Irland hat als erstes Land ein dauerhaftes Grundeinkommensmodell für Kunstschaffende eingeführt: 2.000 Menschen erhalten für drei Jahre wöchentlich 325 Euro. Das Programm soll finanzielle Unsicherheit reduzieren, kreative Arbeit ermöglichen und die Wirtschaft fördern. Die Neuerung bringt auch in Deutschland neue Impulse in die Debatte.
Zusammenfassung:
Irland zahlt 2.000 Kunstschaffenden drei Jahre lang 325 Euro pro Woche – als erstes dauerhaftes Grundeinkommensmodell für die Branche. Das Geld schafft Freiraum, lindert Existenzdruck und stärkt kreative Arbeit. Studien zeigen: Mehr Sicherheit macht Menschen gesünder, zufriedener und autonomer. Besonders Frauen profitieren, weil finanzielle Ungleichheiten sie oft stärker treffen.
Von Mareike Graepel, Dublin
325 Euro in der Woche reichen weder für die Anschaffung von Materialien,noch für die Miete eines Ateliers oder einen Tag im Tonstudio. Das bedeutet im teuren Irland – nach Dänemark das Land mit dem zweithöchsten Preisniveau in der EU – lediglich ein bisschen Luft zum Durchatmen.
Ein paar Tage weniger in artfremden Jobs, ein paar Stunden mehr an der Leinwand, Schreibmaschine oder Gitarre. In Irland hat dieses bisschen Luft einen Namen: „Basic Income for the Arts“. Im Frühjahr 2026 ist aus einem dreijährigen Pilotprojekt ein dauerhaftes Instrument geworden. 2.000 professionell arbeitende Künstler:innen erhalten jeweils drei Jahre lang 325 Euro pro Woche vom Staat.
„Es ist im Grunde Überlebensgeld“, sagt Maeve Clancy, eine im Westen Irlands auf Achill Island lebende Malerin, Illustratorin und Trickfilmzeichnerin. „Es befreit die Menschen von massivem finanziellen Stress, damit sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren können.“ Aber nur einen Teil der Kunstschaffenden, von denen sich mehr als viermal so viele um das Grundeinkommen beworben haben wie es Fördertöpfe gab.

Nur jede:r Fünfte kann sich bewerben
Mehr als 50.000 Menschen sind in der Branche tätig, aber nicht alle können sich bewerben. Nur ein Fünftel arbeitet im kreativen Bereich und hat überhaupt eine Chance auf das Geld. Clancy findet trotzdem: „Ein Grundeinkommen für einige hilft dennoch allen, denn eine steigende Flut hebt alle Boote, nicht nur ein paar.“
Irland ist bekannt für seine hohe Dichte an Talenten und bringt immer wieder Musiker:innen, Schauspieler:innen und Schriftsteller:innen von Weltklasse wie Enya, Jessie Buckley und Claire Keegan hervor. Um die Kreativität der Nation zu fördern und Talente im eigenen Land zum Bleiben anzuregen, waren von 1969 bis 2006 alle Einkünfte von Künstler:innen komplett steuerfrei.
Dann wurde einen Freibetrag bis 250.000 Euro eingeführt, der erst auf 125.000 Euro und dann auf 50.000 Euro schrumpfte. „Ich glaube nicht, dass das Grundeinkommen heute noch irgendetwas damit zu tun hat, dass Irland seine Künstler:innen wertschätzt“, sagt Clancy. Es habe sich als wirtschaftlich sinnvoll erwiesen hat, und mache es der Regierung leichter, dieses Konzept zu unterstützen.
Die Bewerber:innen müssen künstlerische Praxis nachweisen können, dann werden in einem Lotterie-Verfahren die Empfänger:innen ausgelost. Ausdrücklich betont der irische Staat: Es handele sich nicht um ein universelles Grundeinkommen, sondern um eine gezielte Förderung der Künste. Dennoch gibt es dem Projekt einen politischen Anstrich.
„Irland ist das erste Land der Welt, das ein Grundeinkommen – wenn auch nur für eine Gruppe – staatlich organisiert. Das ist ein Riesenschritt“, sagt Miriam Witz vom deutschen Verein „Mein Grundeinkommen“. Entscheidend sei dabei etwas, das in der deutschen Debatte oft untergehe: „Es wird nicht nur gefragt, wie es den Menschen geht, sondern auch in den Blick genommen, was das wirtschaftlich für ein Land bedeutet.“
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Newsletter abonnierenMehr Selbstbestimmung bedeutet gesünder und zufriedener
Irland hat mit einer offiziellen Kosten-Nutzen-Analyse des Pilotprojekts „hard facts“ auf dem Staatskonto nachweisen können: Auf jeden investierten öffentlichen Euro kam ein Rücklauf von 1,39 Euro und zugleich sank der Nettoaufwand deutlich durch steuerliche Vorteile und geringere Sozialausgaben. Weltweit gab und gibt es Ansätze, die in ähnliche Richtungen gehen, auf dem afrikanischen und dem amerikanischen Kontinent – aber nur in abgeschwächter oder experimenteller Form.
In Deutschland lieferte das „Pilotprojekt Grundeinkommen“ von „Mein Grundeinkommen“, dem „Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung“ der Wirtschaftsuniversität Wien und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung eine wichtige Annäherung: 122 Menschen bekamen drei Jahre lang monatlich 1.200 Euro, weitere 1.580 bildeten die Vergleichsgruppe.
„Wir sehen: Wenn die Selbstbestimmung steigt, verbessern sich auch Gesundheit, Lebenszufriedenheit und die Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen“, so Witz. Niemand höre auf zu arbeiten, aber die Menschen seien beweglicher, sicherer, freier in ihren Entscheidungen, schlicht: autonomer. Sie leisteten nicht weniger, ihre Wochenarbeitszeit bleibe stabil. Aber sie wechselten häufiger den Job, seien zufriedener mit ihrem Arbeitsleben und nutzten ihren Spielraum für Weiterbildung.
| Fotos: Fabian Melber (links), Anna-Lena Schildt (rechts)
Von einem Grundeinkommen profitiert die Mehrheit
Auch in Irland regieren konservative Parteien – warum also ist die Politik in Deutschland zögerlich, wenn die positiven Effekte so schwer zu übersehen sind? Menschen mit Grundeinkommen sparten im deutschen Pilotprojekt im Schnitt monatlich 450 Euro mehr als die Vergleichsgruppe. Sie spendeten mehr als doppelt so viel – durchschnittlich 28 Euro im Monat – für soziale oder gemeinnützige Zwecke und unterstützten Freundinnen, Freunde und Familie finanziell häufiger.
Gleichzeitig zeigte sich kein signifikanter Unterschied im Wahlverhalten oder in grundlegenden politischen Einstellungen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen macht Menschen weder passiv oder politisch beliebig: Es veränderte nicht über Nacht ihre Weltanschauung, aber sehr wohl ihren Spielraum. „Viele wissen gar nicht, was Grundeinkommen konkret bedeutet“, sagt Stefanie Schurmann, Pressesprecherin von „Mein Grundeinkommen“.
„Es geht in der Debatte sehr stark darum, dass man am Ende draufzahlen müsse und es nur den Menschen in prekären Situationen helfe, die wirklich gar nichts haben.“ Die Kalkulation zeige jedoch sehr klar, dass 83 Prozent der Deutschen von einer Umverteilung profitieren würden. „Das ist eine enorme Zahl, die ganz konkret bedeutet, dass diese Leute am Ende des Monats mehr Geld auf dem Konto hätten. Bis zu einem Nettoeinkommen von etwa 3.350 Euro – das ist ein Einkommen, das viele Menschen in Deutschland gar nicht erreichen.“
Selbst wenn die obersten zehn Prozent stärker belastet würden, dürfe nicht vergessen werden: Diese Gruppe wäre weiterhin deutlich wohlhabender als der Großteil der Bevölkerung. „Das Problem ist: Politik arbeitet oft nicht entlang dieser Evidenz, sondern entlang von Interessen“, erklärt Witz. „Und das ist letztlich auch eine Frage des Zustands unserer Demokratie.“ Grundeinkommen greife genau dort ein, wo Menschen Handlungsspielräume fehlen.

Auch Bundesregierung meint, es könne Teil der Lösung werden
„Das Thema Grundeinkommen wird oft in eine linke, utopische Ecke gestellt – als wäre es wirtschaftlich naiv“, fügt Stefanie Schurmann hinzu. „Dabei geht es ja darum, Menschen zu stärken, damit sie bessere Entscheidungen treffen können. Das ist am Ende auch gut für die Wirtschaft.“ Die politische Positionierung des Konzepts kann daran liegen, dass sich die ehemalige Parteivorsitzende der Linken, Katja Kipping, die seit langem Verfechterin eines Grundeinkommens ist, mit ihrer Partei sich offensiv dafür einsetzt.
Dass nun aber auch der Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) findet, dass „ein bedingungsloses Grundeinkommen ein Teil der Lösung werden kann, um die Umwälzungen am Arbeitsmarkt aufzufangen“, könnte tatsächlich ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem Grundeinkommen in Deutschland sein. Interessant ist dabei, wie unterschiedlich gerecht so eine Idee sein kann. In Irland wird nicht nach Bedürftigkeit sortiert, sondern nach Professionalität: Wer die Kriterien erfüllt, kommt in den Lostopf.
„Eine Lotterie benachteiligt niemanden“
Das sei fairer als andere kulturpolitische Auswahlverfahren, in denen Netzwerke, Geschmacksurteile und Szenenähe eine Rolle spielen, findet Maeve Clancy, denn: „Eine Lotterie benachteiligt niemanden.“ Gleichzeitig wird an einer anderen Stelle deutlich, wie komplex der Fairnessbegriff wirklich ist. Zwar zeigen Daten des irischen „Arts Councils“, dass Frauen beim Gesamtwert der vergebenen Fördermittel leicht überrepräsentiert sind – auf sie entfielen zuletzt rund 58,7 Prozent.
Aber im deutschen Pilotprojekt war ein anderer Effekt auffällig: Das Autonomieempfinden stieg besonders stark bei Frauen. Woran liegt das? Sie sind oft ärmer als Männer. Stichwort: Gender Pay Gap. Stichwort: Versorgungsausgleich. Stichwort: Altersarmut. „Wir haben versucht, den Gender Gap herauszurechnen, aber Vermögen bleibt ein zentrales Thema, weil Frauen im Durchschnitt über deutlich weniger davon verfügen“, so Miriam Witz.
„Das zeigt sich besonders deutlich bei der Altersarmut: In den aktuellen Rentnergenerationen sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen erheblich. Wenn man beispielsweise die Rente als eine Form von Grundeinkommen denken würde, könnten genau solche Ungleichheiten zumindest teilweise ausgeglichen werden. Dieser Effekt war im Pilotprojekt deutlich zu beobachten.“
Letztlich lohnt es sich, den Blick über die Testphasen und Probedurchläufe zu heben und aufs große Ganze zu schauen: Im „World Happiness Report 2026“ steht Finnland auf Platz eins. Der Bericht misst nicht einfach „gute Laune“, sondern die Lebensbewertung. Finnland ist ähnlich wohlhabend wie Deutschland, aber verteilt den Reichtum direkt gerechter und fördert hohe soziale Unterstützung im Land. Wenn Sicherheit keine Ausnahme für wenige ist, wird sie eine verlässliche Basis im Alltag.
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