„Quino“, der Schöpfer der Comic-Ikone Mafalda, erfand das kleine Mädchen 1964 als moralisches Gewissen der Gesellschaft gegen Autoritarismus. Heute ist das kluge Kind Teil der argentinischen Identität – doch Mafalda verkommt immer mehr zum Marketing-Gag. Dabei sind ihre Werte aktueller denn je.
Zusammenfassung:
Das kleine Mädchen Mafalda, 1964 von „Quino“ als kluges Gegengewicht zum Autoritarismus geschaffen, ist bis heute Symbol für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Feminismus. In Argentinien wird die Comicfigur zwar allgegenwärtig vermarktet, doch ihre politische Schärfe droht verloren zu gehen. Gerade in Zeiten von Repression und Rechtsruck erinnern Mafaldas Fragen daran, wie aktuell ihr selbstbestimmter, kritischer Blick auf die Welt noch ist.
Von Laura May, Buenos Aires
„Was nützt Reichtum im Geldbeutel, wenn Armut im Geist herrscht?” Mit Fragen wie diesen hat sich Mafalda ins kollektive Gedächtnis Argentiniens eingebrannt. Bekannt geworden durch Comicstrips in Tageszeitungen der 1960er Jahre, ist das kleine Mädchen mit den großen Fragen heute eine Ikone der Sozialkritik. Ob auf Wandgemälden, Supermarkttaschen oder Kioskfassaden, in U-Bahn-Passagen oder Auslagen von Buchhandlungen – ihr rundes Gesicht und ihre Schleife in den Haaren sind aus dem Stadtbild von Buenos Aires nicht mehr wegzudenken.
Mafalda repräsentiert den Kampf für Weltfrieden sowie für Frauen-, Arbeits- und Menschenrechte. Kurz: soziale Gerechtigkeit. Mafalda-Erfinder „Quino“ wird sogar auf der Regierungswebsite als einzigartiger Schöpfer argentinischer Popkultur bezeichnet. Doch: Mafaldas Werte werden im zunehmend aufgeheizten politischen Klima des Landes immer häufiger verfälscht, sagt Mafalda Moreno, Geschäftsführerin der größten Buchhandlung Südamerikas.

„El Ateneo Grand Splendid“ ist weltberühmt und eine Touristenattraktion. Hier beobachtet sie, dass Mafalda immer mehr zum leeren Symbol verkommt und ihre politischen Forderungen vergessen werden. Für die 37-Jährige ist das kein rein diskursives, sondern ein persönliches Thema. Nach ihrer Geschlechtstransition hat sie sich 2020 selbst den Namen Mafalda gegeben. Die Figur repräsentiere für sie eine erstrebenswerte Form von Feminität, eine wahre und unabhängige Frau, die sich selbstbestimmt und kritisch von der Norm abhebe.
„Ich wusste, ich muss Mafalda heißen“, erzählt sie. Sie erinnert sich noch heute an den Preis ihres ersten Mafalda-Comicbüchleins, um das sie ihren Vater als Zwölfjährige anbettelte. 50 Pesos kostete das Heftchen – das bei der Rekordinflation der argentinischen Währung heute drei Cent wären – Anfang der 2000er aber einem Wochenlohn entsprach. Ihr Vater ließ sich überreden.
Seitdem kehrt Mafalda immer wieder zu ihrer namensgebenden Figur zurück. Als sie 18 wurde, ließ sie sich mit ihrem ersten Gehalt ihr erstes Tattoo stechen: Eine kleine Mafalda auf dem Oberarm. „Meine soziale und politische Identität kommt da her“, so Moreno. Wenn sie heute Leute auf der Straße sieht, die T-Shirts mit leeren Mafalda-Phrasen tragen, schmerzt sie das. Damals sei Mafalda politisch gewesen, heute sei sie immer öfter nur ein reiner Marketing-Gag.

Mafaldas Werte werden verfälscht
Rechte und Konservative würden gerade unter der aktuellen Regierung des ultrakapitalistischen Präsidenten Javier Milei die Werte der aktivistischen Comicfigur verfälschen und sich aneignen. „Mafalda wäre heute bei den Protesten dabei, die die Regierung niederschlagen lässt“, sagt die Buchhändlerin. Doch die Figur würde von der Rechten einfach als Erbe argentinischer Tradition ausgelegt, ihre politische Haltung vergessen.
Das passiere im Übrigen auch mit anderen Ikonen, etwa mit Fußballlegende Diego Armando Maradona, den auch libertäre Politiker*innen als ihren Helden proklamieren, obwohl er sich immer offen gegen Sozialkürzungen ausgesprochen hatte. Milei treibt diese Dynamik aktuell noch weiter und performt als vermeintlicher Rockstar vor ausverkauften Stadien Lieder von Bands, die sich offen gegen ihn aussprechen. Es ist wie kulturelle Aneignung, nur in derselben Kultur.
Der Erfinder Mafaldas, Joaquin Salvador Lavado Tejón, veröffentlichte zwischen 1964 und 1973 unter dem Pseudonym „Quino“ knapp 2.000 Comicstrips. Eingestellt wurde die Serie unter anderem, weil der humoristische Umgang mit Werten wie Freiheit oder Menschenrechten in der politisch angespannten Situation vor der letzten Militärdiktatur bereits lebensgefährlich wurde. Aktuell häufen sich erneut Schlagzeilen über Polizeirepression in Argentinien.
„Mafalda war die erste, die zum Protest aufgerufen hatte“, sagt Moreno. Die Buchhändlerin lebt heute in einem Land, dessen Präsident die Gräuel der Diktatur mit ihren 30.000 verschleppten Opfern infrage stellt und Sympathisant*innen des damaligen Regimes in seine Regierung holt. Für „Quino“ war Krieg kein Thema der Helden, sondern ein Zeichen von fehlender Reife der Menschheit. Seine Figur Mafalda war dementsprechend konsequent pazifistisch und glaubte an eine bessere Zukunft. Ihre Ansichten und Erklärungen waren unschuldig, ohne naiv zu sein.
Witz von damals, Realität von heute
In „Quinos“ Comics fungiert sie als moralisches Gewissen der Gesellschaft zwischen Tradition und Umbruch. Während Mafalda den kritischen Humanismus verkörpert, bilden ihre Freunde die Strömungen der argentinischen Mittelschicht ab. „Quino“ nutzt die Charaktere, um komplexe Themen wie Klassismus oder Autoritarismus universell gültig zu machen. Der soziale Konflikt wird etwa in einem Dialog mit ihrer Freundin Susanita deutlich.
Susanita sagt: „Ich habe ein wunderbares Herz! Ich werde später, wenn ich groß bin, Geld verdienen und den Armen Essen kaufen.“ Mafalda darauf: „Und was ist mit den Ursachen der Armut? Wäre es nicht besser, die Welt so zu verändern, dass es gar keine Armen mehr gibt?“ Susanita: „Ach, Mafalda! Du willst immer gleich das ganze Business ruinieren! Wer soll denn dann noch dankbar sein?“
Im Kontrast zu Susanita steht ihrer Freundin Libertad, die winzig gezeichnet wird und für den radikalen Wunsch nach politischer Freiheit steht. Die wirtschaftliche Realität spiegelt sich in Manolito wider, dem Sinnbild des pragmatischen Kapitalismus und Inflationsangst. Obwohl Manolito als Sohn spanischer Einwanderer selbst von sozialer Ungleichheit betroffen ist, stellt er immer wieder die Rechte der Arbeiter*innen infrage. „Er ist eine Referenz an die Arbeiter, die selbst nicht verstehen, dass sie ausgebeutet werden“, so Moreno.
„Der Witz von damals ist die Realität von heute“, schlägt sie die Brücke zur aktuellen Arbeitsmarktreform, die die Rechte von Angestellten drastisch kürzt. Eine derartige Reform hätte auch Mafaldas Eltern getroffen, die den mühsamen Alltag der argentinischen Mittelschicht zwischen Existenzangst und geplatzten Träumen verkörpern.
Ihr Vater ist gefangen in ausbeuterischen Jobs und kommt jeden Tag ermüdet nach Hause, während die Mutter frustriert in der häuslichen Sphäre gefangen scheint. Mafalda hingegen hat für ein Mädchen der 60er Jahre revolutionäre Zukunftsvisionen: Statt vom Heiraten träumt sie von Bildung und will die Welt verbessern. In einem der Strips fragt Mafalda ihre Mutter: „Mama, was wärst du gerne, wenn du leben würdest?“
„Mafalda ist Feminismus“, ist Moreno überzeugt und ärgert sich über Frauen, die heute das Gegenteil behaupten. Als 2019 eine Neuerscheinung unter dem Titel „Feminino singular“ feministische Mafalda-Strips gesammelt herausgab, hätten sich mehrere Kundinnen bei ihr beschwert, warum sich Feministinnen nun auch noch Mafalda aneignen würden. Laut Moreno ist das nur eines von vielen Beispielen, dass Mafalda heute missverstanden würde.
Die Leute würden Mafalda konsumieren, doch kaum jemand setze sich mit den Inhalten auseinander. Tausende Touristen lassen sich auf einer Bank im Stadtviertel San Telmo neben der berühmten Mafalda-Statue ablichten. Doch: „Wie viele Leute auf der Bank in San Telmo haben Mafalda wirklich gelesen?“ Die Comicstrips beschwerten sich damals über dieselben Machtstrukturen, die noch heute bestünden oder zurückgekommen seien. Die Menschen würden die Geschichte schnell vergessen, sagt Moreno. Ihrer Meinung nach wiederhole sich alles.

Schönste Buchhandlung der Welt
Sie schätzt den Wert des Historischen. Die Buchhandlung „El Ateneo Grand Splendid“ mitzugestalten ist für die gelernte Grafikdesignerin deshalb ein beruflicher Traum, der für sie vor zwölf Jahren als Kassiererin begann. Das Gebäude wurde 1919 als Theater eröffnet und verändert sich seit mehr als einem Jahrhundert parallel zu kulturellen Entwicklungen. Tango-Star Carlos Gardel nahm hier einige seiner Lieder auf und trat auf der Bühne auf, auf der Buchladenbesucher*innen heute Café trinken können. Als das Gebäude zum Kino umfunktioniert wurde, liefen hier die ersten Tonfilme der Stadt.
Im Jahr 2000 wurde „El Ateneo Grand Splendid“ schließlich zum Buchtempel. Die heute größte Buchhandlung Südamerikas hat mittlerweile einen Bestand von rund 150.000 Büchern, bis zu 6.000 Besucher*innen kommen täglich hierher. Das liegt nicht nur an der Geschichte und Größe, sondern auch an der Ästhetik des Raumes. 2019 wurde „El Ateneo“ von der Zeitschrift „National Geographic“ zur schönsten Buchhandlung der Welt gekürt.
Dass dieses geschichtsträchtige Gebäude zur Buchhandlung wurde, hat auch mit dem Stellenwert des Buches in Argentinien zu tun. Buenos Aires hat die höchste Dichte an Buchläden weltweit pro Kopf. Mit schätzungsweise über 800 Buchhandlungen wurde die Stadt 2018 von der UNESCO zur „Welthauptstadt des Buches“ erklärt. Das „Ateneo“ repräsentiere allerdings nicht die Realität kleinerer und weniger zentraler Buchhandlungen, sagt Moreno. Diese seien aktuell besonders gefährdet, da die Regierung die Preisbindung aufheben möchte.
Wenn sie falle, stürben die Kleinen. Auch Mafalda-Erfinder „Quino“ hatte sein Erfolgswerk bewusst von dem argentinischen unabhängigen Verlag „La Flor“ verlegen lassen, der sich offen gegen die Diktatur stellte. Seine Nachfahren haben die Rechte an Mafalda zum Ende des Jahres nun endgültig an den spanischen Verlag „Lumen“ verkauft, der zum Giganten „Random House“ gehört. Moreno ist sicher: „Das würde Mafalda nicht gefallen.“

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