Von Kommentaren und Katzenvideos
Das EU-Parlament und sein Social-Media-Team

Foto: Europäisches Parlament

Wer beantwortet die Nachrichten, wenn Bürger an das Europäische Parlament auf Facebook schreiben? Die Polin Karolina Wozniak mit ihrem Team. Europa ist ihr Herzensthema und Kommunikation ihre Leidenschaft.

Von Franziska Broich, Brüssel

„Liebes Europäisches Parlament, das Ergebnis des Referendums in Großbritannien hat mich zutiefst getroffen. Ich bin 19 Jahre alt und studiere. Im August beginnt mein Erasmussemester in Frankreich. Europa ist für mich die Freiheit zu reisen, mein Freund lebt in Deutschland und meine Oma in Polen. Mein Herz ist in der EU. Was soll ich machen, wenn Großbritannien den Club verlässt?“ Nachrichten wie diese las Karolina Wozniak am Morgen des 24. Juni 2016 nach dem Brexit-Referendum. „Mir kamen die Tränen bei den Nachrichten von vielen jungen Briten, die ich sah“, erzählt die 38-jährige Polin. Sie ist die Social-Media-Koordinatorin des EU-Parlaments.

Karolina Wozniak koordiniert das Social-Media-Team des Europäischen Parlaments (Foto: Pietro Naj-Oleari).

Wie der betroffenen jungen Britin antwortet sie mit ihrem Team von etwa 20 Mitarbeitern täglich Europäern auf den sozialen Kanälen. Es geht um den Brexit, die EU-Asylpolitik oder die Reisefreiheit in Europa. Eine große Herausforderung sei die Flüchtlingskrise gewesen, sagt Wozniak. Zu diesem Thema hätten sie besonders viele unschöne, verletzende Kommentare erhalten. Insgesamt ist das Parlament auf über 15 Plattformen wie Facebook, YouTube, Instagram und Snapchat aktiv – auf einigen sogar in allen 24 offiziellen EU-Sprachen.

Wozniak selbst spricht Englisch, Französisch und Polnisch. Ein Grund, warum sie nach ihrem Abitur für eine polnische Zeitung über die Beitrittsverhandlungen mit der EU berichten durfte. Sie reiste nach Brüssel, lernte die EU-Institutionen kennen und lauschte im Regierungsflieger auf der Rückreise den Geschichten der Politiker. „Viele junge Menschen waren an der EU interessiert, aber mein Interesse war schon besonders“, erinnert sich die quirlige Frau mit dunklen langen Haaren. Die anderen Kulturen und Sprachen haben sie fasziniert. In der Nacht, als Polen der EU beitrat – am 1. Mai 2004 – verließ sie kurz vor Mitternacht eine Party in Warschau. Der Grund: „Ich wollte dabei sein, wenn die europäische Flagge auf dem zentralen Piłsudski Platz gehisst wird.“

Wozniak wurde Journalistin, arbeitete für verschiedene Medien. Kurz nach dem Beitritt suchte die EU auch Mitarbeiter aus Polen. „Ich dachte, warum nicht, und machte den Auswahltest der EU.“ Der Wettbewerb ist hart. Viele probieren es jahrelang. Wozniak gelang es beim ersten Mal. Eines Tages kontaktierte Stephen Clarke sie. Er leitete damals die Onlineredaktion des EU-Parlaments. Wozniak packte ihr Leben in Polen zusammen und zog nach Brüssel – die Stadt, die sie aus den Tagen der EU-Verhandlungen bereits kannte.

Vom Facebook-Fan zum Fragensteller beim Präsidenten

„EU Geek“ nennt sich Wozniak mit einem Lächeln. „Die EU und ich, das ist wie eine kleine Liebesgeschichte“, sagt sie. Es sei der direkte Kontakt zu den Menschen in Europa, den die Polin besonders an den sozialen Medien möge. „Wir haben die Möglichkeit, die Lücke zwischen den EU-Abgeordneten und den Bürgern zu schließen.“ Schließlich kann auf der Facebook-Seite jeder den Abgeordneten seine Fragen stellen.

Das Europaparlament ist seit 2009 auf Facebook aktiv. „Als ich 2010 dazu kam, hatte das Parlament 150.000 Fans“, sagt sie. Heute sind es 2,5 Millionen. Das EU-Parlament will die Menschen über die Plattform informieren. Gepostet werden Bilder, Videos und seit über einem Jahr auch Live-Interviews zu Themen, über die die EU-Abgeordneten beraten, wie zum Beispiel den Klimawandel, die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems oder das Urheberrecht. Bei den Live-Interviews können die Menschen direkt mit den Parlamentariern in Kontakt treten – und bekommen auch meist direkt eine Antwort auf ihre Fragen.

Regelmäßig organisiert Wozniak auch Gewinnspiele für Facebook-Fans. Sie selbst zeigt ihnen dann den Plenarsaal und die Gänge des EU-Parlaments in Straßburg oder Brüssel. Die Gewinner werden ins Parlament eingeladen und treffen manchmal sogar den Präsidenten, Antonio Tajani. Sie können ihn dann fragen, was sie schon immer mal wissen wollten. Für die Teilnehmer seien das oft beindruckende Momente, sagt Wozniak: „Das Europaparlament soll kein schwarzer Kasten für die Europäer sein. Die sozialen Medien sind eine wunderbare Möglichkeit, ihnen zu zeigen, wie es hier aussieht und was hier passiert.“

Am Anfang jeder Woche wählt Wozniak mit ihrem Team die aktuellen Themen des Parlaments aus, die auf den verschiedenen sozialen Medienkanälen gespielt werden. „Für Instagram sind das manchmal andere Themen als für Facebook“, erklärt Wozniak. Auf der einen Plattform ist es ein Bild, auf der anderen ein Video. Die Inhalte werden an die jeweiligen Abonnenten angepasst. Manchmal gibt es beispielsweise Beiträge zum EU-Austauschprogramm „Erasmus Plus“ oder dem Interrail-Programm der EU nur für jüngere Facebook-Fans.

Wozniak beobachtet auch, dass manche Themen mehr Männer als Frauen ansprechen. Die männlichen Fans interessierten sich beispielsweise eher für den Brexit und politische Themen. Frauen kommentierten oft Posts zum Klimawandel oder zur Umweltverschmutzung. Wozniak hat einen Blick für diese Unterschiede und versucht bewusst, besonders Frauen, die die EU geprägt haben, sichtbar zu machen. Am 9. Juli gab es zum Beispiel einen Beitrag zu den „Gründermüttern“ der EU. „Lernt die Frauen kennen, die die EU mitbegründet haben“, stand über dem Video. Mit der Fanseite auf Facebook sollen prinzipiell Europäer jeden Alters angesprochen werden. Die meisten Fans sind jedoch zwischen 25 und 34 Jahre alt.

Mehr Kommentare, aber auch mehr Kritik

Mit der steigenden Zahl an Fans kamen auch mehr Kommentare zu den Postings – und nicht nur gute, erzählt Wozniak: „Wir versuchen natürlich, allen zu antworten, aber es ist nicht immer möglich.“ Über die Jahre habe die Zeit, die ein Redakteur für die Moderation aufwenden müsse, zugenommen. Zudem seien die Kommentare auch immer „härter“ geworden. Wenn das EU-Parlament als „Witz“ beschrieben werde, sei das noch harmlos. In den Leitlinien zur Moderation beschreibt das Parlament genau, was geht und was nicht: Gelöscht werden etwa Kommentare, die sich auf Nazis, die Sowjetunion, Hitler oder Stalin beziehen – aus Respekt vor den Opfern und Veteranen des Zweiten Weltkriegs. „Wir versuchen, auf direkte Fragen zeitnah zu antworten“, heißt es auch in diesen Leitlinien. Mittlerweile gebe es jedoch auch viele Fans, die Fragen anderer Fans beantworteten.

Konkret funktioniert das so in Wozniaks Team: Es ist immer ein Mitarbeiter für einen Beitrag auf Facebook verantwortlich. Er schreibt einen Text, sucht ein Bild, Video oder GIF dazu heraus. Nachdem alle Teammitglieder ihre Meinung zum Vorschlag kundgetan haben, postet der Zuständige den Beitrag auf der Seite und kümmert sich anschließend um die Moderation. Das heißt, er liest alle Kommentare, löscht die, die gegen die Leitlinien verstoßen und beantwortet Fragen.

„Generell versuchen wir jedoch, so wenig wie möglich zu löschen,“ so Wozniak, „denn wir freuen uns ja, wenn unsere Fans die Europathemen diskutieren.“ Zwar sind die Mitarbeiter auch am Wochenende im Dienst, aber nicht rund um die Uhr. Jeder Mitarbeiter arbeitet nicht nur mit den sozialen Medien, sondern ist auch für einen Sprachbereich zuständig oder entwickelt redaktionelle Inhalte.

Eine der größten Herausforderungen für die Social-Media-Koordinatorin sind die sich ständig verändernden Programmierungen der Online-Dienste und Suchmaschinen. „Wir müssen unsere Inhalte immer wieder an die neuen Algorithmen anpassen, damit wir weiterhin viele Menschen erreichen“, sagt sie. Dazu probieren sie ständig neue Formate aus, wie etwa vor zwei Jahren die Live-Streams auf Facebook.

Botschafter für die Europawahlen im kommenden Jahr

Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Europawahlen 2019 auf Hochtouren. „Diesmal wollen wir besonders junge Menschen darüber informieren“, sagt Wozniak. Insgesamt beteiligten sich an der vergangenen Europawahl vor fünf Jahren immerhin knapp 43 Prozent der 500 Millionen wahlberechtigten Europäer. Die Wahlbeteiligung veränderte sich im Vergleich zu 2009 kaum. Die geringste Wahlbeteiligung gab es in Deutschland bei den 21- bis 24-Jährigen mit 35,5 Prozent. Erstwähler schnitten mit knapp 40 Prozent besser ab.

Bereits bei den vergangenen Wahlen gab es viele Angebote für Erstwähler wie zum Beispiel die YouTube-Aktion #storychangersEU. Es ging darum zu zeigen, dass Jugendliche einen Trend verändern können. Sie konnten über Nachrichten auf der dafür freigeschalteten Internetseite entscheiden, wie das YouTube-Video mit einer Katze enden sollte. Für die Wahlen im kommenden Jahr können junge Menschen auf der Internetseite „This time I am voting“ bereits ihr Interesse kundtun. Sie sollen dann als Europawahl-Botschafter ausgebildet werden.

Die Begeisterung für das gemeinsame europäische Projekt hat Wozniak über die Jahre nicht verloren. Sie hofft, dass sie etwas davon an die Facebook-Fans des Parlaments weitergeben kann. Dass sie damals ihre Sachen packte und nach Brüssel ging, hat sie nie bereut. Sie sagt: „Ich bin immer noch davon überzeugt, dass wir nur zusammen mit den anderen europäischen Ländern etwas bewegen können.“

 

Franziska Broich
Von Franziska Broich , Brüssel

Franziska Broich (29) ist EU-Korrespondentin für die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA). Europa war schon immer ihr Ding. Nach dem Studium ging es zur DJS und danach direkt in die Onlineredaktion des Europaparlaments. 2016 wechselte sie wieder auf die journalistische Seite und will bei „Deine Korrespondentin“ den Frauen hinter dem europäischen Politikalltag ein Gesicht geben.