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Kraftprobe im Ring
Ringerinnen im Südsenegal

7. Oktober 2026 | Von Frida Nsonde | 12 Minuten Lesezeit
Manssata Sané und Bigué Mbaye (v.l.n.r.) beim Ringen am Strand. Das traditionelle senegalesische Ringen wird auf Sand ausgetragen. Alle Fotos: Frida Nsonde

Im Süden Senegals steigen auch Mädchen in den Ring – eine Ausnahme in einem Sport, der sonst Männern vorbehalten ist. Doch auch hier müssen sich die jungen Kämpferinnen gelegentlich über Vorurteile hinwegsetzen, um ihre Ziele zu erreichen.

 

Zusammenfassung:

In der südsenegalesischen Casamance hat Ringen auch für Frauen eine lange Tradition. Trotz Vorurteilen über Frauen im Ring knüpfen junge Ringerinnen wie Anna Diatta und Bijoux Sambou daran an und verfolgen sportliche Ziele bis hin zur Nationalmannschaft. Für Anna steht fest: „Wenn ich etwas will, dann ziehe ich es durch.“ Ihr Traum ist die Goldmedaille.

 

Von Frida Nsonde, Boucoutte

Kopf an Kopf, die Arme ineinander verschränkt, den Blick auf den Boden gerichtet. Plötzlich ein Schritt nach vorn, ein Griff ans Bein, Ringen. Dann liegen beide im Sand. Der Zweikampf ist vorbei. Solche Szenen lassen sich vielerorts im Senegal beobachten: Junge Männer trainieren an den Stränden der Hauptstadt Dakar, kleine Jungs im Vorschulalter raufen sich in Nebenstraßen. Ringen ist hier Nationalsport. 

Vor allem das traditionelle senegalesische Ringen, das in der Regel auf Sand ausgetragen wird und bei dem je nach Turniervereinbarung Schläge erlaubt sind, füllt Stadien. Manchen Einschätzungen zufolge gilt der Sport sogar als populärer als der ebenfalls weit verbreitete Fußball. 

Muskulöse Ringkämpfer, wie sie von den Plakaten in den Straßen ihrer jeweiligen Stadtviertel grüßen, verkörpern ein Idealbild von Stärke und Männlichkeit. Doch hier, an diesem Samstagnachmittag am Strand von Cap Skirring, ist eine Sache grundlegend anders: Die beiden Personen im Sand sind weiblich.

Astou Oury (grün) und Bigué Mbaye beim Ringen am Strand

Talentschmiede Casamance 

Während das Ringen in weiten Teilen des Senegal vor allem Männern vorbehalten ist, besteht in einigen Dörfern der südlichen Region Casamance unter der Volksgruppe der Diola eine lange Tradition des Ringens – explizit auch für Frauen. Heutzutage geht die Praxis über regionale Kämpfe zwischen den Dörfern hinaus und reicht sogar bis in den Profisport.

„Rund 80 bis 90 Prozent unserer Nationalmannschaft der Frauen kommen aus der Casamance“, sagt Ibrahima Sené, Präsident des Nationalen Senegalesischen Ringerverbandes. Das Ringen sei in der Region weit verbreitet, sowohl unter Männern als auch unter Frauen. Die Casamance sei ihre „kleine Talentschmiede für Ringerinnen“.

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Erschöpft lässt sich Bijoux Sambou nach dem Kampf am Strand nun wieder in den Sitzkreis des Teams zurücksinken. Auf ihrem Gesicht die sandigen Spuren des Kampfes und ein strahlendes Lächeln. „Ich liebe alles an dem Sport“, sagt sie, hält sich das Bein und lacht: „Aber du musst auch viele Verletzungen wegstecken können.“ 

Im Team aus dem Dorf Boucoutte trainieren Jungs wie Mädchen nebeneinander. Gerade einmal vier Monate ist es her, dass die 23-Jährige zum ersten Mal beim Training war. Nachdem sie ihre anfängliche Schüchternheit überwunden hatte, nahm sie bereits nach zwei Wochen an ihrem ersten regionalen Wettkampf teil. Eine Woche später gewann sie bei einem überregionalen Wettkampf in der Stadt Thies. Wenn es ernst genommen werde, biete das Ringen laut Sambou viele Möglichkeiten.

Ringerin Bijoux Sambou (23)

Der „Obstkorb“ des Landes

Die Region Casamance liegt zwischen Guinea-Bissau und Gambia, die sie vom Rest des Senegals trennen, und gilt gewissermaßen als „Obstkorb“ des Landes. Mangos und Papayas, aber auch Cashewnüsse und weitere Anbauprodukte werden in andere Teile des Landes exportiert. Vor allem Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischfang spielen eine maßgebliche Rolle für den Lebensunterhalt vieler Familien.

Nach langjährigem Konflikt, Marginalisierung im nationalen Kontext und einem bis heute geringen Maß an Industrialisierung bleibt die Region jedoch hinter ihrem Potential zurück. Die Armutsrate in den drei Provinzen der Casamance wird von der senegalesischen Statistikbehörde ANSD auf 48 bis 63 Prozent beziffert, im Vergleich zum Landesdurchschnitt von 37,5 Prozent.

Während landesweit viele junge Männer mit einer Ringerkarriere die Hoffnung verknüpfen, aus der Armut aufzusteigen, hat sich hier in der Casamance die Erkenntnis verbreitet, dass auch junge Frauen durch den Sport Preisgelder gewinnen oder durch die olympische Variante ins Ausland reisen können. 

Auch die mehrfache senegalesische Afrika-Meisterin im Ringen und international erfolgreiche ehemalige Profisportlerin, Isabel Sambou, stammt aus der Casamance. Am Ende des Trainings kommt das Team noch einmal in der Mitte für den Schlachtruf zusammen. „Geben wir auf?“, ruft Trainer Oscar Senghor. „Niemals!“, schallt es zurück.

Bijoux Sambou (links) und Aby Mbaye beim Training in der Halle

„Wenn ich etwas will, dann ziehe ich es durch“

Nicht nur Beach-Wrestling, sondern auch die traditionelle senegalesische Variante praktiziert das Team aus Boucotte. Auf den blauen Bodenturnmatten in der Trainingshalle an der Hauptstraße im Ort wird auch olympisches Ringen trainiert. Die Halle ist täglich – außer sonntags – für das offene Training geöffnet.

Anna Diatta ist schon seit vier Jahren dabei. „Bevor ich hergezogen bin, wusste ich nicht, dass es Mädchen gibt, die ringen“, sagt die Schülerin. In ihrem vorherigen Wohnort sei ihr das schlicht nie untergekommen. „Aber hier habe ich den Stolz der Ringerinnen gesehen.“ Das habe sie fasziniert.

Das Zuhause der 17-Jährigen liegt nur einen Steinwurf von der Halle entfernt. Auf den langen, schlanken Baumstämmen, die davor gelagert werden, stehen einige Kinder und schauen durch die Gitterfenster beim Training zu. „Wann immer ich Zeit hatte, ging ich an der Halle vorbei, um zuzusehen“, erzählt sie. „Eines Tages dachte ich mir: Warum sollte nicht auch ich es versuchen?“ So sei sie damals vom Fußball zum Ringen gewechselt. 

Schülern Awa Mbaye (links (kommt nicht im Text vor) und Freundinnen vor der Halle von Boucoutte. Das Training ist immer auch ein Treffpunkt.

Doch auch hier in Boucoutte herrschten Vorurteile. „Manche Leute sagen, wenn du als Mädchen anfängst zu ringen, wirst du aussehen wie ein Junge oder später Probleme haben, Kinder zu kriegen.“ Doch sie habe gelernt, sich dem gegenüber zu behaupten. „Wenn ich etwas will, dann ziehe ich es durch.“  

Und der Erfolg gibt ihr Recht. In den vier Jahren, die Diatta nun dabei ist, hat sie Trainingsaufenthalte für die nationale Auswahl in der Hauptstadt Dakar und in Frankreich absolviert und an einer Meisterschaft in Marokko teilgenommen. Zwar habe sie in Marokko verloren, aber es habe ihr gezeigt, dass sie das Training ernster nehmen müsse. „Eines Tages, das habe ich mir geschworen, hole ich die Goldmedaille.“

Das Team vor dem Wettkampf. Anna in grün, Bijoux rechts daneben in blau

Ringen für den König

Es ist ruhig auf dem Fußballfeld im 30 Kilometer entfernten Dorf Oussouye. Nur drei Kühe und ein Jogger bezeugen das Rascheln der Bäume im Wind der spätnachmittäglichen Stille. Jedes Jahr zum Ende der Regenzeit verwandelt sich der Platz jedoch für drei Tage in einen Ort des Zusammenkommens, des Tanzens, des Betens und des Ringens.

Bei der Feier des Königs von Oussouye, auch als „Humeubeul“ bekannt, spielt der Ringkampf eine zentrale Rolle. Am dritten Tag sind die Frauen an der Reihe. Und das seit Generationen. „Am Ringkampf teilzunehmen, ist eine große Ehre”, sagt Marie Sambou. Die 63-Jährige sitzt im Innenhof ihres Hauses im Schatten und denkt an alte Zeiten zurück.

Wie viele Frauen hier hat auch sie vor der Heirat einst selbst an diesem Wettkampf teilgenommen. „Es war der größte Stolz, viele Gegnerinnen besiegt und sich den Ruf einer großen Kämpferin des Dorfes erarbeitet zu haben.“ Im Vorfeld seien die Frauen aus dem Viertel zusammengekommen, um im Zweikampf die Besten unter ihnen auszuwählen – genau wie die Männer. Diese seien sogar gekommen, um ihnen dabei zuzusehen, erzählt sie und entblößt dabei lächelnd eine Schneidezahnlücke.

Marie Sambou auf dem Hof ihres Hauses, Bruder im Hintergrund

Das Ringen geht im Senegal auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Dies ergibt sich sowohl aus mündlichen Überlieferungen verschiedener ethnischer Gruppen auf dem heutigen Staatsgebiet als auch aus den ersten schriftlichen Berichten europäischer Reisender, Missionare oder kolonialer Akteure, die den Sport bereits im 15. Jahrhundert erwähnen.

Kulturell war der Wettkampf häufig mit gesellschaftlich bedeutsamen Festivitäten verknüpft, etwa mit dem Ende der Erntesaison. So auch der Wettkampf in Oussouye, an dem Marie Sambou bereits in ihrer Jugend teilnahm. Die Feierlichkeiten hätten sich seitdem verändert, bedauert sie. „Dieses Zusammenkommen hat Frieden und Respekt unter uns geschaffen. Auch wenn dich deine Gegnerin im Ringkampf besiegt hat, seid ihr anschließend Freundinnen geworden“, erinnert sie sich.

So habe sie Bekanntschaften über die Dörfer hinweg gemacht, in einer Zeit, in der viele Frauen selten über die Grenzen des eigenen Dorfes hinausgekommen seien. Eine junge Frau schaut um die Ecke neugierig auf die Erzählungen der alten Frau. Sambou ist heute Großmutter. Wie einst schon ihre Tochter führt auch ihre 17-jährige Enkeltochter die Tradition fort. Im vergangenen Jahr war sie zum ersten Mal dabei. 

Anna Diatta (in grün) während des Wettkampfs

Nach dem Kampf ist vor dem Kampf

In Boucoutte steht derweil ein Wettkampf an. Teams aus den umliegenden Dörfern sind der Einladung gefolgt und haben sich an diesem Nachmittag auf dem Platz neben der Turnhalle eingefunden. Musik schallt aus den Lautsprechern neben dem DJ-Pult. Gegenüber sitzen Kommentatoren, die das Publikum in Stimmung bringen.

„Wir sind stolz, die Champions der Nationalmannschaft vor uns zu haben“, schallt es über die Menge, als Anna Diatta und ihre Gegnerin einander gegenübertreten. Nicht wenige der Mädchen haben es in die Vorauswahl des nationalen Teams für die Olympischen Jugendspiele geschafft, die im November 2026 in der senegalesischen Hauptstadt Dakar ausgetragen werden. Sie werden das erste olympische Ereignis auf dem afrikanischen Kontinent sein.

Auch Diatta hat es in die Vorauswahl geschafft. Heute kommt sie jedoch nicht ins Finale. Sie gewinnt einen Kampf, muss sich aber in einem anderen geschlagen geben. Die meisten Siege können die Ringerinnen aus dem Dorf Mlomp für sich verbuchen. „Es ist das erste Mal, dass deren Team dieses Jahr gewinnt“, sagt Ringerin Bijoux. Deshalb freuten sie sich so sehr.

Natürlich sei sie enttäuscht, so Anna Diatta. „Aber es war trotzdem ein gutes Event. Schließlich können wir unserer Leidenschaft nachgehen, das macht glücklich.“ Am Montag nach dem Wettkampf stehen in Boucoutte Jungs wie Mädchen wieder auf der Matte. Zunächst werden Kraft und Ausdauer trainiert, dann geht es an die Technik. Und bevor das Team nach dem Training auseinandergeht, ertönt noch einmal der Ruf: „Geben wir auf?” – „Niemals!“

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Von Frida Nsonde, Köln

Frida Nsonde ist freie Journalistin. Sie lebt in Westafrika und Köln und schreibt vor allem über gesellschaftliche Themen, Kultur und Transformation. Wenn sie nicht schreibt, fotografiert sie politische Ereignisse, alltägliche Besonderheiten, Mode und Jugendkultur. 

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