Abtreibung ist ein Thema, das meist polarisiert – politisch oder moralisch. Selten kommen jedoch jene zu Wort, die einen Schwangerschaftsabbruch selbst erlebt haben. In ihrem Buch spricht Luise Morgeneyer über ihre eigene Erfahrung und plädiert für mehr Empathie, Gemeinschaft und Zwischentöne.
Zusammenfassung:
Die Autorin Luise Morgeneyer bricht das Schweigen über Abtreibung und rückt weibliche Erfahrungen jenseits von Schuld und Polarisierung ins Zentrum. In ihrem Buch „Dein Körper. Deine Entscheidung.“ verbindet sie ihre eigene Geschichte mit gesellschaftlicher Kritik und plädiert für Empathie und Selbstbestimmung. Sie zeigt: Abtreibungen sind vielfältig, Gefühle ambivalent – und Frauen brauchen Sichtbarkeit, Begleitung und eine wertfreie Debatte.
Von Helen Hecker, Berlin
Luise, du teilst in deinem Buch „Dein Körper. Deine Entscheidung.“ erstmals deine eigene Abtreibungsgeschichte. Was hat dich dazu bewogen, dieses sehr persönliche Erleben öffentlich zu machen?
Ich habe lange überlegt, ob es meine Geschichte wirklich braucht – gerade weil ich als weiße, gesunde, normschöne Frau spreche. Am Ende bin ich zu dem Schluss gekommen: Ja, sie braucht es auf jeden Fall. Meine Abtreibung war vor fünf Jahren, aber es gibt nach wie vor viel zu wenig Repräsentation. Auch ich selbst hatte früher misogyne Vorurteile darüber, wie „eine Frau ist, die abtreibt“. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, sichtbar zu machen, dass Abtreibungen viele Gesichter haben. Außerdem glaube ich, dass eine persönliche Geschichte gerade Menschen, die bisher keinen direkten Bezug zum Thema hatten, den Zugang erleichtert.
Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland weiterhin im Strafgesetzbuch geregelt. Welche emotionalen Erfahrungen machen Frauen deiner Beobachtung nach – unabhängig davon, ob die Entscheidung klar oder ambivalent war?
Ich tue mich schwer damit, von festen „Phasen“ zu sprechen, weil häufig viele Annahmen darüber gemacht werden, wie sich jemand fühlt, der eine Abtreibung erlebt hat – aber am Ende ist jede Abtreibungserfahrung total individuell und damit auch die jeweilige Gefühlslage. Trotzdem lassen sich Muster erkennen. Vor dem Abbruch erleben viele Frauen eine starke Irritation – auch aufgrund der rechtlichen Lage. Das verpflichtende Beratungsgespräch wird häufig als unangenehm empfunden. Hinzu kommt ein hoher organisatorischer Druck: Plötzlich gibt es eine Frist im Kopf, aber vorher muss erst mal eine Arztpraxis gefunden werden, die einen überhaupt behandelt. Viele berichten daher von einer Art emotionaler Taubheit, weil sie zunächst nur funktionieren müssen. So war es auch bei mir.
| Foto: Inès Britel
Nach dem Abbruch ist bei vielen dann das präsenteste Gefühl die Erleichterung – das ist auch wissenschaftlich belegt. Gleichzeitig mischen sich darein die verschiedensten Gefühle. Es gibt unterschiedliche Trauerprozesse und ich höre oft von Wut, etwa gegenüber dem Gesundheitssystem, dem sozialen Umfeld oder politischen Rahmenbedingungen. Besonders belastend ist, dass Erleichterung gesellschaftlich kaum erlaubt scheint. Viele schämen sich dafür, weil sie glauben, eigentlich traurig sein zu müssen.
Oft wird auch das sogenannte „Post-Abortion-Syndrom“ erwähnt. Wie würdest du das einordnen?
Das sogenannte Post-Abortion-Syndrom ist ein wissenschaftlich nicht belegter Begriff, der gezielt von Abtreibungsgegner*innen bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren verbreitet wurde. Aber große, internationale Studien zeigen übereinstimmend, dass es keinerlei Evidenz für einen kausalen Zusammenhang zwischen Abtreibung und psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angst und Suizidalität gibt. Natürlich erleben Frauen nach einem Abbruch auch schwierige Gefühle – aber diese pauschal zu pathologisieren ist gefährlich und verstärkt Stigmatisierung.
Du sprichst in deinem Buch von einer „bewussten und ganzheitlichen Begleitung“. Was fehlt Frauen heute konkret im medizinischen, rechtlichen oder gesellschaftlichen Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen?
Was am meisten fehlt, ist das Gefühl von Gemeinschaft. Aufgrund der Kriminalisierung durch das Strafgesetzbuch, medizinischer Unterversorgung und gesellschaftlicher Tabus entsteht bei vielen Frauen ein starkes Gefühl von Isolation. Abtreibung vereint zwei große Tabus – Sexualität und Tod – und genau das verstärkt das Schweigen. Gleichzeitig ist weltweit ein gesellschaftlicher Rückschritt im Umgang mit Abtreibung zu beobachten – rechtlich wie kulturell. Jedes Jahr bieten weniger Ärzt*innen Schwangerschaftsabbrüche an, während das Thema gesellschaftlich-politisch kaum offen besprochen wird. Meine Erfahrung ist jedoch: Sobald eine Frau merkt, dass sie nicht allein ist, verändert sich etwas. Allein zu wissen, dass viele andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben, kann enorm entlastend wirken.
Mehr Infos zum Buch
Das Buch „Dein Körper. Deine Entscheidung. Abtreibung bewusst und ganzheitlich begleiten“ erscheint am 26. Februar 2026 im Kailash Verlag (20,00 Euro). Darin beschäftigt sich Luise Morgeneyer mit Themen wie Selbstbestimmung, körperlicher Selbstbestimmung und dem Einfluss gesellschaftlicher Erwartungen. Dabei verbindet sie persönliche Einblicke mit aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen.
In der öffentlichen Debatte wird häufig über Frauen gesprochen, selten mit ihnen. Was müsste sich deiner Meinung nach im medialen Umgang ändern?
Mir fehlen die Zwischentöne. In Medien erleben wir oft extreme Gegensätze: Entweder wird Abtreibung als Mord dargestellt oder vollständig entemotionalisiert. Beides greift zu kurz. Weibliche Erfahrungen sind komplex, widersprüchlich und vielschichtig. Diese Ambivalenz müsste viel stärker sichtbar werden. Kampagnen wie „Ich habe abgetrieben“ waren enorm wichtig – jetzt brauchen wir zusätzlich mehr Nuancen.
Rückblickend: Wie hat dich deine eigene Abtreibungserfahrung persönlich geprägt?
Ich würde mich in derselben Situation wieder genauso entscheiden. Ich habe die Entscheidung nie bereut – auch wenn ich betrauere, dass ich überhaupt in diese Situation gekommen bin. Für mich war diese Erfahrung zutiefst transformierend. Sie fühlte sich an wie Leben und Tod gleichzeitig. Es war die tiefgründigste und spirituellste Erfahrung meines Lebens – ganz ohne Esoterik. Sie hat mein Bewusstsein für meinen Körper, für Selbstbestimmung und Verantwortung grundlegend verändert.
Was hättest du dir damals konkret an Unterstützung gewünscht?
Vor allem Begleitung – medizinisch, emotional und sozial. Ich war in einer fremden Arztpraxis, musste viele Praxen kontaktieren und habe wenig Sensibilität erlebt. Auch im Freundes- und Familienkreis herrschte oft Schweigen. Nicht aus böser Absicht, sondern aus Unsicherheit. Dazu kommt ein enormes Defizit an Aufklärung über den weiblichen Körper. Ich habe erst Mitte zwanzig gemerkt, wie wenig ich ihn eigentlich verstand.
Dein Buch richtet sich auch an Partner*innen, Angehörige und Therapeut*innen. Was würdest du Begleitpersonen raten?
Vor allem eine wertfreie Haltung. Das ist schwierig, aber essenziell. Eigene Bewertungen, Wünsche oder Ängste sollten in der Begleitung zurückgestellt werden. Es geht darum, zuzuhören, nachzufragen und Antworten auszuhalten. Wenn jemand merkt, dass er oder sie das nicht leisten kann, sollte das ehrlich kommuniziert werden – und aktiv dabei geholfen werden, andere Unterstützung zu finden.
Du arbeitest heute unter anderem als ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Siehst du einen Zusammenhang zu deiner Abtreibungserfahrung?
Ja, rückblickend sehr deutlich. Ich habe die Ausbildung zur Sterbebegleiterin etwa ein halbes Jahr nach meinem Abbruch begonnen – damals unbewusst. Heute sehe ich einen klaren Zusammenhang. Meine Abtreibung hat mein Verhältnis zu Leben, Tod und Transformation stark geprägt. Diese Erfahrung hat mein Interesse an existenziellen Übergängen vertieft und meinen beruflichen Weg maßgeblich beeinflusst.
Auf Social Media erreichst du viele junge Menschen. Welche Rückmeldungen aus deiner Community haben dich besonders bestärkt?
Ich habe erst sehr spät begonnen, öffentlich über Abtreibung zu sprechen – das Buch war da fast fertig. Die Resonanz war jedoch überwältigend. Die allermeisten Rückmeldungen waren dankbar, erleichtert, bestärkend. Viele schreiben mir, dass sie sich zum ersten Mal gesehen fühlen. Natürlich gibt es auch ablehnende und hasserfüllte Reaktionen, doch sie sind deutlich weniger, als ich erwartet hätte. Und auch das bestärkt mich darin, dass wir mehr über Abtreibung sprechen müssen.
Gegner*innen von Schwangerschaftsabbrüchen argumentieren oft mit dem Schutz ungeborenen Lebens. Wie begegnest du diesen Positionen?
Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, über Beseelungstheorien zu schreiben. Mein Fokus liegt auf Begleitung. Abtreibungen finden statt – unabhängig von Gesetzen oder Moralvorstellungen. Während wir endlos über Verbote sprechen, lassen wir die Betroffenen allein. Genau dort setze ich an. Das Buch ist politisch, aber nicht als Streitdiskurs, sondern als Erfahrungsraum.
Zum Abschluss: Wenn dein Buch eine konkrete politische Veränderung anstoßen könnte – was müsste sich in Deutschland dringend ändern?
Die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Solange Paragraf 218 besteht, bleibt das Thema stigmatisiert. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass wir lernen, sanft, empathisch und differenziert über Abtreibung zu sprechen – nicht nur kämpferisch. Das wäre für mich ein echter gesellschaftlicher Fortschritt.
Mehr über die Autorin
Luise Morgeneyer ist Autorin und Content Creatorin. Nach ihrem Studium der Medien- und Politikwissenschaften zog es Luise als digitale Nomadin um die Welt und schließlich für sieben Jahre nach Berlin. Aktuell lebt und arbeitet sie in Südfrankreich, wo sie auf ihrem Instagram-Kanal @luisemorgen zu ihren rund 140.000 Followern über Themen wie ehrenamtliches Engagement, Trauer, Sterben, mentale Gesundheit und körperliche Selbstbestimmung spricht.
















