„Die Straße gehört uns!“
Die Revolution im Libanon ist weiblich

Frauen sind seit langem bei Protestbewegungen im Libanon aktiv. Foto: Ali Hashisho

Frauen sind das Herz der Proteste im Libanon. Sie heizen die Menge mit Megafonen an, stellen sich Polizist*innen entgegen und bestärken ihre Kinder, gegen die korrupten Politiker auf die Straße zu gehen.

Von Julia Neumann, Beirut / Saida

Seit dem 17. Oktober schwänzt Dima Elayache ihre Seminare. Die 22-jährige Libanesin studiert Architektur an der Amerikanischen Universität in Beirut, aber Thawra – die Revolution, wie sie im Libanon zu den Protesten sagen – ist wichtiger. Deshalb steht sie vor dem Eingangstor der Universität, hinter ihr ein Banner, auf dem „Studierendenstreik“ steht. „Unsere Eltern und Großeltern haben die Politiker gewählt und wir hatten kein Mitspracherecht. Es ist Zeit für einen Wandel“, sagt Elayache. Sie nimmt das Handmikrofon und brüllt hinein: „Wir sind die Revolution, ihr seid der Bürgerkrieg!“ Ihre Stimme schallt aus dem angeschlossenen Megafon, knapp 200 Studierende wiederholen ihre Worte.

Die Studentin Dima Elayache ist eine von vielen Frauen, die die Studierendenproteste anführen (Foto: Julia Neumann).

Im Libanon protestieren Hunderttausende der knapp sechs Millionen Einwohner*innen gegen die korrupten Politiker. Diese sind seit dem Ende des Bürgerkrieges vor 30 Jahren an der Macht. Die führenden politischen Köpfe sind ehemalige Milizführer, die in ihre eigene Tasche wirtschaften und den Libanon an den Rand eines Staatsbankrotts gebracht haben. Im ganzen Land gehen die Menschen auf die Straße; in Tripoli im Norden spielen DJs abends auf dem größten Platz der Stadt, in Beirut beschallen Autos mit Boxen den Märtyrerplatz. Es fühlt sich wie eine große Party an – wären da nicht auch Straßenblockaden, Streiks von Bankangestellten, Ärzt*innen, Schüler*innen und den Studierenden.

„Wir fordern den Niedergang des Systems“, sagt Dima Elayache. „Damit meinen wir vor allem dem Patriachat, das Frauen keine vollen Rechte garantiert, rassistisch und homophob ist.“ Frauen machen einen großen Teil der Revolution aus. Und es ist nicht das erste Mal, dass Frauen Proteste im Libanon anführen. Doch zum ersten Mal sind sie in solcher Breite aktiv. Sie sammeln am Morgen nach den Demonstrationen den Müll auf, sprühen Graffitis an Wände und organisieren offene Diskussionen auf dem zentralen Märtyrerplatz. Sie wechseln sich mit der Kinderbetreuung ab, damit sie an dem Geschehen teilnehmen können und klopfen auf ihren Balkonen mit Löffeln auf Töpfen, um Lärm zu machen, wenn sie mal nicht draußen sein können.

Frauen erobern den öffentlichen Raum

Die libanesische Zeitung „Annahar“ widmete ihnen eine Ausgabe und änderte darin den Text der Nationalhymne in einer Zeile, die sich sonst nur auf Männer bezieht: „Unsere Felder und Berge bringen Männer und Frauen hervor.“ Ein Onlineartikel des „Daily Star“ über die Rolle der Frauen wurde nach Angaben des Chefredakteurs am häufigsten von allen Artikeln über die Proteste angeklickt. Die führende Rolle der Frauen sei „keine Überraschung“, schreibt Lama Fakih, die Direktorin für Krisen und Konflikte von Human Rights Watch in Beirut. Sie führten seit langem die Protestbewegungen im Land an. Auch internationale Medien erkennen immer mehr, wie aktiv Frauen am Geschehen beteiligt sind. „Frauen haben auf natürliche Weise ihren Platz im öffentlichen Raum beansprucht, nicht nur in traditionellen Rollen, auf feministische Themen beschränkt“, sagte Carmen Geha, Aktivistin und Assistenzprofessorin an der Amerikanischen Universität in Beirut gegenüber CNN.

Maria Mouawad: Mit Körpereinsatz gegen die Polizei

Ortswechsel: Vor einer Brückenauffahrt in der Innenstadt sitzt Maria Mouawad. Die 23-Jährige hat müde Augen und blaue Flecken. Seit Tagen ist Mouawad auf der Straße – genau hat sie die nicht gezählt, denn die Ereignisse verschwimmen in ihrem Gedächtnis. Im Libanon zählen viele nur die Tage nach dem Beginn der Aufstände. Vor der Brückenauffahrt türmen sich Matratzen unter Partyzelten. Ein Teppich ist ausgerollt, darauf Sessel und ein Kühlschrank. Mouawad hat ein Zelt mitgebracht, aber kaum darin geschlafen. „In der Nacht gehen die meisten Leute nach Hause. Aber wir bleiben wach, damit die Straßenblockade bleibt. Niemand kommt durch, bis nicht alle Politiker zurücktreten.“

Sie berichtet von einem Geschehen vor einigen Tagen. „Wir waren vier oder fünf Frauen, und die Polizei wollte die Brücke öffnen. Wir standen direkt vor ihnen, haben eine Kette gebildet und uns eingehakt.“ Ihre Freundin ist noch immer heiser, wie sie sagt, weil sie den Polizisten „Frieden!“ entgegengeschrien hat. Maria Mouawad schiebt den Ärmel ihres T-Shirts hoch und zeigt auf ihre blauen Flecken am Oberarm. „Sie haben mich geschlagen. Polizisten dürfen Frauen nicht anpacken – aber sie haben uns trotzdem mit Gewalt auseinandergezerrt.“

Tagelang hat Maria Mouawad (rechts) die Straße blockiert.

Während die Protestierenden sich bemühen, die Bewegung friedlich zu halten, bewegt sich die Strategie des Militärs zwischen Solidarität und dem gewaltsamen Auflösen der Blockaden. Manche geben den Aufständischen die Hand, andere zerschlagen ihre Blockaden mit Stöcken. „Frauen sind die Grenze zwischen Polizei und gewaltbereiten Menschen. Sie verteilen kostenlos Essen oder beruhigen die Situation, wenn es zu Streit kommt.“ Mütter haben sich zu Initiativen zusammengeschlossen, Zelte gespendet und kostenfreies Essen verteilt. Feministische Gruppierungen organisieren strategische Treffen und Demonstrationszüge zur Mittagszeit – um Präsenz zu zeigen, wenn andere arbeiten müssen.

Obwohl sie Angst vor der Gewalt der Polizei und des Militärs haben, ist ihre Wut stärker. „Bisher waren wir friedlich, aber wenn die Politiker nicht alle zurücktreten, wird es nicht so rosig bleiben“, prognostiziert Maria Mouawad. Zum heroischen Symbol der Proteste wurde eine wütende Frau: Als der Bildungsminister von Aufständigen umringt wurde, feuerte sein Bodyguard mit einem Gewehr in die Luft. Malak Alaywe Herz versetzte ihm daraufhin einen gekonnten Tritt in seine Leiste. Ein Video dieser Szene und Illustrationen des Tritts gingen viral.

Am ersten Tag der Aufstände demonstrierten in der Innenstadt Beiruts spontan hunderte Menschen, nachdem der Kommunikationsminister eine Steuer auf die Nutzung des Nachrichtendienstes WhatsApp angekündigt hatte. Eine vermeintlich kleine Sache, doch die große Wirkung entfaltete sich durch die aufgestaute Wut über Stromknappheit, untrinkbares Leitungswasser, explodierende Mieten, horrende Telefongebühren und eine wirtschaftspolitische Elite, die Anteile am Strom-, Bau- und Kommunikationssektor hält; die dem Land durch Korruption Geld entzieht und dann Steuern zulasten der Armen eintreibt. Die Unzufriedenen versammelten sich vor dem Regierungsgebäude. Die Polizei setzte Tränengas ein.

Hiba Barakji: Kampf für das Recht, Teil der Gesellschaft zu sein

Hiba Barakji ist seit dem ersten Tag dabei. Im Herzen der Innenstadt stehen Partyzelte zivilgesellschaftlicher Organisationen, feministischer Vereinigungen und säkularer Parteien. House-Musik beschallt den Platz. Die 28-jährige Hiba Barakji trägt ein Palästinensertuch. Obwohl ihre Mutter Libanesin ist, hat Barakji nur einen palästinensischen Pass. „Ich kann meine Staatsbürgerschaft nicht von meiner Mutter bekommen“, sagt sie. „Seit ich jung bin, kämpfe ich für dieses Recht, und darum bin ich hier.“

Nur Väter können ihre libanesische Staatsbürgerschaft an ihre Kinder weitergeben. Menschen mit palästinensischer Staatsbürgerschaft werden im Libanon diskriminiert. Sie können keine Grundstücke kaufen oder dürfen nicht alle Berufe ausüben, beispielsweise nicht als Anwält*innen arbeiten. Auch wenn Barakji in einer internationalen Nichtregierungsorganisation arbeitet und Steuern zahlt, profitiert sie nicht von der staatlichen Krankenversicherung.

In der Stadt Saida im Süden des Libanons stellen sich Frauen dem Militär entgegen (Foto: Ali Hashisho).

„Wir drängen auf Gesetze, aber niemand erhört uns“, sagt Barakji. „Ich bin hoffnungsvoll, dass wir eine neue Regierung bekommen und sich das ändert.“ Die Forderung einer neuen, technokratischen und säkularen Regierung lässt Platz für Träume: Die Menschen drängen auf das Ende des Konfessionalismus. Ein säkularer, weltoffener Libanon wäre demokratisch, feministisch, umweltfreundlich und garantierte Rechte für alle Mitglieder der Gesellschaft.

Die Protestierenden scheinen sich in den Forderungen einig: Sie wollen den Rückzug aller politischen Köpfe und eine unabhängige, technokratische Übergangsregierung, die Neuwahlen organisiert und das konfessionelle Wahlrecht abschafft. Schnelle Neuwahlen und am besten noch schnellere Reformen, die das Land aus der finanziellen Krise navigieren. Einige unabhängige Parteien gibt es bereits, die zur Wahls stehen könnten: Die Partei Sabaa hat bereits bei den vergangenen Wahlen konfessionsunabhängige Kandidat*innen gestellt, auch Beirut Madinati, ein Zusammenschluss aus Technokrat*innen, steht bereit.

Nivin Hashisho: Säkulare Aktivistin aus Saida

Hochburgen der Aufstände sind die Städte Tripoli und Saida wo viele Sunniten wohnen. Einige kommen vor allem zu den Demonstrationen, weil sie es ungerecht finden, dass der sunnitische Ministerpräsident Hariri zurückgetreten ist, während der schiitische Parlamentssprecher und der maronitische Präsident weiter an der Macht sind.

„Der konfessionelle Virus hat wieder zugeschlagen“, sagt Nivin Hashisho von der linken Demokratischen Volkspartei. „Aber wir sagen den Leuten, dass es nicht nur um Saad Hariri geht. Alle Anführer müssen weg.“ Die 37-Jährige wohnt in der südlichen Stadt Saida, arbeitet als Versicherungsvertreterin und hat zwei Kinder, die sie nicht religiös erzieht. Manchmal käme der Sohn aus der Schule und frage, an welchen Gott er glauben solle. Hashisho antwortet dann, dass er sich seine eigenen Gedanken machen könne.

„Der Präsident hat eine Gegendemonstration organisiert. Wir müssen heute viele sein, um dieser konfessionellen Veranstaltung etwas entgegenzusetzen“, sagt Hashisho. Seit 22 Jahren gehört sie der linken Partei an und rebelliert gegen das konfes­sionelle System im Libanon. „Vorher haben uns die Leute immer gleich als Kommunisten abgestempelt, gesagt, das sei nicht realistisch und eine vergangene Ära. Aber jetzt haben sich die Menschen vereint.“

 

Das politische System im Libanon: Die Religion entscheidet

Im Libanon leben 18 anerkannte Religionsgemeinschaften. Das politische System ist entlang dieser religiösen Gruppen ausgerichtet. Deren Vertreter*innen gelten als die Repräsentant*innen der Konfessionszugehörigkeiten und haben umfangreichen Einfluss auf das Personenstandsrecht, Erbrecht und Bildungseinrichtungen. Daher ist es beispielsweise unmöglich, im Libanon zivil zu heiraten. Vorstöße zu Reformen dieser Gesetze wurden mit dem Argument abgetan, sie würden die fragile Balance der Konfessionen ins Wanken bringen. Referenz ist dabei der Bürgerkrieg von 1975 bis 1990.

 

Julia Neumann
Von Julia Neumann , Beirut

Julia Neumann (27) berichtet als freie Korrespondentin aus dem Libanon. Sie beschäftigt sich mit den Kulturen und Gesellschaften Westasiens und Nordafrikas und recherchiert vor allem zu Genderthemen, Migration und Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Sie hat Journalistik in Dortmund, Internationale Politik in Ifrane (Marokko), Soziologie und Geschichte des Vorderen Orients in Erfurt und Beirut studiert. Mehr unter: www.neumannjulia.de.

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