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Hoffnung als Geduldsprobe
Mit Gummistiefeln durch den Sumpf

10. Juni 2026 | Von Helena Kreiensiek | 9 Minuten Lesezeit
Das Leben in Doualas Sumpfviertel „Las Vegas“ ist nicht einfach, doch die Frauen helfen sich gegenseitig. Alle Fotos: Helena Kreiensiek

Im anglophonen Westen Kameruns tobt seit Jahren ein Konflikt. Bewaffnete Gruppen, staatliche Repression und eine zunehmend erschöpfte Bevölkerung prägen den Alltag. Während auf politischer Ebene die Situation seit Jahrzehnten nahezu unverändert ist, nehmen die Witwen des Konflikts ihr Schicksal selbst in die Hand.

 

Zusammenfassung:

Im Westen Kameruns zwingt ein jahrelanger Konflikt viele Frauen zur Flucht. In Doualas Sumpfviertel „Las Vegas“ organisieren sich Witwen um Kerin Ngwa selbst: Sie bauen Wälle, kämpfen für Strom und planen eine Vereinigung für geflüchtete Frauen, viele von ihnen Überlebende sexualisierter Gewalt. Wo Staat und Hilfe fehlen, schaffen sie Zusammenhalt und Hoffnung.

 

Von Helena Kreiensiek, Douala

Quietschgelb leuchten die knöchelhohen Gummistiefel an Kerin Ngwas Füßen, als sie durch den Matsch stapft. Gummistiefel sind im Viertel „Las Vegas“ ein Muss, um einigermaßen trocken von A nach B zu kommen. Mit der glitzernden US-Stadt hat das Viertel, in dem Kerin Ngwa lebt, jedoch wenig zu tun. Das Sumpfgebiet am Rande der kamerunischen Hafenstadt Douala ist ein informelles Viertel.

Notdürftig zusammengezimmerte Bretterbuden reihen sich hier aneinander, verbunden durch kleine Holzstege oder Wälle aus Schlamm, um dem zäh dahinfließenden Wasser aus dem Flussdelta auszuweichen. Hier, am Rande der kamerunischen Wirtschaftsmetropole Douala, leben rund 400 Menschen. Die meisten der Bewohnerinnen und Bewohner von „Las Vegas“ sprechen Englisch. „Wir sind Binnenflüchtlinge aus den anglophonen Regionen“, erklärt Kerin Ngwa.

Als 2017 die ersten Schüsse in ihrer Heimatstadt Bamenda fielen, habe sie gegriffen, was sie greifen konnte und sei fort, erzählt sie. 2016 sei es mit friedlichen Protesten losgegangen, erinnert sich Ngwa. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich ein Jahr später hier in Douala im Sumpf leben würde.“ Ihr Schicksal zeigt, wie koloniale Grenzziehungen auch heute noch massiven Einfluss auf Kultur, Sprache und Politik in afrikanischen Ländern haben.

Kerin Ngwa, die „Mutter der Vertriebenen“, will in ihrem Viertel in der Hafenstadt Douala eine Vereinigung gründen, die geflüchteten Frauen aus den anglophonen Regionen hilft, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

Koloniale Vergangenheit und politische Ausgrenzung

Denn während die Mehrheit Kameruns Französisch spricht, sprechen die Menschen in den Provinzen Nordwest und Südwest bis heute Englisch. „Es ist eine Zweiteilung, die bis in die Kolonialzeit zurückgeht“, erklärt der kamerunische Menschenrechtsanwalt Felix Agbor Nkongho Balla.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die deutsche Kolonie Kamerun zwischen Frankreich und Großbritannien aufgeteilt. Damit wurde der Grundstein für die unterschiedlichen Sprachen gelegt. Als sich nach der Unabhängigkeit 1960 der heutige Staat Kamerun gründete, schlossen sich die ehemals britisch und französisch verwalteten Provinzen zu einem Staat zusammen.

Den anglophonen Regionen wurde Autonomie innerhalb einer föderalen Ordnung zugesagt. Dieses Versprechen sei allerdings nie eingelöst worden, so Balla. Die unzureichende Integration der englischsprachigen Bevölkerung, gepaart mit systematischer Benachteiligung durch die französischsprachige Zentralregierung in Yaoundé, waren Teil einer komplexen Gemengelage gewesen, die 2016 schließlich den Nährboden für Proteste bildeten.

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Anstatt auf die zunächst friedlichen Forderungen einzugehen, reagierte der Staat mit Repression: Gewalt, Einschüchterung, Verhaftungen und Folter folgten. Teile der Bewegung radikalisierten sich und riefen schließlich die unabhängige „Republik Ambazonien“ aus, samt einer Übergangsregierung im Exil und einer bewaffneten Gruppe namens „Ambazonia Defence Forces“ (ADF).

Das Resultat ist ein Konflikt, der bis heute schwelt und hunderttausende Opfer gefordert hat. Hauptleidtragende sind Menschen wie Kerin Ngwa. Dass im Viertel „Las Vegas“ hauptsächlich Frauen mit ihren Kindern lebten, läge daran, dass die meisten ihre Männer im Konflikt verloren hätten, erzählt sie.

Das Viertel ist regelmäßig von Überschwemmungen betroffen. Die aufgeschichteten Wälle und Stege, die die Holzhütten miteinander verbinden, wurden von den Bewohnerinnen und Bewohnern von „Las Vegas“ selbst angelegt.

Vernachlässigt, vergessen, unterfinanziert

Die Organisation „Norwegian Refugee Council“ (NRC) erklärte die Situation in Kamerun 2025 zur meist vernachlässigsten Flüchtlingskrise der Welt. Nirgendwo sonst bestehe eine derart große Diskrepanz zwischen der Aufmerksamkeit, die dem Land zuteil werde, der minimalen Finanzierung von Hilfsmaßnahmen und der Schwere der Lage, so das ernüchternde Urteil der Organisation.

Kamerun sieht sich mit mehreren überschneidenden Krisen konfrontiert, die durch bewaffnete Konflikte, Unsicherheit, Klimakatastrophen und strukturelle Schwachstellen ausgelöst werden. Im Oktober 2025 benötigten schätzungsweise 3,3 Millionen Menschen Hilfe, doch die Finanzierung deckt nur 17 Prozent des Bedarfs ab. Für Kerin Ngwa und die Witwen des Viertels sind diese Nachrichten nichts Neues. Dass Hilfsmittel weltweit so massiv gekürzt wurden wie noch nie, hat sich auf den Alltag in „Las Vegas“ nicht ausgewirkt.

„Wir hatten schon vorher nicht viel Unterstützung“, sagt die robuste Frau. Eine Zeit lang habe sich die kamerunische Nichtregierungsorganisation „Reach Out“ für die Frauen und Kinder in den Konfliktgebieten eingesetzt. Doch seit Dezember 2024 ist „Reach Out“ von der Regierung suspendiert, sämtliche Aktivitäten liegen brach. illegale Finanzflüsse und Terrorfinanzierung werden ihr vorgeworfen. Denn sie führt auch Projekte in den anglophonen Regionen durch. Wer dort arbeitet, gerät schnell unter einen Generalverdacht.

Viele der Frauen in dem informellen Viertel „Las Vegas“ sind Witwen. Ihre Männer sind Opfer des anglophonen Konflikts, der seit Jahren in den westlichen Provinzen Kameruns wütet.

Selbst ist die Frau

Für Kerin Ngwa und die Frauen des Viertels bedeutet dies, dass sie größtenteils auf sich selbst angewiesen sind. Ihr Engagement hat Ngwa im Viertel bereits einen eigenen Namen eingebracht: „Mutter der Vertriebenen“. Sie erzählt: „Ich habe damals von dem unbewohnten Land am Fluss gehört und die Besitzer um Erlaubnis gebeten, dass wir uns hier niederlassen können.“ So sei „Las Vegas“ entstanden.

Nach und nach zogen weitere Binnenflüchtlinge dazu. Heute ist sie eine Art Gemeindevorsteherin. Gibt es Konflikte, schlichtet sie, gibt es Neuigkeiten, ist es ihre Rolle, sicherzustellen, dass alle informiert sind. Die geflüchteten Witwen haben sich selbst organisiert, schichten Wälle auf und haben sogar Geld zusammengelegt, damit auf ihre Initiative hin endlich eine Stromleitung in ihr Viertel gelegt wird.

Das größte Problem ist sauberes Trinkwasser, berichten die Frauen. Das Sumpfgebiet mit dem verdreckten Wasser ist ein Hort von Krankheiten wie Cholera und Malaria. Die Wasserquellen sauber zu halten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Zu sumpfig ist die Gegend, zu häufig kommt es zu Überschwemmungen. Eine Alternative gibt es aber nicht. Denn in die anglophonen Regionen zurückzukehren, kann sich keine der versammelten Frauen vorstellen.

In Vorbereitung: bald soll es im Viertel „Las Vegas“ Strom geben. Dass die Leitungen verlegt werden, liegt am Engagement der Frauen des Viertels.

Zwischen den Fronten

Dort richten die immer stärker zersplitterten Separatistengruppen ihre Gewalt zunehmend gegen die eigene Bevölkerung. Entführungen gegen Lösegeld und Zwangssteuern seien zu einer zentralen Einnahmequelle geworden, sagt Ladd Serwat von der internationalen Konfliktbeobachtungsstelle „Acled“: „Die Bevölkerung, für deren Rechte ursprünglich gekämpft wurde, ist selbst zur Zielscheibe geworden.“

Für Menschenrechtsanwalt Felix Agbor Nkongho Balla hat die Gewalt eine weitere beunruhigende Folge: „Wir sind an einem Punkt, wo gefeiert wird, wenn ein Soldat getötet wird, und gefeiert wird, wenn ein Separatist getötet wird. Aber so eine Verherrlichung von Gewalt beeinflusst die Psyche. Das macht mir Sorgen.“

Dass keine zufriedenstellende Lösung in Sicht ist, liegt auch an einer politischen Führung, die vor allem auf Machterhalt konzentriert ist „Wir leben in einer Gerontokratie“, kritisiert ein Journalist im Gespräch, der namentlich unerkannt bleiben möchte. Seit 1982 wird das Land von Präsident Paul Biya regiert, der mit seinen 92 Jahren der älteste amtierende Staatschef der Welt ist. Dass sich der alternde Autokrat im Oktober 2025 erneut im Amt bestätigen ließ, wird in „Las Vegas“ mit einem Schulterzucken quittiert.

Generationen ebenjener autokratischer Herrschaft haben den Glauben an die demokratische Mitwirkung schwinden lassen. Politik gilt als Feld, in dem ohnehin das gemacht wird, was die Mächtigen wollen. Wer im Alltag Veränderung wünscht, muss selbst die Ärmel hochkrempeln, wissen die Frauen nur zu gut. Neben der Stromleitung für das Viertel, um nicht länger im Dunkeln zu sitzen, planen sie daher, eine Vereinigung zu gründen.

Damit soll denen beigestanden werden, die der anglophone Krieg besonders hart trifft: geflüchtete Frauen. „Viele davon sind Überlebende sexueller Gewalt“, sagt Kerin Ngwa. Die Vereinigung will den neuankommenden Frauen dann Unterstützung bieten, damit deren Start in „Las Vegas“ etwas leichter fällt.

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Von Helena Kreiensiek, Dakar

Helena Kreiensiek ist Westafrika-Korrespondentin mit Sitz in Dakar, Senegal. Zwischen 2020 und 2022 lebte sie in Burundi und von 2022 bis 2024 berichtete sie aus Uganda. Ihre Arbeit konzentriert sich auf Themen rund um Menschenrechte, Umweltschutz, Bildungsgerechtigkeit und die Reintegration ehemaliger Kindersoldaten. Sie schreibt, fotografiert und produziert Podcasts und Audiostücke.

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Helena KreiensiekDakar
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Milena ÖsterreicherWien / Lissabon
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