Zu arm, um in Würde zu sterben
Krebs und kein Geld

Der Arzt Luboyera verabreicht der Krebspatientin Fefeer Flüssigmorphium. Fotos: Simone Schlindwein

Ostafrikas einziger Apparat für die Strahlentherapie gegen Krebs ist kaputt. Diese Tatsache  wirft ein Licht auf das komplett marode Gesundheitssystem. Eine 81-jährige Nonne aus Irland stellt nun in Ugandas einzigem Hospiz kostengünstig flüssiges Morphium her, um den Todkranken wenigstens das Sterben erträglicher zu machen.

Von Simone Schlindwein, Uganda 

Bis auf Elefantengröße ist das Bein von Ester Fefeer angeschwollen. Die dünne Haut spannt sich bis fast zum Zerreißen. „Der Druck und die Schmerzen sind manchmal unerträglich“, sagt die 49-jährige Uganderin. Sie leidet an Gebärmutterhalskrebs, der ihr auf die Lymphknoten drückt, sodass sich Flüssigkeit im Bein staut. Strahlentherapie habe in den vergangenen Jahren immer wieder geholfen, die Schwellung abklingen zu lassen, berichtet sie. Doch jetzt habe sie keine Hoffnung auf Linderung mehr. Der Grund: „Als ich im Fernsehen sah, dass die Maschine kaputt ist, habe ich angefangen zu beten“, sagt sie unter Tränen. „Jetzt kann mir nur noch Gott helfen“.

Fefeer, Mutter von sechs Kindern, ist eine von über 27.000 Krebspatienten, die jährlich im staatlichen Mulago-Krankenhaus in Ugandas Hauptstadt Kampala mit Strahlentherapie behandelt werden. Doch jetzt ist der einzige Apparat in der ganzen Region kaputt. Bis ein neuer zur Verfügung steht, dauere es bis zu zwei Jahre, verkündete Doktor Jackson Orem, Direktor des Krebszentrums in Mulago, auf einer Pressekonferenz kürzlich. Das Problem: Da die gewaltige Maschine mit radioaktiver Strahlung funktioniert, benötigt sie einen gesicherten Bunker. Doch Ugandas staatliches Krankenhaus wird derzeit grundsaniert, das Krebsinstitut in einen neuen Flügel verlegt – ebenso der Bunker. Der Neubau muss von der „Internationalen Atomenergie-Organisation“ (IAEO) in Wien abgesegnet werden. „Wir haben die Planung des Bunkers fertig und eine Firma muss jetzt mit dem Bau beauftragt werden“, erklärt Doktor Orem.

Doch zwei Jahre hat Ester Fefeer nicht mehr, fürchtet sie. „Ohne Therapie werde ich schnell sterben“, sagt sie und bekreuzigt sich. Wie aus einer 2011 veröffentlichten Studie hervorgeht, sind die Krebszahlen und die damit einhergehenden tödlich verlaufenden Erkrankungen in den reichen Ländern rückläufig. In Afrika und anderen Armenregionen sind sie hingegen drastisch gestiegen: Die Mehrheit der Betroffenen sind Frauen wie Fefeer mit Brust- oder auch Gebärmutterhalskrebs, ausgelöst durch den sich rasch verbreitenden HP-Virus, mit dem man sich beim Sex infizieren kann. In Europa gibt es gegen diesen Erreger Impfungen, die bei jungen Mädchen systematisch gespritzt werden. Davon ist Afrika noch weit entfernt, hier sind die Gesundheitssysteme mit HIV-Infektionen, AIDS und Malaria schon überfordert. 76 Prozent aller neuen Gebärmutterhalskrebserkrankungen werden in Entwicklungsländern diagnostiziert, 22 Prozent aller weltweiten Fälle in Afrika. Doch dort sind die Therapien zu teuer.

Nur noch Flüssigmorphium hilft

Wenn die Schmerzen unerträglich werden, ruft sie im Hospiz an. So auch an diesem Morgen, kurz nachdem sie im Fernsehen die Nachrichten über die defekte Maschine gesehen hat. Die Einrichtung wurde 1993 von der irischen Nonne und Ärztin Anne Merriman in Kampala gegründet. Merrimans ugandischer Kollege, Doktor Steven Luboyera, hat an diesem Vormittag Notdienst und eilt sofort los zu Fereers Haus am anderen Ende der Stadt. Im Gepäck: eine 500-Milliliter-Flasche flüssiges Morphium, knallgrün eingefärbt, eine weltweit einzigartige und geniale Erfindung von Doktor Merriman. Fereer lächelt glücklich, als der Arzt sie ihr überreicht. Fünf Milliliter alle vier Stunden helfen ihr, die Schmerzen zu ertragen, in dieser Dosis macht das Mittel nicht abhängig. Ugandas Hospiz stellt das Flüssigmorphium nach Merrimans Rezept selbst her und verteilt es kostenlos an Patienten, die meisten sind Aids- oder Krebskranke wie Fereer. Anders als in staatlichen Krankenhäusern wie Mulago ist das durch Spenden unterhaltene Hospiz kostenfrei. Sonst könnte sich Fereer keine medizinische Hilfe leisten, sagt sie. Für eine Chemotherapie müsste sie rund 100 Euro monatlich zahlen, dabei hat sie nicht einmal genug zum Leben: „Die Reichen steigen ins Flugzeug nach Indien oder Europa und sterben in modernen Krankenhäusern. Leute wie ich sind zu arm, um in Würde zu sterben“, klagt sie.

Krebstherapie ist teuer und aufwändig: Rund 1,5 Millionen Euro kostet das neue Strahlengerät, erklärt Ugandas Gesundheitsminister Elioda Tumwesigye. Das Budget für das Krebszentrum sei „astronomisch“ erhöht worden, immerhin: von umgerechnet 4,5 Millionen auf 10 Millionen Euro. Dennoch benötige Uganda mindestens vier dieser Maschinen, um alle Patienten angemessen versorgen zu können, erklärt Christine Mamulindwa, Sprecherin des Krebsinstituts. Selbst aus dem krisengeplagten Ostkongo, aus Ruanda, Burundi und dem Südsudan kamen bislang Krebspatienten nach Kampala. In den vom Bürgerkrieg zerstörten Ländern liegt das Gesundheitssystem komplett in Trümmern. Jetzt werden all diese Krebspatienten aus Uganda und den Nachbarländern  zur Strahlentherapie nach Kenia oder gar nach Indien verwiesen. Rund 2000 Menschen stehen derzeit auf der Warteliste, eine davon ist Fefeer mit dem geschwollenen Bein. Ihre letzte Strahlensitzung ist schon sechs Jahre her: „Das hat mir damals sehr geholfen, die Schwellung ging so weit zurück, dass ich wieder mit Krücken laufen konnte“, erinnert sie sich. Jetzt hilft neben beten nur noch der Griff zur Plastikflasche, um einen Schluss Flüssigmorphium zu nehmen.

Misswirtschaft im Gesundheitssystem

Dr Anne Merriman

„Wir haben solange in meiner Küche herumexperimentiert, bis wir zu niedrigen Kosten flüssiges Morphium zusammenrühren konnten“, sagt Anne Merriman.

Der Fall beweist einmal mehr die Misswirtschaft in Ugandas Gesundheitssystem, das maßgeblich über Budgethilfe aus dem Westen unterhalten wird. 21 Jahre alt ist der einzige Strahlenapparat Ugandas, seine von der Atomenergie-Agentur vergebene Betriebslizenz ist bereits 2013 Jahren abgelaufen. Dass er bald den Geist aufgeben werde, war sonnenklar, sagt Anne Merriman, die Gründerin des Hospizes. „Die Maschine gibt seit vielen Jahren nur noch wenig Strahlung ab, unsere Patienten mussten viele Stunden darin verbringen“, so Merriman. Die 81-jährige Nonne aus Irland lebt seit 23 Jahren in Uganda. Sie ist auch Vorsitzende des Verbandes für Palliativmedizin in Afrika. „Die meisten unserer Patienten sind zu arm, um in Würde zu sterben“, sagt die quirlige Dame, die trotz ihres Alters vor Energie sprudelt. Teetrinkend sitzt sie auf ihrer Veranda in einem Haus mit Blick über den Victoriasee und erzählt ihre Geschichte. Als sie Anfang der 1990er Jahre als Missionarin nach Ostafrika kam, war der Bürgerkrieg in Uganda gerade zu Ende, das Gesundheitssystem am Boden, die Zahl der HIV-Infizierten unermesslich – die meisten Patienten starben einfach weg, unter höllischen Qualen. Morphium, das Schmerzpatienten im Westen verabreicht wird, war selten und in Afrika nur teuer zu bekommen. Da kam Merriman eine Idee, erzählt sie: „Wir haben damals solange in meiner Küche herumexperimentiert, bis wir zu niedrigen Kosten flüssiges Morphium zusammenrühren konnten“, sagt sie. Die Herstellung sei kinderleicht, sagt sie und lacht. Es gelang: Heute stellen Chemiker im Hospiz-Labor täglich mehrere Liter der eingefärbten Flüssigkeit her: Eine 500-Milliliter-Flasche kostet umgerechnet drei Euro. Die Dosis reicht Patienten wie Fereer für rund zehn Tage. Dank der Spendengelder von christlichen Hilfswerken in Europa und den USA kann das Hospiz das flüssige Morphium umsonst ausgeben. „Seitdem ist Uganda in Afrika das beste Land, um schmerzfrei zu sterben“, so Merriman. Sie rechnet damit, dass sich nach dem Zusammenbruch der Bestrahlungsmaschine nun noch mehr Krebspatienten an das Hospiz wenden. Denn das Schmerzmittel ist ihre einzige Möglichkeit, das Sterben erträglich zu machen. Denn ohne die Strahlentherapie „werden jetzt noch viel mehr den Kampf gegen den Krebs verlieren“, fürchtet die 81-Jährige.

Simone Schlindwein
Von Simone Schlindwein , Kampala

Simone Schlindwein (37) ist die Afrika-Korrespondentin für die tageszeitung in der Region der Großen Seen. Außerdem arbeitet sie regelmäßig für die ARD und die Deutsche Welle. Seit 2008 berichtet sie vor allem über den Kongo, die Zentralafrikanische Republik, den Südsudan, Uganda, Ruanda und Burundi. Mehr: http://simoneschlindwein.blogspot.de.