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Égalité im Labor
Porträt einer französischen Krebsforscherin

1. April 2026 | Von Elisa Kautzky | 13 Minuten Lesezeit
Marion Guérin forscht am Institut Pasteur in Paris an der Schnittstelle von Immunologie und Onkologie. Fotos: Unsplash

Die Immunologin Marion Guérin wurde 2025 mit dem L’Oréal-UNESCO-Preis für junge Forscherinnen ausgezeichnet. Am renommierten „Institut Pasteur“ in Paris kämpft sie nicht nur gegen Krebs, sondern auch dafür, dass mehr Frauen einen Platz in der Forschung erhalten.

 

Zusammenfassung:

Die französische Immunologin Marion Guérin erforscht am „Institut Pasteur“, wie Immuntherapien gegen Krebs besser wirken können. Als Mutter von zwei Kindern hat sie sich in einem männlich geprägten System eine feste Forschungsstelle erkämpft. Heute nutzt sie ihre Sichtbarkeit, um Mädchen für die Wissenschaft zu begeistern und mehr Frauen in die Forschung zu bringen.

 

Von Elisa Kautzky, Paris

„Oh là là, die Dame aus der Presse“, rufen die Kolleg*innen scherzend, als Marion Guérin ihr Labor verlässt. In den vergangenen Monaten hat die Forscherin viel Presse-Besuch bekommen: 2025 wurde sie mit dem L’Oréal-UNESCO-Preis „For Women in Science – Young Talents“ ausgezeichnet.

Unter dem Leitspruch „Die Welt braucht Wissenschaft – und die Wissenschaft braucht Frauen“ setzen sich die L’Oréal Fondation und die UNESCO bereits seit 1998 für die Förderung exzellenter Frauen in der Forschung ein. Mit ihrem „For Women in Science“-Programm, das seit 2007 auch in Deutschland etabliert ist, haben sie weltweit bereits 4.400 Wissenschaftlerinnen gefördert – unter ihnen auch sieben spätere Nobelpreisträgerinnen. 

Jeden Morgen pendelt die 32-jährige Postdoktorandin aus Fontenay-sous-Bois zum renommierten „Institut Pasteur“ in Paris. Es ist eine der bekanntesten Einrichtungen weltweit in den Bereichen Mikrobiologie, Infektionsforschung und Immunologie. Seit 2025 hat sie dort eine unbefristete Forschungsstelle.

An diesem Tag begleitet Baulärm den Weg über den historischen Campus. Die meiste Zeit verbringt Guérin im Labor, wo sie an der Schnittstelle zweier Disziplinen forscht: Immunologie und Onkologie, also der Erforschung und Behandlung von Krebserkrankungen.

„Mein Ziel ist es, besser zu verstehen, wie krebsbezogene Immuntherapien funktionieren, bei denen das eigene Immunsystem aktiviert wird, um Tumore zu bekämpfen“, erklärt sie. „In der Regel geht man von einem bestimmten Wirkmechanismus aus, auf dessen Grundlage Therapien entwickelt und Patient*innen behandelt werden. Analysiert man diese Mechanismen jedoch genauer, zeigen sich häufig weitere Wirkungsweisen, die bislang nicht berücksichtigt wurden“, so Guérin.

Dieses Wissen helfe zu verstehen, warum manche Therapien wirken und andere nicht, und biete neue Ansätze, Immuntherapien zu verbessern. „Krebs ist keine neue Erscheinung“, sagt sie. Früher seien Menschen oft an anderen Krankheiten gestorben, bevor Krebs zur Todesursache werden konnte. Mit der Entwicklung von Impfstoffen und Therapien gegen Infektionskrankheiten habe sich die Lebenserwartung jedoch deutlich erhöht, weshalb Krebs heute entsprechend häufiger in Erscheinung tritt.

Dabei sind Krebserkrankungen besonders komplex: „Bei einem Virus oder einem Bakterium gibt es einen klar identifizierbaren Erreger. Beim Krebs hingegen entarten die eigenen ursprünglich gesunden Zellen.“ Zudem unterscheiden sich Krebserkrankungen stark je nach Organ und von Mensch zu Mensch. Deshalb werde es niemals das eine Medikament geben, das alle Krebsarten heilt. Stattdessen brauche es viele, oft personalisierte Therapien. „Es gibt also nach wie vor enorm viel zu tun“, sagt sie.

Die Preisträgerinnen des L’Oréal-UNESCO-Programms „For Women in Science”: Wissenschaftlerinnen, die Maßstäbe setzen und beweisen, dass die Forschung Frauen braucht. | Foto: Fondation L’Oréal

Krebs wird heute früher erkannt

Heute sei zumindest bei einigen Krebserkrankungen eine sehr frühe Diagnose möglich – zu einem Zeitpunkt, an dem der Krebs noch keine Beschwerden verursache und oft effektiv behandelt werden könne. Das setze allerdings regelmäßige Kontrollen voraus, die für Betroffene auch belastend sein können.

„In den allerersten Phasen der Krebsentwicklung ist das Immunsystem meist noch sehr effektiv und kann entartete Zellen selbst eliminieren“, erklärt Guérin. Häufig folge darauf eine lange Gleichgewichtsphase, in der der Tumor zwar vorhanden sei,  aber kaum oder gar nicht wächst, da er durch die Wirkung des Immunsystems in Schach gehalten wird. Erst in der sogenannten „Escape-Phase“ entziehe er sich der Immunabwehr – und werde dann meist diagnostiziert.

Die Gleichgewichtsphase könne unter Umständen ein ganzes Leben andauern, ohne die Gesundheit zu beeinträchtigen. Aktuell arbeitet Guérin in der Grundlagenforschung, das heißt, sie versucht, biologische Mechanismen zu verstehen und dieses Wissen weiterzugeben – etwa an pharmazeutische Unternehmen oder an Forschende in der klinischen Forschung. Ihr Motto: Jeder neu entschlüsselte Mechanismus ist ein kleiner Erfolg.

„Ich wollte jemand werden, der Lösungen findet“

Aufgewachsen in der Region Seine-et-Marne zeigte Guérin früh Interesse an Forschung. Mit knapp sechs Jahren sah sie erstmals den Téléthon im französischen Fernsehen – einen mehrtägigen Spendenmarathon zugunsten der Forschung an seltenen Erkrankungen. „Zu sehen, dass Kinder schon in so jungem Alter krank sind, hat mich sehr berührt“, erinnert sie sich.

Gleichzeitig beeindruckte sie, dass Forschung konkrete Erfolge erzielen und Menschen heilen kann. Das wollte sie auch. Als Kind wusste sie aber noch nicht, wie der Beruf der Forscherin genau aussieht. „Ich habe meiner Großmutter gesagt, ich wolle eine ,Finderin‘ werden – jemand, der Lösungen findet.“

Als Schülerin mit Biologie-Schwerpunkt gab es an ihrem Gymnasium nur einen einzelnen Kurs in Immunologie. Doch der reichte aus, um ihr Interesse zu wecken. „Da war mir klar: Genau das ist es!“ Ihr Werdegang ist klassisch: Bachelor, Master mit 23 Jahren, Promotion. Bereits im Master spezialisierte sie sich auf Immunologie und Krebserkrankungen. 

In Frankreich sind 29 Prozent der Wissenschaftler*innen Frauen – knapp unter dem europäischen Durchschnitt von 31 Prozent, aber etwas mehr als in Deutschland, wo der Anteil bei 28 Prozent liegt. Deutlich höher fällt er in anderen Teilen Europas aus: In Litauen sind zum Beispiel rund 55 Prozent der Forschenden weiblich.

Mit 32 Jahren als Frau eine unbefristete Forschungsstelle in Frankreich zu haben – insbesondere als Mutter zweier Kinder – ist eine Besonderheit. Das liegt auch daran, dass viele Forschungsstellen in Frankreich traditionell mit dem Beamtenstatus verbunden sind. Der Zugang erfolgt über streng regulierte Auswahlverfahren, bei denen Bewerber*innen ihre bisherige Forschungsarbeit präsentieren und ein mehrjähriges Projekt vorstellen müssen. Hinzu kommen einige weitere Kriterien – ein insgesamt langwieriger und aufwendiger Prozess.

Für Frauen wird es zusätzlich schwierig, wenn ein Kinderwunsch besteht. „Mutterschaft wirkt sich bereits vor dem eigentlichen Mutterschutz aus, weil man bestimmte Experimente nicht mehr durchführen kann“, erzählt Guérin. Der Mutterschutz selbst bedeutet eine Unterbrechung der Arbeit – ebenso die Zeit danach, etwa wenn Kinder krank werden oder eine Verlängerung nötig ist. Insgesamt stünde Müttern dadurch faktisch weniger Arbeitszeit zur Verfügung.

Und genau das wird in dieser Phase problematisch: Da alle Bewerber*innen über exzellente Lebensläufe verfügen, kann bereits ein kleiner Unterschied entscheidend sein. Davon ließ sich Guérin in ihrem Kinderwunsch jedoch nicht abhalten. „Ich hatte das Glück, dass meine beiden Elternzeiten in Teams stattfanden, in denen ich sehr gut unterstützt wurde“, sagt sie. So konnte sie ihre Arbeitszeiten anpassen und Projekte teilweise neu strukturieren. „Das ist längst nicht überall der Fall.“ Ohne diese Unterstützung könne Elternzeit schnell zu einem Bruch im Lebenslauf werden.

Längere Auslandsaufenthalte gestalten sich schwierig

 „In meinem Lebenslauf sind meine Elternzeiten kaum sichtbar“, sagt sie. Dank der Flexibilität in ihrem Team konnte Guérin weiterhin publizieren und die relevanten Kriterien für das Auswahlverfahren erfüllen – mit einer Ausnahme: Abgesehen von zwei jeweils dreimonatigen Forschungsaufenthalten in den USA kommen längere Auslandsaufenthalte in ihrem Lebenslauf nicht vor.

„Mein Partner hätte mich nicht begleiten können, und ich wollte mit kleinen Kindern nicht in verschiedenen Ländern leben“, sagt sie. Lange galten solche Auslandserfahrungen jedoch als Voraussetzung für eine feste Forschungsstelle, auch wenn sie heute keine formale Pflicht mehr sind. Viele Frauen bewerben sich dennoch gar nicht erst um feste Forschungsstellen. „Sie wollen alle Kriterien erfüllen, bevor sie sich trauen“, sagt Guérin. Männer hätten diese Hemmschwelle oft weniger.

Zudem werde noch immer erwartet, nach der Promotions-Phase rasch eine Teamleitungsposition zu übernehmen. Nicht alle seien darauf sofort vorbereitet. Ausschreibungen und Förderprogramme verlangten diese Rolle jedoch sehr früh – häufig genau in der Lebensphase, in der Kinder klein seien oder ein Kinderwunsch bestehe. Führung, Finanzierung und eigene Forschung parallel zu stemmen lasse sich nur schwer mit einem Familienleben vereinbaren.

Guérin war sich bewusst, dass die Entscheidung für Kinder sie womöglich benachteiligen könnte. Dennoch wollte sie „unter keinen Umständen auf das Familienleben verzichten“. Zur Not hätte sie einen anderen Weg eingeschlagen – etwa in der Privatwirtschaft.

„Diese Klarheit hat mir sehr geholfen, weil ich mir kaum Gedanken über das ,richtige Timing‘ machen musste.“ Und sie hatte Erfolg: 2025 erhielt sie nicht nur die unbefristete Stelle am Institut Pasteur, sondern auch den L’Oréal-UNESCO-Preis für ihren Werdegang als junge Wissenschaftlerin.

Der historische Campus des Institut Pasteur in Paris – seit 2025 hat Marion Guérin hier eine unbefristete Forschungsstelle. | Foto: Institut Pasteur

Frauen an die Spitze

Ihre Reichweite will Guérin nun nutzen, um junge Mädchen für die Forschung zu begeistern. Denn sie weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer sie es in diesem Bereich haben. Oft spielen in den Naturwissenschaften Faktoren wie Selbstvertrauen und das Gefühl von Legitimität noch immer eine große Rolle. Frauen machen bei mathematischen Positionen an französischen Universitäten nur rund 23 Prozent der Forschenden aus, in der Physik sind es etwa 22 Prozent. „Dort müssen sich Frauen oft rechtfertigen, warum sie überhaupt dort sind“, sagt Guérin.

Laut der Wissenschaftlerin Aurélie Jean sei der eklatante Mangel an Frauen in den Naturwissenschaften kein Randthema – und schon gar kein „Frauenproblem“. Sie spricht von „diskriminierenden Verzerrungen“, die tief in unserer Gesellschaft verankert sind und „Mädchen ein deutlich weniger einladendes Umfeld bieten als Jungen, um sich in der Welt der Wissenschaft zu bewegen“. Diese Erfahrung machte auch Guérin: „In der Biologie wurden Ungleichheiten besonders sichtbar, als man in die Labore kam und feststellte, dass die Mehrheit der Gruppenleitungen männlich ist.“

Guérin engagiert sich deshalb als Mentorin im Programm „Girls for Science“, berät zu Studienwegen und öffnet ihre Labortüren. „So bekommen junge Frauen einen konkreten Einblick in den Forschungsalltag.“ Bei Aktionstagen wie „Pasteurdon“ – einer jährlichen Spendenkampagne des „Institut Pasteur“, um Gelder für die Forschung gegen Infektionskrankheiten und Krebs zu sammeln – oder über Praktika bekommen junge Frauen direkten Kontakt zu Forschenden. Das fördere den Mut, selbst einen Weg in die Wissenschaft einzuschlagen.

Auch in den Leitungen großer naturwissenschaftlicher Einrichtungen und Krankenhäuser, die lange überwiegend männlich geprägt waren, bewegt sich etwas: Am „Institut Pasteur“ steht seit Januar 2024 mit Yasmine Belkaid erstmals eine Frau an der Spitze, am „Institut Curie“ ist mit Isabelle Henry eine Frau im obersten Leitungsgremium vertreten, und das pädiatrische Universitätskrankenhaus „Hôpital Necker-Enfants malades“ in Paris wird von einer Direktorin geleitet.

„Forschung lebt von Vielfalt und unterschiedlichen Perspektiven“, betont Guérin – gerade bei Themen wie Endometriose, Menstruation, Schwangerschaft oder Stillen. „Diese Themen werden selten von Männern initiiert, obwohl sie zentral für die Gesundheit sind. Frauen eröffnen hier neue Blickwinkel und oft ganz neue Forschungsfelder.“ Bald sollen 72 Namen von Wissenschaftlerinnen auf dem Eiffelturm verewigt werden. Laut Aurélie Jean sei das zwar eine kleine Geste – „aber ein gewaltiger Schritt für die Menschheit.“


 

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Von Elisa Kautzky, Paris

Elisa Kautzky berichtet als freie Korrespondentin aus Frankreich für Online, Print und Radio. Sie hat in Mainz, Montpellier und Paris die Fächer Germanistik, Romanistik und Journalismus studiert. Schon im Studium hat sie angefangen, als Freie zu arbeiten. Nach ihrem Abschluss ist sie Freie geblieben. Am Liebsten produziert sie lange Formate über Gesellschaftsthemen, Kultur und Umwelt.

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