Wissen ist (Ohn)macht
Über die Korruption im afghanischen Bildungssystem

Shakiba kämpft dafür, dass ihre fünf Kinder zur Schule gehen können und die Universität besuchen. Fotos: Veronika Eschbacher

Vor kurzem haben in Afghanistan die Schulferien begonnen. Drei Monate lang haben Schüler und Studenten nun frei und bringen ihre Zeugnisse nach Hause. Besonders stolz ist Shakiba, eine fünffache Mutter aus Kabul. Sie hat für die Bildung ihrer Kinder auf alles verzichtet. Andernorts wächst die Enttäuschung über die vielen Missstände im Schulsystem, in das – nach dem Fall der Taliban – große Hoffnungen gesetzt worden waren.

Von Veronika Eschbacher, Kabul

Shakiba wirft ihre zerschlissene hellblaue Burka über den Kopf zurück, reißt die Augen weit auf und lächelt. Voller Stolz zieht die Afghanin ein dunkelblaues Diplom mit goldenem Siegel aus einer ramponierten Plastikhülle und präsentiert es. Ihr ältester Sohn habe nun den ersten Studienabschluss von der Journalistischen Fakultät, erzählt sie aufgeregt. Demnächst geht er weiter auf die Wirtschaftsuniversität. Äußerst vorsichtig streicht sie mit den Fingern ihrer rechten Hand über die Einkerbungen des Siegels, fast so, als ob sie etwas Gottgesandtes in Händen hielte.

In der Tat ist ihr das Zeugnis des Sohnes heilig. Jeden Tag in den vergangenen sechs Jahren hat die 47-Jährige in der Früh lediglich ein paar Blätter Pfefferminze und etwas Paprika auf ihr Brot gelegt, damit ihre fünf Kinder in die Schule und auf die Universität gehen können. Sie sind zwischen 15 und 25 Jahre alt. Als es trotzdem mal eng wurde, verkaufte sie ihren Kühlschrank. Ohnehin wohnt sie mit ihrer Familie bereits seit Jahren auf einem Korridor in einem Haus von Bekannten, da sie sich keine eigene Wohnung leisten können. „Meine Kinder machen ihre Hausaufgaben auf den Stufen“, sagt sie und zieht ihre löchrige Bluse zurecht.

Shakiba gehört zu jenen Afghanen, für die säkulare Bildung samt Universitätsabschluss nach dem Fall des Taliban-Regimes zur absoluten Priorität wurde. Die Hoffnungen, durch Bildung Afghanistan rasch zu entwickeln, waren nach 2001 groß: Über viele Jahre haben die afghanische Regierung und die internationalen Geldgeber des Landes auf die wachsende Zahl an Schülern als wichtigen Erfolg hingewiesen, für den es wert war, sich im Land zu engagieren. Doch trotz massiver Investitionen hat sich nicht alles so entwickelt wie geplant. Auch wenn Shakiba über die Abschlüsse ihrer Kinder begeistert ist – vielerorts hat sich im Bildungssektor Enttäuschung breitgemacht.

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Traditionell schwieriges Verhältnis zur Bildung

Insgesamt hatten die Afghanen lange ein gespaltenes Verhältnis zu staatlichen Schulen, wie eine Analyse der Kabuler Denkfabrik „Afghanistan Analysts Network“ zeigt. Es war in den 1920er-Jahren, als der noch junge Staat erstmals säkulare Bildung in sogenannten maktabs anbot. Bis dahin dominierten im Land am Hindukusch private religiöse Schulen. Nach vielen Aufs und Abs gab es ab den 60er-Jahren staatliche Schulen erstmals verstärkt auch in den ländlichen Gebieten ­– in vielen Dörfern waren sie die einzige direkte Präsenz des Staates.

Doch ein durchschlagender Erfolg ließ auf sich warten: Lehrer und Lehrmittel waren oft schlecht und der Staat selbst zögerlich, im ländlichen Raum säkulare Bildung durchzusetzen. Das ließ viele konservative Gegenden praktisch unberührt, reichte aber trotzdem aus, um die Ältesten und die Mullahs gegen sich aufzubringen. Der Grund: Sie lehnten Lehrerinnen oder den säkularen Lehrplan schlichtweg ab.

Hinzu kam, dass sich das Bildungsangebot nicht nach den Bedürfnissen der lokalen Wirtschaft richtete. Das heißt, die Investitionen in Bildung brachten afghanischen Familien nicht die gut bezahlten Stellen für ihre Kinder, die sie erwartet hatten. Die verschiedenen Regierungen, die bis 1978 mit der Idee spielten, die Sprache Paschtu anstelle von Dari (Persisch) zum Grundpfeiler der Bildungspolitik zu machen, frustrierten die damals entstehende paschtunische Bildungselite.

Ab 1978 setzten die langen Serien von Kriegen und Konflikten dem Bildungssektor weiter zu: Schulen und Universitäten wurden zerstört, Lehrer, die oft auch politisch tätig waren, getötet. Die Polarisierung rund um staatliche Bildung nahm zu. Mädchenschulen wurden geschlossen oder wanderten in den Untergrund. Mit dem Fall der Taliban setzte eine bisher nicht gekannte Aufbruchsstimmung im Bildungsbereich ein. Bereits Wochen, bevor die Schule beginnen sollte, fanden sich in den Dörfern und Städten Freiwillige ein, die die Schulen wieder aufbauten und so gut wie möglich instand setzten.

Shakiba will, dass ihre Kinder es mal besser haben

Auch Shakiba erinnert sich an die Vorfreude der Menschen. Sie selbst hat die elfte Klasse abgeschlossen und ist überzeugt: „Für die Zukunft meiner Kinder ist Bildung wichtig. Sie sollen einmal ein besseres Leben führen als ich.“ Shakibas Ehemann ist seit zwölf Jahren psychisch schwer krank, erzählt sie, und ihr Lächeln entschwindet. Er sitze den ganzen Tag zu Hause, weine und könne kein Geld für sie und ihre fünf Kinder verdienen. Sie räume bei anderen Familien auf und wasche deren Wäsche. Ihre Familie hatte ihr nie erlaubt, draußen zu arbeiten – was für ihre Töchter nun aber nicht mehr zutrifft. Eine hat bereits die Krankenschwesternschule abgeschlossen. „Ich bin extra zwei Mal ins Krankenhaus gegangen, um meine Tochter im weißen Kittel und mit Handschuhen im OP zu sehen – und ich habe geweint vor Freude.“

Nachhilfe in Afghanistan wird meistens innerhalb der Familie organisiert.

Doch der Weg bis zum Abschluss ist nicht einfach. Unter der Regierung von Hamid Karzai begannen Politiker in Kabul und in den Provinzen, das Bildungsministerium zunehmend als Zentrum für Vetternwirtschaft zu sehen als für seine eigentliche Aufgabe. Korruption hielt Einzug und unterminierte viele Anstrengungen. Das Bildungsministerium überprüfte die Qualifikationen des wachsenden Lehrerkorps kaum. Obwohl laut afghanischer Verfassung Bildung in Afghanistan kostenlos ist, stiegen die Kosten für afghanische Familien – auch, weil „informelle Gebühren“ erhoben wurden.

2005 stagnierten erstmals die Zahlen der Schulanfänger, wofür die wieder aufkeimende Gewalt, die anfangs sehr oft auch Schulen traf, nicht der einzige Grund war. Vielmehr profitierten die Aufständischen von echten Ressentiments in konservativeren Gegenden gegen staatlichen Einfluss und unflexible Lehrpläne. Zwei Jahre bekamen die Taliban in manchen Gegenden eine gewisse Kontrolle über die Schulen und erschwerten damit wiederum die Bildung von Mädchen. Demnach sind zwar Mädchenschulen prinzipiell erlaubt, meist aber nur bis zur 6. Klasse.

Viele fingierte Schulen und Schüler

In den vergangenen zwei Jahren sorgte auch der mittlerweile abgelöste afghanische Bildungsminister, Asadullah Hanif Balkhi, mit unerwarteten Aussagen und einer von ihm initiierten Überprüfung für Aufregung: Kurz nach Amtsantritt zweifelte er öffentlich die Zahlen der Vorgängerregierung an, elf Millionen Schüler seien eingeschrieben. In Wirklichkeit seien es aber nur sechs Millionen.´

Im Spätherbst erschütterte der Korruptionsbericht des „Monitoring and Evaluation Committees“ (MEC) über das Bildungsministerium, der ein Schlaglicht darauf wirft, wie sehr Amtsmissbrauch in den vergangenen 15 Jahren Einzug gehalten hat. Dem Bericht zufolge finden sich 36 verschiedene Arten von Korruption innerhalb des Schulsektors – mit Bestechungsgeldern können Schulzeugnisse oder Lehrerposten gekauft werden; Gelder für Schulbauten verschwanden oder Bücher landeten auf dem Basar statt gratis in den Schulen ausgeteilt zu werden.

Viele Lehrer, die in Wirklichkeit gar nicht arbeiteten und und Schulen, die nicht geöffnet waren, strichen dennoch Geld vom Ministerium ein. Das MEC arbeitete insgesamt 66 Empfehlungen aus – etwa, dass die Gemeinden ihre Lehrer selbst einstellen oder das Bildungsministerium generell verkleinert werden solle. Die Umsetzung lässt allerdings bislang auf sich warten.

Shakiba packt das Diplom ihres Sohnes wieder zurück in die Plastikhülle. „Ich fühle mich jetzt schon, als wäre ich 100 Jahre alt“, sagt sie. Doch sie werde trotz aller Widrigkeiten weiterkämpfen bis ihr Traum erfüllt sei: Dass alle ihre Kinder nicht nur die zwölfte Klasse, sondern alle einen Universitätsabschluss in der Tasche haben. Eine Garantie für Arbeit ist dies aufgrund der schlechten Wirtschaftslage und der jährlich 400.000 auf den Arbeitsmarkt drängenden Menschen nicht – aber immerhin ein Hoffnungsschimmer.

 

 Weitere Informationen:

Laut der US-amerikanischen Behörde für Entwicklungszusammenarbeit, USAID, waren im Jahr 2002 (kurz nach dem Fall der Taliban) 900.000 Schüler in afghanischen Schulen eingeschrieben. Die Karzai-Regierung sprach fünf Jahre später von elf Millionen Schülern. Alleine die USA haben den afghanischen Bildungssektor seit 2002 mit knapp 800 Millionen Euro unterstützt (bis inklusive Juni 2017).

Das Schulsystem in Afghanistan ist in drei Stufen unterteilt: Die Grundschule geht bis Klasse sechs und damit von sieben bis zwölf Jahren. Die Unterstufe umfasst Klasse sieben, acht und neun. In der Oberstufe, bis Klasse zwölf, können Schüler zwischen der Vorbereitung auf eine akademische Bildung oder Fächern wie angewandte Landwirtschaft, Kunst, Handel oder Pädagogik auswählen.

Neben elf staatlichen Universitäten gibt es eine Vielzahl von privaten Universitäten, die teilweise aber auch politische und ideologische Ziele verfolgen. Bildung für Mädchen und Frauen leidet weiterhin stark: Laut Weltbank waren 2012 lediglich zwölf Prozent der Studenten weiblich, laut afghanischer Regierung gehen 3,5 Millionen Kinder nicht in die Schule – 85 Prozent davon sind Mädchen. Nur ein Drittel der Frauen können Lesen und Schreiben, im Vergleich zu 66 Prozent Männer.

 

Weiterführende Links:

Studie des „Afghanistan Analysts Network“ über den afghanischen Bildungssektor: http://www.afghanistan-analysts.org/wp-content/uploads/downloads/2012/10/AAN-Politics-of-Education.pdf

Ausführliches Dossier mit Studien: https://www.afghanistan-analysts.org/education-an-ideal-corrupted-an-assessment-of-afghanistans-ministry-of-education/  

 

Veronika Eschbacher
Von Veronika Eschbacher , Kabul

Veronika Eschbacher (36) ist freie Auslandskorrespondentin in Kabul. Davor war sie Redakteurin für Außenpolitik und Außenwirtschaft bei der österreichischen Tageszeitung „Wiener Zeitung“ und hat im Anschluss daran für deutschsprachige Medien aus Los Angeles berichtet. Sie beschäftigt sich in ihren Reportagen und Analysen vor allem mit politischen und sozialen Themen, aber auch mit Fragen der Sicherheits- und Wirtschaftspolitik.

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