Eine der größten Billigmode-Ketten der Welt – „Primark“ – stammt aus Irland und steht seit Jahren in der Kritik. Gleichzeitig spielt auf der Grünen Insel Nachhaltigkeit in der Fashionwelt eine Rolle: Immer mehr Irinnen wie die Designerin Angela O’Donnell wollen Kleidung aus recycelten oder organischen Materialien hergestellt wissen und moralisch vertretbar produzierte Mode tragen.
Zusammenfassung:
Irland steht zwischen Billigmode und nachhaltigem Umdenken. Designerinnen wie Angela O’Donnell zeigen, dass es einen verantwortungsvollen Umgang in der Mode geben kann: mit recycelten Materialien, fairer Produktion und persönlicher Haltung. O‘Donnells Label „YAWUW“ steht für bewussten Konsum, weniger Müll und mehr Gerechtigkeit in einer Branche, die vor allem Frauen betrifft.
Von Mareike Graepel, Irland
Im handgestrickten 100-Euro-Pulli aus selbstgesponnener Wolle auf den schroffen Cliffs of Moher über dem tosenden Atlantik stehen? Oder im günstigen Glitzertop und in Spottpreis-Kunstleder-Leggins auf die Tanzfläche in Dublins Nachtleben? Vorstellungen und Kostenrange irischer Mode könnten kaum weiter auseinanderliegen. „Genau dazwischen liegt unser Gewissen“, sagt Designerin Angela O’Donnell aus Cork.
Sie hat 2020 ein eigenes Label gegründet – in dem Jahr, in dem sie Mutter wurde. Es heißt „YAWUW“ – was ein Akronym ist für „You Are What You Wear“, also auf Deutsch: Du bist, was du trägst. „Als meine Tochter auf die Welt kam, war für mich vollends klar, womit ich schon lange schwanger gegangen war: Wir alle tragen eine Verantwortung, die Klimakatastrophe mit aufzuhalten, und ich habe in meinem Beruf die Chance dazu, aktiv zu helfen.“
Niemand könne später sagen, von nichts gewusst zu haben, findet die Vegetarierin und fügt hinzu: „Es hängt doch alles zusammen: Wenn ich kein Fleisch esse, weil ich Massentierhaltung und Raubbau an der Natur ablehne, kann ich auch nicht hingehen und die Haut der Kühe, die ich nicht esse, in ein Kleidungsstück verwandeln. Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der nur für den eigenen Gebrauch gerade genug produziert wird, sondern in einer Welt, in der zu viel hergestellt und zu wenig recycelt wird.“
Bis 2030 müssen Textilien in der EU recycelbar sein
Weltweit werden pro Jahr ungefähr 92 Millionen Tonnen Kleidung weggeworfen, allein in Großbritannien pro Person 200 verschiedene Stücke – von Hosen über Pullis bis zu Handtaschen und Socken. In Irland allein werden 164.000 Tonnen Kleidung pro Jahr vernichtet, was die Grüne Insel zum zweitgrößten Textilmüll-Verursacher in der EU macht. Schlimmer ist es nur in Belgien.
Für Deutschland gibt es keine genauen vergleichbaren Angaben, aber „wir wissen, dass ein Großteil der Kleidungsabfälle, egal in welchem Land, auf Deponien landet oder verbrannt wird,“ so Angela O’Donnell. Weniger als 15 Prozent der Textilien würden demnach recycelt oder wiederverwendet. Genau das möchte sie in Irland ändern.
Die EU-Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Kleidung sieht sie als einen guten Schritt in die richtige Richtung: Bis 2030 sollten die in der EU auf den Markt gebrachten Textilerzeugnisse langlebig und recycelbar sein, so weit wie möglich aus recycelten Fasern bestehen und frei von gefährlichen Stoffen sein. So werden deutlich weniger Rohstoffe und Wasser verbraucht.

O’Donnell sagt, sie sei „als Kind buchstäblich von Mode besessen“ gewesen, habe aber erst nach einem Film- und Schauspiel-Studium 2006 ihren Weg zum Design gefunden. Sie hat ihren Bachelor in industriellem Modedesign in Schottland gemacht, sowie ein Diplom in strategischem Digitalmarketing. Dennoch sei der Aufbau eines eigenen Labels alles andere als einfach gewesen.
Nach dem Studium gründete sie zunächst ein Unternehmen namens Angela Beaumont – eine preisgekrönte Luxus-Konfektionslinie, die von 2012 bis 2016 so gefragt war, dass sie sogar Angebote hatte, ihre Kleidung im Luxuskaufhaus Barney’s in New York zu verkaufen. Sie ist den Schritt aus persönlichen Gründen nicht gegangen, aber verlor nie ihr Ziel aus den Augen, ein eigenes Modelabel zu haben.
2020 hat Angela O’Donnell eine neue, nachhaltige Sport- und Freizeitkleidungsmarke gegründet. Anfang 2025 war sie das erste Mal mit ihren Kreationen beim größten irischen Sender RTÉ im Fernsehen zu sehen, zusammen mit anderen Modeschöpfer*innen aus Irland, die eine Alternative zu Wegwerfmode schaffen wollen.
Billige Kleidung hat ihren Preis
1969 gründete ein Mann namens Arthur Ryan in Dublin ein Mode-Unternehmen, das in Irland „Penneys“ heißt und das international als „Primark“ bekannt ist. Und für fast 80.000 Angestellte in 16 Ländern, einen Jahresumsatz von etwa drei Milliarden Euro, aber auch für unethische Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne. Für Penneys wurde in Bangladesch Kleidung in dem Gebäude des Zulieferers Rana Plaza hergestellt, das 2013 einstürzte. Mehr als 1.000 Menschen starben, knapp 2.500 wurden verletzt.
Ein Blick auf die Größe des extrem niedrigpreisigen Gesamtsortiments eines solchen Unternehmens gepaart mit gesellschaftlichen Verhaltensweisen lässt unschwer erkennen: Die Frage nach der Umwelt ist auch in Irland eine unbequeme, die eher undurchsichtig und wenig substanziell beantwortet wird. Das Risiko, dass dort, wie auch bei anderen gigantischen Modeketten namens „Shein“ und „H&M“, Greenwashing betrieben wird, ist laut Umweltorganisation „Greenpeace“ groß.
Kleidung – und das gilt auch für Designer-Mode – müsste aber weder schnell entsorgt werden noch extrem teuer sein. Das findet zumindest Rachel Hennessy von „Happy Days“. 2021 hat sie ihren Kleidungsverleih gegründet. „Fast Fashion hat eine krasse Nachfrage nach Neuem geschaffen, die aber in einer nachhaltigen Zukunft keinen Platz hat“, erklärt die Dublinerin. Ihrer Meinung nach müsse etwas getan werden, um die schlechten Gewohnheiten der Branche zu ändern.
Warum also nicht Klamotten mieten, statt sie zu kaufen? „So können die Menschen sich immer noch an den neuesten Trends und auch Designerstücken erfreuen, ohne ein Loch in ihre Tasche oder den Planeten zu brennen.“ In Irland bieten mittlerweile mehrere Modeverleihdienste nachhaltige und kostengünstige Alternativen zum Kauf neuer Kleidung. Neben „Happy Days“ gibt es noch viele mehr, wie „Designer Room“, „Dressed Up“, „Drobey“ und „Rag Revolution“.
Sogar Hochzeitskleider kann man bei vielen dieser Anbieter*innen mieten, was in Irland lange nicht vorstellbar war. Irische Bräute kauften ihre Kleider meist für Tausende von Euro – auch aus emotionalen Gründen oder weil sie sie an ihre Kinder weitergeben möchten – während die Männer und ihre Trauzeugen schon lange die Anzüge, Smokings und Zylinder mieteten.
Kleider machen Leute – und Gefühle
Eine emotionale Verbindung zu bestimmten Stücken hat Angela O’Donnell aber auch. Ihre 2024er Kollektion mit dem Titel „Breathe – Part 1“ spiegelt ihr Streben nach Nachhaltigkeit besonders deutlich wider, weil sie sehr persönlich ist. „Inspiriert von Emotionen nach dem Tod meines Vaters wollte ich in dunklen Momenten Licht finden, in emotionaler und in ökologischer Hinsicht,“ sagt sie. Die Kollektion besteht zu 100 Prozent aus nachhaltigen Materialien.
Angela O’Donnell ließ Puffjacken aus komplett recyceltem Polyester herstellen und Sweatshirts wie Hoodies aus Bio-Baumwolle, und nutzte ihre eigenen Schneiderkenntnisse, um den Rest der Kollektion mit ihrem Team in ihrem Atelier in Cork selbst herzustellen. Aus Vintage-Herren-Trikots macht die Irin Damenbekleidung, organisiert sich North-Face-Jacken aus Restbeständen und näht aus ihnen große Unisex-Wochenendtaschen.

Clever recyclen statt neu produzieren
Sie beschaffte Vintage-Aran-Pullover für Herren und entwickelte sie zu Damenbekleidung weiter, indem sie sie umschnitt, neue Säume und Bündchen strickte und sie färbte. Schließlich arbeitete sie mit lokalen Handwerker*innen zusammen, um ihre äußerst erfolgreichen Häkelschals mit Kapuze herzustellen, und sorgte für eine faire Bezahlung für alle Beteiligten.
Das ist in der Modeindustrie – in der weltweit etwa 60 Millionen Menschen arbeiten, hauptsächlich in Bangladesch, Vietnam, Pakistan, Indonesien und Mexiko – eine Seltenheit. Ungefähr 80 Prozent der Arbeitenden in der Branche sind Frauen. Außerdem geht nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation weltweit eines von zehn Kindern Kinderarbeit nach. An diesen hohen Zahlen hat vor allem der Bekleidungssektor in Asien und Afrika einen großen Anteil. Aber können Käufer*innen diesen Kindern damit helfen, wenn sie nachhaltige Mode kaufen oder Kleidung mieten?
„Ja!“, ist Angela O’Donnell überzeugt. Ihrer Auffassung nach verringere jeder, der auf nachhaltige Mode umsteige, die Nachfrage nach Fast-Fashion-Produkten. Weniger Nachfrage könne dazu führen, dass Unternehmen wie „Primark“ ihren Marktanteil verlieren und gezwungen sind, ihre Produktionspraktiken zu überdenken. Die Lösung klingt am Ende überraschend einfach: weniger Abfälle, weniger Umweltverschmutzung und dafür mehr Bewusstsein für eine neue Art von Konsum sowie gerechtere Arbeitsbedingungen.

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