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„Wir müssen zweimal so hart arbeiten“
Rassismus in Peru und den Niederlanden

23. März 2022 | Von Deine Korrespondentin
Recht auf Teilhabe: Die indigene Bevölkerung ist in Politik, Medien, Werbung und kulturellen Einrichtungen so gut wie nicht vertreten. Foto: Eva Tempelmann

Am 21. März fand der UN-Tag gegen Rassismus statt. Aus diesem Grund blicken wir in zwei Länder, in denen tief sitzender Rassismus allgegenwärtig ist. Zwar gilt gerade Peru als Land der Vielfalt – ethnisch, sprachlich, ökologisch – aber ein ausgeprägtes Klassensystem prägt bis heute die Gesellschaft. Und in den Niederlanden erleben Menschen aus Suriname, einer niederländischen Kolonie in Südamerika, bis heute Rassismus im Alltag und im Beruf.

Von Eva Tempelmann, Lima / Ibbenbüren

Im vergangenen Jahr feierte Peru 200 Jahre Unabhängigkeit von der spanischen Kolonialherrschaft. „Somos libres, seamos“ – wir sind frei, mögen wir es bleiben, heißt es in der peruanischen Nationalhymne. Dennoch sind die Spuren der jahrhundertelangen Kolonialzeit bis heute präsent. Wirtschaftliche Abhängigkeiten, ein ausgeprägtes Klassensystem und ein alltäglicher struktureller Rassismus bestimmen die Gesellschaft.  

Ein Beispiel dafür ist die Situation von Hausangestellten in den großen Städten. Dies sind zu 95 Prozent Frauen – zum Großteil Indigene – also Nachfahr*innen der peruanischen Urbevölkerung, die ihre eigenen Sprachen und Traditionen haben und bis heute aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden. Die Hausangestellten arbeiten vor allem in weißen Mittelschichts- und Oberschichtsfamilien, oft „cama adentro“, leben also mit im Haus. Fast 90 Prozent der Arbeitsverträge werden nur mündlich geschlossen.

Entsprechend groß ist das Risiko wirtschaftlicher Ausbeutung. Obdulia Guevara Neyra, stellvertretende Leiterin der Gewerkschaft für Hausangestellte in der Region Lima, berichtet von jungen Mädchen, die bis zu 18 Stunden täglich arbeiten mussten oder nicht entlohnt wurden, weil man sie des Diebstahls bezichtigte. „Das sind teils sklavenähnliche Zustände“, berichtet sie. In der Hauptstadt Lima, in der ein Drittel der Bevölkerung des Landes lebt, ist der Rassismus besonders ausgeprägt.

Indigene Frau im Andenhochland (Foto: Eva Tempelmann).

Extreme Unterschiede in Lima

„Die kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede sind hier extrem“, so Guevara Neyra. Der Zugang zu Macht, Bildung und Ressourcen konzentriert sich in den Händen der weißen, privilegierten Oberschicht. Die indigene Bevölkerung ist in den meisten staatlichen Einrichtungen, in der Politik, in den Medien, der Literatur, Werbung oder Kunst so gut wie nicht vertreten. Dabei ist Peru, neben Bolivien und Guatemala, eines der Länder mit dem größten Anteil indigener Bevölkerung in Lateinamerika: Mehr als 50 verschiedene indigene Gruppen leben in Peru, 48 Sprachen werden im Land gesprochen.

Bei der letzten Volkszählung von 2017 gaben 26 Prozent der Bevölkerung an, sich einer indigenen Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Vier Prozent der Gesamtbevölkerung identifizierten sich als Afroperuaner*innen, 60 Prozent als Mestizen, also Nachfahren von Indigenen und Weißen. Nur fünf Prozent bezeichneten sich als Weiße. Die Volkszählung wurde wegen ihrer Frage nach ethnischer Zugehörigkeit in der Öffentlichkeit damals harsch kritisiert. Wer gefragt werde, wie er oder sie sich definiere (Schwarz? Weiß? Indigen? Mestize?), habe die ganze Farbpalette des auf Rassismus basierenden Kolonialismus vor Augen.

Damals wurden die Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe verschiedenen Kasten zuordnet, die einen rechtlich und sozial entweder privilegierten oder diskriminierten: Mestize, Mulatte, Viertel Indio. Das mag lange her sein, aber das Erbe dieses rassistischen Systems ist noch immer in den Köpfen der Menschen verankert. Bis heute verleugnen viele Indigene, die ihren Lebensmittelpunkt in die Stadt verlegt haben, ihre kulturellen und sprachlichen Wurzeln, um Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu finden.

Selbst Führerinnen indigener Gruppen, die sich für die Rechte dieser benachteiligten Bevölkerung einsetzen, bezeichnen sich mitunter eher als Mestizinnen denn als Indigene. So bleiben sie als Menschen mit besonderen Rechten – sei es in Bezug auf ihre Sprache oder den Umgang mit Land und natürlichen Ressourcen – unsichtbar und werden in der peruanischen Politik weder gehört noch vertreten.

In Lima sind die wirtschaftlichen und kulturellen Klüfte besonders extrem
(Foto: Eva Tempelmann).

Fehlende Anerkennung der indigenen Bevölkerung

Die fehlende politische und kulturelle Anerkennung und Teilhabe der indigenen Bevölkerung in Peru ist eklatant. Das reicht von fehlendem Zugang zu Bildung oder Unterricht in Landessprachen wie Quechua über die Missachtung indigener kollektiver Landrechte bei Bergbauprojekten bis zu immer noch ausstehenden offiziellen Entschuldigungen bei den mehr als 300.000 Betroffenen der Zwangssterilisierungen in den späten 1990er Jahren.

Einen Wandel verspricht der neue Präsident Pedro Castillo. Er wurde im Juli 2021 als erster Indigener im höchsten Amt des Landes vereidigt. In seiner Antrittsrede sagte Castillo wörtlich: „Es ist höchste Zeit, dass wir mit dem Wiederaufbau unserer Institutionen beginnen: auf der Grundlage von Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität.“ Ob und wie er dies umsetzen wird, ist noch offen.

Die ersten acht Monate seiner Regierungszeit waren geprägt von Machtkämpfen innerhalb seiner Partei, von einem Misstrauensvotum durch die ultrarechte Opposition und einer unklaren Regierungslinie. Dennoch ist Castillos Präsidentschaft für viele Menschen ein Hoffnungsschimmer. Er könnte die Vielfalt des Landes sichtbarer machen. In den nächsten fünf Jahren seiner Amtszeit wird sich zeigen, ob das gelingen wird.

Von Sarah Tekath, Amsterdam

Eine Gruppe von sechs Männern schleppt sich voran. Die Rücken sind gebeugt, die Füße schwer. An den Handgelenken und Hälsen sind sie mit schweren Ketten aneinandergefesselt. Diese Bronzefiguren im Amsterdamer Oosterpark sind Teil des nationalen Sklaverei-Monuments. Aber sie sind nicht allein. Auf der linken Seite der Skulptur steht übergroß die Figur einer Frau. Sie hat die Arme in die Luft gerissen, den Rücken durchgedrückt. Sie trägt keine Ketten mehr, denn sie ist endlich frei.

An diesem Platz wird jährlich am 1. Juli, dem Tag der offiziellen Beendigung der Sklaverei im Jahr 1863, das Fest „Keti Koti“ gefeiert. „Keti Koti“ ist Sranantongo, eine der Kreolsprachen in Suriname, und bedeutet zerbrochene Kette. Denn die Geschichte der Niederlande ist untrennbar mit Suriname und dem Sklav*innenhandel verbunden. Auch wenn darüber bis heute immer noch ungern gesprochen wird.

Nach Surinames Unabhängigkeit im Jahr 1975 wanderten im selben Jahr 40.000 Menschen in die Niederlande aus. Das waren nach Angaben der Weltbank damals knapp elf Prozent der Gesamtbevölkerung. Viele von ihnen hatten bereits einen niederländischen Pass, da die heutige Republik Suriname offiziell Teil der Niederlande war. Nach Zahlen des niederländischen Amtes für Statistik sind 2022 knapp 360.000 Surinamer*innen dauerhaft im Land ansässig.

Interessant ist, dass hierbei auch Menschen der zweiten Generation erfasst sind, also diejenigen, die in den Niederlanden geboren sind. Dabei handelt es sich um knapp 183.500 Personen. Das sei typisch niederländisch, sagt Sarita Bajnath, deren Eltern und Geschwister in Suriname zur Welt kamen. Sie selbst ist gebürtige Niederländerin. Oft werde vom Staat – und auch von der Gesellschaft – auf die zweite oder dritte Generation geschaut, wenn die Personen nicht weiß und europäisch genug aussähen. „Ich frage mich, ab wann ist man niederländisch?“

Wandmalerei einer Organisation für Suriname-Niederländer*innen.
Monument im Amsterdamer Oosterpark erinnert an die Sklaverei (Fotos: Sarah Tekath).

Sich ständig beweisen müssen

Bajnath hat ihr ganzes Leben mitbekommen, dass derartige Unterschiede gemacht werden: „Meine Eltern hatten eine Firma und haben zu offiziellen Geschäftsterminen immer einen Weißen Geschäftspartner mitgenommen, um ernst genommen zu werden.“ Auch sie selbst habe erlebt, dass sie sich wegen ihres Aussehens doppelt beweisen musste. Zum Beispiel, wenn es um so etwas Simples ging, wie an einem Türsteher vorbeizukommen. „Ich musste zeigen, dass ich vertrauenswürdig bin. Das habe ich geschafft, indem ich Witze gemacht habe. Aber das hat mich viel Energie gekostet.“

Dies wiederholt sich später in ihrem Medizinstudium. „Die Menschen sind davon ausgegangen, dass ich die Praktikantin bin, nicht die angehende Ärztin. Ich musste erst beweisen, dass ich mehr kann als die allgemeinen niedrigen Erwartungen.“ Das fange schon im Schulsystem an, erklärt sie. In der Berufsberatung und der Ausbildung erhielten People of Color häufig weniger ambitionierte Vorschläge und Empfehlungen als Weiße Kinder. Dies zeige sich später in der Arbeitswelt.

Untersuchungen belegen, dass junge Arbeitnehmer*innen mit Migrationshintergrund in den Niederlanden bei der Vergabe von Praktika diskriminiert werden, was sie bei der anschließenden Jobsuche benachteiligt. So brauchen Absolvent*innen von beruflichen Vollzeitschulen durchschnittlich ein Jahr, um eine Stelle zu finden. Bei Absolvent*innen mit Migrationshintergrund sind es drei Jahre – bei marokkanischem sogar bis zu zehn Jahre.

Coach Sarita Bajnath hat selbst Diskriminierung und Rassismus erlebt (Foto: Zoë Papaikonomou).

Zusammen aus Unangenehmem lernen

Dieses Sich-beweisen-müssen spiegelt auch die Analyse „Wir müssen zweimal so hart arbeiten“ vom „Surinaams Inspraak Orgaan“ und „New Urban Collective“ wider. Das Amsterdamer Netzwerk für Schwarze und PoC-Studierende und junge Berufstätige beleuchtet, wie sogenannte Suriname-Niederländer*innen Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt sind. Demnach gaben mehr als 70 Prozent der 398 Befragten gaben an, in den vergangenen zwei Jahren bei der Arbeit Diskriminierung und Rassismus erlebt zu haben. 38 Prozent erklärten aber auch, dass diese Erfahrungen sie extra motivieren würden, härter zu arbeiten und sich selbst zu beweisen.

Sarita Bajnath ist übrigens keine Ärztin geworden, sondern arbeitet mittlerweile als Diversity und Inclusion Coach. Sie gibt Workshops, in denen Teilnehmende sich ihrer Privilegien, ihrer unbewussten Vorurteile und rassistischer Strukturen bewusst werden sollen. Sie erklärt: „Nur so kann es gelingen, aus der eigenen Blase auszubrechen und zu erkennen, durch welche Linse wir die Welt sehen. Das kann schmerzhaft sein. Aber es sind gerade diese Momente, in denen wir alle am meisten lernen.“

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