Die Grenzen der Biologie sprengen, später im Leben Kinder kriegen, Baby trotz Unfruchtbarkeit: Egg Freezing und Kinderwunschbehandlungen machen es möglich. Doch hinter der Medizin steht ein Markt. Der wird in Taiwan gewinnorientiert erschlossen und wirbt zunehmend um internationale Patient*innen.
Zusammenfassung:
Immer mehr Frauen lassen in Taiwan Eizellen einfrieren – als Absicherung gegen die biologische Uhr. Kliniken bieten vergleichsweise günstige, hochmoderne Behandlungen und werben gezielt um internationale Patientinnen. Für viele bedeutet Social Freezing mehr Selbstbestimmung und Zeit für Lebensentscheidungen. Gleichzeitig wächst eine lukrative Industrie, während ethische Fragen, ungleicher Zugang und rechtliche Hürden für unverheiratete oder queere Frauen bestehen bleiben.
Von Carina Rother, Taipei
Eizellen einfrieren, um auch dann noch Kinder bekommen zu können, wenn die biologische Uhr schon abgelaufen ist – in Taiwan sei das total angesagt, sagt Jennifer Woo. Woo ist nicht ihr richtiger Name. Die 40-jährige Steuerberaterin möchte mit ihrer Entscheidung nicht an die Öffentlichkeit gehen, obwohl sie den Schritt zum Eggfreezing keinen Moment bereut hat. „Alle um mich herum haben es gemacht. Es war eine dieser ‚Warum denn nicht?‘-Entscheidungen“, sagt sie fünf Jahre nach dem Eingriff.
Dafür wird über einen Zyklus hinweg die Heranreifung von Eizellen im Eileiter medikamentös stimuliert. Die reifen Eizellen werden dann mit einer feinen Nadel aus dem Eileiter entnommen und bei -196° Grad eingefroren. So können sie auch Jahre später noch aufgetaut, befruchtet und in die Gebärmutter eingesetzt werden. Eine Schwangerschaft wird so bis jenseits der Wechseljahre möglich.

Eizellen einfrieren als Absicherung
Wenn der Eingriff wie bei Woo ohne medizinischen Grund – wie zum Beispiel einer bevorstehenden Chemotherapie, die Fruchtbarkeit schädigt – geschieht, wird er auch „Social Freezing“ genannt. Der ist in Taiwan vergleichsweise günstig: Rund 3.300 Euro für einen Zyklus, dazu 270 Euro Einlagerungsgebühren pro Jahr. In Deutschland sind mit 4.000 Euro zu rechnen. In den USA, wo Woo einen Großteil ihrer Jugend verbracht hat, wäre es mehr als doppelt so viel.
Sie berichtet, dass viele amerikanische Freundinnen mit asiatischen Wurzeln mit Anfang 30 nach Taiwan gereist sind, um die Behandlung durchzuführen. Woo begründet den Schritt mit einem kulturell geprägten Pragmatismus: Einerseits sei es in taiwanischen Familien wichtig, Kinder zu bekommen und die Familie fortzuführen, andererseits wollen Frauen nicht durch ihre biologische Uhr überstürzt in die Familiengründung gedrängt werden. „Mit klarem Kopf in die Partnersuche gehen zu können und zu wissen, wann man finanziell und emotional bereit für ein Kind ist, gab mir als Frau ein sehr befreiendes Gefühl“, sagt sie.
Am Ende brauchte sie ihr Sicherheitsnetz, wie sie ihre eingefrorenen Eizellen nennt, gar nicht. Mit ihrem Mann klappte die Familiengründung auf natürlichem Weg, da war Woo 37 Jahre alt. Aber es sei ein tolles Gefühl zu wissen, dass sie ihrem Kind unabhängig von ihrem Alter noch Geschwister schenken könne, sagt sie.

Fruchtbarkeitsbehandlung „on the go“
Die taiwanischen Kliniken, die Social Freezing und andere reproduktivmedizinische Behandlungen, wie In-Vitro-Befruchtung (kurz IVF oder auch „Kinderwunschbehandlung“) anbieten, präsentieren sich als serviceorientierte Wohlfühlorte. Blutproben werden am Empfang entnommen, die Labor-Auswertung liegt 40 Minuten später beim ärztlichen Gespräch schon bereit. Manche wollen wie Woo ihre Eizellen einfrieren, andere suchen Rat bei Unfruchtbarkeit.
Den Frauen und Paaren, die in die Klinik kommen, wird eine persönliche Ansprechpartnerin (fast immer weiblich) mit Pflegeausbildung an die Seite gestellt, die im ständigen Chat-Austausch mit ihnen steht. Möglichst viele Bestandteile der Behandlung werden remote abgewickelt, also ohne dass Patient*innen in der Praxis vorstellig werden müssen.
Nicht zuletzt, um die Fruchtbarkeitsbehandlung für Menschen im Ausland attraktiver zu machen. Denn der internationale Markt wird für die Branche immer wichtiger. Taiwans Bevölkerung von 23 Millionen Menschen, mit einer Geburtenrate von rund 0,9 Kindern pro Frau – eine der niedrigsten weltweit – stellt eine natürliche Grenze für das Wachstum des Markts mit der Reproduktionsmedizin dar.
Die Kommerzialisierung der Reproduktionsmedizin, verbunden mit Taiwans prekärer demografischer Lage, schafft ein Klima, in dem die ethische Debatte zu kurz kommt: Ist es wünschenswert, das Kinderkriegen problemlos ins mittlere Alter verlegen zu können? Wie gerechtfertigt ist das Social Freezing – immerhin ein teurer medizinischer Eingriff – wenn, wie in Taiwan, nur acht Prozent der eingefrorenen Eizellen tatsächlich verwendet werden? Wenn Frauen mit Kinderwunsch angesichts einer unverbindlichen Datingkultur und einem familienfeindlichen Arbeitsmarkt im Social Freezing eine Absicherung suchen, dient die Behandlung dann noch den Interessen der Frauen?

Immer mehr ausländische Kund*innen
Von diesen Fragen ist wenig zu hören. Auch, weil Taiwans Gesellschaft Innovation, Technologie und Biotechnologie generell sehr offen gegenübersteht. Der Boom der Branche ist für die Anbieter ein Aushängeschild. Einer von ihnen, das „Stork Fertility Center“, textete einmal auf seiner Webseite: „Jedes 14. IVF-Baby in Taiwan kommt von Stork.“ Die Klinik gibt außerdem an, in den letzten zehn Jahren mehr als 3.000 Ausländer*innen betreut zu haben. In ihrer Statistik laufen sie unter „Kund*innen“.
Allein im Jahr 2024 behandelte Stork 353 Personen aus 14 Ländern außerhalb Taiwans, was 22 Prozent aller Fälle in diesem Jahr ausmachte. Mehr als die Hälfte davon kam aus Hongkong, gefolgt von Japan, China, im Ausland lebenden Taiwaner*innen, Macau und Singapur.
Für Patient*innen aus den Nachbarländern ist IVF in Taiwan besonders attraktiv: Die Behandlung hat in Taiwan eine Erfolgsquote vergleichbar mit dem Weltführer USA, und ist bis zu 60 Prozent günstiger als in vielen umliegenden Ländern. Die Gründe sind Taiwans niedrige Lohn- und Lebenshaltungskosten kombiniert mit medizinischer und wissenschaftlicher Exzellenz.
Aber Kosten und Qualität sind nicht die einzigen Faktoren, die ausländische Patient*innen nach Taiwan bringen, sagt Gynäkologin Cindy Chan. Sie praktiziert im „NUWA Fertility Center“ und ist dort auch Leiterin der Abteilung für internationale medizinische Dienstleistungen. Oft sind es rechtliche Beschränkungen der Heimatländer, die Patient*innen nach Taiwan führen. Im Fall von künstlicher Befruchtung fehlt in manchen Ländern der Zugang zu Spender-Erbgut oder die genetischen Tests, die Embryos mit den besten Überlebenschancen herausfinden, sind verboten. Nicht so in Taiwan.
„Es ist heutzutage alles sehr patientenfreundlich“, sagt die Ärztin. „Wir können den Behandlungszyklus inklusive der Medikamente so planen, dass Patientinnen diese bereits in ihrem Heimatland einnehmen und dort mit der Behandlung beginnen können. Anschließend kommen sie nur noch für den eigentlichen Eingriff zurück“, erklärt Chan. Die Praxis bietet Individualbetreuung auf Japanisch, Englisch, Kantonesisch und seit neuestem Indonesisch an. Zehn Prozent ihrer Patient*innen kommen heute schon aus dem Ausland, sagt die Gynäkologin, und NUWA wolle die Zahl jedes Jahr um fünf Prozent steigern.
Manche sind außen vor
Aber auch in Taiwan gibt es gesetzliche Hürden, die manche Personen von der Behandlung ausschließen. Das Gesetz, das Reproduktionsmedizin regelt, ist aus dem Jahr 2007 und sieht weder IVF-Behandlungen für unverheiratete Frauen noch für lesbische Paare vor.
Das hat Kirsten Klitsch sehr zu denken gegeben, als sie vor der Frage stand, ob sie ihre Eizellen in Taiwan einfrieren sollte. Die Londonerin mit deutschen Wurzeln lebte zu der Zeit in Taipei und hatte sich gerade von ihrem Freund getrennt – nach sieben Jahren Beziehung. Sie war 37 Jahre alt und noch nicht bereit, die Möglichkeit ganz aufzugeben, irgendwann ein eigenes Kind zu haben.
In der Sprechstunde wurde sie darüber aufgeklärt, dass die Eizellen zwar eingefroren werden können. Befruchten könne Klitsch sie in Taiwan aber nur mit dem Sperma ihres potenziellen Ehemannes. Die Alternative wäre, ihr Erbgut für viel Geld ins Ausland zu überführen. „Es war keine schöne Erfahrung, ständig daran erinnert zu werden, dass man unbedingt einen Ehemann braucht. Es fühlte sich fast wie eine Strafe dafür an, dass ich nicht durchgehalten und die Beziehung weitergeführt hatte“, erinnert sich Klitsch, die Taiwan nach fast einem Jahrzehnt inzwischen verlassen hat.

Selbstbestimmung versus Kapitalismus
Dennoch entschloss sie sich, ihre Eizellen kurz vor dem Wegzug in Taiwan einzufrieren. Es war günstig und praktisch, und sie hielt sich damit alle Optionen offen. „Ich bin immer noch froh, dass ich es getan habe“, sagt sie zwei Jahre nach dem Eingriff. „Ich war einfach nicht in der Lage, darüber nachzudenken, ob ich Kinder möchte oder nicht. Und dadurch hatte ich Raum und Zeit, das hinauszuzögern. Es hat mir innere Ruhe verschafft.“
Ob sie ihre Eizellen jemals wieder auftauen wird, weiß sie noch nicht. Dass das Einfrieren als reine Absicherung für die Kliniken ein lukrativer Markt ist, ist Klitsch bewusst. Ihre Klinik akzeptierte nur Barzahlungen, erzählt sie. „Es ist schon eine Menge Geld, die man da mit sich herumträgt. Jedes Mal, wenn ich im Wartezimmer saß, konnte ich im Hintergrund eine Maschine die ganzen Scheine zählen hören.“ Für sie kein Grund, Fruchtbarkeitsbehandlungen abzulehnen. Stattdessen wünscht sie sich gerechten Zugang zur Behandlung, unabhängig vom Einkommen, faire Gesetze und bessere Aufklärung über die Erfolgschancen.
„Ich denke, wir haben da eine wirklich seltsame Situation geschaffen, in der Kapitalismus und Feminismus und die Ängste der Menschen sich irgendwie verflechten“, lautet Klitschs Fazit. „Einerseits ist Social Freezing ermächtigend, andererseits gibt es Risiken und Bedenken, über die wir auch sprechen müssen.“ Diese Gespräche kommen schnell zu kurz, wenn es vor allem darum geht, den Marktanteil zu steigern und Behandlungen wie Social Freezing als Lifestyle-Entscheidung zu bewerben.

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