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Lerne inspirierende Frauen weltweit kennen.

Wider dem Anarchokapitalismus
Über soziale Bewegungen in Argentinien

14. Januar 2026 | Von Laura May | 7 Minuten Lesezeit
Seit Wochen findet am Fluss Tunuyán ein Protestcamp gegen seine Verschmutzung durch den Kupferabbau statt. Foto: Nancy Gudiño

Präsident Javier Milei setzt seit Amtsantritt 2023 ultraliberale Reformen durch. Weltmarkt, USA und Finanzakteure stehen hinter ihm. Indigene, Bäuerinnen und Feminist*innen kämpfen indes gemeinsam gegen Landraub, Umweltzerstörung und Imperialismus. 

 

Zusammenfassung:

Argentinien unter Präsident Milei erlebt einen radikalen neoliberalen Umbau, der Umwelt, indigene Rechte und soziale Sicherheiten bedroht. Indigene Frauen, Bäuerinnen und Feminist*innen schließen sich zusammen, um Landraub, Bergbau und Vertreibung entgegenzutreten. Auf einem großen Frauentreffen in Corrientes wird Widerstand zur kollektiven Kraft: Lateinamerikanischer Feminismus verbindet Kämpfe um Territorium, Würde und ein gutes Leben.  

 

Von Laura May, Corrientes 

„Die Regierung hasst uns, aber die Menschen halten zusammen“, sagt Nancy India Gudiño. Die Rentnerin sitzt in einem umfunktionierten Klassenzimmer, in dem gerade ein Workshop der wichtigsten Frauenkonferenz Argentiniens stattfindet. Mit einer Hand hält sie einen Holzstock fest, an dem die bunt gekachelte Wiphala-Flagge befestigt ist. Die Farben repräsentieren indigene Völker der Andenregionen von Bolivien, Ecuador, Peru, Chile und Argentinien und ihre Einheit mit der Erde (Pachamama) und dem Kosmos (Pachakama). Lateinamerika kämpfe aktuell wieder einmal um die Grundlage für ein würdiges Leben, sagt India. 

Sie ist Ende November 2025, wie rund 70.000 andere, in die nordöstliche Provinzhauptstadt Corrientes zum „plurinationalen Treffen der Frauen, Lesben, Transvestiten, Transgender, Bisexuellen, Intersexuellen und nicht-binären Personen“ gekommen, um übersehenen Problemen Gehör zu verschaffen. Vor 30 Jahren nahm India das erste Mal teil. Seitdem hat sie viel von Argentinien gesehen, da die Konferenz jedes Jahr in einer anderen Provinz stattfindet. Die einzigartige Veranstaltung, die an vergangene Weltfrauenkonferenzen der UN erinnert, ist horizontal organisiert und bündelt unterschiedliche Kämpfe und Lebensrealitäten abseits der intellektuellen Eliten.  

Nancy India Gudiño gemeinsam mit Elida – vereint im Kampf für indigene Rechte, Land und soziale Gerechtigkeit. | Foto: Aye Varela

Argentiniens Präsident in der Kritik 

1986 trafen sich erstmals rund 1.000 Frauen in Buenos Aires beim „Encuentro Nacional De Mujeres“, zu Deutsch „Nationaler Treff der Frauen“. 2019 wurde der Name erweitert, um Grenzen von Nation und Geschlecht aufzuweichen und Inklusivität zu fördern. Frauen und Diverse aus der ganzen Region nehmen seitdem jedes Jahr tagelange Reisen auf sich, um bei den Protestmärschen und Abschlusserklärungen dabei zu sein.  

In mehr als 100 Workshops diskutieren sie über geschlechtsspezifische Gesundheit, Sexualität, Identität, männliche Gewalt, wirtschaftliche Prekarisierung, Vertreibung und rechtliche Verteidigungswerkzeuge – Themen, die seit Amtsantritt des libertären Präsidenten Javier Milei weiter an Dringlichkeit gewinnen. „Wir sind alle in derselben Lage, aber leiden den Rest des Jahres allein“, sagt India.  

Sie ist rund 1.500 Kilometer aus der zentralwestlichen Provinz Mendoza angereist – einer Region, die Tourist*innen für Weinverkostungen und Wandertouren besuchen. Neben Trauben- und Olivenanbau gibt es hier vor allem karge Weite und Bergidylle. Die Klimaverhältnisse sind rau: heiße trockene Sommer, windige Winter um die Null Grad. India lebt abseits der Stadt, sie schwärmt von der Vogelvielfalt und den Nächten voller Krötenkonzerten und Glühwürmchenglitzer. Die Landschaft ist durchzogen von glasklaren Bächen, Flüssen und Seen aus den Quellen der Anden.  

Dieses Wasser scheint aktuell akut in Gefahr zu sein: Die konservative Provinzregierung, die Milei nahesteht, arbeitet an der Freigabe riesiger Bergbauprojekte zum Abbau von Gold und Kupfer in der Region. Sie passen gut zum nationalen Umweltkurs des selbsternannten Anarchokapitalisten Milei, der weitreichende Reformen beinhaltet: Auflösung des Umweltministeriums, Kürzung der Mittel für Umweltpolitik um 65 Prozent, Schwächung von Schutzgesetzen, Förderprogramm für Großinvestitionen über 200 Millionen US-Dollar. Es verspricht Konzernen 30 Jahre lang Steuer-, Zoll- und Wechselkursvorteile sowie Zugang zu Wasserressourcen.  

India zeigt sich besorgt: „Wir führen aktuell einen schweren Kampf hier in Mendoza und scheinen zu verlieren.“ Die Bergbauunternehmen – in Mendoza ist aktuell der internationale Bergbaukonzern „Solway Group“ ein wichtiger Player – wollen die begehrten Rohstoffe mit Dynamit freisprengen und würden so die Quellen gefährden. „Das ist das Wasser, das wir trinken und mit dem wir unsere Felder bewässern!“, empört sich India. Doch der Zeitgeist in Argentinien steht auf Seiten von Privatbesitz und Profitinteressen. 

Workshop-Gruppe während des Encuentro – gemeinsamer Austausch, kollektives Lernen und Vernetzung sind wichtige Pfeiler. | Foto: Aye Varela

Indigene müssen Großkonzernen weichen 

Indigene Gruppen ohne offizielle Besitzurkunden ihrer Ländereien, die sie seit Generationen bewirtschaften, sind besonders in Gefahr. Für India ist der Kampf für ein gutes Leben auf und mit dem Land eine Herzensangelegenheit. Sie selbst stammt von einer italienischen Mutter und indigenen Mapuche ab – „eine speziell argentinische Mischung“ – sagt sie mit einem Augenzwinkern und als Anspielung auf die argentinische Kolonial- und Migrationsgeschichte.  

Eine speziell argentinische Mischung sind auch die Interessen von Großinvestoren an Argentiniens Ressourcen, die Indigene von ihrem Land vertreiben, um Böden auszubeuten. Es sind neokoloniale Dynamiken, in denen westliche Mächte Kulturen und Territorien besetzen und zerstören – nur dass die Invasor*innen heute oft selbst Argentinier*innen sind, die sich an kapitalistischem Wachstum, Konsumismus und den USA orientieren.  

Der argentinische Anarchokapitalist Milei schränkt die Rechte indigener Gruppen massiv ein. Die gravierendste Maßnahme war bisher die Aufhebung des Gesetzes 26.160, das Urbewohner*innen des Landes vor Räumungen schützte und die Grundlage für die Anerkennung der Landrechte schuf. Daneben geht Milei mit bürokratischen und personellen Eingriffen in das Nationale Institut für indigene Angelegenheiten gegen die zahlreichen und im ganzen Land verteilten indigenen Gruppen in Argentinien vor. 

Bei der Konferenz in Corrientes kommen indigene Frauen aus allen Ecken des Landes zusammen: Qom und Wichi aus Chaco, Mapuche aus den südlichen Provinzen Chubut und Neuquen, Kolla aus der nördlichen Provinz Jujuy an der bolivianischen Grenze und Guaraní aus Misiones, das an Paraguay und Brasilien grenzt. Heute sitzen sie dicht gedrängt im Klassenzimmer, auf Stühlen, Tischen und auf dem Boden. Wer redet, muss sich anstrengen, die brummenden Ventilatoren zu übertönen. Pilar Cifuentes, Soziologin, 33 Jahre alt, hat damit kein Problem.  

„Wir müssen um das Territorium kämpfen, damit indigene Gruppen auf ihrem Land leben können“, sagt sie mit Nachdruck. Der Workshop an diesem Tag ist genau ihr Thema, denn es geht sowohl um indigene Landrechte als auch die Interessen der kleinen Agrarproduzent*innen, die immer seltener von ihrer Arbeit leben können.  

„Wir fragen uns nicht nur, wo wir arbeiten und produzieren, sondern auch, wo wir leben sollen“, sagt Cifuentes. Sie ist Teil der landesweiten „Bewegung der ausgegrenzten Arbeitnehmer“, wurde in Buenos Aires geboren und lebt seit acht Jahren in El Dorado, der Hauptstadt der Provinz Misiones – eine der Provinzen mit der größten Biodiversität in Argentinien.  

Der „Encuentro Nacional De Mujeres“ ist auch ein Ausdruck von Solidarität, Stärke und gemeinschaftlichem Widerstand. | Foto: Encuentro Nacional De Mujeres

Kollektiv gegen die Kettensäge 

Wenn sie von Tukanen, Alligatoren, Jaguaren, dem subtropischen Klima und den fruchtbaren Böden voller Mikroorganismen erzählt, klingt ihre Stimme weich. Geht es um Landraub, Vertreibung, Verarmung und Ausbeutung, verhärtet sich ihr Ton: „Der Widerstand wird blutig“, prognostiziert Cifuentes. „Und das macht Angst.“  

Der Kampf ums Land ist ihr ein persönliches Anliegen, seit ihre Eltern während der radikalen Strukturreformen Argentiniens in den 1990er Jahren ihr Grundstück und ihre Ackerflächen in der Provinz Buenos Aires verloren hatten. Es ist ein Jahrhundertkonflikt des Kontinents, ein Kampf gegen Imperialismus, wie der aktuelle Schulterschluss zwischen Präsident Milei und Donald Trump zeigt.  

Die Welt will Argentiniens Bodenschätze monetarisieren. Erdöl, Erdgas, Lithium, Metalle sowie fruchtbare und weitläufige Flächen für die Produktion von Weizen, Soja und Rindfleisch versprechen im achtgrößten Land der Welt mit fünf verschiedenen Klimazonen reizvolle Profitmöglichkeiten. Das einzige Problem ist: Auf den Ressourcen und Territorien leben oft Menschen.  

Pilar Cifuentes und ihre Freundin Isabel sind verbunden durch den gemeinsamen Einsatz für soziale Gerechtigkeit. | Foto: Aye Varela

Lateinamerikanischer Feminismus verbindet 

Laut Soziologin Cifuentes werden genau diese Gruppen, Indigene und die einfache Landbevölkerung, systematisch gegeneinander aufgehetzt. Erst würden sie vertrieben, dann in den Elendsvierteln der Städte leben und dort um schlecht bezahlte Arbeit konkurrieren. Das führe zu Hass, doch die einzige Möglichkeit, den Interessen des großen Kapitals etwas entgegenzusetzen, sei die Einheit der prekarisierten Gruppen.  

Aktuell plant Milei, auch auf Drängen des IWF und der USA, eine drastische Arbeitsreform, die die Arbeiterklasse weiter schwächt und Agrarriesen sowie Bergbauunternehmen stärkt. Die Reform hat ihr Fundament bereits im Notstandsdekret DNU, das Milei direkt nach Amtsantritt 2023 präsentierte – nach der erfolgreichen Parlamentswahl Ende Oktober 2025 kann der libertäre Präsident nun zusätzlich auf eine legislative Mehrheit dafür hoffen. 

Es gäbe Möglichkeiten, dass der Widerstand gegen Investor*innen und Spekulant*innen friedlich bleibe, sagt Cifuentes, etwa eine Agrarreform oder Mikrokredite, die die Lebensgrundlage von Indigenen und Kleinproduzent*innen sichern könnten. Mit der aktuellen Regierung sei das allerdings unmöglich.  

„Aber hier bei diesem Treffen wissen wir aus Erfahrung: Wir müssen an das Unmögliche glauben“, sagt sie und erinnert an große Errungenschaften der Veranstaltung wie die Gesetze zur legalen, kostenlosen und sicheren Abtreibung oder die lateinamerikaweite Bewegung „Ni una Menos“, zu Deutsch „nicht eine weniger“, gegen Femizide. „Hier entsteht eine Energie der Schwesternschaft, die uns jedes Jahr hilft, weiter zu kämpfen“, gibt sich India Gudiño zuversichtlich.


 

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Von Laura May, Buenos Aires / Wien

Laura May lebt zwischen Buenos Aires und Wien. Sie berichtet als freie Autorin über Argentiniens Anarchokapitalisten Javier Milei, geopolitische Machtspielchen auf der ganzen Welt und soziale Bewegungen, die diesen entgegentreten. In ihrer Arbeit für Print und Online rückt sie gerne Stimmen in den Vordergrund, die sonst wenig Gehör finden. Sie ist überzeugt, dass übersehene Details und genuschelte Nebensätze oft die großen Geschichten erzählen.

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Nadia Sammut hat sich einen außergewöhnlichen Platz in der französischen Haute Cuisine erarbeitet: Als erste Sterneköchin weltweit führt sie ein Restaurant, das gänzlich auf Gluten und Laktose verzichtet. Ihr Ansatz, zeigt, dass Spitzenküche sowohl exklusiv als auch verantwortungsbewusst sein kann.

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