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Wohnzimmer statt Krankenhaus
Erstes Geburtshaus Schwedens öffnet in Göteborg

10. Dezember 2025 | Von Regine Glass | 11 Minuten Lesezeit
Eine Wassergeburt im Geburtshaus: Das Foto erinnert an den Moment, als ein Neugeborenes zum ersten Mal an die Wasseroberfläche kommt. Alle Fotos: Regine Glass

Die „BB Gårda“ ist eine komplett von Hebammen geführte Praxis. Strenge Brandschutzrichtlinien, finanzielle Probleme und Kritik von Ärzt*innen sorgten für einen holprigen Start. Trotzdem sind Cita Lundin und Sara Holm von ihrem Gewerbe überzeugt. 

 

Zusammenfassung:

In Göteborg eröffnet mit „BB Gårda“ das erste hebammengeführte Geburtshaus Schwedens – als feministische Alternative zur Klinikgeburt. Trotz finanzieller Hürden und ärztlicher Kritik bieten Sara Holm und Cita Lundin Frauen dort einen selbstbestimmten und wohnlichen Geburtsort. Ihr Ziel: mehr Kontrolle für Schwangere und Empowerment durch Geburten in sicherem, nicht-klinischem Umfeld.

 

Von Regine Glaß, Göteborg

Auf dem Tisch einer weiträumigen, offenen Küche steht eine Obstschale, nach der kleine Hände greifen. Wir befinden uns nicht etwa in der Wohnung einer Familie, sondern in der „BB Gårda“ – Abkürzung für das schwedische Wort für Geburtshaus und dem zentral gelegenen Stadtteil Gårda, in dem die Einrichtung liegt – dem ersten Geburtshaus in Göteborg. Die Hände gehören dem Kleinkind von Sara Holm. Die 39-Jährige ist alleinerziehend und arbeitet im Geburtshaus als Hebamme.

Diesen Job macht sie leidenschaftlich gern. „Ich habe Gender Studies studiert und danach nach einer praktisch-feministischen Arbeit gesucht.“ In Schweden, so Holm, helfen Hebammen Schwangeren nicht nur, Kinder auf die Welt zu bringen, sondern auch selbstbestimmt über ihren Körper zu entscheiden und abzutreiben. Außerdem klären sie über Geschlechtskrankheiten und sexuelle Rechte auf. „Darauf liegt in Schweden ein großer Fokus“, erklärt sie.

Hebamme Sara Holm hat ihr Kind Sickan zu Hause zur Welt gebracht, um selbstbestimmt zu gebären.

Das Geburtshaus „BB Gårda“, hebammengeführt und ohne Ärzt*innen im Team, öffnete 2024. Frauen, die in Schweden nicht im Krankenhaus gebären wollen, griffen bis dahin auf Hausgeburten zurück. Nur etwa 100 Kinder pro Jahr werden in Schweden zuhause geboren. In Deutschland gibt es 140 Geburtshäuser. Die meisten der außerklinischen Geburten in Deutschland finden in einem Geburtshaus statt. Obwohl auch in Deutschland nur eins von 100 Kindern nicht im Krankenhaus zur Welt gebracht wird, wird die Nachfrage seit 20 Jahren größer.

Im Moment befindet sich die Hebamme Sara Holm in Elternzeit. Davor hat sie nicht nur im Geburtshaus gearbeitet, sondern auch im Östra Sjukhuset, der einzigen Geburtsklinik Göteborgs. Göteborg ist die zweitgrößte Stadt Schwedens und hat mit Umland etwa eine Million Einwohner*innen. Der Arbeitsalltag im Krankenhaus gestaltet sich der Hebamme zu Folge sehr stressig: zwischen verschiedenen Patient*innen hin und her springen, Untersuchungen unternehmen, die Holm als unnötig ansieht, wie zum Beispiel den vaginalen Ultraschall. Als Hebamme habe sie ein anderes Verständnis davon, was es heißt, Schwangere zu begleiten.

Klinische Atmosphäre ist im ersten Geburtshaus Schwedens nicht gewünscht.

Praxis mit Wohnzimmercharakter

Ein völlig anderes Arbeitsumfeld fand sie dagegen in der „BB Gårda“ vor. Die Räume, in denen die Geburten stattfinden, sehen aus wie private Schlafzimmer, wenn da nicht die große Badewanne in der Ecke wäre. Viele der Geburten finden in einem Geburtspool statt. Auf einem Poster an der Wand sind verschiedene Frauen in verschiedenen Gebärpositionen zu sehen. Diese hat Cita Lundin, eine der Gründerinnen und Leiterin, selbst gemalt. „Es war mir wichtig, diverse Frauenkörper dazustellen“, sagt sie.

Die Hebammen übernachten vor und während einer Geburt in der Praxis. „Das ist kein Wartezimmer, sondern unser Wohnzimmer“, so Lundin, die wie Holm Hebamme und Krankenschwester ist. Deshalb vermieden sie alle klinischen Begriffe. Babypuppen und ein White Board stehen für Geburtskurse bereit. Die Hebammen sind an Ort und Stelle, sobald bei einer Schwangeren die Wehen beginnen. Im Krankenhaus wird eine Wöchnerin dagegen erst nach der Latenzphase, also nachdem der Muttermund bereits vier bis sechs Zentimeter geöffnet ist, im Krankenhaus behalten.

Cita Lundin hat die Geburtspositionen selbst aufgezeichnet. Diversität bei den Körpern war ihr dabei wichtig.

Wunsch nach Kontrolle über Geburt

Holm hat ihr Kind zuhause statt im Krankenhaus zur Welt gebracht. Sie hatte in einer ihr bekannten Umgebung nur im Kreis ausgewählter Personen gebären wollen, ohne von einer Station auf die nächste überwiesen zu werden. „Ich wollte die Geburt wirklich erleben.“ Holm sagt weiter, dass sie bereits vor der Geburt wusste, dass sie keine weiteren Kinder mehr bekommen wird. Auch deshalb wollte sie, dass die Geburt genau nach ihren Vorstellungen ablaufe. Und das ging ihrer Meinung nach am besten zuhause.

Holm und Ludin haben vor ihrer Spezialisierung auf den Hebammenberuf eine HHH-Krankenschwesterausbildung absolviert. Das ist Voraussetzung für alle, die in Schweden als Geburtshelfer*innen arbeiten wollen. Auch abseits von Geburtshäusern haben Hebammen in Schweden eine größere Verantwortung als in Deutschland.

Wer schwanger ist, geht zur Hebamme, nicht zur Gynäkologin. Erst bei Problemen wird eine Ärzt*in hinzugezogen. Wer sich für eine Hausgeburt oder eine Geburt im Geburtshaus entscheidet, muss bei Komplikationen ins Krankenhaus gefahren werden. Um dies möglichst zu vermeiden, sollen in der „BB Gårda“, genau wie in deutschen Geburtshäusern, nur Frauen mit einer risikoarmen Schwangerschaft entbinden dürfen.

Es finden bis zu sieben Vorgespräche statt, so Lundin, um sicherzustellen, ob eine Entbindung zuhause oder im Geburtshaus wirklich das Richtige wäre. Die Schwangere soll dabei verstehen, dass ein Gebären im Geburtshaus bedeutet: Keine Schmerzlinderung, weder Rückenmarksbetäubung noch Lachgas.

Wird ein Kind vor der Woche 37 geboren, ist das ebenfalls nicht im Geburtshaus möglich, das gleiche gilt für Geburten, die nach der 42. Woche eingeleitet werden müssen, bei Bluthochdruck, Diabetes, oder einem ungewöhnlich kleinen Baby, Mehrlingsgeburten oder einer anderen Abweichung von der Norm.

Cita Lundin ist Hebamme in Vollzeit.

Hitzige Debatte um das Geburtshaus

Vor allem unter Ärzt*innen brach in Schweden eine hitzige Debatte rund um das erste Geburtshaus in Schweden aus. Nur wenige Minuten könnten über Leben und Tod entscheiden, hieß es in den Kommentarspalten eines Artikels in der schwedischen Fachzeitung „Ärztezeitung“. Ein anderer Kommentar formulierte gar: ‚Stoppt diesen Wahnsinn!‘

Der Oberarzt Mårten Altmark sagte gegenüber der schwedischen Zeitung „Dagens Nyheter“, dass auch bei einer normalen, riskikoarmen Geburt das Timing entscheidend sein kann. Zum Beispiel wenn sich der Mutterkuchen während der Entbindung löst oder die Nabelschnur sich einklemmt. In beiden Fällen könne das zu Sauerstoffmangel beim Kind führen. Dann müsse die Entbindung oft sehr schnell gehen und eine Überführung ins Krankenhaus werde knapp.

Die Geschäftsführerin Anneli Falk von der offiziellen Pressestelle des Krankenhauses gibt an, dass aus der Sicht des Krankenhauses jegliche Entbindung in einem Geburtshaus mit einer Hausgeburt gleichzusetzen wäre. Sie will nicht darüber spekulieren, welche Risiken mit einer solchen Geburt verbunden sind. Sie könne nur sagen, was eine Entbindung in ihrem Krankenhaus ausmache: „Bei uns fördern wir die normale Geburt und arbeiten dafür, dass Frauen in einer Umgebung gebären können, die ihre Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigt.“

Die jeweilige Region entscheidet in Schweden darüber, ob die Kosten von Hausgeburten durch die gesetzliche Versicherung übernommen werden. In der Region Västra Götaland, in der Göteborg liegt, werden sie nicht übernommen. Eine Geburt in der „BB Gårda“ kostet rund 5.000 Euro. Trotzdem sind Frauen dazu bereit, für diese sogar aus Nordschweden mit dem Flugzeug anzureisen. Cita Lundin sagt, dass ihre Kund*innen überwiegend sehr gebildete Frauen seien: Techniker*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen und Krankenschwestern.

Hausgeburt mangels Alternative

Eine, die noch vor der Eröffnung eine Hausgeburt mit einer der Hebammen aus dem Team durchgeführt hat, ist Lisette Lindberg. Die Fränkin wohnt seit elf Jahren in Göteborg und hatte ihr erstes Kind im Krankenhaus in Göteborg geboren. Als der Geburtstermin für ihr zweites Kind anstand, suchte sie nach einer Alternative – in erster Linie, weil sie ihr erstes Kind nicht während der Geburt im Krankenhaus dabei haben könnte. Sie googelte „Geburtshaus Schweden“ – und stellte fest, dass es bisher keines hier gab.

Bei der weiteren Internetrecherche stieß sie auf das Hebammenteam, das später die „BB Gårda“ mit aufbaute. Die Hebammen schienen ihr sympathisch und sie entschied sich mangels Alternative für eine Hausgeburt. „Ich bin sonst gar nicht der Typ für so etwas“, so Lisette. Wenn es bereits ein Geburtshaus gegeben hätte, wäre ihr Kind dort zur Welt gekommen, sagt sie. Dass eine Hebamme und eine von ihr selbst gewählte und selbst bezahlte Doula während der ganzen Betreuung für sie zuständig waren anstatt wechselnder Hebammen bei der Geburt im Krankenhaus, war für sie ein großer Vorteil.

Am Ort des Geschehens: Lisette Lindberg brachte ihr zweites Kind zuhause zur Welt.

Negative Stimmen für ihren alternativen Geburtsweg habe Lindberg vor allem im Krankenhaus erlebt. Während der schwedische Teil ihrer Familie nur etwas skeptisch war, wurde sie beim Abholen der Medikamente für die Hausgeburt im Krankenhaus gefragt, ob sie sich der Entscheidung und des Risikos wirklich bewusst wäre. Ängste, dass etwas schiefgeht, hatte sie nicht gehabt, denn von den Risikofaktoren, von denen bei einer Hausgeburt abgeraten wird, sei sie selbst nicht betroffen.

Am Ende habe sie ihre zweite Geburt zuhause im Gegensatz zu der ersten als sehr ermächtigend empfunden: „Es war krass, dass man die Bewegungen so spüren konnte. Ich habe mein Kind selbst auf die Welt gebracht.” Eine wirkliche Alleingeburt, also eine Geburt ganz ohne medizinisches Personal, wäre auch ihr allerdings zu hart gewesen. 18 Geburten haben in der „BB Gårda“ seit der Eröffnung 2024 stattgefunden. In den vergangenen beiden Jahren war die Praxis sieben Monate geschlossen.

Jemand hatte die Einrichtung wegen Mängeln im Brandschutz angezeigt. Sie zu beheben war für Lundin so teuer, dass sie ihr fest angestelltes Personal gehen lassen musste und nun nur noch einige Mitarbeiterinnen auf Stundenbasis beschäftigt. Doch sie ist von der Idee so überzeugt, dass sie selbst ehrenamtlich in Vollzeit weiter das Geburtshaus führt. „Wir hoffen auf viele weitere Entbindungen“, so Lundin.


 

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Von Regine Glass, Göteborg

Regine Glaß lebt als freie Journalistin, Autorin und Übersetzerin in Göteborg. Von Westschweden aus schreibt sie Reportagen, Interviews und Analysen auf Deutsch und Schwedisch. Ihre journalistischen Themen sind urbanes Leben, die Gleichstellung aller Geschlechter und die Gefahr von rechts-außen. Mehr unter: https://regineglass.com/ 

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