„Bücher von Männern gibt es schon genug“
Neuer Verlag publiziert ausschließlich Autorinnen

Foto: Unsplash

Der Buchmarkt ist bislang männlich geprägt. Mit dem „Ecco Verlag“ hat sich in Hamburg ein Verlag ausschließlich für Literatur von Autorinnen gegründet – und auch das Management liegt komplett in Frauenhand.

Von Anne Klesse, Hamburg

Das Motto für den neu gegründeten Verlag stand schnell fest: „Wir verlegen die Bücher, die wir selbst lesen wollen.“ Denn der Blick in so gut wie jedes Bücherregal zeigt: Die meisten Werke stammen von Männern. Dabei ist das Zielpublikum kein männliches, im Gegenteil.

Mädchen lesen laut der JIM Studie 2019, die der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest veröffentlicht, regelmäßiger Bücher als Jungen (40 im Vergleich zu 28 Prozent). Frauen kaufen mehr Bücher als Männer, zeigen Studien der Gesellschaft für Konsumforschung: 60 Prozent der Buchkäufer*innen waren 2019 weiblich, bei E-Books sogar 63 Prozent.

 

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In den Buchverlagen selbst arbeiten laut „Buchreport“ 64 Prozent Frauen, während in den Geschäftsführungen gerade mal 22 Prozent Frauen saßen (Stand 2020). Das bedeutet: Obwohl die meisten Buch-Konsument*innen weiblich sind, entscheiden überwiegend Männer darüber, was auf den Markt kommt. 

Nun wollen fünf Frauen genau daran etwas ändern: Heide Kloth (Programm), Magdalena Mau (Herstellung), Kathrin Betka (Marketing), Laura Hage (Presse und Veranstaltungen) und Tabea Worthmann (Vertrieb) bilden das Gründerinnenteam des „Ecco Verlags“ in Hamburg – ein Verlag von Frauen für Frauen, der 2020 an den Start gegangen ist. Verlegt werden ausschließlich Autorinnen. Denn Bücher von Männern gäbe es schon genug, so das Credo.

Fünf Frauen wollen mit ihrem Verlag spannende Autorinnen in den Fokus rücken (Foto: Bettina Theuerkauf).

Der weibliche Blick hinter die Fassade

„Ecco“ firmiert unter dem Dach von „HarperCollins“ Deutschland, aus dem auch das Team zusammengestellt wurde. Der Name ist eine Reminiszenz an die zur Gruppe gehörende New Yorker „Ecco Press“, die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiert. Pro Halbjahr sollen fünf Bücher verlegt werden – von Debütantinnen und etablierten Schriftstellerinnen, deutschen und internationalen Autorinnen. 

Die fünf Bücher, die im ersten Programm im März 2021 erschienen, präsentieren sich in knalligen Farben und hochwertiger Haptik. Selbst die Covergestaltung liegt bewusst ausnahmslos in der Hand von Frauen: Fotografinnen, Illustratorinnen und Grafikerinnen der Agentur „Anzinger und Rasp“ aus München kümmern sich um die Optik. 

Es gibt auch andere Verlage wie etwa den „Orlanda Verlag“ in Berlin, die hauptsächlich Autorinnen verlegen oder sich auf feministische Literatur konzentrieren – aber dass tatsächlich die gesamte Produktion in der Hand von Frauen liegt, sei in Deutschland einzigartig, so Tabea Worthmann. Die fünf Autorinnen der ersten Veröffentlichungen definieren sich allesamt als Frauen. Ihre Ansätze und Schreibstile sind unterschiedlich, doch alle behandeln große emotionale Themen wie Familie, Heimat, Liebe oder Trauer.

„Entscheidend ist, dass die Geschichten noch nicht oder nicht auf diese Weise erzählt worden sind“, sagt Magdalena Mau. „Wir wollen Bücher verlegen, die wir in unseren Regalen vermissen“, ergänzt Worthmann. Alleinstellungsmerkmal sei stets die weibliche Perspektive. Und die hat nichts mit dem ambivalenten Begriff „Frauenliteratur“ zu tun, der früher gern für den Lebenshilfe- und Ratgeberbereich oder für feministische Werke benutzt worden ist. 

Vom ersten bis zum letzten Schritt in weiblicher Hand

Unter anderem erschien jetzt in einer neuen Aufmachung „Blond“ von Joyce Carol Oates, ein Porträt Marilyn Monroes. „Oates erzählt in ihrem Roman von der größten Hollywood-Legende des 20. Jahrhunderts, von ihrem Schmerz, ihrer Strahlkraft, ihren Träumen und ihrem tragischen Ende – und zwar aus der weiblichen Perspektive. Sie konzentriert sich nicht auf das Sexsymbol, sondern auf die Person hinter der Kunstfigur – auf Norma Jeane Baker“, schwärmt Worthmann. Das Buch wurde im „Literarischen Quartett“ im ZDF positiv besprochen.

Katharina Hoeftmann Ciobotaru wiederum hat bereits neun Bücher in anderen Verlagen veröffentlicht, bevor sie bei „Ecco“ nun ihren ersten literarischen Roman „Alef“ – eine deutsch-israelische Geschichte – herausbrachte. Der Umgang sei ein anderer gewesen, erzählt die Autorin: „In meiner zehnjährigen Erfahrung in der Buchbranche habe ich mich noch nie so respektiert, gehört und wohl aufgehoben gefühlt wie bei dem weiblichen Ecco-Team. Ich habe zum Beispiel die Covergestaltung komplett in Tel Aviv gemacht, mit einer befreundeten Künstlerin und einer ganz tollen Fotografin, und Ecco hat das komplett in unsere Hände gegeben. Das ist absolut keine Selbstverständlichkeit.“

Frauen kaufen mehr Bücher als Männer (Foto: Unsplash).

Ob das daran lag, dass ausschließlich Frauen zusammenarbeiteten? „Ehrlich gesagt: Ich glaube schon“, sagt Hoeftmann Ciobotaru. Der Debütroman „Iss das jetzt, wenn du mich liebst“ von Bianca Nawrath erscheint ebenfalls im ersten Programm von „Ecco“. Sie sagt: „Ich habe keinen Vergleich, weil der Ecco Verlag mir als erster eine Chance gab. In meinem Leben wurden mir viele erste Chancen durch Frauen verschafft. Erst durch dieses geschenkte Vertrauen konnte ich mir Erfahrungen aneignen, die es mir fortlaufend leichter machen, irgendwo Fuß zu fassen.“ Sie habe sich ernst genommen gefühlt und jederzeit nach Rat fragen können, was sie „in anderen Geschäftsverhältnissen bereits anders erlebt“ habe. 

„Es ist nicht unbedingt so, dass zu wenig Frauen Bücher schreiben, aber es ist eine Tatsache, dass Schriftstellerinnen weniger im Feuilleton besprochen werden“, weiß Hoeftmann Ciobotaru – „Und es ist auch kein Geheimnis, dass viele der besonders renommierten Verlage zumindest noch 2019, als die Daten der Rostocker Studie #frauenzählen herauskamen, deutlich weniger Autorinnen als Autoren im Programm hatten.“ 

Frauen die Bühne geben, die ihnen zusteht

Das Forschungsprojekt #frauenzählen der AG Diversität mehrerer Literaturverbände hatte in Kooperation mit dem Institut für Medienforschung der Universität Rostock 2018 für die Studie „Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ mehr als 2.000 Rezensionen und Literaturkritiken in 69 deutschen Medienformaten analysiert. Das Ergebnis: Zwei Drittel der besprochenen Bücher waren von Autoren. Auch die Kritiken wurden überwiegend (Verhältnis 4 zu 3) von Männern verfasst. Dazu waren die von Männern verfassten Besprechungen in der Textlänge deutlich ausführlicher als die von Frauen. Auch im Fernsehen wurden die Werke von Frauen im Durchschnitt 9,7 Minuten lang besprochen – die Länge bei Autoren betrug hingegen 15,5 Minuten. Im Radio wurden Autorinnen zwar seltener, dafür aber etwas ausführlicher behandelt. 

Magdalena Mau ist Gründungsmitglied von „Ecco“ (Foto: Bettina Theuerkauf).

„Wir glauben zwar nicht, dass Frauen pauschal einen anderen Blick haben“, so „Ecco“-Gründungsmitglied Mau. „Aber Frauen bekommen oft nicht die Bühne, die ihnen zusteht. Mit uns wird es hoffentlich bald ein Stückchen ausgeglichener.“ Die Verlagsgründung 2020 gestaltete sich, mitten in der Pandemie, anders als geplant. Buchmessen wurden abgesagt, öffentliche Lesungen durften nicht stattfinden. Trotzdem habe es ein großes Echo und viel positives Feedback in der Branche gegeben.

„Wir mussten einiges umdisponieren, da wir ursprünglich vorhatten, eine große Deutschlandtour zu machen, Buchhandlungen zu besuchen und unser Programm vor Ort vorzustellen“, so Worthmann. Nun musste alles virtuell stattfinden. „Die Situation zwingt uns dazu, immer wieder neu zu denken. Das funktioniert erstaunlich gut. Mehr als 200 Buchhändlerinnen und Buchhändler waren bei unseren Verlagspräsentationen dabei.“ 

Im zweiten Programm erscheinen erneut fünf Titel etablierter Autorinnen, Debütantinnen und ein wiederentdeckter Klassiker, darunter die beiden deutschen Autorinnen Eva Baronsky, die ein Porträt über Opernsängerin Maria Callas geschrieben hat („Die Stimme meiner Mutter“, August), und Laura Dürrschmidt („Es gibt keine Wale im Wilmersee“, September).

Die von Autorinnen selbst und von ihren Literaturagent*innen eingesendeten Manuskripte stapeln sich bereits in Hamburg. Worthmann, Mau und ihre Kolleginnen arbeiten sich langsam vor. Und irgendwann, so hoffen sie, kann die Gründungsfeier mit allen Beteiligten nachgeholt werden. Bis dahin füllen sie weiter die Regale dieser Welt mit Büchern von Frauen – für Frauen, aber auch für alle anderen.

 

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Von Anne Klesse , Hamburg

Anne Klesse ist freie Journalistin. Nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hat sie an der Axel Springer Journalistenschule volontiert und war Redakteurin der Welt, Welt am Sonntag und Berliner Morgenpost in Berlin. Dort schrieb sie insbesondere Porträts und Reportagen. Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Wächterpreis der Tagespresse. Mehr: www.anneklesse.de.

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