Ana Lucía de la Garza
Die Frau für den Überblick

Die 36-jährige Ana Lucía de la Garza ist in Mexiko Direktorin der epidemiologischen Forschungsabteilung des Gesundheitsministeriums.

Vor der Corona-Pandemie kannte kaum ein Mensch in Mexiko Ana Lucía de la Garza Barroso. Das Virus katapultierte die Funktionärin des Gesundheitsministeriums ins Rampenlicht. Ein Porträt.

Von Katharina Wojczenko, Bogotá

Der „mexikanische Christian Drosten“ ist eindeutig der Chef-Epidemiologe der mexikanischen Regierung, Hugo López-Gatell, mit seiner täglichen Corona-Infostunde. Aber als Ana Lucía de la Garza Barroso im März in dieser live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz das erste Mal als Expertin auftauchte, stand das halbe Land Kopf.

Verschränkte Arme, schwarzer Blazer, auf dem Kopf einen Undercut mit schräger Tolle: Schon rein optisch fiel de la Garza mit ihrem Businesspunk-Look aus der Reihe. Das Ganze verband sie mit einer freundlichen Professionalität. Der Auftritt der 36-jährigen Direktorin der operativen epidemiologischen Forschungsabteilung des Gesundheitsministeriums löste bei den Mexikaner*innen regelrechte Begeisterungsstürme aus.

 

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Die einheimischen Medien diagnostizierten den Mexikaner*innen einen „Crush“: Hals über Kopf verliebt hätten sich die Landsleute. Laut der herzchengespickten Kommentare in den sozialen Medien gab es dafür drei Hauptgründe: Zum einen, weil endlich einmal eine Frau auf prominentem Posten im Gesundheitsministerium bei der Pressekonferenz zu sehen war. Zum anderen, weil sie von de la Garzas Schönheit schwärmten – Fotomontagen erklärten die Epidemiologin mehrfach zur mexikanischen Doppelgängerin von Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson. Und nicht zuletzt wegen ihrer Kompetenz. Als das Magazin „Forbes“ im Juni die 100 mächtigsten Frauen Mexikos kürte, war unter den dreien im Bereich Gesundheit auch de la Garza.

„Gestern stellte sich Doktorin Ana Lucía de la Garza Borroso in der Konferenz vor. Sie ist Direktorin der operativen epidemiologischen Forschungsabteilung und koordiniert die Verfolgung der Ausbreitung des Coronavirus auf der Welt, vor allem in unserem Land. Wie viele Frauen kennen wir in Führungspositionen? Die Welt muss sich ändern, mit Gleichberechtigung, Einbeziehung und Engagement“, jubelte das Museum für Erinnerung und Toleranz nach de la Garzas Auftritt auf Twitter.

Wer glaubt, dass sich Ana Lucía de la Garza von dem Trubel um ihre Person beeindrucken ließe, hat sich getäuscht. Im Video-Interview ist sie wie in der Pressekonferenz: wahnsinnig professionell und freundlich. Nach wochenlangen Nachfragen bei der Pressesprecherin hat sie sich 30 Minuten Zeit genommen. Danach ist klar, weshalb in den Medienberichten über – sie abgesehen vom Lebenslauf – nichts Persönliches steht: De la Garza konzentriert sich vollkommen auf die Kommunikation ihrer Arbeit – und nimmt dabei sie das Wort „ich“ selbst kaum in den Mund, sondern betont immer wieder die Leistungen ihres Teams.

Ana Lucía de la Garza stammt aus Mexiko-Stadt, mit der dazugehörigen Metropolregion ein riesiger Ballungsraum mit mehr als 22 Millionen Einwohner*innen. Unter Menschen zu sein ist de la Garza seit ihrer Kindheit also gewohnt. „Es war mir immer wichtig, in Kontakt mit Menschen zu sein, rauszugehen, sie kennenzulernen, mich unter ihnen zu bewegen“, sagt sie.

Die Medizin liegt in der Familie: Die Mutter ist Ärztin, der Vater ist Arzt. Dass sie selbst im Bereich Epidemiologie arbeiten wollte, merkte sie im letzten Jahr ihres Medizinstudiums, in dem die Studierenden in Mexiko den Sozialdienst leisten müssen. De la Garza entschied sich, in armen Gemeinden im Staat Mexiko beim ambulanten Gesundheitsservice mitzuhelfen, wo die Bevölkerung versorgt wird. „Es interessiert mich besonders, mit Menschen draußen direkt zu arbeiten. Deswegen habe ich mich für die Epidemiologie entschieden.“ Also der Disziplin, die sich – anders als die klinische Medizin – nicht mit der Erkrankung des Einzelnen, sondern mit ansteckenden Massenerkrankungen beschäftigt.

Spezialisierung auf Epidemiologie

Nach dem Medizinstudium spezialisierte sie sich darin. Außerdem hat sie einen Masterabschluss in öffentlichem Gesundheitswesen mit Schwerpunkt öffentliche Verwaltung. Seit elf Jahren arbeitet sie in der Generaldirektion für Epidemiologie. „Da habe ich schon viele Epidemien erlebt wie Zika, Chikungunya und den Influenza-Ausbruch von 2009. Ich musste auch Katastrophen managen, meteorologische Krisen und Erdbeben.“

Seit April 2019 leitet Ana Lucía de la Garza als Direktorin die operative epidemiologische Forschungsabteilung im Gesundheitsministerium. Zuvor promovierte sie mit einer Arbeit, die den Einsatz von Big Data aus Social Media gegen die Zika- und Chikungunya-Epidemien 2016 untersuchte. Ihr Doktorvater war Chef-Epidemiologe López-Gatell. „Ich kümmere mich zusammen mit einem großen Team darum, alle Krankheiten im Blick zu haben, die ein Risiko für die Bevölkerung sein könnten“, sagt sie. „Wir überwachen nicht nur Covid, sondern jedes Risiko – sei es chemisch, biologisch oder radionuklear.“

Außerdem ist sie in der Arbeitsgruppe, die sich um alle internationalen Kontakte kümmert, zum Beispiel mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie und ihr Team müssen alles im Blick behalten, 24 Stunden und sieben Tage die Woche. „Wir schauen uns alle Quellen an. Wenn die Medien über einen Ausbruch in einem Krankenhaus berichten, dann fällt das unserer ständigen Überwachung auf. Diese Informationen überprüfen unsere internen Epidemiologen. In einem weiteren Schritt informieren wir die Behörden.“

Die nationalen und internationalen Daten fließen in den täglichen Bericht ein, der in der abendlichen Pressekonferenz vorgetragen wird – und bei der Ana Lucía de la Garza schlagartig bekannt wurde. Zu ihrer neuen Popularität sagt sie schlicht: „Ich hatte die Chance, in der täglichen Konferenz den internationalen Überblick vorzustellen, wofür ich sehr dankbar bin. Seitdem habe ich weiter meine Arbeit gemacht.“

Geringer Frauenanteil in der Wissenschaft

Frauen sind mit nur 36,2 Prozent in der mexikanischen Wissenschaft in der Minderheit. (Stand 2016: https://www.elmundodelaeducacion.mx/revista/libros/item/el-sistema-nacional-de-investigadores-en-numeros). Damit liegt Mexiko beim Frauenanteil ziemlich am Ende in Lateinamerika. In Deutschland beträgt der Frauenanteil allerdings gerade einmal 28 Prozent (Stand 2015: http://uis.unesco.org/sites/default/files/documents/fs55-women-in-science-2019-en.pdf).

„Es gibt viele Anstrengungen in Mexiko, um mehr Mädchen in die Wissenschaft zu bekommen“, sagt Patricia Rodil García, Gründerin und Direktorin der Wissenschaftlerinnen-Vereinigung „Científicas Mexicanas“. Sie arbeitet derzeit an einer Studie zu den Gründen, weshalb Frauen in der Minderheit sind. In Gesprächen hätten diese als Hindernisse für eine wissenschaftliche Karriere vor allem den Sexismus und Belästigungen innerhalb der Einrichtungen und die Diskriminierung von Mutterschaft genannt.

„Institute und Forschungszentren fragen bei der Vergabe von Postdoc-Stellen gezielt nach, ob die Frau schwanger ist oder Kinder bekommen möchte – obwohl das verboten ist“, sagt Rodil García. Wenn es um Feldforschung gehe, würden Frauen oft nicht eingeladen, auch unter dem Vorwand, dass das für sie zu anstrengend sei. Gerade in Machtpositionen seien Frauen rar. Das erkläre, warum der Auftritt von Ana Lucía de la Garza für ein so großes Echo sorgte. „Auch in der Wissenschaftsgemeinschaft erfuhr sie dafür viel Anerkennung“, sagt García. „Sie war gut vorbereitet, trug sicher vor, gab sehr gute Antworten.“

Ana Lucía de la Garza erklärt im Interview: „Auch wenn meine Teilnahme womöglich zu einer besonderen Situation geführt hat, ist es wichtig zu erwähnen, dass es in Mexiko viele Frauen gibt, die sich derzeit um das Thema Coronavirus kümmern. Im Gesundheitsministerium haben sie Schlüsselpositionen inne und im Team des Ministeriums sind viele talentierte Frauen, die jeden Tag an der Beseitigungen der gesundheitliche Probleme arbeiten. Ich bewundere und respektiere sie sehr für ihre Arbeit.“ Was sie außerdem betont: „Es ist wichtig, sichtbar zu sein und einander zu unterstützen, zu zeigen, wo sich all die großen Frauen befinden, die im Gesundheitswesen arbeiten, die sich um die Patient*innen kümmern. Viele sind Ärztinnen, Krankenschwestern, in der Verwaltung. Sie alle unternehmen große Anstrengungen.“

 

Diese Recherche wurde mit Mitteln des WPK-Recherchefonds gefördert. Das Porträt ist der vierte Teil einer Serie von sechs internationalen Virolog*innen, die wir in den nächsten Wochen vorstellen werden. Wir möchten damit den Blick weiten und aufzeigen, welche Wissenschaftler*innen in anderen Ländern tonangebend sind und den öffentlichen Diskurs maßgeblich mitbeeinflussen.

 

Der erste Covid-19-Fall wurde in Mexiko am 27. Februar 2020 bekannt. Während die Expert*innen im Gesundheitsministerium bereits zu Abstand und Daheimbleiben rieten, reiste Präsident Andrés Manuel López Obrador noch quer durch das Land, umarmte Kinder und genoss das Bad in der Menge. Eine strenge Quarantäne, die kontrolliert wurde, gab es lange nicht – Mexiko setzte vor allem auf freiwilliges Zuhause bleiben und das Verbot von Massenveranstaltungen.

Bereits im Mai starteten die Mexikaner*innen in die laut Präsident Andrés Manuel López Obrador „neue Normalität“: gemeint war die schrittweise Wiederankurbelung der Wirtschaft. Zuerst durften Gemeinden mit wenigen oder keinen positiven Fällen wieder mit ersten Aktivitäten beginnen. Mitte Mai begann die Implementierung der Sicherheitsprotokolle für die Unternehmen und die Schulung des Personals. Dazu gehören Mundschutzpflicht, Abstand, Desinfektionsmittelspender im Eingang. Anfang Juni folgte die allgemeine Öffnung der Wirtschaft mit einem Ampel-System: Je nach Fall-Zahl kann das auch wieder eine Begrenzung bedeuten.

Die Zahlen belegen, dass die Strategie der Regierung nicht aufgeht. Bei der Gesamtzahl der Toten liegt Mexiko weltweit auf Platz drei – hinter den USA und Brasilien. Bei den Toten pro 100.000 Einwohner*innen belegt Mexiko mit 128 Millionen Einwohner*innen Platz 6 (Stand: 5.8.2020; https://coronavirus.jhu.edu/data/mortality). Ein Grund dafür: Mexiko liegt bei chronischen Krankheiten wie Übergewicht, Fettsucht, Diabetes und Bluthochdruck weltweit mit an der Spitze. „Wir wissen, dass diese Krankheiten das Risiko für einen schweren Covid-Verlauf steigern“, sagt de la Garza.

Zeichentrickfigur Susana Distancia.

Mittlerweile sind laut offizieller Zählung mehr als 50.000 Menschen im Land an Covid-19 gestorben und haben sich knapp 500.000 infiziert. Die Zahlen sind grob geschätzt, weil Mexiko auf ein umstrittenes Modell namens „Wachposten“ setzt, das den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation widerspricht. Mexiko gehört zu den Ländern weltweit, die am Wenigsten testen. Auf Basis von wenigen Tests an bestimmten Punkten wird eine Hochrechnung erstellt – ähnlich wie bei Meinungsumfragen. „Wir gehen davon aus, dass diese Epidemie noch Monate dauern wird“, sagt de la Garza.

Ob sie in der Zeit zum Vorbild für mexikanische Mädchen werden könnte, dazu kann Rodil García keine Prognose abgeben. Die Ausstrahlungen der täglichen Pandemie-Pressekonferenz, die sich gezielt an Kinder richteten, leitete Chef-Epidemiologe Hugo López-Gatell im männlichen Alleingang. Und de la Garza ist nach einem weiteren Auftritt in einer rein weiblichen Expertinnenrunde bei der abendlichen Pressekonferenz nur noch sporadisch in der Öffentlichkeit erschienen.

Die prominenteste Frau in Mexiko in Zeiten von Corona bleibt wohl daher eine langhaarige Brünette im hautengen Superheldin-Outfit. Die Aufklärungsspots mit Susana Distancia – „sana distancia“ ist der überall geforderte „gesunde Abstand“ – strahlt sogar der mexikanische Disney-Kanal aus.

 

Weitere Artikel unserer 6-teiligen Virolog*innen-Serie:

Teil 1: Dmitrij Konstantinowitsch Lwow (Russland)

Teil 2: Peter Piot (Belgien)

Teil 3: Ilaria Capua (Italien)

 

Katharina Wojczenko
Von Katharina Wojczenko , Bogota

Katharina Wojczenko (35) hat in Köln, Madrid und Paris studiert und anschließend als Reporterin bei den bayerischen Regionalzeitungen „Passauer Neue Presse“, „Main-Echo“ und „Nordbayerischer Kurier“ gearbeitet. Ihre Schwerpunkte sind soziale und gesellschaftspolitische Themen. Seit Herbst 2017 ist sie als freie Journalistin und Übersetzerin in Kolumbien unterwegs, weil sie dieses verrückte Land einfach nicht loslässt.

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