Die Genossenschaft „Sistar Cohabitatge“ vereint Menschen mit einem ehrgeizigen Ziel. In der Nähe von Valencia haben sie zusammen ein Grundstück gekauft, auf dem sie ihren Traum von einem gemeinsamen Leben bis ins hohe Alter verwirklichen wollen. Mit großer Ausdauer setzen sie ihr Projekt um.
Zusammenfassung:
In der Nähe von Valencia verwirklichen vor allem Frauen ihren Traum vom gemeinschaftlichen Altern: In der Genossenschaft „Sistar Cohabitatge“ planen rund 50 Menschen ein solidarisches Cohousing-Projekt. Sie wollen Einsamkeit vermeiden, selbstbestimmt leben und sich gegenseitig unterstützen. Der Weg dorthin ist lang und arbeitsintensiv – geprägt von Diskussionen, Toleranz und Durchhaltevermögen.
Heike Papenfuss, Valencia
Das Dorf Alfara de la Baronía in der Comunidad Valenciana liegt inmitten der Natur, am Rande der Sierra Calderona und der Sierra Espadán. Am Rand des Ortes befindet sich das verwaiste Gelände einer ehemaligen Papierfabrik. Der frühere Kamin, ein schlanker, hoher Turm, steht noch, er ist ein geschütztes Industriedenkmal. Ansonsten bahnt sich Unkraut seinen Weg. Das soll sich nun bald ändern, denn hier will die Genossenschaft „Sistar Cohabitatge“ Häuser bauen und ihr Cohousing-Senior-Projekt realisieren.
Loles Ferrer ist eine von ihnen. Sie steht mitten auf dem 39.000 Quadratmeter großen Gelände und schaut sich um: „Hier werden wir dann also leben.“ Man merkt ihr an, dass sie sich noch nicht so ganz vorstellen kann, wie das neue Wohnquartier aussehen wird. Loles ist seit drei Jahren Mitglied der Genossenschaft – eine von knapp 50 Menschen zwischen 50 und 70 Jahren.
„Vacaciones permanentes“ ist der ursprüngliche Name der Genossenschaft: „Ständige Ferien, das klingt ein bisschen komisch,“ lacht Loles, „die Gründer*innen haben wohl ewig nach einem Namen gesucht und sich dann spontan dafür entschieden.“ Ihr gefällt Sistar besser, es ist ein valencianischer Begriff für das Wasserverteilungssystem in den Bewässerungskanälen der Gemüsegärten. Der Begriff passt zu diesem Ort, denn ein solcher Kanal durchzieht auch das Gelände der Genossenschaft.
Gemeinschaft hält jung
Loles Ferrer ist 68 Jahre alt. Sie hat früher als Ärztin gearbeitet und lebt heute in Valencia. Ihre Tochter, die in Alfara de la Baronía lebt, hatte sie auf das Projekt aufmerksam gemacht. Loles Ferrer schaute sich daraufhin die Webseite an und war von der Idee gleich begeistert: „Jetzt geht es mir noch gut, aber ich möchte nicht eines Tages eine Last für meine Kinder sein oder in einem Altersheim enden. Der Gedanke, mit anderen Menschen zusammenzuleben und Dinge miteinander zu teilen, erschien mir sofort sehr positiv.“
Cristina Carles und Mari Carmen Llorens nicken zustimmend. Auch sie sind in ihren Sechzigern und ebenfalls Genossenschafterinnen von „Sistar Cohabitatge“. Llorens ist überzeugt davon, dass man länger gesund bleibe, wenn man mit anderen zusammenlebe und nicht einsam sei. Das sei bewiesen – „Gemeinsam zu essen, ein gemeinsames Projekt zu haben: das hält jung.“
Zusammenleben ist aber auch harte Arbeit
Für Cristina Carles bedeutet das Wohnprojekt auch eine politische Vision: „Ich habe mich immer in Kollektiven bewegt, mich gemeinsam mit anderen ehrenamtlich engagiert. Das Cohousing ermöglicht mir, im Alter so weiterzuleben, wie ich immer gelebt habe.“ Die Genossenschaft wurde vor sechs Jahren gegründet. Bis alle in ihre Häuser einziehen können und das gemeinsame Leben beginnen, ist es ein langer Prozess.
Zunächst lernen sich die Interessierten bei gemeinsamen Aktivitäten über einen längeren Zeitraum kennen. Erst dann entscheiden sie, ob sie Mitglied der Genossenschaft werden wollen. Cristina Carles lässt keinen Zweifel daran, dass es viel Arbeit ist, ein Cohousing auf die Beine zu stellen: „Es musste geklärt werden, wie wir zusammenleben wollen. Wir haben Regeln aufgeschrieben, unsere Vision und gemeinsame Werte formuliert, die uns hier wichtig sind. Dann musste ein Grundstück gefunden werden, das groß genug ist und das finanziert werden konnte. Für das alles braucht es viele Gespräche, aber in diesem Prozess lernen wir uns kennen und er schweißt uns zusammen.“
Toleranz ist größte Herausforderung
Vielleicht die größte Herausforderung bei allem ist es, immer die nötige Toleranz anderen Meinungen und den anderen Genoss*innen gegenüber aufzubringen. Darin sind sie sich alle einig. Cristina Carles meint: „Eine Sache ist, was auf dem Papier steht, aber wenn es dich persönlich betrifft, ist es etwas anderes. Es gibt Licht und Schatten in diesem Prozess, magische und kritische Momente, in denen du denkst, es geht alles zum Teufel.“
Die Gründer*innen der Genossenschaft waren befreundete Paare, die im Alter gemeinsam leben wollten. Nicht alle sind dabeigeblieben. Auch hat sich die Struktur der Genossenschaft verändert. Mittlerweile machen Paare nur noch die Hälfte der Mitglieder aus. Die andere Hälfte sind Singles, vor allem Frauen wie Loles Ferrer oder Cristina Carles. Sie sind überzeugt: Die Zusammensetzung der Genossenschaft sei ein Spiegel der Gesellschaft.
Integration in die Dorfgemeinschaft
Inzwischen haben die Genoss*innen einen Architekturwettbewerb ausgewertet, den sie organisiert hatten, und sich für die Bauweise ihrer Häuser entschieden. Jede*r wird sein eigenes Häuschen haben, für Paare etwas größer als für die Singles, aber mit maximal 60 Quadratmetern: Schlafzimmer, Bad, ein Wohnzimmer mit einer kleinen Küchenzeile, alles sehr funktional.
Wichtig: Keiner erwirbt hier sein Haus als Eigentum. Wenn jemand das Projekt verlässt oder stirbt, geht das an die Genossenschaft gezahlte Geld an ihn oder an die Erb*innen zurück und jemand anders nimmt den frei gewordenen Platz ein. Das Herzstück des Cohousing ist das Gemeinschaftshaus im Zentrum der Anlage. Hier befinden sich das Restaurant für das gemeinsame Mittagessen und eine Bibliothek, ein Gymnastikraum etwa für Yoga und mehrere Werkstätten.
Das Haus und die angebotenen Aktivitäten sollen auch den Bewohner*innen von Alfara de la Baronía offenstehen. Die Genoss*innen wollen ein Teil des Ortes sein und kein isoliertes Altenviertel – und genau das kommt gut an. „Es haben uns schon Leute aus dem Dorf gefragt, wann wir endlich kommen“, freut sich Mari Carmen.
Auch Privatsphäre ist vorgesehen
Für Cristina Carles ist das Gemeinschaftshaus eine Erweiterung ihres privaten Hauses: „Noch bildhauere ich allein in meinem Zimmer. Aber hier kann ich es in der Werkstatt zusammen mit anderen machen. Und dann kommt der große Garten dazu. Wenn ich jetzt in Valencia mit einem Buch in den Park hinuntergehe, treffe ich niemanden. Hier werde ich Freund*innen treffen, mit denen ich mich unterhalten kann.“
Das Cohousing mitten in der Natur schafft ihrer Meinung nach einen „erweiterten Lebensraum und einen Beziehungsraum“. Natürlich muss auch Privatsphäre möglich sein, das ist allen klar. Jede*r kann sich in seine eigenen Wände zurückzuziehen, und keine*r ist verpflichtet, an bestimmten Aktivitäten teilzunehmen.

Etwa 50 Projekte in ganz Spanien
„Sistar Cohabitatge“ ist nicht in Übrigen das einzige Cohousing-Projekt in Spanien. Etwa 50 gibt es über das ganze Land verteilt. Das Cohousing „Senior Trabensol“ in Madrid wurde bereits im Jahr 2002 gegründet und gilt heute vielen als Modell, wie diese Idee erfolgreich umgesetzt werden kann. Auch Loles Ferrer, Cristina Carles, Mari Carmen Llorens und andere Genoss*innen haben das Projekt in Madrid besucht, sich dort informiert und inspirieren lassen.
Cohousing Senior ist also durchaus kein neues Phänomen in Spanien. Trotzdem sind die bürokratischen Hürden hoch. Es gibt keinerlei finanzielle Unterstützung oder gar Subventionen für diese Projekte. Dabei sind Altenheime in Spanien genauso unbeliebt wie hierzulande, ihr Unterhalt ist teuer und die Plätze sind rar.
Deshalb stellt sich die Frage, wie das Problem in Zukunft gelöst werden kann. Im Jahr 2025 sind bereits rund 20 Prozent der Spanier*innen über 65 Jahre alt. Die Überalterung der Gesellschaft schreitet voran, die Lebenserwartung steigt und die Geburtenrate sinkt.
Die Cohousing-Senior-Initiativen bekommen Kredite von ethischen Banken, die solche genossenschaftlichen Projekte unterstützen. Jedes Mitglied zahlt einen Anteil als Einstieg in die Genossenschaft. Derzeit sind das 500 Euro. Für Grundstück und Haus können über die Jahre gestiegene Baukosten von bis zu 200.000 Euro zusammenkommen – ein Wermutstropfen für die Teilnahme am Projekt, denn diese Summe muss man sich leisten können.

Gestaffelte Altersgruppen sichern Kontinuität
Das sehen auch die Sistar-Genoss*innen so. Ihrem Projekt ist es trotzdem gelungen, sehr unterschiedliche Menschen zu versammeln: Ärzt*innen wie Loles Ferrer oder Cristina Carles, aber auch pensionierte Lehrer*innen, Handwerker*innen und ein Polizist. Beim Einstieg in das Projekt sollen Interessierte zwischen 50 und 70 Jahre alt sein, die Altersgruppen im gleichen Verhältnis vertreten sein.
Das gestaffelte Alter soll die Kontinuität des Projektes gewährleisten und sicherstellen, dass nicht alle gleichzeitig alt und auf Hilfe angewiesen sind. Gegenseitige Hilfe ist einer der Grundgedanken des Projektes, also müssen auch Menschen da sein, die andere unterstützen können. Solidarität und gegenseitiger Respekt sind für Genoss*innen die wichtigsten Werte. Nur so werden sie ihren Weg für alle so gestalten, dass sie ihren tiefsten Wunsch umsetzen können: gemeinsam in Würde zu altern.

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