Was kommt nach #MeToo?
Das Nachbeben einer globalen Bewegung

Illustrationen: Moshtari Hilal

Die ägyptische Journalistin Wafaa Albadry ist überzeugt, dass die allgegenwärtige Kultur der Gewalt gegen Frauen sich nicht ändern wird, wenn sich die Medienindustrie nur oberflächlich verändert.

Als Journalist*innen haben wir das Talent, mit Worten und Bedeutungen zu spielen, wenn die direkten Fakten unsere Leser*innen verletzen könnten. Wenn es aber darum geht, uns selbst zu kritisieren und die Machtdynamiken unserer Branche zu analysieren, veröffentlichen wir lieber provokante Meinungsartikel, die viel geklickt werden.

Als die #MeToo-Bewegung gestartet ist, haben Journalist*innen zwar darüber berichtet – und tun es noch immer – aber sie tun sich schwer damit aufzuarbeiten, wie katastrophal diese allgegenwärtigen Geschichten vom systematischen Missbrauch und Frauenhass sich auf die Vielfalt der Branche ausgewirkt haben. Wir dürfen nicht zulassen, dass unser journalistisches Handwerkszeug gegen uns eingesetzt wird. Wir müssen diejenigen schützen, die sich dafür entschieden haben, in der Medienbranche zu arbeiten – und nicht dafür, dort sexualisierte Gewalt erleben zu müssen. Um diese Menschen zu schützen und um versteckten Sexismus zu bekämpfen, müssen wir die Dinge beim Namen nennen. An dieser Stelle möchte ich einige Begriffe erörtern, die in der #MeToo-Ära auch auf die Medienbranche zutreffen, um zu sehen, welche Macht Sprache und Definitionen haben.

Glass cliffing

Nachdem #MeToo auch die Journalismusbranche erreicht hatte, wurden sich einige Entscheidungsträger*innen des Geschlechtergefälles auch in ihren Unternehmen bewusst. Sie verstanden, dass man darauf als einen der Gründe für die Gewalt gegen Frauen in ihren Unternehmen hinweisen würde. Einige Firmen wollten dann den Anschein erwecken, diese Dynamiken zu verändern, also ersetzten sie die beschuldigten Männer durch Frauen.

Laut einem Artikel der „New York Times“wurde fast die Hälfte der Männer, die wegen #MeToo-Fällen entlassen wurden, durch Frauen ersetzt (Fußnote 1). Das mag auf den ersten Blick positiv wirken und den Eindruck erwecken, dass Unternehmen das Arbeitsklima für Frauen endlich verbesserten. Doch bei genauerem Hinsehen steckten einige dieser Unternehmen gerade nach #MeToo in einer Krise, oder die Stelle hatte einen schlechten Ruf, sodass die Frauen auf einer „Glasklippe“ standen.

In einem Interview mit Emily Stewart von „Vox“ erklärte die Psychologin Michelle Ryan, Namensgeberin des Begriffs, die Metapher beschreibe das „Phänomen, das Frauen (und andere Minderheiten) mit größerer Wahrscheinlichkeit riskante und prekäre Führungspositionen einnehmen. (…) Das kann passieren, wenn ein Unternehmen sich einem Skandal gegenübersieht oder wenn die Position ein Risiko für das eigene Image darstellt (Fußnote 2).“ Die „Glasklippe“ ist nicht nur für die Frauen gefährlich, die sich ihr stellen, sondern auch für die anderen, die in demselben Unternehmen oder in derselben Branche arbeiten. Denn wenn eine Frau versagt, ist sie selbst schuld daran. Wenn sie hingegen erfolgreich ist, dann ist es ein Erfolg des Unternehmens.

Gender-washing und Genderverrat

Frauenhass kommt nicht nur von Männern. Frauen können auch misogyn sein, auch Women of Color. Akte des Hasses kommen in allen Formen und Größen vor. Wenn versteckte oder offene Aggressionen von Frauen kommen, sollten wir das als Geschlechterverrat (Gender-betrayal) bezeichnen. Einen solchen Fall gab es, als die berühmte französische Schauspielerin Catherine Deneuve 100 einflussreiche Frauen um sich versammelte und einen offenen Brief schrieb, in dem sie die #MeToo-Bewegung als Hexenjagd verurteilte. Ein weiteres Beispiel sind die 65 Frauen in der US-Fernsehindustrie, die ein Unterstützungsschreiben für den langjährigen ABC-Sprecher Tom Brokaw zirkulieren ließen, nachdem ihm eine ehemalige Kollegin unerwünschte sexuelle Avancen vorgeworfen hatte. (Solche Schreiben sind von einigen Medien wörtlich aufgegriffen worden, um Partei für Täter zu ergreifen, sobald eine Betroffene sexualisierter Gewalt sich zu Wort gemeldet hat.)

Solches Verhalten ist „Genderverrat“. Nicht, weil Frauen andere Frauen blind unterstützen müssen, sondern weil man Frauen glaubt, solange sie die bestehende Machtstruktur unterstützen. Stellen sie diese infrage, gelten sie schnell als unglaubwürdige Störenfriede, die eine Situation auszunutzen, um sich berufliche Vorteile zu verschaffen. Eine Frau aber, die an die Macht kommt und das System stützt, wird nicht so gesehen, und Frauen, die solche Briefe und Schreiben unterzeichnen, glaubt man.

Um auf die französischen Medien und ihren #MeToo-Moment zurückzukommen, lassen Sie uns den Fall der sogenannten „Ligue du lol“ Facebook-Gruppe analysieren, in der Hasskampagnen gegen Journalistinnen koordiniert wurden. Diese Gruppe männlicher Journalisten brach mit dem #MeToo-Stereotyp des alten, weißen Aggressors. Stattdessen waren es junge, gut ausgebildete Digitaljournalisten. Mit altbewährten macho-journalistischen Mitteln terrorisierten sie Frauen und Kolleginnen fast ein Jahrzehnt durch Cybermobbing und Belästigung. Einige der Journalistinnen erwogen, ihren Beruf aufzugeben. Hat dieser Fall eine der 100 französischen Frauen, die behaupteten, dass #MeToo eine Hexenjagd sei, dazu veranlasst, ihre Haltung zu überdenken?

Gender-washing könnte eine weitere Form des Genderverrats sein. Der Begriff bezeichnet, dass Frauen in Führungspositionen versetzt werden, um damit toxische Machtdynamiken zu vertuschen. Diese Methode haben Unternehmen gewählt, die nicht beschuldigt werden wollen, zu wenige Frauen in Führungspositionen vorweisen zu können. Also haben sie so schnell wie möglich Frauen angestellt – und deren Loyalität gegenüber der Machtdynamik war dabei oft die wichtigste Voraussetzung. Diese Marionettenfrauen spielen eine doppelte Rolle, als Filter für Beschwerden und als Tarnung für einen sexistischen Arbeitsplatz.

So kamen sie meist mithilfe der alten Machtdynamiken zu ihren Positionen und verlassen sich nun darauf, dass sie und ihr Unterstützernetzwerk mächtig bleiben. Sie werden sich nicht bemühen, diese Dynamik zu ändern und werden nicht zögern, Betroffene und ihre Unterstützer*innen zu opfern, wenn es darum geht, den Status quo zu retten. So wie die Besetzung einer Führungsposition mit einer Person of Color benutzt wird, um eine nicht-diverse Nachrichtenredaktion zu rechtfertigen, wird Gender-washing benutzt, um Frauenhass zu decken. Wenn die Unternehmen endlich fragen würden, „Was sollen wir eurer Meinung nach tun?“, dann würden wir antworten: „ÄNDERT DIE MACHTDYNAMIK, nicht die Machthabenden. Es geht nicht um Individuen.“

„Mansblaming“, „Womensblaming“ und „Career Femicide“

Autorin Wafaa Albadry (Foto: privat).

Was passiert nach #MeToo mit den Betroffene an ihrem Arbeitsplatz? Ich kenne viele Geschichten. Sie erzählen von Belästigungen durch andere Kolleg*innen, von Ausgrenzung und vom Verlust jeglicher Hoffnung auf einen Berufsaufstieg. Oft haben Betroffene sexualisierter Gewalt überlegt, ihren Arbeitsplatz zu kündigen oder den Beruf ganz aufzugeben. Ein Kollege erzählte mir, dass ein Mann in höherer Position ihm gesagt habe, er solle nicht mit einer der Betroffenen gemeinsam im Aufzug fahren. Man nennt sie nicht Whistleblowerinnen, sondern Unruhestifterinnen.

So werden Frauen, die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz anzeigen, laut einer 2018 in „The Economist“ veröffentlichen Umfrage mit dem Titel „Mansblaming“ wahrgenommen. Über 30 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen stimmen folgender Aussage zu: „Frauen, die sich über sexuelle Belästigung beschweren, verursachen mehr Probleme, als sie lösen“, wobei diese Zahl von 2017 auf 2018 stieg (Fußnote 3). Mit anderen Worten, in vielen Fällen wird den Frauen auch noch vorgeworfen, dass sie auf Belästigung hinweisen.

Wenn das den Druck beschreibt, dem Betroffene sexualisierter Gewalt im Umfeld ihrer Kolleg*innen ausgesetzt sind, wirft das die Frage auf, wie sie damit am Arbeitsplatz umgehen – vor allem, wenn sie mehrfach von Diskriminierung betroffen sind. Diana Falzone zitiert in „Vanity Fair“ehemalige TV-Moderator*innen und Netzwerkpersönlichkeiten, die sagen, sie seien eine Persona non grata, seit sie hochkarätige Prozesse gegen sexuelle Serienbelästiger angestrebt hätten. Frauen wurden inoffiziell auf schwarze Listen gesetzt. Im selben Artikel erwähnt die Autorin – die selbst zuvor ein großes Unternehmen wegen Diskriminierung verklagt hatte –, dass eine Frau ihr erzählte: „Dieselben Leute, die dir öffentlich applaudieren, wenn du Übergriffe anprangerst, würden dich nie in ihrer eigenen Organisation einstellen. Du wirst für immer als Whistleblowerin und Unruhestifterin angesehen (Fußnote 4).“

Mai Elshamy, eine ägyptische Journalistin, die sich über einen Journalisten mit Verbindungen zur Regierung beschwerte, sah sich danach mit Verleumdungen und Mobbing konfrontiert und wurde gekündigt (Fußnote 5). Danach hatte sie Schwierigkeiten, eine neue Stelle zu finden und bei Verfassen dieses Artikels ist sie seit fast einem Jahr arbeitslos. Die systematische Zerstörung der Berufsaussichten von Frauen, die sich gegen Sexismus oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz aussprechen, nenne ich „Career Femicide“. Angesichts des schon bestehenden Prekariats in der Journalismusbranche bedeutet das für Kolleg*innen in unsicheren Lebensverhältnissen, für Journalist*innen of Color oder im Exil mitunter politischen Druck, Polarisierung, Gefängnis oder Tod. In solchen Fällen ist der Verlust der Karriere gleichbedeutend mit dem Verlust des Lebens.

#MeToo verändert die Dynamik der Medienbranche, aber die Geschichte eines #MeToo-Falls endet nicht damit, dass der Täter gefeuert wird. Es ist eine unvollendete Geschichte, die neue Kapitel aufschlägt und neue Begriffe und Definitionen erfordert. Die Gegner*innen dieser Bewegung setzen gerne Scham als Waffe ein. Sie behaupten, „Das ist Krieg“, um uns das Gefühl zu geben, wir seien anderen Journalist*innen gegenüber unsolidarisch oder stellten uns gegen professionelle Kameradschaft. Die Wahrheit aber lautet: hier geht es nicht um „wir gegen euch“. Es geht um „uns gegen den Sexismus“. Wenn du Frauenhass verteidigst, dann bist du gegen uns. Aber wir können auch gemeinsam kämpfen.

 

Hintergrund zum Artikel:

Was kommt nach #MeToo? ist einer von 30 Artikeln des Sammelbandes „Unbias the News. Warum Journalismus Vielfalt braucht“ von Hostwriter, erschienen im CORRECTIV Verlag.

 

Fußnoten:

1) Audrey Carlsen, Maya Salam et al, „#MeToo Brought Down 201 Powerful Men. Fast die Hälfte ihrer Nachfolger sind Frauen“, The New York Times, 23. Oktober 2018,

2) Emily Stewart, “Why struggling companies pro- mote women: The glass cliff, explained,” Vox, 31. Oktober 2018, https://www.vox.com/2018/10/31/17960156/ what-is-the-glass-cliff-women-ceos

3) “Measuring the MeToo Backlash”, The Economist, 20. Oktober 2018, https://www.economist.com/ united-states/2018/10/20/measuring-the-metoo- backlash

4) Diana Falzone, “’You will lose everything’: Inside the Media’s #MeToo Blacklist,” Vanity Fair, 16. April 2019, https://www.vanityfair.com/news/2019/04/ the-metoo-blacklist

5) Sudarsan Raghavan und Heba Farouk Mah- fouz, “In Egypt, a #MeToo Complaint can land a woman in jail”, The Washington Post, 25. Oktober 2018, https://www.washingtonpost.com/world/ in-egypt-a-metoo-complaint-can-land-a-wo- man-in-jail/2018/10/24/3a2fe5a0-d6db-11e8-a10f- b51546b10756_story.html?utm_term=.d60d5a- b3ee56