Wer hat Marx die Hosen gewaschen?
Feminismus in der Wirtschaft

Fotos: Anne Herrberg

Sie verdienen im Schnitt 27 Prozent weniger, arbeiten mehr und oft ohne soziale Absicherung: Mercedes D’Alessandro untersucht als eine der wenigen Wirtschaftswissenschaftlerinnen Argentiniens die Rolle der Frauen in der Krisenökonomie. Dafür musste sie erstmal gegen Machos am eigenen Lehrstuhl kämpfen.

Von Anne Herrberg, Buenos Aires

Sie bestellt Scones mit Honig und Tee, trägt ein Jäckchen aus gehäkelter Spitze, dazu eine kleine Handtasche mit dünnem Riemen, die Nägel im gleichen Farbton wie ihr Kleid. „Ausgerechnet Rosa!“ Mercedes D’Alessandro zwinkert. Sie entspricht gern Klischees – aber nur, um sie zu brechen. „Ich bin Feministin und Marxistin.“ Und das definiert sie so: „Anzuerkennen, dass es Ungleichheit gibt, dass diese Ungleichheit klar an den Faktor Geschlecht gekoppelt ist. Und dann aktiv zu werden, um etwas gegen diese Ungleichheit zu tun.“ 

Mercedes D’Alessandro lebt, forscht und arbeitet in Buenos Aires und New York. Sie hat 2015 das Fach „feministische Wirtschaft“ an der Universität von Buenos Aires mitaufgebaut und ist Teil des gleichnamigen Kollektivs, das Gesetzgeber erst in Argentinien, dann in ganz Südamerika in Sachen Gleichberechtigung berät. Daneben schreibt sie Bücher, gewinnt Preise, pendelt durch Radio- und TV-Sendungen, spricht auf Kongressen und organisiert Events zum Thema Gleichberechtigung. Für das Interview findet die 40-jährige Doktorin für Volkswirtschaft kaum Zeit – und nimmt sich dann doch mehr als eine Stunde.

Die Aktivistin widmet sich dem Feminismus auch in ihrer Forschung.

Der Doktortitel ist ihr wichtig: „Es gibt nicht viele Frauen auf diesem Gebiet.“ Und das gerade in Argentinien. Einem Land, das seit Jahrzehnten immer wieder von Krise zu Krise schlittert, bereits mehrmals den Staatsbankrott erklären musste und gerade erst wieder den Internationalen Währungsfonds um ein milliardenschweres Hilfspaket angepumpt hat – verbunden mit der Verpflichtung zu einer strikten Sparpolitik.

„Die trifft uns Frauen zuerst“, sagt Mercedes D’Alessandro. Krisen haben für sie ein speziell weibliches Gesicht: Die Zahl der Frauen, die in prekären Jobs arbeitet, nehme zu, die Zeit, die Frauen arbeiten, nehme zu, gleichzeitig nehme aber auch die Gewalt gegen Frauen zu. „Das Problem: Frauen haben keine Lobby und so spielen diese Aspekte auch für die Politik keine zentrale Rolle.“

Ihr Engagement begann mit ihrem persönlichem #MeToo-Moment, auch wenn die Argentinierin es nicht so nennen würde. In Südamerika gibt es den Hashtag #NiUnaMenos, was übersetzt so viel heißt wie „Keine einzige Frau weniger“. 2015 entstand er in Argentinien als Reaktion auf eine Serie besonders brutaler Frauenmorde. Denn in diesem Land wird etwa alle 30 Stunden eine Frau getötet – nur weil sie eine Frau ist. Es handelt sich demnach um genderspezifische Gewalt.

#NiUNaMenos war ein kollektiver Aufschrei und ein Sichtbarmachen von Gewalt gegen Frauen im Alltag. Und diese hat viele Facetten. Da wäre zum Beispiel ein Professor am Lehrstuhl von Mercedes D’Alessandro, der Studentinnen stalkte, belästigte und seine Macht ausspielte. Sie sagt: „Er kam bis an meine Haustür, wollte mich daten, ließ mich nicht in Ruhe.“ Gemeinsam mit 17 anderen Studentinnen und Hilfswissenschaftlerinnen, die ebenfalls belästigt worden waren, gelang es, den Fall anzuzeigen. Der Professor musste schließlich gehen.

Aus dieser Erfahrung heraus wuchs der erste Fachbereich mit genderspezifischem Blick auf Wirtschaft in Argentinien. Heutzutage wird in Argentiniens Kongress erstmals über geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede und so etwas wie Elternzeit diskutiert, es gibt eine Mini-Job-Versicherung für Haushaltshilfen sowie einen Fachbereich zum Thema Gewalt gegen Frauen im Sozialministerium. „Allerdings wird gerade wieder überall gekürzt,“ sagt Mercedes D’Alessandro, „es ist ein ständiger Kampf!“ Staatliche Betreuungsangebote für Kinder und alte Menschen gibt es in Argentinien bis heute so gut wie gar nicht.

Weniger Verdienst, weniger Zeit

Ein paar Daten: Argentiniens Frauen verdienen bis heute im Durchschnitt 27 Prozent weniger als die Männer. Gleichzeitig machen sie einen Großteil der etwa 40 Prozent schwarz Beschäftigen des Landes aus. Darunter sind: Kindermädchen, Putzfrauen, Altenpflegerinnen, Haushaltshilfen, Näherinnen, Straßenverkäuferinnen, Köchinnen, Wäscherinnen, Müllsammlerinnen. Und obwohl sieben von zehn Frauen einem Job außerhalb der eigenen vier Wände nachgehen, übernehmen sie immer noch den Großteil der Hausarbeit. Viereinhalb Stunden verbringen in Buenos Aires Frauen ab 15 Jahren im Durchschnitt damit. Die Männer gerade mal eine Stunde, wenn es hochommt – fast die Hälfte von ihnen kümmert sich gar nicht um den Haushalt.

Mercedes D’Alessandro spricht deswegen von akuter „Zeit-Armut“: „Wer sieben Stunden außerhalb arbeitet, dann noch vier Stunden zu Hause, dazu die Zeiten, die man für die Arbeitswege braucht, der hat keine Zeit mehr für Entspannung, Freizeit, Freundinnen treffen, ein Buch, mit dem Hund rausgehen oder sich weiterzubilden.“ Doch all das finde keinen Eingang in Diskussionen über Wirtschaft: „Da geht es um die Börse, den Wechselkurs, die Inflation…“ Die sogenannten „harten Themen“. Die prekäre Situation von Frauen fällt dagegen unter „Soziales“ und taucht damit weder in der Wissenschaft noch in der Politik als wirtschaftliches Problem auf.

Auf dem Forum „Economia Femini(s)ta trifft D’Alessandro andere Feministinnen.

Dabei handelt es sich um einen verborgenen Arbeitsmarkt, der keinen Preis hat, aber dennoch hohe Kosten mit sich bringt. „Ohne ihn wurde das kapitalistische System nicht funktionieren, aber es ist dafür kein Lohn vorgesehen.“ Da spricht die Marxistin – und das obwohl sie sich vor allem für diejenigen interessiert, die Marx die Hosen gewaschen haben. Von Zeit-Armut betroffen sind ihrer Meinung nach vor allem arme Frauen. „Denn was tut eine Frau der Mittelschicht, wenn ihre Arbeitszeit zunimmt?“, fragt Mercedes D’Alessandro. Sie suche sich aller Wahrscheinlichkeit eine Frau, die sie schwarz bezahlt – „Das System der Ausbeutung reproduziert sich selbst.“

Feminismus „von der Straße“

Was also tun? Als Marxistin und Feministin sagt D’Alessandro: „Das Patriarchat und der Kapitalismus sind das perfekte Paar, man müsste das ganze System ändern.“ Doch bis es soweit ist, berät sie Politiker in ganz Südamerika über genderspezifische Politik. Ihre Consulting-Gruppe hat Gesetzesprojekte zu Elternzeit und zu Einkommensgerechtigkeit angestoßen, zu Quotenregelungen und zum Schutz vor sexueller Belästigung. Außerdem war sie an der Debatte zur Liberalisierung des Abtreibungsverbotes beteiligt, das im August 2018 zwar vom Senat abgelehnt wurde, aber eine enorme gesellschaftliche Diskussion angestoßen hatte.

Möglich war all das auch wegen #NiUnaMenos, jenem Aufschrei, der aus der öffentlichen Empörung über brutale Frauenmorde entstand und zu einer Bewegung in ganz Lateinamerika geworden ist. „In den USA, wo ich viel Zeit verbringe, wird Feministinnen oft vorgeworfen, dass sie in einem akademischen Glashaus sitzen und die Welt von oben aus beurteilen, das kann uns in Lateinamerika nicht passieren“, sagt Mercedes D’Alessandro selbstbewusst.

„Wir Akademikerinnen sind genauso schlecht bezahlte und prekarisierte Arbeitskräfte. Die Diskussionen und Themen sind aus dem gelebten Alltag entstanden.“ Feminismus finde in Argentinien heute auf der Straße statt. Längst sei es nicht mehr abgehoben oder seltsam, sich als „Feministin“ zu bezeichnen, so die Aktivistin: „Für die junge Generation gehört es fast schon zum guten Ton.“

Anne Herrberg
Von Anne Herrberg , Buenos Aires

Anne Herrberg (36) ist als Reporterin in Südamerika unterwegs. 2015 und 2016 hat sie als Juniorkorrespondentin für den ARD-Hörfunk über den Friedensprozess in Kolumbien oder die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro berichtet. Nun unterstützt sie das ARD-Studio in Buenos Aires weiterhin regelmäßig. Schwerpunkt: Geschichten über die vielen faszinierenden und mutigen Frauen Südamerikas.

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