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„Wach auf, dein Kind ist jetzt weg“
Von Misshandlungen, Zwangsadoptionen und toten Säuglingen

16. März 2022 | Von Mareike Graepel
Clodagh Malone zeigt ihre Geburtsurkunde. Sie ist in einem Mutter-und-Baby-Heim in Dublin zur Welt gekommen. Fotos: Mareike Graepel

Bis 1998 wurden mehr als 50.000 Irinnen in Mutter-und-Baby-Heimen ihre Kinder weggenommen. Unverheiratet schwanger zu sein galt im erzkatholischen Irland als unverzeihliche Schande – und die Kirche war so mächtig, dass sie allein über die Zukunft der Babys entschied. Eine unabhängige Kommission sollte 2021 für Aufklärung sorgen, doch der Bericht gilt als lückenhaft und unvollständig.

Von Mareike Graepel, Dublin  

In Irland waren Verhütung und Abtreibung lange verboten, Sex vor Ehe nicht erlaubt, Aufklärung praktisch nicht existent. Bei ungeplanten Schwangerschaften galt die Frau als die „Schuldige“ an ihrem „Zustand“ – egal, ob das Baby von ihrem Freund war, in einem Abhängigkeitsverhältnis oder durch eine Vergewaltigung oder Missbrauch entstand. Wer nicht illegal im Ausland die Schwangerschaft beenden wollte oder konnte, hatte im von Kirche und Tradition bestimmten Gefüge der irischen Familie keine Wahl: Der Priester wurde informiert. Er entschied, ob die Frauen verstoßen werden sollten oder in eines der 18 katholischen Mutter-und-Baby-Heime gebracht wurden.

In dem Hollywood-Film „Philomena“ spielt Judi Dench eine Frau, die es erst im hohen Alter schaffte, Details über ihren Sohn herauszufinden, den sie 1951 im sogenannten „Sean Ross Abbey Mother and Baby Home“ zur Welt gebracht hatte. Er war gegen ihren Willen nach Amerika verkauft worden – für umgerechnet 910 Euro. Drei Mal war er als Erwachsener vergeblich nach Irland gereist, um seine Mutter zu finden. Als Philomena Lee ihn 2003 endlich ausfindig machte, war es zu spät. Er war bereits 1995 gestorben.

Frauen konnten nicht einfach gehen

Was wie Fiktion klingt, ist bestürzende Realität: Zwischen 1922 und 1998 brachten 56.000 unverheiratete irische Mütter Kinder zur Welt, die ihnen nach der Geburt weggenommen wurden. Philomena Lee war eine davon. Aktuell hat sie mit acht anderen Frauen am Obersten Irischen Gerichtshof einklagen können, dass Teile des 2021 veröffentlichten Mutter-und-Baby-Heim-Berichts für ungültig erklärt werden.

Eine noch nicht finale Ausgabe des Kommissionsberichts. Sie füllt eine ganze Kiste, der Bericht ist mehr als 3.000 Seiten lang.

Der Hintergrund: Der Report sei unvollständig, an vielen Stellen falsch und würde behaupten, die Frauen seien nicht im strengen Sinne des Wortes „eingesperrt“ gewesen und hätten jederzeit gehen können. Philomena Lee hatte aber für den Bericht unter anderem zu Protokoll gegeben, dass Mädchen, die versuchten, wegzulaufen, von der Polizei zurückgebracht wurden. Gut zehn Jahre vor dem Bericht war mit einer grausigen Entdeckung die Untersuchung der Mutter-und-Baby-Heime überhaupt erst ins Rollen gekommen.

Im kleinen Ort Tuam im Westen Irlands fand die Amateurhistorikerin Catherine Corless heraus, dass im dortigen Heim die Leichen von fast 800 Kindern in einem nicht registrierten Massengrab liegen. Viele wurden wie Müll in einem alten Abwassertank entsorgt. Doch die toten Babys von Tuam waren nur die Spitze des Eisberges, Schätzungen zufolge sind allein bis 1960 mehr als 6.000 Säuglinge in Irland in den Mutter-und-Baby-Heimen ums Leben gekommen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Aber die irische Regierung musste reagieren und hat eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben.

„Du dreckige Schlampe, das ist für deine Sünden“

Die 64-jährige Maggie Corbett hat im „Bessborough Mother and Baby Home“ in Cork zwei Töchter bekommen. Sie sagt, sie erinnere sich, als sei es gestern gewesen. „Ich musste nach der Geburt aufstehen und den Tisch und Boden in dem sonst leeren Raum schrubben, in dem ich gerade mein Baby zur Welt gebracht hatte. Vorher wurden wir stundenlang allein gelassen, bis der Muttermund weit genug geöffnet war.“ Während der Presswehen hätten sich die Nonnen auf ihre Brust gesetzt und ihr ins Gesicht geschrien: „An diesem Schmerz bist du selbst schuld, du dreckige Schlampe, das ist für deine Sünden.“

Maggie Corbett zeigt ein Bild ihrer zweiten Tochter, die 1978 in Bessborough zur Welt kam. Bis heute konnte sie sie nicht finden.

Die zierliche Frau mit den blondierten Haaren erzählt, dass sie wie die anderen unverheirateten Schwangeren im Heim hart arbeiten musste und in kleinen Schlafräumen ohne fließendes Wasser lebte. Sie sei beide Male nicht freiwillig dort gewesen: Nonnen hätten sie zu Hause abgeholt, ihr die wenige Wochen alten Babys weggenommen und sie zur Adoption freigegeben. „Zum Stillschweigen mussten wir gar nicht verdonnert werden. Wir haben uns so geschämt, wir haben ja geglaubt, was die uns über uns gesagt haben.“ Bis heute hat sie mit ihrer Mutter nicht darüber gesprochen, genauso wenig wie mit Freundinnen oder Geschwistern.

Beim zweiten Mal wusste sie, was sie erwartete

„Ich war das älteste von zwölf Kindern, und obwohl es meiner Mutter das Herz gebrochen hat, dass ich mitgenommen wurde, unternahm sie nichts. Mein Vater und der Priester haben unmissverständlich klar gemacht: Ich habe Schande über uns alle gebracht, über die Familie und über das Städtchen.“ Und die Väter der Kinder? Sie sagt, sie hätten 1976 und 1978 nichts damit zu tun haben wollen.

Der eine wurde von seiner Familie geschützt und stellte sie als leicht zu haben hin. „Dabei hatte ich gar keine Ahnung, was mit mir geschehen war. Ich habe nicht gewusst, dass ich schwanger werden konnte.“ Der andere nutzte aus, dass sie nach der ersten Schwangerschaft und wegen der Sehnsucht nach ihrem Kind verletzlich und auf der Suche nach Nähe und Zuneigung war; dass sie wegen einer – so weiß sie jetzt – postnatalen Depression und posttraumatischen Belastungsstörung zu viel trank und ihm blind vertraute. Sie wurde wieder schwanger. Sie stand wieder allein da. Sie wurde wieder allein nach Bessborough gebracht. Nur dieses Mal wusste sie, was sie erwartete.

Maggie Corbett spricht ruhig, nur selten gerät sie in Aufruhr, sie lächelt viel, als sie ihre Geschichte erzählt. Sie ist stolz auf ihren Mut, offen zu sein, und ein bisschen darauf, so viel Schweres überlebt zu haben. Für das Treffen hat sie Fotos mitgebracht. Bei manchen weint sie. Sie zeigt Bilder ihrer ersten Tochter, Joanne, die sie eigentlich Martina-Samantha genannt hatte. „Ich habe sie erst wiedergesehen, da war sie selbst schon Mutter, und ich somit Oma.“ Und sie zeigt ein Kinderfoto von dem zweiten Mädchen, das sie noch nicht finden konnte. Sie sei sicher, dass Marie-Antoinette lebe, sie spüre das, aber sie trage sicher einen anderen Namen.

Die Geburtsurkunde von Clodagh Malone.

Auch die Mütter wurde von den Nonnen umbenannt. Maggie wurde zu „Olga“, als sie das erste Mal in Bessborough ankam, im dritten Monat schwanger – und ebenso, als sie zwei Jahre später noch einmal da war. „Beim zweiten Baby haben sie mich nicht mehr nachts geweckt, sondern mir erst am nächsten Morgen gesagt, dass die Kleine weg ist.“ Wohl aus Sorge, sie würde versuchen, es zu verhindern. „Beim ersten Kind haben die Nonnen nachts um ein Uhr an meinem Bett gestanden und gesagt: ‚Wach auf, Olga, dein Kind ist jetzt weg: Für immer.’ Ich habe beim nächsten Kind oft nicht geschlafen.“ Und dennoch konnte sie nicht verhindern, dass ihr auch ihre zweite Tochter entrissen wurde.

„Als ich 1990 versucht habe, die Nonne, die Bessborough geleitet hat, zu konfrontieren, um Hilfe bei der Suche nach meinen Kindern zu bekommen, hat sie gesagt: ‚Ach, komm, so schlimm waren wir doch nicht, oder?‘ Ich konnte sie nur anstarren und nichts mehr sagen.“ Es sollte noch 16 Jahre dauern bis sie – dank Unterstützung durch eine Sozialarbeiterin – ihre erste Tochter wiedertreffen konnte.

Nach zwei gescheiterten Ehen, einer weiteren Tochter namens Ríona, und einem Studium der Sozialwissenschaften, als schon sie Mitte 40 war, kann Maggie Corbett sagen: „Ich bin heute in einer glücklichen Beziehung und setze mich beruflich und privat für andere ein.“ Anderen Überlebenden geht es nicht so gut. Viele haben Suchterkrankungen, psychische Probleme, können nicht arbeiten. Hilfe bei der Aufarbeitung, seelsorgerische Begleitung oder finanzielle Entschädigungen gab es nicht. Bis jetzt.

Nicht perfekte Babys kamen in einen anderen Trakt

Dass dem – ersehnten und doch kritisch aufgenommenen – Kommissionsbericht 2021, der Zeugenaussagen, Urkunden, Berichte der Heime, Autopsie-Ergebnisse und wissenschaftliche und historische Recherchen beinhaltet, ein Schadensersatzangebot folgte, wirkt auf den ersten Blick positiv. Aber Geld bekommen nur die Mütter – je nach Dauer des Aufenthalts in der Einrichtung zwischen 5.000 und 65.000 Euro. Die Bedingung, dass sie mindestens sechs Monate in einem Mutter-Kind-Heim verbracht haben müssen, um selbst auch Anspruch auf Entschädigung zu haben, hat die überlebenden Kinder „am Boden zerstört“. 

„Wir stehen wieder ganz unten“, sagt die 51-jährige Clodagh Malone, die als Aileen im St. Patrick’s-Mutter-und-Baby-Heim in Dublin zur Welt kam und die die Selbsthilfe- und Such-Organisation „Beyond Adoption“ gegründet hat. In einer Kiste auf dem Tisch liegt eine ungebundene Vorabausgabe des Kommissionsberichts. „Die Regierung weiß, dass viele der Überlebenden in ein paar Jahren nicht mehr leben werden. Einige von ihnen haben gehofft, ein paar Euro zu bekommen, um sich die eigene Beerdigung leisten zu können. Ich zittere vor Wut.“

Clodagh Malone erinnert daran, wie es den Babys in den Heimen erging, egal, ob sie nur ein paar Wochen, Monate oder Jahre dort waren. „Viele Babys, die nicht schnell weggegeben werden konnten, wurden extrem vernachlässigt, 23 Stunden am Tag im Bettchen liegen gelassen, selten gewickelt und im Liegen mit der Flasche gefüttert. Vor allem die Kinder, die nicht ‚perfekt‘ waren, eine Behinderung hatten oder eine andere Hautfarbe. Die kamen in einen anderen Trakt und wurden dort so gut wie vergessen“, sagt Clodagh Malone.

Die Frau, die Clodagh Malone zur Welt brachte, nannte sie Aileen.

Sie berichtet von Erinnerungen der jungen Mütter, die beobachtet haben, wie „viele von uns zu medizinischen Versuchen und Impftests benutzt wurden“. Manche bekamen demnach Ziegenmilch statt Säuglingsmilch. Sie selbst sei bis heute sehr empfindlich in Sachen Ernährung, sagt sie, als sie Brot und einen Teller mit Aufschnitt auf den Tisch stellt. Die Frauen und Männer in den Selbsthilfegruppen berichten von psychischen und körperlichen Folgen, Suchterkrankungen, Verdauungsproblemen.

„Ich bin eine derjenigen, die noch Glück hatte – auch mit meiner Adoptivfamilie – aber ich habe Albträume, einen Putzzwang, gesundheitliche Einschränkungen und wie viele der adoptierten Kinder eine große Sehnsucht danach zu wissen, wo ich herkomme.“ Sie kennt zwar die Frau, die sie zur Welt brachte, hat aber hat keine gute Beziehung zu ihr. Viele, so Clodagh Malone, die ihre Mütter (und Väter) bis heute nicht finden konnten, suchten in jedem Menschen Anhaltspunkte: „Könnte ich mit diesem oder jedem verwandt sein? Die meisten haben alle ihre Dokumente immer bei sich – wie Paddington Bär.“

Papst hebt 2018 in Irland eine Todsünde auf, Hotlines stehen nicht still

Bis vor wenigen Jahren sagte die Kirche vielen irischen Frauen – trotz des harschen Umgangs mit ihnen viele gläubige Christinnen – es sei eine Todsünde, ihre durch Zwangsadoption weggenommenen Kinder zu suchen. Im persönlichen Gespräch mit Papst Franziskus bei seinem Besuch in Dublin im August 2018 bat Clodagh Malone ihn darum, deutlich zu sagen, dass die Frauen ihre Kinder suchen dürften und die Kinder ihre Mütter.

Am nächsten Tag verkündete er bei der im irischen Fernsehen live übertragenen Abschlussmesse: „Wir bitten um Vergebung für die Kinder, die ihren Müttern weggenommen wurden, und für die Fälle, in denen man den jungen Müttern, die versuchten, ihre Kinder ausfindig zu machen, oder den Kindern, die ihre Mütter suchten, sagte, das sei eine Todsünde: Das ist keine Todsünde.“ Innerhalb von Sekunden standen die Telefone der Hilfsorganisationen und Adoptionsstellen nicht mehr still.

Die Kinder wiederzufinden war aber selbst für die Mütter, die keine Angst hatten, eine Todsünde zu begehen, lange so gut wie unmöglich – wegen fehlender Dokumente, schwer belegbarer Vertuschungsversuche, gefälschter Unterschriften oder Eltern minderjähriger Mütter, die der Adoption zugestimmt hatten, geänderter Namen und erst spät möglicher DNA-Abgleiche. Manche Kinder wurden ohne Papiere nachts zum Fenster hinausgereicht, schon bevor Adoption 1952 in Irland legalisiert wurde. Viele wurden nach Amerika verkauft.

Clodagh Malone erklärt: „Es war eine Adoptions-Maschinerie, die da ans Laufen gekommen war.“ Es sei nicht ungewöhnlich gewesen, dass ein Priester mit fünf Babys in die USA geflogen sei. Dieser habe in der ersten Klasse gesessen, die Stewardessen hätten sich um die Säuglinge gekümmert. Der Pilot habe dem Priester Champagner bringen lassen und die anderen Fluggäste hätten applaudiert – „weil er so hübsche, pralle Babys zu neuen Familien nach Amerika brachte.“

Ein Auto hält vor Malones Haus und sie beginnt zu strahlen. Die Tür zur Küche springt auf, ihre Tochter und deren Freund kommen herein. „Ich habe drei Kinder, zwei Enkelkinder und einen tollen Mann.“ In der katholischen Kirche sei sie schon lange nicht mehr. Obwohl sie sehr spirituell sei, wolle sie diese Institution nicht länger unterstützen. Und Maggie Corbett ergänzt: „Warum ich nicht den Verstand verloren habe? Ich habe mir immer gesagt: Du kannst mit deinem Körper menschliches Leben machen. Das ist ein Wunder. Du bist ein Wunder.“

 

PODCAST-TIPP:

Blick in andere Länder: Zwischen 1956 und 1984 wurden tausende unverheiratete, schwangere Frauen in den Niederlanden gezwungen, ihre Babys wegzugeben. Der Podcast „Separated by force“ unserer Niederlande-Korrespondentin Sarah Tekath deckt dieses dunkle Kapitel der niederländischen Geschichte auf, indem er sowohl die Erfahrungen der Frauen als auch die der Kinder anhört. Außerdem erklären Rechtsexpert*innen und Historiker*innen die gesellschaftliche Situation in dieser Zeit, um auf das Unrecht aufmerksam zu machen, das den niederländischen Frauen und ihren Kindern jahrzehntelang angetan wurde. In einer Folge kommen auch die irischen Frauen aus diesem Artikel zu Wort.

Link: https://www.spreaker.com/show/separated-by-force

 

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Von Mareike Graepel, Haltern

Mareike Graepel lebt in Haltern und Irland. Sie ist unser Head of Partnerships und kümmert sich um Kooperationen mit (Medien-)Partner*innen. Sie schreibt seit ihrer Jugend für lokale, regionale und überregionale Tageszeitungen und Magazine – zunächst als freie Mitarbeiterin, dann als Redakteurin und seit 2017 selbstständig als Journalistin und Übersetzerin. Ihre Themen drehen sich meist um Gesellschaft, Umwelt, Familie, Gesundheit und Kultur.

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Sarah TekathAmsterdam
Die Autobranche ist immer noch männlich dominiert. Zwei Schwestern in den Niederlanden gründeten deshalb das erste Autohaus des Landes mit einer Werkstatt von Frauen für Frauen. Und sie sind nicht allein, denn es gibt noch weitere Wegbereiterinnen, die mehr Frauen in Technikberufen sehen wollen.

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