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Verbieten, um zu retten?
Die Debatte um Sexarbeit in Deutschland

25. März 2026 | Von Anne Klesse | 13 Minuten Lesezeit
Sexarbeit ist vielfältig - und für Hamburg Touristenattraktion. Fotos: Andrew Robulack / Unsplash

Die EU will einheitliche Regeln für die Sexarbeit. Während Konservative das „Nordische Modell“ preisen, fürchten Betroffene eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Es stellt sich also die zentrale Frage: Wer darf über Körper und Arbeit bestimmen? Wir haben uns in Hamburg umgehört.

 

Zusammenfassung:

In Hamburg zeigt sich, wie umkämpft Sexarbeit in Deutschland ist: Während einige Politikerinnen das „Nordische Modell“ als Schutz preisen, warnen Sexarbeiterinnen, Beratungsstellen und die Sozialbehörde vor mehr Gewalt, Stigmatisierung und Verdrängung in die Illegalität. Der Streit dreht sich um Selbstbestimmung, Schutz und die Frage, ob Frauenrechte durch Verbote gestärkt oder geschwächt werden.

 

Von Anne Klesse, Hamburg

Die „Vielfalt menschlichen Begehrens“ habe sie schon immer fasziniert, sagt Undine de Rivière. Ihr Studium finanzierte sie mit Striptease, „und als ich endlich mein Physik-Diplom in der Tasche hatte, entschied ich mich dafür, Sexarbeit zu meinem Hauptberuf zu machen.“ Neugier, Interesse an Sexualität, Macht-Dynamiken und zwischenmenschlicher Psychologie hätten sie dazu gebracht. 16 Jahre lang leitete sie eines der bekanntesten BDSM -Studios in Hamburg, bis heute tritt sie als Escort und Domina auf.

BDSM ist die Abkürzung für Bondage (Fesseln), Discipline (Disziplin / Regeln), Dominance und Submission (Dominanz und Unterwerfung) sowie Sadism & Masochism (Sadismus und Masochismus). Als Gründungsmitglied des bundesweiten „Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen“ setzt sie sich für die Rechte von Sexarbeitenden ein – damit nicht nur über, sondern auch mit den Betroffenen gesprochen wird. Wie zum Beispiel in diesen Tagen, in denen in der deutschen Politik mal wieder diskutiert wird, wie Prostitution reguliert werden kann.

Auf der Reeperbahn dreht sich vieles um die sogenannte käufliche Liebe. | Foto: Daniela Sada / Unsplash.jpg

Sexarbeit, wie diejenigen, die dieser Arbeit nachgehen es selbst nennen, gilt als „ältestes Gewerbe“ der Welt, ist aber bis heute Reizthema. Einerseits ist sie in Deutschland seit über 20 Jahren ein legaler Beruf – ein Schritt, der als Meilenstein feministischer Gleichstellung gefeiert wurde. 2016 hatten Union und SPD außerdem das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz, kurz ProstSchG, verabschiedet. Ziel war es, Ausbeutung und Kriminalität im Rotlichtmilieu entgegenzuwirken. Seither müssen sich Sexarbeitende offiziell anmelden und regelmäßig zur Gesundheitsberatung gehen.

Doch während sich – beispielsweise während der Corona-Maßnahmen – Sexarbeitende immer selbstbewusster organisieren und teils lautstark für ihre Rechte, Respekt und sichere Arbeitsbedingungen kämpfen, verschärfen sich gleichzeitig die politischen Debatten. Das EU-Parlament fordert seit 2023 einheitliche Regelungen, denn die aktuelle Rechtslage ermögliche Menschenhandel und Organisierte Kriminalität.

Rund 70 Prozent der Sexarbeiter*innen in der EU seien aus besonders prekären Verhältnissen immigriert und aus Mangel an Alternativen in der Prostitution tätig. Statt sie zu kriminalisieren, sollen nach dem „Nordischen Modell“ diejenigen belangt werden, die diese Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

Eine solche Regelung gilt unter anderem in Schweden, Norwegen und Island. Freiern in Schweden drohen beispielsweise Geldstrafen und Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr, selbst die Anbahnung ist bereits strafbar. Schon 2023 hatten CDU-Vertreter*innen von Deutschland als „Bordell Europas“ gesprochen und ein solches „Sexkaufverbot“ gefordert. Zuletzt tat das CDU-Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Gesundheitsministerin Nina Warken, auch Vorsitzende der Frauenunion, schloss sich an.

Hamburg, das stolze Bordell Europas

Regelrecht stolz auf ihren Ruf als liberale Hafenstadt mit lebendigem Rotlichtmilieu ist die Freie und Hansestadt Hamburg: Schon 1912 besang Ralph Arthur Roberts das Nachtleben mit „Mädels“ auf der „Reeperbahn nachts um halb eins“. Der Kiez als Ausgehviertel und Schmelztiegel aller sozialer Schichten und Lebensformen ist touristische Attraktion und wird dieses Jahr 400 Jahre alt. Nirgends in Deutschland ist Sexarbeit so präsent und akzeptiert wie in Hamburg. 

Die ältesten gesetzlichen Bestimmungen dazu sind im Hamburgischen Stadtrecht aus dem Jahr 1292 zu finden. Immer wieder gab es Verordnungen und neue Gesetze, immer wieder galten in Hamburg unter der Hand Ausnahmen, selbst während Nazizeit und Weltkriegen. Von der Heuchelei rund um das Thema zeugt die um 1900 zur besseren Kontrolle für Frauen und Kinder bis heute (!) abgesperrte Herbertstraße. Der rund 60 Meter lange Straßenzug ist nach wie vor ausschließlich für Männer betretbar, in den Häusern befinden sich Bordelle mit sogenannten „Koberfenstern“ im Erdgeschoss, aus denen heraus Sexarbeiterinnen Männer ansprechen. 

Würde ein neues Gesetz vor Ausbeutung schützen?

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hatte 2020 Studien zum „Nordischen Modell“ gesammelt und zusammengefasst. In einer Evaluierung der schwedischen Regierung von 2010 heißt es zu den positiven Folgen des dort bereits 1999 eingeführten Modells, die Straßenprostitution sei um die Hälfte zurückgegangen. Menschenhändler*innen und Zuhälter*innen würden abgeschreckt, in Schweden gebe es weniger Menschenhandel als in Nachbarländern. Laut Wissenschaftlichem Dienst ist allerdings fraglich, „ob die Ergebnisse wissenschaftlichen Kriterien standhalten“.

Weitere Untersuchungen zum Thema kommen zum Teil zu konträren Ergebnissen. Das Deutsche Institut für Menschenrechte verweist auf Studien, nach denen solche Verbote das Risiko sexuell übertragbarer Krankheiten erhöhten und es sogar mehr Gewalt gegen Sexarbeitende gebe. Gegner*innen des „Nordischen Modells“ befürchten eine weitere Stigmatisierung, die Verlagerung der Angebote in den Untergrund und damit eine Schwächung der Rechte der Anbietenden und eine Erschwerung von Hilfsangeboten.

Die Kundenstruktur verändere sich, sagt die Hamburger Sexarbeiterin Undine de Rivière. „Wenn schon die Anbahnung verboten ist, verläuft die Kontaktaufnahme so kurz und unauffällig, dass es kaum möglich ist, den Kunden einzuschätzen, bevor man zusammen aufs Zimmer in ein Stundenhotel geht.“ Das bringe die Sexarbeitenden stärker in Gefahr.

Zumal viele Personen gar nicht legal arbeiten: Trotz Meldepflicht ist offenbar nur ein Bruchteil angemeldet, bundesweit gehen die Behörden von 250.000 Sexarbeitenden aus, von denen sich aber nur zehn Prozent angemeldet haben. In Hamburg haben laut Sozialbehörde 1.218 Personen eine aktuell gültige Anmeldung, 94 Prozent von ihnen Frauen. Sie haben das umgangssprachlich als „Hurenpass“ bezeichnete Dokument, das für über 21-Jährige zwei Jahre gültig ist. 

Eine von ihnen ist Escort Luisa, wie sie sich nennt, die gemeinsam mit ihrer Kollegin und Freundin Lenia Soley im Podcast „Geliebte auf Zeit“ über ihre Erfahrungen berichtet und, wie mittlerweile immer mehr aus der Szene, über selbstbestimmte Sexarbeit aufklären. Luisa, das erzählt sie im Podcast immer wieder freimütig, war schon als Jugendliche fasziniert von der Idee, Prostituierte zu werden und finanzierte sich damit ihr Kunst-Studium.

Lenia versteht den Job als Dienst am Menschen. Zu ihr kämen regelmäßig auch sogenannte absolute Beginner – also Menschen, die noch nie mit jemandem Sex hatten. Beide betonen, dass Gesetze zu Menschenhandel oder Zwangsprostitution bereits existieren und eine weitere Regulierung ihre Situation nur schwieriger machen würde.

Andere Aktivistinnen wie Xjjleo, wie sie auf Instagram heißt, berichten öffentlich über traumatisierende Erfahrungen im Milieu. Xjjleo nimmt ihre Follower*innen in Kurzvideos mit auf ihrem Weg aus der Kokain- und Alkoholsucht und spricht über den Teufelskreis: Die Sexarbeit ertrug sie nur unter Einfluss von Drogen, gleichzeitig brauchte sie das Geld der Freier für ihren Konsum. Mittlerweile hat sie dem Milieu den Rücken gekehrt, leidet aber noch immer unter den Erinnerungen. 

Grosse Freiheit in Hamburg Prostitution gab es immer. | Foto: Michael Kucharski / Unsplash

Der Schutz existiert nur im Namen

Schon der Name des Prostituiertenschutzgesetz sei irreführend, sagt Gudrun Greb. Sie leitet den Verein „Ragazza“, der sich speziell um Frauen, die Drogen konsumieren und der Sexarbeit nachgehen, kümmert. Greb sitzt auch am Hamburger „Runden Tisch Prostitution“, der die Verbesserung der Arbeits- und Lebenssituation sowie die Stärkung der Rechte von Sexarbeitenden zum Ziel hat. „Da ist kein Schutz vorhanden, das Gesetz ändert nichts an prekären Lebensverhältnissen“, sagt sie.

Dass ein Modell nach schwedischem Vorbild die Situation der Sexarbeitenden verbessert, glaubt sie nicht – denn schon das Kontaktverbot, das seit 2012 im Hamburger Stadtteil St. Georg nahe dem Hauptbahnhof gilt und aufgrund dessen Freier ein Bußgeld bekommen können, funktioniere nicht. Das bestätigt auch ein von der Stadt beauftragter Evaluationsbericht von 2019, in dem es heißt, die Verordnung habe lediglich „marginale Veränderungen der straßenbezogenen Sexarbeit“ gebracht und trage „eher zu erhöhten Risiken für die Sexarbeiter*innen bei“.

Sexarbeiterin de Rivière sagt: „Der Straßenstrich in St. Georg wurde nicht verdrängt, sondern besteht seither unter deutlich erschwerten Bedingungen für die Betroffenen fort.“ Die Gewalt auf den Zimmern der Stundenhotels habe zugenommen. „Verbote sorgen lediglich dafür, dass Kunden, die sich legal verhalten möchten, woanders hingehen – übrig bleiben diejenigen, denen Regeln ohnehin egal sind. Bei weiteren Einschränkungen fürchten wir überproportional viele Kunden, die übergriffig und gewalttätig sind.“

„Ragazza“-Leiterin Greb gibt zu bedenken, dass die Frauen, die sie berät, unabhängig davon arbeiteten, was erlaubt sei und was nicht. Je mehr verboten werde, desto mehr bewegten sie sich in der Illegalität. Dort sei der Preisdruck noch stärker und der Weg, sich beispielsweise nach Gewalterfahrungen Hilfe zu holen, noch schwerer.

Die Diakonie-Fachberatungsstelle Prostitution „Sperrgebiet“ beobachtet, wie sich die Anbahnung sexueller Dienstleistungen zunehmend ins Netz verlagert. „Dadurch sind viele Personen gar nicht mehr sichtbar – weder für uns Beratungsstellen noch für die Bürgerinnen und Bürger. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht mehr gibt.“

Das Arbeitsumfeld spiele eine große Rolle. Wer unter prekären Umständen arbeite, sei eher gefährdet, Gewalt zu erleben und habe Hemmungen, sich Hilfe zu holen. Selbst die temporären Verbote während der Corona-Pandemie hätten damals nicht zu weniger Prostitution geführt, sondern verlagerte sie nur in die Hinterzimmer. 

Sexarbeiter*innen arbeiten in Bordellen, Laufhäusern, Saunaclubs, Modelwohnungen,als Escort oder auf der Straße. | Foto: Julia Taubitz | Unsplash

Szene verschiebt sich immer mehr ins Dunkelfeld

Unabhängig von der Diskussion in Berlin und Brüssel will die SPD-geführte Hamburger Sozialbehörde weiter „so niedrigschwellig und vertrauensvoll wie möglich“ arbeiten. Die beobachtete Verschiebung der Szene ins Dunkelfeld habe weiter Auswirkungen auf die Umsetzung des Prostituiertenschutzgesetzes, es fänden weniger Anmeldungen statt als 2017 mit der Gesetzesänderung prognostiziert. Der fachliche Diskurs habe an Fahrt aufgenommen, auch vor dem Hintergrund der Frage, wie die Sexarbeiter*innen erreicht werden können.

Die Hamburger Sozialbehörde setze sich für eine Entstigmatisierung ein, „verbunden mit einer Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit“, so eine Sprecherin. Ein Sexkaufverbot werde abgelehnt. Es habe sich gezeigt, dass für die Betroffenen die negativen Effekte überwiegen. „Ein Verbot verhindert nicht Prostitution und stärkt auch nicht diejenigen, die Opfer von Gewalt werden. Dies belegen Erfahrungen aus diversen EU-Ländern, in denen Ausprägungen eines Sexkaufverbots bestehen.“ 

Aber auch für diejenigen, die selbstbestimmt in dem Bereich arbeiten und bleiben wollen, brauche es eine Entstigmatisierung, sagt Sexarbeiterin de Rivière: „Ein Großteil der Probleme entsteht, weil wir gesellschaftlich ausgeschlossen werden.“ Sie fordert die Anerkennung der Sexarbeit als Freiberuf für die rechtliche Gleichstellung und eine Integration ins Gewerberecht – und Augenhöhe: Arbeitsausbeutung finde in vielen Branchen statt und müsse insgesamt gelöst werden. Das Problem sei nicht auf die Sexarbeit beschränkt.


 

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Von Anne Klesse, Hamburg

Anne Klesse ist freie Journalistin. Nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hat sie an der Axel Springer Journalistenschule volontiert und war Redakteurin der Welt, Welt am Sonntag und Berliner Morgenpost in Berlin. Dort schrieb sie insbesondere Porträts und Reportagen. Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Wächterpreis der Tagespresse. Mehr: www.anneklesse.de.

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Anne KlesseHamburg
Die EU will einheitliche Regeln für die Sexarbeit. Während Konservative das „Nordische Modell“ preisen, fürchten Betroffene eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Es stellt sich also die zentrale Frage: Wer darf über Körper und Arbeit bestimmen? Wir haben uns in Hamburg umgehört.
Carina RotherTaipei
Die Grenzen der Biologie sprengen, später im Leben Kinder kriegen, Baby trotz Unfruchtbarkeit: Egg Freezing und Kinderwunschbehandlungen machen es möglich. Doch hinter der Medizin steht ein Markt. Der wird in Taiwan gewinnorientiert erschlossen und wirbt zunehmend um internationale Patient*innen.

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