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Freiheit auf vier Rädern
Im Rollstuhl durch den Skatepark

30. September 2026 | Von Marlene Jacobsen | 9 Minuten Lesezeit
Rae Bond hat im Skatepark Freundschaften geschlossen, wünscht sich aber eine Community für Rollstuhlskater:innen. Alle Fotos: Marlene Jacobsen

Hohe Rampen im Rollstuhl herunterzuskaten ist für Rae Bond kein Problem. In Glasgow Bus oder U-Bahn zu fahren, allerdings schon. Denn die Stadt birgt viele Barrieren für Menschen mit Behinderung. Das will Rae Bond ändern – und gleichzeitig eine Community von Rollstuhlfahrer:innen aufbauen.

 

Zusammenfassung:

Rae Bond liebt das Rollstuhlskaten – doch in Glasgow wird schon der Weg zum Skatepark zur Herausforderung: Nur zwei U-Bahnstationen sind barrierefrei, Busse lassen Rollstuhlfahrende teils stehen. Mit der Kampagne „Access to Transport“ kämpft Bond für bessere Mobilität und mehr Selbstbestimmung. Gleichzeitig will sie eine Community aufbauen und anderen zeigen, wie viel Freiheit und Selbstvertrauen im Rollstuhl möglich sind.

 

Von Marlene Jacobsen, Glasgow

Die Türen der U-Bahn öffnen sich. Rae Bond* rollt auf den Bahnsteig, Richtung Ausgang – und direkt auf eine große Treppe zu. Einen Fahrstuhl gibt es nicht. Rae Bond manövriert sich von dem Rollstuhl auf die Treppe und schiebt sich Stufe für Stufe auf dem Po hoch. Dabei hält Rae Bond sich mit einer Hand am Geländer fest und zieht mit der anderen den Rollstuhl hinter sich her.

Ein kleiner Trost: Die Treppe ist trocken. „An manchen Stationen ist die ganze Treppe nass, wenn es geregnet hat“, sagt Rae Bond. Der erste Treppenabsatz ist geschafft und schon wartet der nächste. Nur zwei der fünfzehn U-Bahnstationen Glasgows sind barrierefrei. „Das hält mich nicht auf“, sagt Rae Bond. „Ich habe viel vor und Orte, wo ich hinwill.“

An diesem Freitagnachmittag im Mai ist sie unterwegs zu einem Skatepark nordwestlich des Stadtzentrums. Vor etwa drei Jahren entdeckte Rae Bond das Rollstuhlskaten für sich. Damals saß sie im Gras neben dem Skatepark und beobachtete die Skater:innen. „Ich dachte: ‚Das kann ich doch auch!‘ Auf der Straße fahre ich Bordsteinkanten hoch und runter, schlängle mich durch Menschenmengen und fahre richtig schnell – das lässt sich übertragen.“ Doch bis zu diesem Entschluss dauerte es einige Jahre. 

Mit einem Gurt schnallt Rae Bond sich am Rollstuhl fest, um diesen durch Hüftbewegungen auf der Rampe zu steuern. 

Frei, aber allein

Rae Bond, 19 Jahre alt, sitzt seit acht Jahren im Rollstuhl. Vom Rollstuhlskaten hörte Rae Bond zum ersten Mal als Kind, in einem Musikvideo. Das zeigte die Geschichte der damals dreizehnjährigen Lily Rice, die als erste Britin einen Rückwärtssalto im Rollstuhl schaffte. „Mit dem Rollstuhlskaten anzufangen, war für mich zu der Zeit kein realistischer Gedanke, weil ich sehr krank war“, sagt Rae Bond.

Sie konnte das Haus vor Schmerzen nicht verlassen. Über die Diagnose möchte Rae Bond öffentlich nicht sprechen. Den Rollstuhl zu bekommen, war jedenfalls eine Befreiung: „Er hat mir so viel Unabhängigkeit gegeben und mir ermöglicht, mein Leben weiterzuleben.“ Heute nutzt Rae Bond den Rollstuhl, als wäre er Teil des eigenen Körpers. Der Wheelie, also das Anheben der vorderen Rollen, um über Kanten oder Schotter zu kommen, ist für Rae Bond mittlerweile selbstverständlich.

Aber das war nicht von Anfang an so. „Als ich den Rollstuhl bekam und die Ergotherapeutin fragte, wie ich Bordsteinkanten hoch- und runterkomme, meinte die nur: ‚Das kann deine Mutter machen.‘“ Das kam für Rae Bond nicht infrage. Sie schaute sich Videos zu den Grundlagen, die Rollstuhlfahrende im Alltag brauchen, auf YouTube an und übte auf einem Parkplatz. 

So sehr der Rollstuhl Rae Bond neue Möglichkeiten eröffnete, so schwer wog das damit verbundene Stigma und die Ausgrenzung durch Mitschüler:innen. „Die anderen Kinder wollten nicht in meiner Nähe sein und beschimpften mich“, erinnert sie sich. Letztendlich fühlte Rae Bond sich so unwohl, dass sie die Schule frühzeitig verließ. Mittlerweile geht Rae Bond auf ein College mit Kunstschwerpunkt, möchte im Anschluss Kommunikationsdesign studieren und später Kinderbuchillustrator:in werden. Nebenbei macht Bond freiberuflich Fotos bei Konzerten und anderen Veranstaltungen, auch in einer Skatehalle in Glasgow.

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Finger weg! 

Um zum College zu kommen, fährt Bond jeden Tag in die Stadt. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind dabei immer wieder eine Herausforderung. Busse halten oft gar nicht erst an, wenn der eine Platz, den sie für Rollstühle haben, schon belegt ist. Vielleicht auch, weil die Busfahrer:innen keine Lust haben, die Rampe herauszuholen, vermutet sie. „Neulich sind vier Busse an mir vorbeigefahren!“ Die einzige Alternative: die Strecke, inklusive zwei großer Hügel, im Rollstuhl zurückzulegen. Manchmal schieben in solchen Situationen fremde Menschen den Rollstuhl an – ohne zu fragen. 

„Das gibt mir einen Schreck. Ich kann die Leute ja nicht sehen, weil sie von hinten kommen.” Rae Bond zieht dann sofort die Bremsen an. Am meisten störe sie daran, als unfähig wahrgenommen zu werden. Denn genau wie andere junge Erwachsene ohne Rollstuhl legt sie viel Wert auf Eigenständigkeit – und möchte nicht übergriffig behandelt werden. Um es den Fremden schwerer zu machen, hat Bond die Griffe hinten am Rollstuhl abmontiert – was nur bedingt hilft.

„Die Leute machen es trotzdem, sie legen ihre Hände stattdessen einfach auf die Rückenlehne.“ Meistens seien es Männer, die mit dieser einen Handlung gleich doppelt diskriminieren: auf behindertenfeindliche und sexistische Weise. Zwischen vielen bunten Aufklebern auf Rae Bonds Rollstuhl klebt ein schwarzer mit gelber Schrift. Darauf steht in Großbuchstaben: „Finger weg!“ 

Im Skatepark angekommen wird Rae Bond von anderen Skater:innen begrüßt und plaudert eine Weile. In der Skate-Community fühlt sie sich wohl. „Skateboarden ist eine Sportart, die auf der Straße oft nicht erwünscht ist. Wenn ich hier mit meinen etwas anders aussehenden Rollen ankomme, ist das für die Skater:innen gar nichts so Ungewöhnliches.“

In der Schule konnte sie kaum am Sportunterricht teilnehmen. Die Lehrkräfte hätten gar nicht erst versucht, es inklusiv zu gestalte. Später probiert Rae Bond Rollstuhl-Rennen aus und spielt Rollstuhl-Basketball. In den Skatepark kommt sie anfangs nur, wenn es leer ist. Es ist nur ein anderer Skater da, als Bond sich zum ersten Mal auf die Rampen traut. „Es hat richtig Spaß gemacht. Und dann kam er rüber und sagte mir ‚Was du da machst, ist verdammt cool!‘“, erinnert sie sich. „Das hat mich motiviert, weiterzumachen.“ 

Rae Bond nutzt auch die U-Bahnstationen, die nicht barrierefrei sind – wohlwissend, dass andere Rollstuhlfahrer:innen diese Option nicht haben.

Selbstbewusst durchs Skaten

Bevor Rae Bond anfängt, durch den Skatepark zu rollen, schnallt sie sich mit einem Gurt fest, um den Rollstuhl durch Hüftbewegungen lenken zu können. Sie nimmt ordentlich Schwung und fährt auf eine Rampe zu. Am höchsten Punkt breitet sie die Arme aus und bringt den Rollstuhl zu einem Richtungswechsel. Und noch eine Rampe, hoch und rückwärts wieder runter.

Rae Bond dreht sich auf der Stelle und lacht. „Es gibt diese Vorstellung, dass man an den Rollstuhl gefesselt ist. Aber mein Rollstuhl gehört einfach zu mir. Das Skaten gibt mir eine andere Perspektive.“ Sie sei  dadurch unabhängiger geworden und habe Dinge ausprobiert, von denen sie nie gedacht hätte, dass sie sie jemals versuchen würde. Durch das Skaten ist sie auch unterwegs in der Stadt selbstbewusster geworden. Die Fähigkeiten, die man zum Rollstuhlskaten brauche, helfen bei der Fortbewegung auf der Straße.

„Der Wheelie, mit dem ich eine hohe Rampe herunterfahre, ist die gleiche Bewegung, die ich mache, um vom Bordstein herunterzukommen oder über Schotter und Gras zu fahren.“ Um anderen Rollstuhlfahrenden zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen, hofft Rae Bond, bald Workshops in der Skatehalle anbieten zu können.

Was das eigene Repertoire an Tricks angeht, musste sie sich alles selbst beibringen. Andere Rollstuhlskater:innen, von denen sie hätte lernen können, gibt es in Glasgow nicht. „Bestimmt würden mehr Leute mit dem Rollstuhlskaten anfangen, wenn sie nur hierherkommen könnten. Aber wie soll das gehen, wenn die Busse einen nicht mitnehmen, die U-Bahnen nicht barrierefrei und Taxis zu teuer sind?“

Ein spezieller Skate-Rollstuhl wäre für bestimmte Tricks besser geeignet. Für Bond kommt das erstmal nicht infrage: Die Modelle sind sehr teuer und außerhalb des Skateparks nicht alltagstauglich. 

Stark für die Community

Nach einem Besuch in London – wo die Situation für Rollstuhlfahrende zwar längst nicht perfekt, aber deutlich besser ist – wollte Bond auf die vielen Barrieren in Glasgow aufmerksam machen. Also startete Rae Bond die Kampagne „Access to Transport“ und zeigte sich auf Instagram beim Hoch- und Runterrutschen auf den Treppen. Im März 2026 organisierte sie die erste Demonstration der Initiative, zu der etwa 35 Menschen kamen, einige davon ebenfalls im Rollstuhl.

„Keiner von denen hatte jemals andere Rollstuhlfahrer:innen getroffen. Das bricht mir das Herz.“ In der schottischen Volkszählung aus dem Jahr 2022 gaben rund 24 Prozent der Menschen an, eine Behinderung oder eine langfristige gesundheitliche Einschränkung zu haben. Dazu gehören etwa auch psychische Erkrankungen. Als Teil der Kampagne hatte sie einen Termin mit Vertreter:innen der regionalen Verkehrsbehörde, die die Glasgower U-Bahn betreibt.

In dem Gespräch per Videoanruf berichtete Bond, was der eingeschränkte Zugang zur U-Bahn für Rollstuhlfahrende im Alltag bedeutet. Von der Verkehrsbehörde hatte sie sich mehr Verständnis erhofft. „Sie meinten nur, ich solle ausschließlich die beiden Stationen mit Fahrstuhl nutzen.“ Das zu hören, sei wie ein Schlag in die Magengrube gewesen. Denn es impliziere, Menschen mit Behinderungen gehörten nicht dazu. 

Barrierefreie Wege sind in Glasgow noch die Ausnahme.

Die Verkehrsbehörde „Strathclyde Partnership for Transport“ erklärt, alle Fahrgäste mit Behinderungen seien willkommen. Doch Sicherheit habe die oberste Priorität und könne für Fahrgäste, die auf einen Fahrstuhl angewiesen sind, nur an den beiden barrierefreien Stationen gewährleistet werden.

Das Glasgower U-Bahn-System bestehe aus fast 130 Jahre alten, schmalen Tunneln. Neun der fünfzehn Stationen hätten nur einen einzigen Bahnsteig zwischen zwei Gleisen und daher nicht genug Platz für einen Aufzug. An zwei weiteren Stationen werde momentan geprüft, ob ein Aufzug eingebaut werden könne. 

Bonds Traum: Glasgow barrierefreier machen und eine Gemeinschaft von Rollstuhlfahrer:innen aufbauen. Dafür will sie weiterkämpfen: „Wenn die Welt nicht für dich gemacht ist, musst du resilient sein. Das ist zwar schwer, aber es macht einen stark.“ 

Im Skatepark packt einer der Skater seine Sachen zusammen und gibt ihr zum Abschied die Faust. Sie will auch gleich aufbrechen, bemerkt dann aber einen Jungen mit Gehhilfe. Er steht am Rand und beobachtet die Skater:innen interessiert. Also schnallt Rae Bond sich wieder im Rollstuhl fest, rollt auf die Rampen zu und dreht eine Extrarunde für den kleinen Zuschauer. 

*Rae Bond identifiziert sich als nicht-binär und benutzt im Englischen die Pronomen they/them. In Absprache mit Rae Bond verwenden wir eine Mischung aus dem Namen und weiblichen Pronomen. 

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Von Marlene Jacobsen, London

Marlene Jacobsen ist freie Journalistin in London. Seit sie 2018 zum Studium nach Großbritannien zog, ist sie in das Land verliebt. Sie studierte Politik und Nachhaltige Entwicklung und interessiert sich in ihrer journalistischen Arbeit für Inklusion, Umwelt und gesellschaftspolitische Themen. Nach einem Zwischenstopp in München an der Deutschen Journalistenschule wohnt sie nun wieder in London und arbeitet dort vor allem für das ZDF.

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