Botschafterin Manizha Bakhtari vertritt Afghanistan in Wien, obwohl die Taliban sie längst entlassen haben. Sie erhebt ihre Stimme für Frauenrechte und gegen das Vergessen ihres Landes.
Zusammenfassung:
Manizha Bakhtari vertritt als letzte Botschafterin Afghanistans ihr Land in Wien – trotz Entlassung durch die Taliban. Sie kämpft unermüdlich gegen Genderapartheid und für Frauenrechte, unterstützt Mädchen mit Bildungsprojekten und bleibt sichtbar im diplomatischen Raum. Ihre Botschaft: Afghanistan existiert auch jenseits der Taliban – und das Schweigen über die systematische Auslöschung weiblicher Präsenz darf nicht zur Normalität werden.
Von Milena Österreicher, Wien
Frau Bakhtari, Sie sind die letzte weibliche Botschafterin Afghanistans und betreiben weiterhin die afghanische Botschaft in Wien – obwohl Sie von den Taliban 2021 entlassen wurden. Wie arbeiten Sie als Botschafterin ohne offiziellen Auftrag einer Regierung?
Es ist ein permanenter Ausnahmezustand. Offiziell wurde ich von einer gewählten Regierung Anfang 2021 eingesetzt. Nach deren Sturz im August 2021 erhielt ich aus Kabul ein Schreiben von den Taliban mit meiner Entlassung. Aber ich sehe mich weiterhin als Vertreterin meines Volkes. Die Vereinten Nationen und die meisten Staaten erkennen die Taliban nicht an, deshalb bin ich in Wien nach wie vor akkreditiert und bin dort auch als ständige Vertreterin bei den Vereinten Nationen. Ich nehme an Sitzungen internationaler Organisationen teil. Ich halte dort zwar keine Reden, weil ich keine Regierung habe, deren Position ich vertreten könnte. Doch schon meine Anwesenheit ist wichtig. Sie signalisiert: Afghanistan existiert noch jenseits der Taliban.
Hatten Sie je gedacht, einmal Botschafterin zu werden?
Überhaupt nicht. Als junges Mädchen träumte ich von Literatur, nicht von Diplomatie. Ich habe Persische Sprache und Literatur studiert, später Journalismus unterrichtet. Nach dem Sturz der ersten Taliban-Herrschaft 2001 begann ich an der Universität Kabul zu lehren, schrieb Kolumnen, veröffentlichte Bücher. 2006 suchte das Außenministerium gezielt junge Frauen. Ich wurde eingeladen und nahm diese Herausforderung an. Ich wurde bald Stabschefin im Außenministerium, danach Botschafterin in Norwegen und schließlich Anfang 2021 Botschafterin in Wien. Aber egal welche Rolle ich hatte, die Frage der Frauenrechte war immer Teil meines Lebens.

Was hat Sie dazu gebracht, die Situation für Frauen stets im Fokus zu haben?
Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, die sehr patriarchal geprägt ist. Wir waren drei Schwestern ohne Bruder. Meine Eltern waren offen, sie haben uns nie diskriminiert. Aber die Gesellschaft tat es, wir hörten oft Sätze wie: „Oh, ihr habt keinen Sohn, wie schade.“ Schon als Kind sah ich Frauen, die von ihren Männern geschlagen oder von ihren Familien unterdrückt wurden. Diese Erfahrungen haben mich sensibel für Ungleichheit gemacht. Später habe ich begonnen, mich systematisch mit Feminismus auseinanderzusetzen, habe viele Texte dazu gelesen und mich weitergebildet. Ich wusste: Wenn man für etwas kämpft, braucht man Wissen und Argumente.
Sie haben auch Bücher geschrieben, wissenschaftliche und literarische. Welche Rolle spielt das Schreiben für Sie?
Eine sehr große. Mir ist auch wichtig, darüber nachzudenken, wie man etwas erzählt. Ich habe beispielsweise ein Buch zur Verbindung von Literatur und Journalismus veröffentlicht – das war in Afghanistan neu. Es ging darum, wie man in Reportagen Emotionen und Fakten verbindet, wie man Geschichten erzählt, ohne die Realität zu verfälschen. Daneben habe ich Kurzgeschichten und Romane geschrieben. Und ich schreibe auch heute noch: Im Sommer erschien mein jüngstes Buch auf Farsi.
Sie haben die erste Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 miterlebt. Wie war das Leben damals für Sie als Frau?
Sehr schwer. Ich wollte mein Studium beenden, doch plötzlich war alles blockiert und ich musste aufhören. Damals akzeptierte ich vieles als Schicksal, weil mir das Wissen und die Kraft von heute fehlten. Ich heiratete, bekam Kinder, versuchte zu überleben. Doch die aktuelle Situation empfinde ich schlimmer: nicht für mich persönlich, denn ich bin hier im Exil, aber für mein Land. Diesmal verstehe ich genau, was es bedeutet, wenn Mädchen nicht mehr zur Schule gehen dürfen und Frauen von der Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Die langfristigen Folgen sind katastrophal.
Haben Sie je daran geglaubt, dass die Taliban sich verändert hätten, so wie sie sich anfangs der internationalen Öffentlichkeit verkauft hatten?
Nein. Schon am ersten Tag nach ihrer Rückkehr 2021 wusste ich, dass sie dieselben sind. Manche sagten damals: „Es ist eine neue Generation, man kann mit ihnen reden.“ Ich habe widersprochen und recht behalten. Sie mögen strategischer auftreten, nutzen nun neue Medien, aber ihre Haltung zu Frauen und Mädchen ist unverändert oder sogar noch härter.
Was genau bedeutet das Leben unter dem Taliban-Regime für Mädchen und Frauen?
Mädchen dürfen nur noch bis zur sechsten Klasse zur Schule gehen. Weiterführende Schulen und Universitäten sind für sie geschlossen. Frauen wurden aus vielen Berufen verdrängt, sie dürfen kaum noch arbeiten. Frauen dürfen ohne männliche Begleitung nicht auf die Straße und müssen verschleiert sein. Fast jede Woche kommt ein neues Dekret. Erst kürzlich hat der oberste Taliban-Führer religiöse Schulen für Mädchen schließen lassen. Ich nenne das Genderapartheid: eine systematische Auslöschung weiblicher Präsenz.
Warum ist dieser Begriff für Sie wichtig?
Weil er die Realität benennt. Frauen werden aus allen öffentlichen Räumen verbannt. Ich fordere, dass Genderapartheid als Verbrechen im Völkerrecht verankert wird. Begriffe haben Macht. Wenn wir das Unrecht benennen, machen wir es sichtbar und schaffen die Grundlage, dagegen vorzugehen.

Zurück zu Ihrer Arbeit als Botschafterin: Seit Ihrer offiziellen Entlassung durch die Taliban erhält die Botschaft kein Geld mehr. Wie funktioniert der Betrieb heute?
Es ist ein Überlebenskampf. Früher kam das Budget aus Kabul, heute nicht mehr. Wir mussten in kleinere Räume ziehen, das Team schrumpfte von über 20 auf vier Personen, die nun verschiedene Positionen auf einmal besetzen. Viele Dienstleistungen – etwa neue Pässe – können wir nicht anbieten. Aber wir verlängern Dokumente und stellen Identitätsbescheinigungen aus. Die Gebühren finanzieren die Gehälter, zwar nicht vollständig, aber genug, um weiterzumachen.
Haben Sie manchmal Angst, Ihren Status als Botschafterin zu verlieren?
Ja, jeden Tag. Vielleicht ändert sich schon morgen alles. Aber ich habe mich entschieden, mit Würde und Resilienz zu leben. Wenn Österreich oder die Vereinten Nationen mich nicht mehr anerkennen, kann ich nichts tun. Aber bis dahin vertrete ich mein Volk.

Was gibt Ihnen Kraft, weiterzumachen?
Die Mädchen selbst. Manche sind verzweifelt, aber sie kämpfen. Andere sagen: „Ich gehe eben nicht mehr zur Schule, ich heirate und bleibe zu Hause.“ Das zerreißt mir das Herz, weil es zeigt, wie sie ihre Träume verlieren. Deshalb habe ich auch das „Daughters Programm“ gegründet: Es ist eine Initiative, die Mädchen in Afghanistan mit Geld, Mentoring und Zugang zu Online-Bildungsangeboten unterstützt.
Was wünschen Sie sich von der Weltgemeinschaft?
Dass sie nicht wegschaut und auch, dass sie die Taliban nicht normalisiert. Und dass wir endlich begreifen: Es geht nicht nur um Afghanistan, sondern um universelle Menschenrechte. Wenn wir Genderapartheid in Afghanistan akzeptieren, schwächen wir die Rechte von Mädchen und Frauen weltweit.
Und was wünschen Sie sich persönlich?
Dass ich eines Tages nicht mehr Botschafterin ohne Regierung sein muss, sondern dass Afghanistan eine Regierung hat, die Frauen respektiert, die Bildung ermöglicht, die Demokratie aufbaut. Ich möchte dazu beitragen, dass das möglich wird.
Manizha Bakhtari wurde 1972 in Kabul geboren. Sie studierte Journalismus sowie Persische Sprache und Literatur an der Universität Kabul, wo sie später selbst lehrte. Bevor sie in den diplomatischen Dienst eintrat, arbeitete sie für Nichtregierungsorganisationen im Bereich Gleichstellung und soziale Entwicklung. Von 2007 bis 2009 war sie Stabschefin im afghanischen Außenministerium. Von 2009 bis 2015 war sie Botschafterin in Norwegen. Seit 2021 ist sie afghanische Botschafterin in Wien.
Neben ihrer diplomatischen Arbeit ist sie Autorin mehrerer Bücher. Bakhtari ist verheiratet und Mutter von vier Kindern. Die österreichische Regisseurin Natalie Halla begleitete Bakhtari drei Jahre lang mit der Kamera im Wiener Exil. Im August 2025 erschien ihr Dokumentarfilm „Die letzte Botschafterin“. Ein Interview mit der Regisseurin Natalie Halla ist hier zu hören.










