Weniger ist mehr
9 Vordenkerinnen geben Anstoß

"Wir müssen schwache und marginalisierte Gruppen stärker in den Fokus nehmen", sagt Kübra Gümüşay. Foto: Das Progressive Zentrum

Wir wissen alle: 2020 war ein Ausnahme-Jahr. Extrem anstrengend, extrem unsicher, extrem schwierig. Nun stehen wir an der Schwelle zum neuen Jahr und haben 9 Pionierinnen gefragt: Was bräuchte es, damit 2021 ein richtig tolles Jahr wird? Oder auch: Was müssen wir aktiv dafür tun, dass wir in einer besseren Gesellschaft leben? 

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Foto: Gaby Gerster

„So einfach war es noch nie mit der Planung! Damit 2021 ein gutes Jahr wird, brauchen wir nur einzulösen, was wir uns zu Beginn der Pandemie gegenseitig versprochen haben. Die Globalisierung vom Kopf auf die Füße zu stellen und den Kapitalismus einzuhegen.

Die Umwelt zu respektieren und Systemrelevanz neu zu definieren. Uns mehr um die Nachbarn und die Schwächsten zu kümmern, Pfleger:innen gutes Geld zu zahlen und Frauenarbeit aufzuwerten. Kurz gesagt: Wir wollten eine bessere Gesellschaft werden. Das war der Plan. War? Ist!“

Bascha Mika, ehemalige Chefredakteurin der taz und der FR

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Foto: privat

„Damit das nächste Jahr ein besseres wird, damit unsere Zukunft eine bessere wird als unsere Gegenwart, müssen wir beginnen, das Schützen und Wohlergehen der schwachen, vulnerablen und marginalisierten Gruppen in das Zentrum unserer Gestaltung im politischen, sozialen, wirtschaftlichen wie kulturellen Lebens zu stellen. Das Mitdenken mit für diese Menschen darf keine Bonusaufgabe sein, sie muss Kernaufgabe sein. Und damit kann jede Person in ihrer eigenen Arbeit und im eigenen Leben bereits beginnen. Stellen Sie sich mal vor, wie eine Gesellschaft aussähe, in der alle so dächten? Und wenn man dann noch Ressourcen übrig hat, allen ein menschenwürdiges, gerechtes, geschütztes, friedliches Leben gesichert hat, Menschen, Tiere und Natur nicht mehr ausbeutet, ja, dann, könnte man sich meinetwegen die Bonusaufgabe stellen: Wie kann man denn Reichen und Privilegierten noch etwas Gutes tun? Und wird sich dann schon beim Lesen dieser Frage der Absurdität und moralischen Verkommenheit unserer gegenwärtigen Prioritäten bewusst.“

Kübra Gümüşay, Bestseller-Autorin und Netz-Aktivistin

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Foto: Patrycia Lukas

„2021 muss unser Jahr der Mutausbrüche werden. Wir alle – egal ob Managerin, Familienvater, Startup-Gründerin oder Schüler – müssen Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Niemand kann alleine die großen Herausforderungen wie Digitalisierung, Gleichberechtigung oder Klimakrise alleine lösen, aber jeder kann seinen Beitrag leisten. 

Ich wünsche mir, dass wir diese Herausforderungen gemeinsam angehen und zusammen „Das Neue Land“ zum Leben erwecken. Wir wagen mehr und veruteilen weniger. Wir müssen nicht den perfekten Plan haben, um zu starten. Wir kommentieren politische Entscheidungen nicht von der Seitenlinie, sondern wir mischen uns ein. Denn alle, die ihre Welt – die Schule, den Arbeitsplatz, das Viertel, die Familie – mit dem eigenen Handeln auch nur ein kleines Stück besser machen, tragen dazu bei, dass wir alle 2021 in einer besseren Gesellschaft leben.“

Verena Pausder, Buchautorin und Expertin für Digitale Bildung

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Foto: Jasmin Schreiber

„Krisen eröffnen Möglichkeiten, trotz der entstandenen Verluste und Schäden, die diese These nicht kleinreden soll. Die Pandemie hat das Wissen über bestehende Ungerechtigkeiten einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Daraus kann ein Momentum für Veränderung entstehen, wenn die Diskussionen über Lösungen weitergeführt werden. Wie schaffen wir es, dass Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft ihre Talente ausfüllen können? Wie verhindern wir häusliche Gewalt, noch bevor sie passiert? Wie schaffen wir es, solidarisches Verhalten über die Pandemie hinaus zu leben? Was lernen wir aus dem Zusammenspiel von Wissenschaft und politischen Entscheidungen in der Corona-Pandemie für den Klimaschutz? Ich wünsche mir als Journalistin, dass Medienschaffende weiterhin den Finger in die größten Wunden legen, aber dabei vor allem den Blick auf Lösungen und das, was bereits gelingt richten. Viele Bilder und Ideen für eine bessere Zukunft sind jetzt schon da. Mich motiviert, dass ich mir eine andere Normalität vorstellen kann, die gerechter ist. Ich will nicht zurück in die Zeit vor der Pandemie, die scheint mir lang überholt. Ich bin in diesem Jahr auf ein Zitat von der Philosophin und Feministin Nancy Fraser gestoßen, was ich von nun an gedanklich immer bei mir trage: „And unless we are guided by this vision now, we will never get any closer to achieving it.“ Der Glaube daran, dass positive Veränderungen möglich sind, kann uns einen entscheidenden Schritt weiterbringen. Damit können wir 2021 beginnen.“

Teresa Bücker, Autorin und SZ-Magazin-Kolumnistin

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Foto: Ina Mortsiefer

„2020 hat gezeigt, dass die herausforderndste Zeit zugleich immer eine ist, in der sich die grundlegendsten Charaktereigenschaften der Menschen offenbaren: „Selbstverständlich setze ich eine Maske auf, damit ich andere nicht gefährde“ versus „Maske, wozu? Das beschränkt mich in meiner Freiheit!“. Der Kampf zwischen Empathie und Egoismus zeigte sich durch die Corona-Pandemie in seinen Kulminationspunkten, der Berg der eingefahrenen Diskurse stapelt schon lange darunter. Es gibt seit Jahren nur noch links oder rechts und das meistens laut statt leise. Jede Seite feuert sofort aus vollen Rohren, statt kurz innezuhalten. Es braucht daher für mich 2021 Reflexionskraft bei jedem von uns. Ich wünsche jedem und jeder Einzelnen den Willen, den Mut und die Geduld, sich hinzusetzen und dem Gegenüber zuzuhören. Vor allem, um zu erkennen, wer man selbst ist und warum – und woher diese plötzliche Wut kommt, die sich immer wieder in Hass-Kommentaren auf Social Media, in herablassenden E-Mails auf Arbeit oder bei Lästereien im Freundeskreis zeigt. Was stört uns wirklich und was hat das am Ende mit uns selbst zu tun? Diese Frage kann ein Anfang dafür sein, in einer besseren Gesellschaft zu leben.“

Marieke Reimann, ehemalige ze.tt-Chefredakteurin

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Foto: privat

„Wir haben im Jahr 2021 eine einzigartige Gelegenheit, unsere Gesellschaft neu zu denken. Durch Covid-19 haben wir 2020 bereits angefangen, neu zu denken. Je ambitionierter wir jetzt sind, desto besser wird es uns zukünftig gehen. Neu denken heißt für mich, vor allem die Wirtschaft neu zu erfinden. Sie ist aus meiner Sicht, die stärkste Kraft in unserer Gesellschaft. Wir müssen wegkommen von Unternehmen, die Gewinne für Anteilseigner maximieren, hin zu Unternehmen, die echte soziale und ökologische Probleme angehen und dabei trotzdem profitabel sind.“

Saskia Bruysten, Mit-Gründerin von Yunus Social Business

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Foto: privat

„Ich halte nicht viel von guten Vorsätzen für das neue Jahr. Aber gute Nachsätze werden echt unterschätzt. Aus 2020 nehme ich einen wesentlichen mit: Weniger ist mehr. Das ist keine Beschwörung, sich selbst zu kasteien oder dem Hedonismus abzuschwören. Vielmehr steckt in dem Satz die Erkenntnis, dass Glück sich nicht maximieren lässt. Es entfaltet sich nicht über ein immer mehr, sondern als ganz existenzielle Erfahrung, die manchmal schon im Ausbleiben von Unglück liegen kann. Glücklich kann sich schätzen, wer 2020 nicht an COVID erkrankt ist, keine Freunde oder Familienmitglieder an die Pandemie verloren hat. Aber das Jahr hat mir ein besonderes Glück des Maßes und der Muße offenbart. In einem fast grenzenlosen Rennen um das „höher, schneller, weiter“ wurden wir alle gemeinsam global ausgebremst von einem Virus, dessen Ambition unserem eigenen Ehrgeiz auf gespenstische Weise ähnelt – es nutzt menschliche Zellen, um sich rasend schnell zu vervielfachen und um den Globus zu verteilen. Seine gesamte Existenz beruht auf exponentiellem Wachstum. Sars-CoV-2 hat die Menschheit mit ihren eigenen Mitteln geschlagen. Eine beinahe unheimliche Parallele zu einer vernetzten globalen Ökonomie, die besessen ist von einer Existenz auf der Überholspur und sich nicht um Grenzen schert. Viele Menschen, mit denen ich über die vergangenen Monate gesprochen habe, freuen sich über gewonnene Stunden, mehr Zeit mit der Familie, weniger hektische Reisen, ein gesünderes Leben, mehr im Einklang mit sich selbst und den eigenen Bedürfnissen. Das Jahr 2021 kann ein gutes werden, wenn wir das nun erfahrene „Weniger ist mehr“ über die Jahresgrenze retten und nicht in die sinn- und ziellose Betriebsamkeit zurückfallen, sobald die Impfstoffe dies möglich machen. Dafür müssten wir gelegentlich etwas mehr nachdenken. Das ist der erste Schritt zum Vordenken.“

Miriam Meckel, Gründungsverlegerin der digitalen Weiterbildungsinitiative „ada“ 

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Foto: Palais F*luxx

„Ich denke, dass es ein Ziel sein sollte, den konstruktiven und positiven Kräften in der Gesellschaft Raum zu geben. Die Zersetzer und Giftspritzer haben sich ungeheuer breit gemacht. So verstehe ich auch das Portal für die Sichtbarkeit von Frauen ab 47, das ich gegründet habe. Bei Palais-Fluxx.de geht es darum, aus der Passivität des Unsichtbarwerdens heraus und ins Handeln zu kommen. Nach dem Motto: „Wenn die Gesellschaft den Scheinwerfer nicht mehr auf uns richtet, tun wir es eben selbst!“ entsteht gerade ein unglaublich kraftvolles, ermutigendes Miteinander. Das stimmt ungemein optimistisch!“  

Silke Burmester, Journalistin und Gründerin

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Foto: Regentaucher

„Vor kurzem kam ich an der Werbung eines großen Online-Versandhandels vorbei: „Wir werden uns wieder umarmen“ und es traf mich ins Herz, dass die Wirtschaft verstanden hat, was die Politik ausblendet: Körperliche Nähe ist wichtig und wir brauchen sie für unser Überleben. Dass das gerade nicht möglich ist, verstehe ich.

Was ich nicht verstehe, ist, warum wir nicht darüber reden, wie wir, wenn diese Pandemie überstanden ist, wieder physische Nähe aufbauen, individuell und als Gesellschaft: social approaching, radical cuddling, love politics.

Das gehört für mich zu den wichtigsten Aufgaben 2021: Gemeinsamkeiten zu erforschen, Möglichkeiten des Zusammenkommens, darüber zu reflektieren, was uns alle miteinander verbindet, und das zu feiern.“

Mithu Sanyal, Kulturwissenschaftlerin und Autorin

 

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Von Pauline Tillmann , Konstanz

Pauline Tillmann ist Gründerin und Chefredakteurin von „Deine Korrespondentin“. 2011 bis 2015 war sie freie Auslandskorrespondentin in St. Petersburg und hat für den ARD Hörfunk über Russland / Ukraine berichtet. Zuvor hat sie beim Bayerischen Rundfunk volontiert. 2013 hat sie das iPad-Buch „Frei arbeiten im Ausland“ geschrieben, 2015 das eBook „10 Trends für Journalisten von heute“ und 2020 am Handbuch für digitale Medien-Entrepreneure (DW Akademie) mitgewirkt. Mehr unter: http://www.pauline-tillmann.de.

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