Vertreibung aus dem Paradies
Frauen im peruanischen Regenwald

Frau im Dorf Yapatera. Fotos: Leslie Searles

Die Bilder der peruanischen Fotografin Leslie Searles erzählen Geschichten von Menschen, deren Stimmen in der Gesellschaft oft nicht gehört werden: Frauen, Indigene, Menschen, die gegen Widerstände ankämpfen müssen. Für ihre Werke ist sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden.

Von Eva Tempelmann, Lima

Fotografin Leslie Searles (Foto: privat).

Leslie Searles ist keine Frau großer Reden. Ihre Stimme ist bedacht, fast leise. Manchmal sucht sie nach Worten, um zu beschreiben, was sie mit ihren Bildern umso eindrucksvoller festhält. Ihre Fotos zeigen Migrant*innen aus Haiti, die sich nach dem Erdbeben 2010 auf den Weg nach Brasilien machten und an der peruanischen Grenze strandeten. Sie zeigen verlassene Orte wie Yapatera im Norden Perus, in denen Nachfahren afrikanischer Sklav*innen aus dem Kongo, Mozambik und Angola das trockene Land beackern und zwischen überwucherten Ruinen einer ehemaligen Zuckerfabrik leben. Und immer wieder zeigen sie Frauen im Amazonas-Regenwald.

Die zierliche 41-Jährige ist fasziniert von der Vielschichtigkeit Perus. „Allein die unterschiedlichen ethnischen Gruppen, die vielen Sprachen, die Klimazonen von Wüste bis Regenwald,“ sagt sie, „das beeindruckt mich zutiefst“. Ein Jahr reiste sie mit ihrem Ex-Partner Musuk Nolte, ebenfalls Fotograf, durch ihr Heimatland und veröffentlichte ihre Eindrücke 2014 im Bildband „Piruw“. Das Wort soll der Ursprung des Namens Peru sein.

Freiheit statt Sicherheit

Searles kommt aus Arequipa im Süden Perus. In ihrer Kindheit gab es noch Land und Felder in der Stadt, die heute mehr als eine Million Einwohner*innen zählt. Nach der Schule zog sie in die Hauptstadt Lima und studierte Medien mit Schwerpunkt Kino. Damals schaute sie bei Filmen immer ganz genau auf die Kameraführung und entdeckte bald die Fotografie für sich. Also ging sie nach London, um Fotografie zu studieren. „Die Zeit in dieser multikulturellen Stadt voller spannender Künstlerinnen war pure Inspiration“, sagt Searles rückblickend. Zurück in Lima arbeite sie ein paar Jahre als feste Fotografin für „El Comercio“ in Lima, eine der ältesten Tageszeitungen des Landes. Aber dann kündigte sie ihre feste Stelle, um als freie Fotografin mehr Zeit zu haben für Projekte, die ihr wirklich am Herzen liegen: Kooperationen mit dem investigativen Journalistennetzwerk „Ojo Público“ und internationalen Organisationen wie „Save the Children“, UNDP oder der GIZ. Sie veröffentlicht ihre Bilder in peruanischen und internationalen Zeitschriften. Dafür nimmt sie finanzielle Unsicherheiten in Kauf – „denn leider gibt es für wirklich wichtige Themen wie Umweltschutz oder Menschenrechte kaum Geld.“ 

 

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Seit einigen Jahren ist Leslie Searles als Fotografin oft im Amazonasregenwald unterwegs, dem größten tropischen Regenwald der Welt und für viele der Inbegriff unberührter Natur. Aber das Leben der Menschen in diesem scheinbaren Paradies ist von Klimawandel, Abholzung und Perspektivlosigkeit bedroht. Der Staat kümmert sich kaum um die entlegenen Regionen. Searles dokumentiert, wie sich die Lebensbedingungen in den Awajún-Gemeinschaften vor allem für die Frauen verändert haben.

„Als ich das erste Mal in den Regenwald fuhr, war mir nicht klar, wie eng die Menschen dort mit der Natur verbunden sind“, erinnert sich Searles, die seit vielen Jahren in der Elf-Millionen-Stadt Lima lebt. In den Dörfern bäten die Menschen den Wald und den Fluss um Erlaubnis, bevor sie darin jagten. Eine junge Frau, die sie einmal bei ihren Recherchen kennenlernte, erzählte, wenn sie eine Yucca-Wurzel aus der Erde ihres Feldes ziehe, dann fühle sich das an, als ob sie der Erde das Herz aus ihren Eingeweiden reiße. „Das können wir, die in den Städten sehr entfremdet von der Natur leben, uns gar nicht vorstellen“, sagt Searles. „Wir haben uns den Wald, das Meer und sämtliche Lebewesen längst untertan gemacht.“

Awajun-Frau im peruanischen Regenwald.

Die junge Frau, die sie damals fotografierte, gehört zur ethnischen Gruppe der Awajún. Es gibt über 50 verschiedene ethnische Gruppen in Peru, darunter die Awajún, Shipibo, Ashaninka. Sie haben ihre jeweils eigenen Sprachen und Gebräuche. Was sie jedoch verbindet, ist die dramatische Veränderung der Rolle der Frauen im Regenwald. Seit etwa 20 Jahren löst der Klimawandel, die massive Abholzung und die Ausbreitung des illegalen Bergbaus einen heftigen Umbruch in der Region aus. Die Ernten fallen geringer aus. Die Männer gehen nicht mehr jagen, weil der Wald an weiten Stellen verwüstet ist. Sie suchen sich Jobs im Bergbau oder gehen fort in die großen Städte, um dort zu arbeiten. Die Frauen bleiben zu Hause und kümmern sich um die Familie, wie sie das auch schon früher getan haben. Aber die Arbeit auf dem Feld bringt ihnen heute kein Auskommen mehr.

Politik wird für die Hauptstadt gemacht

Seit Leslie Searles zum ersten Mal im Auftrag einer französischen Nichtregierungsorganisation in den Regenwald reiste, lassen die Frauen im Regenwald sie nicht mehr los. „Mich beeindruckt die Kraft der Frauen dort,“ sagt sie, „und wie sehr sie mit ihrer Kultur und Familie verbunden sind – ihr Wissen über die Natur ist gewaltig.“ Umso schockierender sei es zu sehen, wie sehr die Veränderungen im Lebensraum der Frauen die Rolle beeinflussen, die sie in ihrem sozialen Gefüge einnehmen. Ebenso erschütternd sei die Tatsache, wie sehr der Staat die Menschen in diesen entlegenen Regionen vernachlässige. „Politik wird aus der Hauptstadt für die Hauptstadt gemacht“, klagt Searles. Was in den Bergen und im Regenwald geschehe, liege außerhalb des Blickfeldes der Regierung. „Dabei bräuchte es genau dort politische Aktionen, schließlich leben zwei Drittel der Bevölkerung Perus in den Provinzen und nicht in Lima.“ Durch die Zusammenarbeit mit dem Journalistennetzwerk „Ojo Público“, das schwerpunktmäßig zu Menschenrechten und Umweltthemen arbeitet, will sie die Menschen in diesen vergessenen Regionen stärker in den Blick rücken.

Im Gespräch mit den Frauen erfuhr Leslie Searles, dass es häufig Selbstmorde in den Awajún- Dörfern gibt. Es sei lange Tradition, dass sich zum Beispiel ältere Frauen in den Wald zurückzögen und nicht mehr wiederkämen, sagte man ihr. Manche Frauen hätten sich an ihren eigenen Haaren im Wald erhängt. Eine Studie von Unicef aus dem Jahr 2012 erklärt, dass es dort schon früher häufig Selbstmorde gegeben habe. Meist waren diese eine Reaktion auf anhaltende Konflikte in der Gemeinschaft. Aber in den vergangenen Jahren haben die Suizide extrem zugenommen. Heute gibt es regelrechte Selbstmordreihen von Jugendlichen und jungen Frauen – Verzweiflungstaten, weil sie keine Zukunft mehr für sich sehen. Bei einem weiteren Besuch machte Searles Aufnahmen von Frauen, die tief verbunden scheinen mit der Natur und gleichzeitig völlig orientierungslos. „Inferno“ nannte Searles die Reihe der Bilder später, zu Deutsch Hölle. Eine Anspielung auf die schwierige Lebenssituation der Frauen im Regenwald heute, aber auch der Name eines Dorfes, das sie besuchte.

Die Fotografin sympathisiert mit den Menschen und Bedürfnissen, die sie fotografiert. Sie sieht sich als Beobachtende und Fragende. Aber nicht immer findet sie so Zugang zu den Menschen, wie sie sich das wünscht. „Manchmal verunsichert mich das. Ich habe ja nur eine grobe Ahnung von den Realitäten der Menschen, denen ich begegne“, gibt sie offen zu. Wie könne sie da die Kamera auf die anderen richten und ein Bild vermitteln, das vielleicht gar nicht dem entspräche, was die Menschen bewegt? Dass sie nur Spanisch spreche und keine der vielen originären Sprachen in Peru, Quechua, Aymara oder Shipibo, macht die Sache nicht einfacher. „Ohne Übersetzer bist du aufgeschmissen“, sagt Searles. Es brauche viel Geduld und den richtigen Zugang, um das Vertrauen der Menschen, gewinnen zu können.

Frau im Regenwald.

„Frau zu sein hat mir dabei oft geholfen“, bemerkt Searles. „Unter Frauen gibt es eine Ebene, auf der du dich sofort verbindest. Du fühlst dich verstanden, wiedergespiegelt.“ Sie glaube, dass das auch die Frauen vor Ort spürten, denn die machistische Kultur Perus sei auch im Regenwald sehr präsent. „Die Frauen haben kaum etwas zu sagen. Bei offiziellen Treffen sind immer nur die Stammesältesten anwesend. Als Frau im Regenwald bist du also doppelt marginalisiert: unsichtbar als Indigene und unsichtbar als Frau.“

Frauen in der Fotografie stärken

Searles sagt, sie selbst habe als Frau in ihrem Beruf keine Hindernisse erlebt. In anderen Bereichen und im alltäglichen Leben sei die Diskriminierung allerdings heftig. „Aber da tut sich etwas, es hat für berufstätige Frauen in den letzten Jahren einige Veränderungen gegeben.“ Die Frauen vernetzen sich mehr miteinander und solidarisieren sich untereinander, beispielsweise ist die Initiative „Women Photograph“ entstanden (www.womenphotograph.com), die die Arbeit von Fotografinnen fördert und ihre Projekte mit Stipendien unterstützt.

Ihre eigene größte Herausforderung sei der Umgang mit digitalen Medien, sagt Leslie Searles. Sie sehe die enormen Vorteile, die die digitale Welt mit sich bringe. „Andererseits beunruhigt mich dieses Thema der ständigen Vernetzung und Erreichbarkeit“, bemerkt sie und runzelt die Stirn. „Es beeinflusst meine Arbeit, ob ich Bilder auf Instagram hochlade und wie viele Follower ich dort habe. Aber ich will das gar nicht.“ Dennoch liebt die Fotografin ihre Arbeit: „Wenn du verstehen willst, musst du den Menschen wirklich zuhören und dich wirklich dafür interessieren, was sie bewegt.“

Eva Tempelmann
Von Eva Tempelmann , Lima

Eva Tempelmann (36) lebt seit 2014 in Lima, Peru. In ihren Reportagen, Interviews und Analysen berichtet sie über Umweltkonflikte in Peru, soziale Bewegungen und gesellschaftliche Themen. Sie ist Co-Autorin des  Stefan Loose Reiseführers Peru & Westbolivien (Auflage 2018). Mehr unter: http://www.evatempelmann.com.

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