Foto: Nederland Wordt Beter

Ein hoher Preis für Veränderungen

„Nederland wordt beter“ hat unbestreitbar eine Veränderung herbeigeführt. Das zeigt auch eine Untersuchung des Recherchebüros „I&O Research“ aus dem Jahr 2022. Dass das Aussehen vom Zwarte Piet angepasst werden muss, fanden 2016 nur 33 Prozent der Befragten. Sechs Jahre später sind 55 Prozent dafür, auch wenn jüngere Erhebungen von November 2024 zeigen, dass gerade im politisch rechten Feld rund um die rechtsextreme Partei PVV wieder mehr Stimmen gegen die neuen Pieten laut werden.

Auch in den niederländischen Medien sind die Nikolaus-Sendungen auf die neue Form vom Piet umgestiegen, dessen Gesicht stattdessen mit Ruß beschmiert ist, weil er mit dem Nikolaus durch den Schornstein kommt. Auch große Supermarktketten im Land sehen mittlerweile von der Darstellung des traditionellen Zwarte Piet ab. Doch all diese erreichten Ziele kamen mit einem hohen Preis für die Beteiligten.

 

Rückblick

Im August 2022 haben wir einen Artikel veröffentlicht, bei dem wir bereits auf die Zwarte Piet Debatte in den Niederlanden aufmerksam gemacht haben: https://www.deine-korrespondentin.de/diversitaet-im-puppenregal/. Damals haben wir über eine Amsterdamerin berichtet, die mit ihrem Spielzeugladen Puppen anbietet für Schwarze Kinder oder auch Kinder mit Behinderungen. 

 

Als Intervention angelegt 

Eine der Aktivist*innen ist Marisella de Cuba. Ihr Engagement begann, als ihre Schwarzen Töchter in der Schule rund um den Nikolaustag als „Zwarte Piet“ beschimpft wurden. 2016 schloss sie sich dem Kollektiv an. „Nederland wordt beter war von Anfang an auf 15 Jahre angelegt“, sagt sie. „Als Intervention… aber es war unglaublich viel Arbeit für sehr wenige Menschen.“

Auch persönlich habe sie viel geopfert: verpasste Geburtstage, Erschöpfung und oft auch Angst um die eigene Sicherheit und die ihrer Familie. Einmal, so erinnert sie sich, war ihre gesamte Haustür mit Stickern einer rechtsextremen Gruppe beklebt. Eine klare Feindmarkierung und Botschaft an sie und ihre Familie, um zu zeigen, dass die Adresse ihres privaten Zuhauses bekannt ist. 

„Ich habe zehn Jahre meines Lebens für ‚Nederland wordt beter‘ gegeben, andere sogar 15. Vielleicht hätten wir unsere Ziele schneller erreicht, wenn mehr Menschen früher Verantwortung übernommen hätten.“ In der Ausstellung von „Nederland wordt beter“, die bald eine Tour durch die gesamten Niederlande machen wird, konnte sie selbst manche Bilder kaum ertragen: die alten Zwarte-Piet-Fotos, die Gewalt bei den Protesten. 

Die Polizei setzt Schlagstöcke gegen die Demonstrierenden ein, es gibt zahlreiche Verhaftungen. „Ich musste mich hinsetzen, um mich erst einmal zu sammeln. Dann kam ein älterer weißer Mann zu mir, er hat geweint. Er sagte: Es tut mir leid, dass ihr das alles durchmachen musstet, weil ich nichts getan habe.“

Heute ist Marisella de Cuba für vieles dankbar: für die Zusammenarbeit in der Gruppe und das Team, den Zusammenhalt, das Durchhaltevermögen und die gemeinsame Vision. Aber auch dafür, dass sie sich jetzt einfach mal zu einem Filmabend treffen können oder zu einem gemeinsamen Essen, ohne mehrstündiges Brainstorming für die nächste anstehende Aktion.   

Die Verantwortung weitergeben

Inzwischen hat „Nederland wordt beter“ seine Arbeit eingestellt. Stattdessen gibt es eine neue Website mit einer klaren Botschaft: Jetzt übernehmt ihr. Für Marisella de Cuba ist das konsequent. „Viele Menschen haben nie etwas über strukturellen Rassismus, Kolonialismus oder Sklaverei gelernt. Oder sie hatten nie Kontakt zu Schwarzen Menschen. Man kann ihnen nicht vorwerfen, etwas nicht zu wissen, wenn es keine Bildungsangebote gibt.“

Aber, fügt sie hinzu, das habe sich nun geändert. „Jetzt gibt es diese Möglichkeiten. Jetzt gibt es dieses Wissen. Und jetzt sehe ich die Menschen auch in der Verantwortung, es in Zukunft besser zu machen.“ Zwar ist struktureller Rassismus weiterhin ein Thema in den Niederlanden. Die letzte Regierung war die rechteste in der Geschichte des Landes, rechte Parteien verzeichnen seit Jahren einen starken Zulauf. Noch immer gibt es Menschen, die Zwarte Piet als Teil einer angeblichen ‚altholländischen` Kultur verteidigen. 

Aber der gesellschaftliche Blick hat sich verschoben. „Wer sich heute als weiße Person trotzig das Gesicht schwarz anmalt, um ein Zeichen zu setzen, gilt als Rassist“, erklärt de Cuba. „Gegen Einzelne müssen wir nicht protestieren. Aber aus Paraden, Schulen, Geschäften und Rathäusern ist Zwarte Piet verschwunden. Und jetzt wächst eine Generation von Kindern auf, die sieht: Es geht auch anders.“

Nach 15 Jahren Aktivismus hat sich die Last der Verantwortung verlagert: von einer kleinen Gruppe rund um „Nederland wordt beter“ auf die Gesellschaft als Ganzes. Die Organisation hat gezeigt, dass auch etwas, das klein beginnt, sehr große Wellen schlagen kann. Und dass Veränderung nicht abstrakt ist, sondern immer dort beginnt, wo Menschen bereit sind, in ihrem eigenen Umfeld Verantwortung zu übernehmen.

Mehr feministischen Journalismus wie diesen bekommst du jede Woche in unserem Newsletter.

Jetzt abonnieren
image/svg+xml

Von Sarah Tekath, Amsterdam

Sarah Tekath kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, hat in Prag gelebt und schrieb dort als Freie für die Prager Zeitung und das Landesecho. Im Jahr 2014 zog sie nach Amsterdam, wo sie unter anderem für das journalistische Start-up Blendle arbeitete. Seit 2016 ist sie selbständige Journalistin und hat sich in den vergangenen Jahren vor allem auf die Produktion von Podcasts spezialisiert.

Alle Artikel von Sarah Tekath anzeigen

image/svg+xml
Laura MayBuenos Aires
Fußball ist in Argentinien weit mehr als Maradona, Messi und der WM-Titel der Männer. Er ist Leidenschaft, Identität und sozialer Kitt — auch für jene, die lange im Abseits standen, wie ein Besuch bei einem feministischen Fußballclub im größten Armutsviertel von Buenos Aires zeigt.

Newsletter Anmeldung

Trage dich jetzt für unseren kostenfreien Newsletter ein, der dich jede Woche mit aktuellen Infos zu neuen Artikel und mit Neuigkeiten rund um DEINE KORRESPONDENTIN versorgt!

Abonniere unseren kostenfreien Newsletter